Ein Vocho am Zocalo von Mexiko Stadt

Vom Rap Social zum globalen Sound

Interview mit dem Musiker Paco Mendoza


8.1.2008
Im südamerikanischen "Rap Social" sieht Paco Mendoza eine neue "Volkshochschule des Undergrounds". Der Sänger und Produzent weiß um die soziale Funktion von Musik, die bislang vom etablierten Salsa oder Reggaeton ausgeübt werden.

Der Musiker Paco MendozaDer Musiker Paco Mendoza (© Paco Mendoza)
Sie haben gerade mit dem Londoner Produzenten DJ Vadim das Album "Consciente Y Positivo" aufgenommen, das verschiedene Stilrichtungen aus Südamerika aufgreift. Wie kam es zu diesem Austausch?

Paco Mendoza: In der südamerikanischen Popmusik gab es in den letzten Jahren einige rasante Modernisierungswellen, die mich sehr inspiriert haben. Insbesondere der ursprünglich kolumbianische Cumbia erfuhr in der Wirtschaftskrise in Argentinien als "Cumbia Villera", also Cumbia aus den Slums, eine neue politisch-soziale Richtung. Dieser Sound, der mit seinem eingängigen Vier-Viertel-Takt direkt in die Beine geht, hat in den einzelnen Ländern unterschiedliche Färbungen bekommen. Der peruanische Ex-Präsident Alberto Fujimori hat sogar eine Techno-Variante des Cumbia, die bei der Anden-Bevölkerung sehr beliebt war, als Wahlkampfsong eingesetzt. Auch Reggae und Hip-Hop sind längst auf vielfältige Weise weiterentwickelt worden. Insbesondere die Rap Social-Bewegung in Ländern wie Peru oder Chile hat mich fasziniert.

Wo liegen die Unterschiede zu den Vorbildern aus den USA?

Mendoza: Beim Rap Social geht es nicht um das große Showgeschäft, sondern um Basisarbeit mit den Straßen-Kids. Das Ganze begann als Graswurzelbewegung, die Alternativen zur allgegenwärtigen Kriminalität aufgezeigt hat. Eine Art Volkshochschule des Undergrounds. Viele haben über den Hip-Hop lesen und schreiben gelernt. Die Bands kritisieren die herrschenden Verhältnisse jenseits der etablierten Medien. Das Ganze erinnert an die Anfänge des Hip-Hop in den New Yorker Vorstädten in den Siebzigerjahren. Eine Geschichte, die der heute 15-jährige Rap-Fan aus Lima natürlich gar nicht kennt.

Wie erfährt man von den Botschaften des Rap Social?

Mendoza: Das ist bislang eine Straßenkultur, die über Live-Auftritte funktioniert. Man trifft sich halt in sozialen Zentren, wo auch lokale Talente auf die Bühne steigen dürfen. Schon die Kleinsten bekommen das mit und versuchen, irgendwie an diesem Spiel teilzunehmen. Eine Mischung aus Nachwuchswettbewerb und Musiktreff, bei dem der Rap mit örtlichen Stilen gemischt wird.

Parallel dazu ist ein Softdrink-Hersteller in einen kontinentweiten Rap-Wettbewerb mit einem großen Finale in Caracas eingestiegen. Ein Widerspruch?

Mendoza: Nein, überhaupt nicht. Die kommerzielle Vermarktung läuft auch dort nach dem gleichen Muster wie überall. Die soziale Facette beim Hip-Hop hat eben ganz andere Ziele. Wobei natürlich auch die Rap Social-Bewegung an der Verbreitung ihrer Sounds interessiert ist. Das ist der Unterbau, aus dem sich künstlerische Talente entwickeln. Wobei der Rap Social natürlich noch keine landesweiten Hymnen schafft. In der Gesamtgesellschaft haben Rap oder Hip-Hop eben nicht diesen hohen Stellenwert. Das bleibt dann doch Cumbia, Salsa oder neuerdings auch dem Reggaeton vorbehalten. Selbst die Songs des 1993 verstorbenen Traditionalisten Hector Lavoé sind da noch größer. Doch das wird sich mittelfristig sicherlich ändern.

Der lange Weg nach Miami



Sie haben mit Musikern aus Mittelamerika und Peru kooperiert. Wie ist deren soziale Situation?

Mendoza: Außerhalb von Brasilien und Argentinien, wo es zumindest eine regionale Musikindustrie gibt, wird es für die Kollegen sehr schwierig. In Peru existierte zum Beispiel jahrelang kein einziges Plattenlabel, das neue Musik herausgebracht hat. Die korrekte Abrechnung von Rechten und Lizenzen kann man ebenfalls vergessen. Die meisten sind ja froh, dass ihre Musik im Radio gespielt wird, auch wenn sie dafür nichts bekommen. Wer als regionale Größe weiter wachsen will, geht nach Miami und versucht dort eine Musikfirma zu finden, die eine Veröffentlichung in Lateinamerika und den USA übernimmt. Was natürlich eine starke Konkurrenz-Situation bedeutet. Doch auf diese Weise verbreiten sich Musiktrends längst über die Ländergrenzen hinweg.

Wie es ja auch mit dem Reggaetón passiert ist?

Mendoza: Genau. Diese ursprünglich aus Panama und Puerto Rico stammende Spielart des Reggae ist längst in ganz Südamerika präsent. Wurden anfangs die Songs jamaikanischer Musiker einfach auf spanisch abgekupfert, haben sich um den charakteristischen "bam-bam"-Rhythmus längst eigene Produktionen entwickelt. Die Grenzen zwischen den einzelnen Stilen fließen und die verschiedenen Mischungen sind längst Ausdruck eigenständiger Jugendkulturen geworden. Gerade der Reggaetón wird als etwas Eigenständiges angesehen, als Kontinent übergreifende Musik. Der modische Look ist geprägt von Puerto Rico, wo die großen Stars herkommen, die sich wiederum bei ihrem Kleidungsstil an Hip-Hop orientieren. Und da lässt man schon mal gerne den großen Macker raushängen.

Latin-Klänge auf der Überholspur



Wie ist es zu erklären, dass die Sounds aus Lateinamerika international weniger verbreitet sind als etwa die Musikstile aus der Karibik?

Mendoza: Popmusik wird halt traditionell über den anglo-amerikanischen Sprachraum weltweit vermarktet. Es war der Londoner Labelboss Chris Blackwell, der bereits vor drei Jahrzehnten jamaikanischen Reggae für Europa entdeckt hat. Selbst die kolumbianische Sängerin Shakira wirkt ja hierzulande wie ein US-Superstar. In Spanien dagegen waren die Verbindungen zur lateinamerikanischen Musik immer viel direkter. Seit Mitte der Neunzigerjahre spürt man allerdings eine Veränderung, ausgelöst durch die starke Migrationsbewegung in die USA. Mit dem stetigen Anstieg des hispanischen Bevölkerungsanteils wurde auch die entsprechende Musik dort immer wichtiger. Nicht umsonst haben viele Größen des US-Hip-Hops mittlerweile mit lateinamerikanischen Reggaetón-Künstlern zusammen gearbeitet. Die Neptunes haben Songs mit Daddy Yankie gemacht. Das Produzenten-Duo Loony Tunes arbeitete mit R. Kelly, Sean Paul oder Fat Joe zusammen. Gerade die mittelamerikanischen Länder wie Puerto Rico übernehmen hier eine Scharnier-Funktion. Crossover-Sounds, die dann von der hispanischen Gemeinschaft in den USA weitergetragen werden.

Wie schätzen sie die hiesige Akzeptenz ein?

Mit der Sound-Globalisierung ist das Interesse an spanischsprachiger Musik auf jeden Fall gewachsen. Ende der Neunziger habe ich mich regelrecht gewundert, Juan Louis Guerra aus Santo Domingo im Bayrischen Rundfunk zu hören. Mittlerweile gilt jemand wie Juanes auch hierzulande als Popstar, wobei für Deutschland sicherlich Spanien die Drehscheibe für Künstler und Stilrichtungen aus Lateinamerika ist.

Ist die Überwindung von Klassengrenzen durch Popmusik ein Klischee, das in Europa nur zu gerne gepflegt wird?

Mendoza: Man darf dabei nicht übersehen, dass es in Südamerika eine massive Rock- und Metal-Szenerie gibt, die überhaupt nichts mit den üblichen Vorstellungen von "World Music aus den Armutsvierteln" zu tun hat. Ansonsten kommt die Tradition vieler traditioneller Stilrichtungen eben "von unten" und reicht zurück bis in die Epoche der Sklaverei. Die Cumbia stammt ursprünglich aus Guinea, und auch in Peru gibt es die "música negroide", wo das Percussion-Instrument "cachon" auf eine Schublade zurückgeht, weil die Sklaven keine Instrumente spielen durften. Auch Salsa und Son haben diese Unterschichten-Konnotation, die aber längst Schichten übergreifend funktioniert. Der Vermarktungs-Aspekt steht oftmals gar nicht so sehr im Vordergrund. Genau das macht die lateinamerikanische Szene ja auch so lebendig. Mittlerweile überlagert sich das auf vielfältige Weise.

Das Interview führte Ralf Niemczyk, freiberuflicher Musikjournalist in Köln.


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