Ein Demonstrant mit der ägyptischen Nationalflagge bei einer Demonstration in Kairo am 11. März 2011.

Der Arabische Frühling – das Ende al-Qaidas?


7.11.2011
Massenproteste stürzten die Herrscher Tunesiens und Ägyptens, nicht Terror und Gewalt. Al-Qaida scheint damit ideologisch widerlegt, der Dschihadismus generell geschwächt. Asiem El Difraoui mit einer Einschätzung.

Am 8. Mai 2011 demonstrieren in Marrakesch Menschen gegen Terrorismus. Kurz zuvor gab es einen Bombenanschlag auf ein Touristen-Café, bei dem 14 Menschen getötet und mehr als 20 zum Teil schwer verletzt worden waren.Am 8. Mai 2011 demonstrieren in Marrakesch Menschen gegen Terrorismus. Kurz zuvor gab es einen Bombenanschlag auf ein Touristen-Café, bei dem 14 Menschen getötet und mehr als 20 zum Teil schwer verletzt worden waren. (© AP)
Lange wirkte al-Qaida ratlos, wie sie auf die Umbrüche in der arabischen Welt reagieren sollte. Zunächst schwiegen die sonst so aktiven Propagandisten der Organisation zu den historischen Entwicklungen. Ihre Ideologie schien widerlegt: die Diktatoren Ägyptens und Tunesiens wurden nicht durch terroristische Aktivitäten und Selbstmordattentate gestürzt, sondern durch Massenproteste. Nicht al-Qaida mobilisierte die Massen, sondern eine eher weltlich orientierte Jugend. Die Liquidierung von Osama Bin Laden durch ein US-Kommando im Mai 2011 und die anschließende Tötung hochrangiger al-Qaida-Kader haben die Organisation weiter geschwächt. So wurde im Oktober 2011 der charismatische Herausgeber des englischsprachigen Internet-Magazins "Inspire", einem der Propagandainstrumente al-Qaidas, Anwar al-Awlaki, bei einem Drohnenangriff im Jemen getötet.

Auch sprachen sich ehemalige Jihadisten in Libyen und Ägypten erstmals für eine Teilnahme am politischen Prozess und für freie Wahlen aus, darunter ein frühere Anführer der "Libyschen Islamischen Kampfgruppe" Abdel Hakim Belhadsch, der heute Vorsitzender des Militärrats in Tripolis ist. Abdel Hakim al-Hisadi, ebenfalls Rebellenkommandeur und ehemaliger Jihadist erklärte sogar, das libysche Volk stünde in der Schuld des Westens. Er revidierte somit öffentlich ein Feindbild und den Mythos vom Kampf der Kulturen. Die neue Freiheit bedeute das Ende al-Qaidas – dieser Ansicht ist Osama Rushdi, ein ehemaliger Sprecher der ägyptischen Organisation "Gamaa al-Islamiyya", die unter anderem von den USA und der EU als terroristische Organisation bezeichnet wird.

Der Arabische Frühling – ein Segen für den Jihad?



Al-Qaida versuchte dann auf den Zug der arabischen "Revolutionen" aufzuspringen. In einer ersten Stellungnahme im März 2011 behauptete der heutige al-Qaida-Chef Aiman al-Zawahiri, die Revolutionen seien das direkte Resultat des 11. September 2001. Denn nur wegen der Anschläge seien die USA bereit gewesen, arabische Diktatoren wie Hosni Mubarak fallen zu lassen. Zawahiri forderte seitdem mehrmals die arabische Jugend auf, die Revolutionen bis zur Errichtung eines islamischen Staates fortzusetzen. "Inspire" bezeichnete in seiner im März 2011 erschienenen fünften Ausgabe die Umbrüche als einmalige Chance für den globalen Jihad.

Generell gelten unter islamistischen Strömungen die Vertreter des politischen Islam, wie die Muslimbrüderschaft in Ägypten oder Ennahda in Tunesien, als die großen Gewinner der Umbrüche. Sie können auf jahrzehntealte Organisationen bauen und sind damit für den politischen Prozess und Wahlen bestens gerüstet. Im Vergleich zu ihnen ist der Einfluss jihadistischer Gruppen hingegen marginal.

Sind al-Qaida und der Jihadismus folglich am Ende? Zwar ist Bin Laden tot und al-Qaida organisatorisch geschwächt, aber die Ideologie des Jihad lebt weiter. Diese hat sich über die letzten dreißig Jahre gefestigt – und dürfte auch in den kommenden Jahrzehnten eine Bedrohung bleiben. Lange bevor sich junge Revolutionäre die neuen Medien im arabischen Raum zur Mobilisierung der Massen und zum Sturz der Regime zunutze machten, war das Internet bereits das Hauptpropaganda-Forum der Jihadisten. Hier findet sich ein Korpus von ideologischen Texten und Videos, die Jihad und Terrorismus rechtfertigen. Salafisten und Jihadisten haben eine Art geschlossenes Weltbild geschaffen, welches immer noch weltweit Anhänger findet.

Infobox

Salafismus

Der Salafismus geht auf den Begriff der "frommen Altvorderen" (Salaf) aus der Frühzeit des Islam zurück. Der stark von der saudischen Staatsdoktrin, dem Wahhabismus, geprägte Salafismus sieht den Koran und die Überlieferungen des Propheten Mohammed als einzig wahre Quellen des Islam. Salafisten betrachten häufig andere Muslime als Ungläubige. Letztere werden somit, ebenso wie Christen und Juden, zu legitimen Angriffszielen des Jihad. Damit liefert der Salafismus Denk- und Argumentationsmuster, die auch dem Jihadismus zu eigen sind.

Der Jihadismus ist die extremistischste Auslegung des sunnitischen Islam. Der Begriff Jihad, der im Islam eigentlich viele Bedeutungen hat, beispielsweise eine innere Glaubensanstrengung, wird dabei auf den bewaffneten Kampf als religiöse Pflicht reduziert. Dieser bewaffnete Kampf beinhaltet für Gruppen wie al-Qaida auch den "Märtyrertod" durch Selbstmordattentate.




Auch ergeben sich in arabischen Ländern, in Ländern der Sahelzone und am Horn von Afrika neue Entfaltungsmöglichkeiten für jihadistische und salafistische Gruppierungen. In einem Worst-Case-Szenario könnten ein politisches Vakuum, Instabilität und sozio-ökonomische Krisen den Jihadisten massiven Zulauf verschaffen. So könnten auch neue jihadistische Hochburgen entstehen, eine Nachwuchsgeneration von Terroristen herangezogen und somit die Kapazitäten für neue Anschläge, auch in Europa und den USA, geschaffen werden.

Der Arabische Frühling – der Anfang vom Ende al-Qaidas?



Letztlich haben die Reformprozesse in der arabischen Welt den Jihadismus aber geschwächt. Vor allem die jungen revolutionären Tunesier und Ägypter haben positive Vorbilder geschaffen. Die Jugendlichen haben gezeigt, dass politischer Wandel sich durch überwiegend friedliche Massenmobilisierung und nicht durch jihadistische Gewaltstrategien herbeiführen lässt. Führen die Transformationsprozesse, wie erhofft, zu mehr Mitbestimmung, Rechtsstaatlichkeit und einer nachhaltigen Verbesserung der sozio-ökonomischen Lage, wird jungen Muslimen vermutlich noch bewusster, dass Jihadisten außer Terror und Tod keinerlei gesellschaftliches oder politisches Programm zu bieten haben. Für große Mehrheiten in den arabischen Bevölkerungen bieten sie ohnehin keine attraktiven Alternativen zur demokratischen Regierungsform an.

Laut dem dritten Arab Youth Survey, einer Umfrage, die von Dezember 2010 bis Januar 2011 von einem der größten Meinungsforschungsinstitute der Region in zehn arabischen Ländern durchgeführt wurde, wollen neunzig Prozent der Jugendlichen in stabilen Demokratien leben. Der Hauptwunsch von fast achtzig Prozent ist es, ohne Angst vor Terrorismus leben zu können. Ermutigend ist ebenfalls, dass in Ägypten Salafisten sowie ehemalige Jihadisten dabei sind, Parteien zu gründen. In Libyen sind ehemalige Jihadisten bereits in den Transformationsprozess eingebunden. Durch die Einbindung in die Politik könnten sie zu einem dauerhaften Gewaltverzicht bewogen werden. Damit besteht die einmalige Chance, dass al-Qaida und andere Jihadisten zu einer Fußnote in der Geschichtsschreibung werden.


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 

Dossier

Innerstaatliche Konflikte

Vom Kosovo nach Kolumbien, von Somalia nach Süd-Thailand: Weltweit schwelen über 280 politische Konflikte. Und immer wieder droht die Lage gewaltsam zu eskalieren. Weiter...