Ein Demonstrant mit der ägyptischen Nationalflagge bei einer Demonstration in Kairo am 11. März 2011.
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2.11.2011 | Von:
Dr. Walter Posch

Die Auswirkungen des Arabischen Frühlings auf die regionale Rolle Teherans

Die arabischen Umbrüche haben den Einfluss Teherans in der Region verändert. Kämpften früher vor allem Iran und Saudi-Arabien um regionalpolitische Hegemonie, tritt nun in zunehmenden Maße die Türkei in Erscheinung. Welche Rolle kann Teheran künftig spielen?

Mahmoud Ahmadinedschad und Bashar al-Assad im Oktober 2010.Mahmoud Ahmadinedschad und Bashar al-Assad im Oktober 2010. (© AP)

Die offiziellen iranischen Reaktionen auf den Ausbruch des Arabischen Frühlings, der Teheran genauso überraschte wie den Westen, waren durchwegs positiv. Nach Teheraner Lesart bestätigen die Proteste und Aufstände in der arabischen Welt die eigene islamische Revolution von 1979, die als Erweckungsmoment für alle islamisch inspirierten Bewegungen der Welt aufgefasst wird. Allerdings: Im Gegensatz zur iranischen Revolution von 1979 spielten bei den Protesten des Jahres 2011 Antiimperialismus und der Kampf gegen Israel keine Rolle. Die Kooperation mit dem Westen wurde sowohl in Ägypten als auch in Tunesien nach dem Umbruch weiter fortgeführt. Dieser Sachverhalt wurde in Teheran mit Sorge zur Kenntnis genommen, wie die zahlreichen iranischen Warnungen belegen, die Revolutionen in diesen beiden Ländern könnten vom Westen manipuliert und verwässert werden.

Auch die Vertreter der oppositionellen iranischen, sogenannten Grünen Bewegung wollten die Proteste in den arabischen Staaten zur Untermauerung ihrer Sichtweise beanspruchen. Sie verglichen diese mit den Protesten des Jahres 2009 im Iran. Aber auch dieser Vergleich greift nicht ganz. Denn anders als in Tunesien und in Ägypten wandten sich die iranischen Protestierenden gegen einen umfassenden Macht- bzw. Regimewechsel; sie stellten die Rolle des Revolutionsführers nicht in Frage.


Die innenpolitischen Entwicklungen im Iran sind vom Arabischen Frühling nicht direkt betroffen. Anders sieht es jedoch mit der Stellung Irans in der Region vom Persischen Golf bis zur Levante (also den arabischen Staaten an der östlichen Mittelmeerküste) aus. Hier sind zum Teil bedeutende Veränderungen zu erwarten.

Verschiebung der regionalen Machtbalance

IranIran (© Kämmer-Kartographie, Berlin 2012)
Ein dreiviertel Jahr nach Beginn der Umbrüche in den arabischen Staaten zeichnet sich ab, dass diese die strategischen Gewichte zuungunsten Irans verschoben haben. Das gilt nicht für die Position Irans im Irak und in Afghanistan. Denn dort dürfte der Einfluss der Islamischen Republik Iran dank der Öffnung beider Länder durch die US-geführten Interventionen langfristig, das heißt mindestens für die kommende Generation, gewährleistet sein. Doch in allen übrigen Arenen musste die Islamische Republik zum Teil gravierende Rückschläge hinnehmen. Teheran kann bestenfalls darauf hoffen, dass in Libyen, Tunesien, Jemen und Ägypten anti-westliche und pro-islamische Kräfte die Macht übernehmen und ihre Beziehungen zu Iran normalisieren.

Die größten Hoffnungen setzen die Iraner dabei auf Ägypten, das aus Teheraner Sicht seit Jahrzehnten reif für eine islamische Revolution ist. Das behutsame Auftauen der diplomatischen Eiszeit zwischen Kairo und Teheran nach Ende der Mubarak-Ära wird als Vorbote einer möglichen strategischen Allianz gesehen. Daher stilisiert Teheran jeden Schritt, den Kairo in Richtung Normalisierung tut – wie zum Beispiel die Erlaubnis für iranische Kriegsschiffe, im Februar 2011 den Suezkanal zu passieren –, gleich zu einem großen strategischen Triumph hoch. Dabei wird Ägypten zwar auch in Zukunft Iran mit kleinen Gesten entgegenkommen, aber eben nur insoweit es seinen eigenen Interessen dient. Darüber hinaus dürfte eine aktivere Rolle Ägyptens in der Palästinafrage, wie sie sich zumindest unter dem ersten Nach-Mubarak-Außenminister abzuzeichnen schien, zwangsläufig zum Bedeutungsverlust Teherans beitragen. Dieser würde noch weiter verstärkt, sollte es Ägypten gelingen, sich als arabische – und vielleicht auch als islamische – Macht mit Führungsanspruch auf der politische Bühne zu etablieren.

Besonders deutlich tritt die Verschiebung der Machtbalance im Verhältnis zu Saudi-Arabien zum Vorschein. So liegt die Initiative im Konflikt zwischen den "revolutionären" Iranern und den "reaktionären" Saudis nun eindeutig auf Seiten letzterer. Denn mit der auf saudischen Druck hin erfolgten Intervention des Golfkooperationsrats in Bahrain konnte Riad seinen Vormachtanspruch in der Golfregion gegenüber Teheran stärken. Diese Intervention ist der vorläufige Höhepunkt eines diplomatischen und politischen Maßnahmenbündels der Saudis, das die Verringerung iranischen Prestiges und die Eindämmung des Einflusses der Islamischen Republik zum Ziel hatte. So nahmen die Saudis, als Verbündete Teherans die Wahlen im Irak (2005) und in den palästinensischen Gebieten (2006) gewannen, die vom jordanischen König Abdullah bereits 2004 ausgesprochene Warnung vor der Entstehung eines anti-westlichen "schiitischen Halbmondes" auf. Dieser Kampfbegriff sollte die vom Iran dominierte Ablehnungsfront, die über den Irak bis ans Mittelmeer reicht und dort Syrien, die libanesische Hisbollah und die palästinensische Hamas umfasst, bezeichnen und durch die konfessionalistische Interpretation diskreditieren. Teherans Prestigegewinn wurde also negativ besetzt.

Im März 2011 wurde dann durch die von Saudi-Arabien angeführte Intervention verhindert, was als Ausweitung iranisch-schiitischen Einflusses auf Bahrain interpretiert wurde. Die Situation in Syrien wirkt sich gleich in mehrerer Hinsicht negativ für Teheran aus. Das säkulare Baath-Regime in Syrien ist der wichtigste strategische Verbündete Irans. Seine Rolle in der Ablehnungsfront gegen Israel ist für Teheran auch ideologisch von Bedeutung. Ein zum Teil islamistisch inspirierter Aufstand gegen das Regime steht im offenen Widerspruch zur Teheraner Weltsicht, wonach antiisraelische Regime in der Region den Rückhalt der Bevölkerung genießen. Daraus erklärt sich die widersprüchliche Vorgehensweise der Iraner. So wurde die öffentliche Unterstützungserklärung für das Baath-Regime von Revolutionsführer Ali Khamenei fast zeitgleich vom iranischen Außenminister und vom Präsidenten relativiert.

Teheran sandte also konträre Signale aus, die das Regime in Damaskus irritierten, die syrische Opposition nicht überzeugten und in der syrischen Bevölkerung auf Desinteresse stießen. Mit seiner ursprünglich einseitigen Pro-Regime-Haltung nahm Teheran außerdem seinen wichtigsten regionalen Verbündeten, die libanesische Hisbollah, in die Pflicht und engte deren politischen Handlungsspielraum ein. Das Resultat ist eine Politik in der Teheran allen Treueschwüren zum Trotz nun doch vorsichtig und schrittweise auf Distanz geht, gleichzeitig jedoch auf Reformen drängt und die logistische und finanzielle Unterstützung für Damaskus aufrecht erhält.

Im Gegensatz dazu gewann die Türkei mit ihrer nachvollziehbaren und prinzipienfesten Position, energisch auf die Einhaltung der Menschenrechte und auf Reformen in Syrien zu drängen, nicht nur bei der syrischen Opposition, sondern auch international an Prestige – auch wenn sie letztlich nicht in der Lage war, die syrische Führung zum Einlenken zu bewegen. Dennoch ist zu erwarten, dass Ankaras regionale Position gestärkt wird. Denn sollte das Asad-Regime stürzen, würde die Position der Türkei im regionalpolitischen Konkurrenzkampf mit Iran weiter gestärkt. Sollte das Regime überleben, so stünde Teheran doch nur auf Seiten einer isolierten und geschwächten Autokratie.

Iranischer Führungsanspruch

Die Islamische Republik Iran steht mit ihrem regionalen Führungsanspruch in einem Konkurrenzverhältnis zu Saudi-Arabien – und in zunehmendem Maße zur Türkei. Der saudisch-iranische Gegensatz war jahrzehntelang der Hauptkonflikt, der die Golfregion zum Zentrum hatte und nach Afghanistan, in den Libanon und ab 2003 auch in den Irak hin ausstrahlte. Im Kern geht es dabei um zwei Fragen: erstens um den Führungsanspruch in der islamischen Welt und zweitens um das Abstecken der jeweiligen politischen Einflusszonen.

Die Strategie der Islamischen Republik Iran, mit diesem Konkurrenzverhältnis umzugehen, beruht auf einer ideologisch geprägten Überzeugung oder Vision, nach der die prowestlichen Regime der Region entweder durch Wahlen oder durch Volksaufstände fallen werden. Neue islamisch geprägte Regime, die dem Volk und nicht dem Westen und Israel verpflichtet sind, würden dann die Macht ergreifen. Dadurch würden sich die geostrategischen Gewichte zugunsten Teherans verschieben, der Druck auf Israel erhöhte sich und für die USA würde es schwieriger, ihre Präsenz in der Region zu rechtfertigen. Am Ende dieses Prozesses stünden der Abzug der USA und anderer fremder Mächte aus der Region sowie eine "südafrikanische Lösung" für den israelisch-palästinensischen Konflikt, in der die autochthone arabische Bevölkerung in Mandatspalästina den ihr zustehenden Anteil an der Macht bekäme. Dies würde zwangsläufig zum Ende der jüdischen Vorherrschaft in diesem Gebiet und damit zum Ende Israels führen. Gleichzeitig würde eine friedliche islamische Süd-Süd-Integration gefördert, in der Iran aufgrund seiner Bedeutung eine führende Rolle spielen würde.

Quasi in Vorwegnahme dieser strahlenden Zukunft stellt Iran den Führungsanspruch in der Region. So strebt Iran im Persischen Golf eine klassische nationalistisch geprägte Hegemonie an. Darüber hinaus versucht die Islamische Republik über ihre Unterstützung für die Sache der Palästinenser Anerkennung als Führungsmacht unter den Arabern zu erlangen und den strategischen Druck auf Israel aufrecht zu erhalten bzw. zu erhöhen. Dem gleichen Ziel dient die Kooperation mit der Hisbollah und Syrien. In seiner unmittelbaren Nachbarschaft (Irak, Irakisch-Kurdistan und Afghanistan) ist Iran bemüht zu verhindern, dass von dort gegen Teheraner Interessen vorgegangen wird. Das iranische Nuklearprogramm sowie die technologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Islamischen Republik gemäß einer "20-Jahres-Strategie" dienen hauptsächlich dazu, diesen Führungsanspruch zu untermauern.

Damit aber betreibt Iran eine traditionelle Hegemonialpolitik, die im Widerspruch dazu steht, als Modell für die arabische Welt dienen zu wollen. Und in der Tat: Nicht einmal die Aufständischen in Bahrain beriefen sich auf den Iran als Vorbild. Insgesamt hat nach den Protesten gegen die Wahl Ahmadinedschads im Jahr 2009 die Zustimmung für das iranische Regime unter jugendlichen Arabern dramatisch abgenommen. Wenn junge Araber überhaupt nach einem politischen Vorbild suchen, dann wenden sie sich am ehesten in Richtung Türkei, nicht nach Teheran.

Ausblick

Generell ist also davon auszugehen, dass durch den Arabischen Frühling der Handlungsspielraum der Islamischen Republik eingeschränkt wird. Mittelfristig werden die iranischen Entscheidungsträger die Verschlechterung ihrer regionalen Position hinnehmen, obschon sie die neue Realität der eigenen Öffentlichkeit gegenüber herunterspielen, wie anlässlich der Bahrain-Intervention deutlich wurde. Gleichzeitig ist vor diesem Hintergrund eine Verhärtung der iranischen Position zu erwarten, etwa im Atomstreit oder im Irak. Die Absicht Teherans dürfte es vermutlich sein, auf Zeit zu spielen, um politische Fehler seiner Gegner ausnutzen zu können.

Teheran dürfte jedoch nur solange Zurückhaltung üben, wie es die Position der libanesischen Hisbollah und damit seine eigene Position in der Levante als gesichert beurteilt. Hierin liegt das größte Gefahrenpotential: Sollte Syrien mit der libanesischen Hisbollah brechen und Teheran von seinen Gegnern als schwach beurteilt werden, wird der internationale Druck auf die Hisbollah und ihre iranischen Unterstützer zunehmen. Realistischer Weise dürfte die Auseinandersetzung mit der Islamischen Republik unter der Schwelle eines Krieges ausgetragen werden. Zu erwarten ist eher eine Kombination aus einer amerikanischen Isolierung Teherans, einer größeren regionalpolitischen Rolle der Türkei, einer Verhärtung der saudischen Position und israelischen Drucks auf die Hisbollah.

Teheran blickt dem mit einer gewissen Gelassenheit entgegen und versucht, sich diesem Druck entgegen zu stellen, indem es seine Kontakte zu sunnitischen Vertretern des politischen Islam in der ganzen Region intensiviert. Dieser Schritt ist in zweierlei Hinsicht nachvollziehbar: zum einen, weil den Iranern keine politischen Alternativen offen stehen; zum anderen jedoch aufgrund der iranischen Gewissheit, dass der politische Islam sich in der gesamten Region doch noch durchsetzen wird. Die starke Konkurrenz von saudischer und türkischer Seite wird dabei in Kauf genommen. Die Europäer und die USA hingegen verschließen sich einem entsprechenden Dialog mit wichtigen islamistischen Organisationen nach wie vor und werden deshalb, so hofft man in Teheran, auf mittlere bis längere Sicht an Einfluss verlieren.
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