Blick auf das Gebäude des brasilianischen Nationalkongress, ein Gebäude des Architekten  Oscar Niemeyer.

29.5.2014 | Von:
Thomas Fatheuer

Der Regenwald Brasiliens – zwischen Schutz und wirtschaftlicher Entwicklung

Entwaldung bleibt Brasiliens größtes Umweltproblem – doch in den vergangenen Jahren ist die Tendenz rückläufig. Aber können diese Erfolge angesichts des Drucks von Großprojekten und Ressourcenabbau Bestand haben?

Gerodeter Regenwald im Amazonas-GebietGerodeter Regenwald im Amazonas-Gebiet (© picture alliance/WILDLIFE )

Die Zerstörung der letzten Regenwälder ist eines der größten globalen Umweltprobleme. Die Regenwälder konzentrieren eine guten Teil der Biodiversität des Planeten und mit der Zerstörung der Wälder verschwindet auch der Lebensraum indigener Völker. Inzwischen ist auch erkannt, dass das Abbrennen der tropischen Wälder einen beträchtlichen Anteil – die Schätzungen schwanken zwischen 10-20 Prozent – am Ausstoß des Treibhausgase CO2 hat. Die Entwaldung tropischer Wälder zu stoppen, ist damit auch Gegenstand der internationalen Klimaverhandlungen geworden. Brasilien als das Land mit den größten Tropenwaldgebieten der Welt, steht dabei im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

2012 richten sich die Blicke der Welt auf Brasilien – in Rio fand die Rio+20, das UN Gipfeltreffen, das zwanzig Jahre nach der Rio-Konferenz von 1992, oft als Earth Summit bezeichnet, Bilanz ziehen sollte. Ausgerechnet in diesem Jahr stritt sich die brasilianische Politik über eine Revision des Waldgesetzes. Nach dem bestehenden Gesetz dürfen Landbesitzer in Amazonien nur 20 Prozent ihrer Waldfläche abholzen – der Rest muss als Waldreserve erhalten bleiben. Auch wenn diese Bestimmungen nicht immer eingehalten wurden, waren sie vielen Grundbesitzern ein Dorn im Auge. Im Parlament versuchte daher eine mächtige Allianz von Grundbesitzern – als bancada rurarlista bekannt – die bestehenden gesetzlichen Bestimmungen zu "flexibilisieren". National und internationale Umweltorganisationen schlugen Alarm. Die brasilianische Präsidenten Dilma Rousseff, die eigentlich in Rio die Erfolge ihres Landes in der Waldpolitik rühmen wollte, sah sich unter Druck. In zähen Auseinandersetzungen endete das Ringen um die Reform des Waldgesetzes mit einem Kompromiss. Die Präsidentin legte ein Veto gegen viele Bestimmungen ein, so dass die Vorschrift, 80 Prozent der Waldfläche zu schützen, weitgehend erhalten blieb – wenn auch ihre Umsetzung nun flexibler gestaltet ist. Eine der umstrittensten Bestimmungen wurde von der Präsidentin nicht angetastet: eine quasi Amnestie für Entwaldungen in der Vergangenheit.

Der Wald weicht den Rindern

Wo vorher Wald war, finden sich nach dessen Zerstörung meistens Weideflächen. Dies lässt sich durch Satellitenbeobachtung inzwischen recht zuverlässige feststellen. Nach Angaben des angesehen brasilianischen Regierungsinstituts für Fernbeobachtung (Inpe) sind 62.2 Prozent der entwaldeten Fläche Viehweiden. Lediglich 4,9 Prozent werden landwirtschaftlich genutzt, und 21 Prozent werden gar nicht genutzt, hier breite sich Sekundärvegetation aus.

Tatsächlich ist die Rinderzucht der große Flächenverbraucher in Brasilien. 194 Millionen Menschen leben im Land, aber noch mehr Rinder: 212,8 Millionen zählte das offizielle Statistikinstitut IBGE 2011. Unvorstellbare 172 Millionen Hektar werden als Rinderweiden genutzt, 70 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche des Landes. Brasilien ist inzwischen der größte Rindfleischexporteur der Welt. Ein Teil dieser Exporterfolge geht auf Kosten des Regenwaldes. Denn die Ausweitung der Rinderzucht hat sich in den letzten zwanzig Jahren hauptsächlich in und um das Amazonsgebiet abgespielt.

Neben der Rinderzucht spielt zumindest in einigen Teilen der Amazonasgebiets, insbesondere im Boomstaat Mato Grosso – auch der Sojaanabau eine wichtige Rolle bei der Umwandlung von Waldgebieten. Soja expandiert von allen Anbauprodukten am stärksten. Auch für Soja ist Brasilien inzwischen der größte Exporteur der Welt, der größte Teil des Sojas wird zu Futtermittel verarbeitet. Es ist also der weltweit steigende Fleischkonsum, der den Druck auf den Regenwald verstärkt.

Straßen und Großprojekte

Aber es sind nicht nur Viehzucht und Landwirtschaft, die den Druck auf den Wald erhöhen. Das Amazonasgebiet ist seit 2003, dem Regierungsantritt von Inácio Lula da Silva, wieder verstärkt in das Blickfeld nationaler Entwicklungspolitik geraten. Deutlichstes Signal dafür ist die Wiederaufnahme des Baus umstrittener Großprojekte im Amazonasgebiet. Zur Zeit baut Brasilien mitten im Regenwald, am Xingu Fluss, den drittgrößten Staudamm der Welt – trotz zahlreicher nationaler und internationaler Proteste. Aber mit den Bau des Megastaudamms Belo Monte sind die Ambitionen lange nicht befriedigt. Der größte Teil des Potentials für neue Wasserkraftwerke findet sich im Amazonasgebiet, das daher eine strategische Rolle für die Zukunft der Energiepolitik besitzt: 38 Staudämme sollen nach den Plänen der Regierung in den nächsten Jahre in der Region gebaut werden.

Der Bau neuer Straßen oder der Ausbau bestehender – etwa in den Sojaanbaugebieten Mato Grossos – und der weltweite Rohstoffboom, der auch die Ausbeutung von Bodenschätzen in der Amazonasregion antreibt, sind weitere Faktoren, die den Regenwald bedrohen.

Entwaldung geht zurück

Abholzung des Amazons-Regenwalds (Stand 2013)Abholzung des Amazons-Regenwalds (Stand 2013) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Auch wenn die Entwaldung das zentrale Umweltproblem Brasiliens bleibt, sind in den letzten Jahre auch wichtige Erfolge zu verzeichnen. Nachdem in den Jahren 2003 und 2004 die Entwaldung mit jährlichen Raten von über 25.000 km² alarmierende Dimension angenommen hatten, reagierte die Politik mit einigem Erfolg: Seit 2009 liegen die jährlichen Entwaldungsraten bei deutlich weniger als 10.000 km². Diese Entwicklung ist zum einen das Ergebnis verstärkte Kontrollen und Bestrafungen illegaler Aktivitäten, zum anderen aber auch dem Ausbau der Schutzgebiet in Amazonien zu verdanken. 43,9 Prozent Amazoniens sind unter Schutz gestellt, etwa die Hälfte davon als indigene Territorien. In den Jahren 2003 bis 2006, als die renommierte Umweltschützerin Marina Silva noch Ministerin war, wurde das Netz der Schutzgebiete ausgeweitet, heute stehen etwa 2.5 Millionen km² unter Schutz. Zum Vergleich: Die Landfläche Frankreichs beträgt 543.000 km². Auch wenn viele der Schutzgebiete Schauplatz von Konflikten und kleineren Endwaldungen sind, haben sie sich insgesamt als wirksame Bremse erwiesen. Neben der staatlichen Politik haben auch Initiativen der Zivilgesellschaft die Wende bei den Entwaldungsraten begünstigt. So hat Greenpeace mit den wichtigsten Sojahändlern ein Moratorium vereinbart. Die Unterzeichner verpflichten sich, kein Soja zu kaufen, das aus Flächen stammt, die nach 2006 entwaldet wurden. Das Moratorium gilt seit 2006 und ist bis Ende 2014 verlängert worden.

Doch keine Entwarnung

Während der Klimaverhandlungen 2013 in Warschau musste die brasilianische Regierung eine unangenehme Statistik bekannt geben: Die Entwaldungsraten waren 2012/13 wieder angestiegen – um 28 Prozent auf 5.843 km², immerhin zweimal die Fläche des Saarlands. Kein Land der Welt vernichtet damit mehr Wald als Brasilien. Analysen der brasilianischen NGOs sehen eine Verbindung mit der Änderung des Waldgesetzes von 2012. Insbesondere die dabei vorgesehen Amnestie für vergangene Endwaldungen kann als Ermutigung für zukünftige aufgefasst werden. Als weitere Gründe werden der Bau des Staudamms von Belo Monte gesehen, in dessen Umgebung die Entwaldung anwächst. Die Empfehlung des Umweltgutachens für den Bau des Staudamms diese Schäden durch die Schaffung von neuen Schutzgebieten auszugleichen wurde nicht umgesetzt.

Die Regierung hingegen sieht keine Anzeichen für eine Trendwende und verweist darauf, dass die Zahlen immer noch weit unter den Werten vor zehn Jahre liegen. Aber tatsächlich muss abgewartet werden, ob die Erfolge der letzten Jahre angesichts des Druck der expandierenden Großprojekte Bestand haben können.

Zudem kommen auf den Wald und seine Bewohner neue Herausforderungen zu. Im brasilianischen Parlament wird eine Gesetzesvorlage (PEC 215) diskutiert, die weitreichende Auswirkung auf die rechtliche Stellung indigener Territorien hätte. Die Anerkennung von indigenen Gebieten müsste danach vom Parlament beschlossen werden – aus einem Grundrecht der Verfassung würde damit ein politisch auszuhandelnder Anspruch.

Der Regenwald bleibt also ein Schauplatz vielfältiger Auseinandersetzungen. Bemerkenswert ist aber, dass der Schutz des Regenwaldes nicht mehr primär ein Anliegen internationaler Organisationen ist. In Brasilien hat sich eine Allianz aus kritischer Zivilgesellschaft sowie indigenen und lokalen Gruppen gebildet, die für den Erhalt und die nachhaltige Nutzung des Regenwaldes eintritt und die alte Dichotomie von Naturschutz versus Entwicklung nicht mehr akzeptiert.

Quellen:


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Autor: Thomas Fatheuer für bpb.de
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