Blick auf das Gebäude des brasilianischen Nationalkongress, ein Gebäude des Architekten  Oscar Niemeyer.

Die Arena des brasilianischen Schicksals

Das Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro


29.5.2014
Das Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro ist ein Ort brasilianischer Fußballgeschichte. Nach dem Umbau für die WM erkennt die Bevölkerung es nicht wieder. Früher war das Maracanã für die Fans da, heute steht es nur noch den Fußballkonsumenten offen.

Blick in das Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro.Blick in das Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro. (© picture alliance / abaca )

Als die ersten Journalisten und Fans 2013 das frisch umgebaute Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro besichtigen dürfen, reagieren die meisten geschockt. Sie betreten – so die allgemeine Empfindung – nicht das grandiose und legendäre Rund des Maracanã-Stadions, sondern eine Allerweltsarena wie sie auch in Stuttgart, Kapstadt oder Yokohama stehen könnte. An diesen Orten hat in den vergangenen zwölf Jahren eine Fußballweltmeisterschaft stattgefunden. Und an allen hatte der Weltfußballverband Fifa zuvor Umbauten von Stadien angemahnt, um die Sicherheit und den Komfort zu erhöhen. Deswegen wurden beispielsweise Stehplätze verboten – was zur Folge hatte, dass die durchschnittlichen Eintrittspreise stiegen, weil man für einen Sitzplatz mehr verlangen kann.

In Rio de Janeiro hat der Umbau eine zusätzliche drastische Wirkung: Das Stadion, dessen majestätisches Rund vielen als Inbegriff für Gleichberechtigung galt, weil es hier keine Barrieren gab, man sich frei bewegen konnte und jeder gleich weit weg vom Spielfeld war, ist hierarchisiert worden. Es ist stark geschrumpft, besitzt nun teure Vorzugszonen und VIP-Logen. Dass das Maracanã in eine Arena ohne Geschichte, ohne Charakter verwandelt worden sei, kritisieren daher die Fans, viele Medien und Wissenschaftler. Früher sei das Maracanã für die einfache Bevölkerung da gewesen, sagen sie. Heute sei es für Fußballkonsumenten.

Tatsächlich gab es im Maracanã einst Stehplätze für 50 Centavos und an den Eingängen standen Bettler, die immer genug Münzen zusammenbekamen, um sich den Eintritt leisten zu können. Heute hingegen kosten die billigsten regulären Tickets umgerechnet 26 Euro. Fußball ist Luxus geworden, aus dem Arbeitersport ein Event für Eliten.

Das Stadion als soziale Klammer



Man hört diese Klage häufig im Rio de Janeiro vor der Fußball-WM: Die Stadt werde für die Profitinteressen einiger weniger zugerichtet. Die Bevölkerung werde nicht in Entscheidungen eingebunden, sondern mit intransparenten Beschlüssen konfrontiert, für deren Folgen sie zu zahlen habe. Stellvertretend für diesen autoritären Regierungsstil steht das Maracanã. Es ist ein Symbol, dem die Bedeutung geraubt wurde.

Als das Stadion zur Weltmeisterschaft 1950 eröffnet wurde, lag Europa in Trümmern, und Brasilien fühlte sich als das Land der Zukunft. Das hieß neben technischem Fortschritt auch Demokratie. 10.000 Arbeiter zogen das Maracanã in der Rekordzeit von zwei Jahren hoch: ein perfektes Rund, zu dem jeder Zugang haben sollte. Das Stadion bot 180.000 Menschen auf einem gigantischen Ober- und einem Unterring Platz. Selbst der Standort im Stadtteil Maracanã bedeutete Einbindung. Das Viertel bildet die Schnittstelle zwischen dem reichen, weißen Süden Rios und dem ärmeren, dunkelhäutigen Norden. Ein Stadion als soziale Klammer.

Die Franzosen hatten den Eiffelturm, die Amerikaner die Freiheitsstatue und die Brasilianer hatten jetzt das Maracanã: ein modernes Kolosseum, eine Bühne für das Drama des Fußballs. Brasiliens einflussreicher Sportjournalist, Mário Filho kommentierte: "Mit dem Maracanã ist der schlafende Riese in der Seele des Landes aufgestanden."

Zum absoluten Glück fehlte damals nur noch die WM-Trophäe. Die Brasilianer glaubten, sie schon in den Händen zu halten – und das Maracanã erlebte seine erste Tragödie. Im letzten Spiel des Turniers hätte den Brasilianern ein Unentschieden gegen Uruguay gereicht, um Weltmeister zu werden. 200.000 Menschen drängten sich am 16. Juli 1950, dem Tag des Spiels, ins Stadion, um zu erleben, wie Brasilien auch sportlich seinen Platz unter den großen Nationen einnehmen würde. Doch dann siegte Uruguay 2:1 und beförderte eine ganze Nation in die Depression. Das Gefühl machte sich breit, eine historische Chance verpasst zu haben. Als "die größte Tragödie der brasilianischen Neuzeit" hat der Anthropologe Roberto da Matta die Niederlage bezeichnet, die als "maracanazo" in den Sprachgebrauch einging.

Die Modernisierung zerstört den Mythos



1999 wurde das Stadion dann erstmals umgebaut. Die Klub-Weltmeisterschaft stand an, umgerechnet 62 Millionen Euro kostete die Modernisierung. Fünf Jahre später folgte der nächste Eingriff, diesmal für die Pan-Amerikanischen Spiele. Er kostete umgerechnet 112 Millionen Euro. Als Brasilien dann 2007 als Austragungsort für die Fußball-WM 2014 auserkoren wurde, sollte der Umbau radikal sein. 2010 begann die Demontage, bei der nur das äußere Skelett des Stadions stehen blieb und die charakteristischen Ober- und Unterringe verschwanden. Die Neugestaltung verlangte die Verkleinerung des Spielfelds von 110×75 Metern auf 105×68 Meter. Auch das Betondach trug man ab und ersetzte es durch eine Überspannung aus Fiberglas und Teflon. Statt der Stehplätze konstruierte man 125 VIP-Logen: 50 Quadratmeter groß, klimatisiert, mit Bad und Bar. 78.838 Menschen bietet das Stadion jetzt noch Platz.

Laut Fifa-Regularien benötigen Stadien, die 60.000 Zuschauer fassen, 10.000 Parkplätze. Obwohl die Fans früher problemlos mit der Metro ins Maracanã gelangten, wurde deswegen beschlossen, auch alle auf dem Stadiongelände befindlichen Bauten abzureißen: ein öffentliches Athletik- und ein Schwimmstadion, die Arthur-Friedenreich-Schule, sowie das historische Indianermuseum. Nach heftigen Protesten der Bevölkerung wurde diese Entscheidung zum Teil revidiert und die Stadien sowie das Museum blieben erhalten.

Mindestens ebenso groß ist bis heute der Streit um die Kosten. Als Rios Regierung ihre Entscheidung zur Modernisierung des Maracanã-Stadions verkündete, versprach sie, dass diese mit privatem Geld finanziert würde. Dann aber flossen fast ausschließlich Steuergelder. Die anfänglich veranschlagten Kosten von 600 Millionen Reais verdoppelten sich auf 1,2 Milliarden Reais (460 Millionen Euro). Nun soll das Stadion von einem Konsortium rund um den brasilianischen Baukonzern Odebrecht für einige Millionen Reais Jahrespacht betrieben werden. Da liegt die Einschätzung nicht fern, dass ein Bau finanziert wurde, der mehrheitlich nicht gewollt wurde und nun zudem unter Wert privatisiert wird. Aus dieser Sicht erschließt sich eine inzwischen verbreitete Reaktion auf die Entwicklung des Stadions: "Das Maracanã existiert nicht mehr. Sie haben es zerstört."


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Autor: Philipp Lichterbeck für bpb.de
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