Ein Demonstrant mit der ägyptischen Nationalflagge bei einer Demonstration in Kairo am 11. März 2011.
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Die Rolle der neuen Medien im Arabischen Frühling


3.11.2011
Blogs und Foren befeuerten die Umbrüche in der arabischen Welt, die neuen Medien wurden zum Mittel der Selbstermächtigung. Dennoch: Die Revolution hat auf der Straße stattgefunden.

Rapper der "Revolution Beat"-Gruppe in Libyen, 19. April 2011.Rapper der "Revolution Beat"-Gruppe in Libyen, 19. April 2011. (© AP)

"Die Revolution hat auf der Straße stattgefunden, nicht im virtuellen Raum. Sie hat 800 Menschen das Leben gekostet", sagt der junge Blogger Abdallah aus Kairo. Der Ausdruck "Facebook-Revolution" macht ihn fast wütend. Denn der Arabische Frühling hatte ganz reale politische und sozio-ökonomische Hintergründe, die zur Verzweiflung einer ganzen Generation führten. "Tahrir 2011" in Ägypten und die "Jasminrevolution" in Tunesien waren zudem nur möglich, weil die ägyptische und die tunesische Armee sich gegen die Despoten wandten. Dennoch haben die neuen Medien bei den Umbrüchen eine entscheidende, wenn auch von Land zu Land unterschiedliche, Rolle gespielt. Facebook war anfänglich das wichtigste Medium zur Mobilisierung der Bevölkerung. Über Twitter und YouTube sendeten junge Araberinnen und Araber Informationen über Massenproteste um die Welt. Vor allem die symbiotische Vernetzung traditionellerer und neuer Medien war für die Umbrüche entscheidend. Das Zusammenspiel von TV, Internet und Mobiltelefonen veränderte die politische Kommunikation grundlegend und machte somit die Umstürze erst möglich.

Der "Revolutionssender" al-Jazeera und das Handy



Während das ägyptische Staatsfernsehen in einer fast surrealen Propagandainszenierung inmitten des Volksaufstandes Bilder eines angeblich leeren Tahrir-Platzes sendete, zeigte al-Jazeera die tatsächlichen Ereignisse. Der Sender aus Katar strahlte Bilder und Informationen aus, die ihn über Twitter und Facebook erreichten. Al-Jazeera bot darüber hinaus eine Vielzahl anderer Vernetzungsmöglichkeiten und Kanäle, auf denen ununterbrochen live Bericht erstattet wurde, wie Podcasts und RSS-Feeds, mit der Funktion eines Online-Nachrichtentickers. Al-Jazeeras Rolle in Ägypten als "Revolutions-TV" unterschied sich maßgeblich von der zurückhaltenden Berichterstattung des Senders über die Revolte in Syrien und der fast vollständigen Ausblendung der Proteste und ihrer Unterdrückung in Katars Nachbarstaat Bahrain.

Im Übrigen waren in Ägypten Mobiltelefone ebenso wichtig wie al-Jazeera und die neuen Medien. Während vor dem Umbruch nur knapp ein Viertel der Bevölkerung über einen Internetzugang verfügte, besaßen mehr als zwei Drittel aller Ägypter ein Handy. So wurden auch Informationen über die Proteste per Telefon oder per Sammel-SMS verteilt. Darüber hinaus haben Smartphones, insbesondere durch ihre Kamerafunktion und die Möglichkeit zu twittern, dabei geholfen, Informationen und Bilder zeitnah und weit zu verbreiten und dadurch Massen zu mobilisieren. Dies war für die Protestbewegung entscheidend – vor allem auch in kleineren Städten und auf dem Land.

Tunesien "Error 404 – page not found"



Die Internetzensur war in Tunesien, wie auch in anderen Staaten der Region, etwa in Syrien, vor den Umbrüchen wesentlich strikter als in Ägypten. Die Webseiten von al-Jazeera, Amnesty International, Wikileaks, YouTube, Daily Motion sowie zahlreiche Facebook-Seiten wurden staatlicherseits blockiert. Die Fehlermeldung "Error 404 – page not found" erschien so häufig, dass Tunesier ihren unsichtbaren Zensoren den Spitznamen "Ammar 404" gaben und zu einer virtuellen Person machten. Ammar ist ein beliebter tunesischer Vorname. Die ersten politischen Webseiten und insbesondere Blogs, wie "Nawaat" (auf deutsch: Kern), der 2004 gegründet wurde, kritisierten diese strikte Zensur und den Mangel an Presse- und Redefreiheit. Die Blogger scheuten sich aber lange davor, das tunesische Regime und vor allem den damaligen Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali offen zu kritisieren.

Dies änderte sich erst im Dezember 2010 mit der Selbstverbrennung des jungen Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi in der zentraltunesischen Kleinstadt Sidi Bouazid. Ab diesem Zeitpunkt berichteten Blogger über die Massenproteste und gaben technische Hinweise zur Umgehung der Internetkontrolle. Tunesische Internetaktivisten stellten unter dem Titel TuniLeaks die von WikiLeaks veröffentlichten US-Depeschen über die Korruptheit des Regimes Ben Ali ins Netz. Die WikiLeaks-Depeschen lösten die "Jasminrevolution" mit aus, da sie das von vielen vermutete Ausmaß der Plünderung des Landes durch den Ben Ali-Clan nun auch "objektiv" bestätigten.

Die Zahl der Internetaktivisten, Blogs und Foren, die am Sturz des Ben Ali-Regimes beteiligt waren, ist groß. Zusammen mit der internationalen Hacker-Bewegung "Anonymous" führten tunesische Aktivisten eine Art Cyber-Krieg: Sie hackten die Webseiten der Regierung und legten sie mit geballten Überlastungsattacken lahm. Es gelang ihnen auch, die Spionage- und Zensurprogramme der Regierung zu deaktivieren. Dabei wurden in einer Art Lauffeuer völlig unterschiedliche Strömungen spontan politisch im Netz aktiv. Das Engagement reichte von Frauenrechtlerinnen über Rap-Künstler bis zu einer tunesischen Variante der Piratenpartei. Der Rap "Präsident der Republik" eines Sängers mit dem Pseudonym El Général wurde zur Hymne des tunesischen Aufstandes und mobilisierte die Jugend.

Ägypten: "Wir sind alle Khaled Said"



Die Erfahrungen der tunesischen Cyber-Aktivisten waren für die Umbrüche in Ägypten von großer Bedeutung, der Sturz Ben Alis wirkte wie ein Zündfunken. Trotzdem unterscheidet sich der ägyptische Internetaktivismus deutlich vom tunesischen. Die Mobilisierung durch das Internet ließ sich in Ägypten von langer Hand vorbereiten, da das autoritäre Regime von Hosni Mubarak mehr Freiraum ließ als das Ben Alis. Insbesondere hatte sich in Ägypten in den letzten Jahren, auch über das Internet hinaus, eine regimeunabhängige Medienlandschaft herausgebildet.

Eines der Schlüsselereignisse für eine breitere Mobilisierung der Massen war der Mord an dem Blogger Khalid Said. Im Juni 2010 prügelte ihn die ägyptische Polizei zu Tode, nachdem sie ihn vor einem Internetcafé verhaftet hatte. Im Web verbreitete Fotos des entstellten Leichnams lösten eine Welle des Entsetzens aus und führten schließlich zur Gründung der Facebook-Seite "Wir sind alle Khalid Said". Der Verwalter der Seite, die zu einer der treibenden Kräfte des Umsturzes wurde, war der Google-Marketingchef für die Nahost-Region Wael Ghonim. Der 30-jährige wurde im Januar 2011 tagelang verhaftet und misshandelt. Er ist heute eine der Ikonen der "Revolution".

Ebenfalls federführend bei der Mobilisierung war die Facebook-Gruppe "Jugend des 6. April". Sie wurde 2008 von Aktivisten gegründet, unter ihnen auch ehemalige Mitglieder der Demokratiebewegung "Kifaya" (auf deutsch: genug). Der Name "6. April" erinnert an einen Streik von Textilarbeitern im Jahr 2008, der blutig niedergeschlagen wurde. Die Facebook-Gruppe sammelte Tausende von Mitgliedern und suchte Rat bei "Otpor", einer serbischen Jugendbewegung, die 2000 maßgeblich am Sturz des Diktators Slobodan Milosevic beteiligt gewesen war, sowie bei der "Akademie des Wandels", einem Think Tank zur Demokratieförderung in Katar. Gemeinsam entwickelten sie Strategien zum gewaltfreien Widerstand und zur Mobilisierung über die neuen Medien.

Im Januar 2011 schlossen sich Mitglieder von "Wir sind alle Khalid Said", von der "Jugend des 6. April" und der "Kifaya"-Bewegung mit sieben weiteren Oppositionsgruppen in der "Koalition der Jugend für die ägyptische Revolte" zusammen und riefen zu einer Großkundgebung für den 25. Januar 2011 auf. Das Datum war insofern geschickt gewählt, als dass der Tag Nationalfeiertag zu Ehren der ägyptischen Polizei ist und damit weniger Polizisten als üblich im Einsatz waren. Vorab wurden über Facebook Tipps für die Ausrüstung zum Schutz vor der erwarteten Polizeigewalt gegeben: von der Anfertigung von Westen gegen Gummigeschosse bis hin zur Verwendung von Zwiebeln und Coca Cola gegen Tränengas. Als es am ersten Protesttag zu massiven Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften kam begann das bis dahin einmalige Zusammenspiel der Medien. Mit Handys wurden die Ereignisse gefilmt, über YouTube weltweit verbreitet und über al-Jazeera wieder in die ägyptischen Haushalte zurückgesendet. Twitterfeeds lieferten selbst aus Provinzstädten Informationen.

Auf der Höhe der Demonstrationen am 27. Januar schaltete die ägyptische Regierung das Internet komplett ab. Auch al-Jazeeras Sendefrequenz auf dem ägyptischen Satelliten "Nilesat" wurde gesperrt. Trotzdem nützte die Kommunikationsblockade wenig. Google etwa stellte den Demonstranten eine Nummer zur Verfügung, über die Videos und Texte weiterhin ins World Wide Web eingestellt werden konnten. Al-Jazeera wechselte einfach den Satelliten. Die Unterbrechung des Netzes führte auch nicht zu einer Verringerung der Demonstrationen. Im Gegenteil: Ägypterinnen und Ägypter, die die Ereignisse vom Computer aus verfolgten, gingen, nachdem sie hier keine Informationen erhielten, selbst auf die Straße, um sich zu informieren und zu demonstrieren. Außerdem ließ sich durch die Lahmlegung des Netzes und des Mobilfunks auch der Informationsfluss ins Ausland nicht verhindern. Denn Videos und Twitterfeeds wurden per Satellitentelefon oder Festnetz auf Server in anderen Ländern übertragen.

Medien als Instrumente der Selbstermächtigung?



Noch dauern die Umbrüche in der Region an, und es ist daher zu früh für ein abschließendes Fazit über die Rolle der Medien. Trotzdem lassen sich einige vorläufige Schlüsse ziehen. "Als ich zum ersten Mal meine Meinung frei im Internet äußern durfte, fühlte ich mich wie ein anderer Mensch. Ein ganz neues Gefühl, etwas bewirken zu können, kam auf – vor allem als ich gemerkt habe, dass ich nicht der einzige bin, der so denkt." Diese Aussage eines jungen Bloggers verweist auf eine der wichtigsten Schlussfolgerungen. Das Phänomen, das der junge Ägypter hier beschreibt, ist das der Selbstermächtigung. Menschen, die bisher nur passiv erlebten, wie über sie bestimmt wurde, wurden allmählich zu Akteuren, und zwar über das Bewusstsein, sich äußern zu können und nicht alleine zu sein. Damit halfen die neuen, nur schwer zu zensierenden Medien, jungen Araberinnen und Arabern, sich selbst als aktiv wahrzunehmen, als diejenigen, die Prozesse in Gang setzen und gestalten.

In der Tat können die neuen Medien eine Art dialektischen Prozess der Selbstermächtigung und Ermächtigung fördern. Menschen, die sich im virtuellen Raum zusammenfinden und ihre Ansichten teilen, werden zu einer sozialen Gruppe. Finden sie sich gemeinsam auf der Straße zu Protesten zusammen, wird dieser Prozess der Selbstermächtigung und der Identitätsbildung durch andere Faktoren wie Kollektiverlebnisse weiter verstärkt. Das Zusammenspiel verschiedener Medien und vor allem die Wechselwirkung zwischen virtuellem und realem Raum können dann zur tatsächlichen Ermächtigung und zu realem Wandel führen. Personen, die ehemals nur Konsumenten von Medien waren, werden, indem sie selbst Videos oder Handy-Filme drehen und Nachrichten verbreiten, zu Produzenten. Diese sogenannten "Prosumenten", also Menschen, die sowohl Produzenten als auch Konsumenten sind, machen durch ihre schiere Anzahl und eine extrem schnelle Kommunikation eine völlige Kontrolle durch den Staat unmöglich. Durch die Umgehung der Kontroll- und Zensurmechanismen werden die Medien zu Instrumenten, die staatliche Gewalt und Missbrauch denunzieren. Auch hierbei ist die Symbiose klassischer und neuer Medien entscheidend.

Trotzdem ist das Argument, dass neue Medien auch zu mehr staatlicher Kontrolle eingesetzt werden können, durch den Arabischen Frühling nicht widerlegt. Syrien etwa ist ein Beispiel dafür, wie Diktaturen sich schnell an die Entwicklung der Medien anpassen konnten. Am 8. Februar 2011 hob Damaskus nach mehr als drei Jahren die Sperrung von Facebook sowie von YouTube auf. Seither hat das Regime von Bashar al-Assad diese neuen Medien selbst für Desinformations-Kampagnen sowie zur Identifizierung von Oppositionellen genutzt.

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