Ein Vocho am Zocalo von Mexiko Stadt
1 | 2 Pfeil rechts

Außerirdische und Invasoren:

Nachrichten aus dem urbanen Niemandsland


28.11.2007
Sechs Jahre nach dem Börsen-Crash stehen in Buenos Aires die Zeichen auf Boom und Normalisierung. Im Schatten dieses Aufschwungs stehen die Villas Miseria, die Armensiedlungen der Innenstadt. Mit neuen Strategien kultureller Selbstbehauptung treten einige von ihnen nun an die Öffentlichkeit.

Straßenszene in Viertel Barracas in Buenos Aires.Straßenszene in Viertel Barracas in Buenos Aires. (© Anne Huffschmidt)
Wellblech, so weit das Auge reicht. Kabel und Wäscheleinen durchkreuzen den dunstigen Mittagshimmel, die Luft ist schwer. Umgestürzte Einkaufswagen, alte Stühle, Rohre und Stapel von Backsteinen sind über der rostenden Dächerlandschaft verteilt. Unten schlängeln sich schlammige Gassen durch das Häuserdickicht, ein paar Kinder stehen an Hauseingängen und schauen ungerührt dem Treiben auf dem Dach zu. Julio Arrieta weiß um die Blicke der Besucher, und er weiß sie zu lenken. "Hier kriegst Du die Mülldeponie mit rauf", sagt er und zeigt in Richtung eines grünen Hügels am Horizont. Und da hinten, auf der anderen Seite, sei das alte Gefängnis. Er stellt sich in Pose, die Hände in die Hüften gestemmt, das knallrote T-Shirt ("100 Prozent Stier") spannt über den kugelrunden Bauch. Nein, das brüchige Blech halte allerhand aus. Mit 20 Filmleuten habe man hier oben schon gestanden.

Arrieta weiß auch um das Staunen. Ein Filmteam hier, in den Eingeweiden der Stadt, in den No-go-areas der selbstvergessenen Metropole, die ihren Kollaps vor wenigen Jahren längst verdrängt zu haben scheint? Oh ja, und keine schnelle Sozialreportage, sondern richtiges Kino. Einen Science-Fiction-Thriller haben sie hier gedreht, nach einer fixen Idee von Arrieta und dank der Obsession eines blutjungen spanischen Regisseurs, Sebastian Antico. "Wo steht geschrieben, dass die Außerirdischen nicht auch in der Villa landen können?", sagt der Mittfünfziger, den grauen Haarschopf zum Zopf gebunden. Es ist kein Scherz, eher ein Credo.

Reality-TV



Mit seiner Frau Maria Esther wohnt Arrieta seit einem Vierteljahrhundert hier, zwölf Kinder sind in der Armeninsel, mitten im Viertel Barracas, zur Welt gekommen. Er hat Müll gesammelt, in der Fabrik gearbeitet und Mitte der Achtziger dann die Schauspielerei entdeckt. Doch einträglicher als die Theaterpassion sind Film und Fernsehen. Immer mehr Produzenten suchen "reale" Drehplätze, in mehr als 30 Produktionen haben Arrieta und seine Nachbarn aus der Villa 21 schon mitgewirkt. Haben Licht und Catering, Schminke und Kostüme organisiert, Kabel getragen und für "die Sicherheit" beim Dreh in der wilden Villa gesorgt. Besonders stolz ist Arrieta auf sein Casting, "tausend Gesichter" habe er im Angebot, groß und klein, dunkel und hell, was das Producer-Herz begehrt. Es sei doch praktischer, wenn gleich die Armen die Armen spielen, denen müsse man das Elend nicht erst anschminken. "Und wo findest Du einen wie mich, mit langem Haar und Zahnlücke, der auch noch einen zusammenhängenden Satz sagen kann?"

Arrieta? Ja, natürlich kenne er den, sagt Martin Roisi, der sei ja gewissermaßen die "Konkurrenz". Der freundliche junge Mann lebt selber nicht in der Villa, auch wenn er sich dort "wie zuhause" fühlt. Auf die Villa 20 im Stadtteil Lugano, ein paar Kilometer westlich von Barracas, war der Musiker und Fernsehmacher 2003 gestoßen, als er für die TV-Show einer bekannten Talkmasterin eine Location suchte. Die Diva erwärmte sich für das Setting, man machte ein Casting, aus dem Casting wurde ein Film – und Roisi fing Feuer. 2005 hob er das Projekt "Odisea" aus der Taufe, das die Villa in ein riesiges Freiluft-Kulturlabor mit Galerie, Club, Label und eigenem Verlag verwandeln soll. Zudem gibt es eine hochprofessionell gestaltete Website und jede Menge schillernde Pläne, etwa einen eigenen Fernsehkanal.

Kreativitätsschub in der Villa



"Die Probleme der Villa interessieren mich nicht", sagt der 33-Jährige mit unbewegtem Gesicht, er wolle lieber fröhliche Dinge zeigen. Roisi scheint bei solchen Sätzen sein Gegenüber prüfend anzusehen. Ob es zusammenzuckt, die Stirn runzelt. Und er legt noch einen drauf: Die Villa sei doch "eine Art Disneyland", geradezu jungfräuliches Terrain für die porteños, die kulturbeflissenen Mittelschichten von Buenos Aires. In die Schlagzeilen der Feuilletons war Roisi durch seine Villa-Touren gekommen. Zwei Stunden durch die engen Gassen, hier mal hinter eine schmutzige Gardine schauen, dort eine Wurst vom Freiluftgrill essen - für satte 60 Euro. Empörung machte sich breit, vom Zoo-Effekt war die Rede. "Aber da kommen doch keine normale Touristen", verteidigt sich Roisi, noch bevor man überhaupt richtig zum Nachfragen kam. "Das sind immer Leute wie Ihr – Künstler, Wissenschaftler, Journalisten". Was Roisi zeigen möchte: dass die Villa alles andere ist als ein dahinvegetierender Mini-Moloch. Weil es hier Unternehmergeist gebe, vor allem bei den Migranten, die mit einer "ganz anderen Arbeitsmentalität" nach Buenos Aires strömten. Vor allem aber wegen der "unglaublichen Kreativität", die Villa sei ein Ort "voller Künstler, die gar nicht wissen, dass sie welche sind".

Da ist die zwölfjährige Cinthia, so was wie der Star des Projekts. Durch Odisea hatte sie vor einiger Zeit eine Kamera in die Hand gekriegt. Seitdem streift das Mädchen durch die Gassen und filmt, was ihr vor die Linse kommt. In einer TV-Reportage heftet sich ein staunender Reporter an ihre Fersen, eine Frauenstimme aus dem Off lobt die "Kunst, etwas zu erschaffen in ihrer schwierigen Welt". Roisi hat ihr inzwischen ein Stipendium für eine Kinderfilmschule besorgt. Und zwei US-Filmerinnen, die Cinthia auf eine der Touren kennen gelernt hatten, haben einen Dokumentarfilm über sie gedreht.

Silvana, eine hübsche Frau mit knopfdunklen Augen und schwarzem Spaghettitop, ist eine von Roisis Villa-Führerinnen, und auch diesen Dreh begleitet sie. Der Zoo-Effekt? Silvana zuckt mit den Schultern. Die Außenkontakte brächten wenigstens ein bisschen Geld. Sonst würden die Leute ja womöglich nur schauen kommen. "So gucken sie und helfen gleichzeitig, das, was sie sehen, auch zu verändern".

Nach Lugano kommt man mit der U-Bahn-Linie E, eine der ältesten, die das Stadtgebiet sternförmig durchziehen. Die Fahrt geht bis zur Endstation, aus den offenen – aber rätselhafterweise vergitterten – Fenstern quillt ohrenbetäubendes Rumpeln und Rattern ins Waggoninnere. Dann geht es weiter mit einer kleinen Tram, vorbei an Fußballfeldern, Müllbrachen, graugrünen Wohnsilos, ein gigantischer Supermarkt zieht vorbei, daneben ein Baumarkt mit dem schönen Namen "easy". Aussteigen mitten im Grünen, ein kleiner Fußmarsch an der Stadtautobahn entlang, an ein paar Maisstauden vorbei, eine metallene Treppe führt hinunter zu der roh zusammen gezimmerten Siedlung der Villa 21, direkt neben einem Autofriedhof.

Boulevard im Niemandsland



Silvana und ihr Mann Julio führen hinein in die engen verwinkelten Gassen, die Backsteinwände sind wie aneinander gewachsen, dazwischen grauer Zement, Plastikplanen, Kabelwirrwarr. Keine Straßenschilder, wer hier wohnt, hat keine Adresse. Doch mit einem Mal öffnet sich der Blick und fällt auf eine breite, leicht ansteigende Straße im Innern der Villa. Ein paar Autos kommen einem entgegen, zwei klapprige Fahrräder, ein Motorroller. Ein Pferd, das einen Müllwagen zieht. Allerlei vergitterte Lädchen säumen den Straßenrand, verkauft werden Obst und Gemüse, Kleider oder Spielzeuge. Es gibt Pizzerien, Internet-Cafés und Friseure, es riecht nach geröstetem Fleisch. Eine Frau fegt vor einem Häuschen mit der Aufschrift "Rechtsberatung". "Das ist unser Boulevard", sagt Silvana, "hier gibt es alles". Und alles gibt es billiger: Auch in dieser Hinsicht ist die Villa Niemandsland, keiner zahlt hier an den Staat, weder Steuern auf Einkommen oder Waren, noch Gebühren für Gas, Strom oder Wasser.

Die meisten Bauten wachsen immer weiter in die Höhe. Fast alle haben längst zwei, manche sogar schon das dritte oder vierte Stockwerk. Es sind waghalsige Konstruktionen, die Aufbauten scheinen auf dem Untergeschoss zu balancieren, Balkone wie mit Draht festgezurrt. Viele davon, so wird erklärt, sind Mietshäuser, die geschäftstüchtige Bolivianer und Peruaner hier neuerdings hochziehen und an Neuankömmlinge vermieten. Und immer wieder tun sich neue Straßen auf, die wie Breschen durch das kaum zu durchdringende Barackenlabyrinth geschlagen sind.

Vor einem unscheinbaren Häuschen ist ein buntes Schild angebracht: "Productora artistica Los Planetas", eine der Odisea-Zentralen. Hier sitzt auch der Verlag, der bislang nur eine Miniatur-Kollektion herausgebracht hat, zwei Büchlein mit dem Titel "Zwillinge", handgeschriebene Tagebuch-Fragmente von Silvana und ihrer vor fast zehn Jahren an AIDS verstorbenen Zwillingsschwester. Miniaturen aus einer finsteren Zeit, das Sterben der Schwester, die eigene Verlorenheit, als sie vier Kinder großziehen musste und selbst voller Trauer war. Nur das Schreiben, sagt sie, habe ihr damals geholfen.

Urbanisierung als Mission



Seit ein paar Jahren arbeitet Silvana zudem für die Villa-Verwaltung. Man kennt sie, alle naselang wird sie angesprochen auf der Straße. Von einem jungen Mädchen, die gerne eine der begehrten Jobs hätte, ein Jahr lang 50 Euro im Monat, dafür aber einen Nachweis beibringen muss, dass sie clean ist. Oder von einer älteren Frau, die Baumaterialien beantragen will. "Wir sind ein richtiges kleines Land", meint Julio und zeigt auf eine Halle mit Wellblechdach. In der einstigen Sporthalle residiert der Presidente, der ehemalige Boxer Marcelo Chancalay, und verteilt, was die Villa von der Stadt bekommt, Sozialgelder, Beton oder Schulhelfte. Der bullige Mann im blütenweißen T-Shirt, Jeans und Goldkettchen spricht in sein Walkie-Talkie, wird unaufhörlich von Bittstellern umringt und schafft es dennoch, sich der Besucherin zu widmen.

Seine Mission ist die "Urbanisierung", die Umwandlung von der Villa zum Barrio, zum normalen Stadtviertel, aus Gassen sollen Straßen, aus Hütten Häuser werden. Dass nicht alle asphaltierte Straßen und luftigere Wohnstätten wollen, wenn sie dafür auch eine Steuernummer verpasst kriegen, stört ihn nicht. Das sind wir dieser "schönen Stadt" schuldig, sagt Chancalay und grinst breit. Odisea findet er prima. Früher habe sich das kulturelle Leben der Villa auf Fußball und Boxen beschränkt, heute gibt es Jugendliche, die Violine spielen und Theaterkurse machen. Auch gegen die Besichtigungstouren hat er nichts einzuwenden. Je mehr Kontakt, desto weniger Stigma oder Tabuisierung. "Ich fühle mich eher zum Tier gestempelt, wenn ich von allem abgeschnitten bin."

Silvana und Julio wohnen seit kurzem am Rande der Siedlung in einer der frisch verputzten Sozialwohnungen. Auf die hat Anspruch, wer von den Baggern vertrieben wurde oder wie Julio nachweisen kann, dass er zu krank zum Selberbauen ist. Die eigenen Kinder werden auf entferntere Schulen geschickt. "Ich will, dass sie auch noch eine andere Welt kennen lernen", sagt Silvana.

Paola Huallpa wohnt noch mittendrin, in der Villa Bajo Flores, die größte im Stadtgebiet von Buenos Aires. Sie war ein Kleinkind, als ihre bolivianischen Eltern 1990 hier die erste Hütte, damals noch aus Holz und Pappe, gebaut haben, "da war noch alles Wüste". Man lebte bei Kerzenlicht, vor der Haustür baute man Gemüse an. Später wich die Hütte dann dem flachen Zementhäuschen mit der glatten grauen Wand, vor der Paola heute steht, in einer engen Gasse, nur wenige Schritte sind es zum Nachbarn gegenüber. Auch hier bahnt sich die "Urbanisierung", mit Betonmischern und Bauarbeitern, ihren Weg durch das Dickicht. An der Außennaht der Villa taucht die Nachmittagssonne den Backstein in goldenes Licht. Eine Familie spaziert mit Kinderwagen die schnurgerade Avenida hinunter.

Das Radio Comunitaria in Barracas. (Bild: Anne Huffschmidt)Das Radio Comunitaria in Barracas. (Bild: Anne Huffschmidt)
Weiter unten an einer Kreuzung, wo die Buslinie des Colectivo 23 endet, steht ein zweistöckiges Backsteinhaus mit einer riesigen Satellitenschüssel auf dem Dach. "Radio Comunitaria" ist in roten Lettern auf die Fassade gepinselt. "Hier beginnt die Villa", meint der taxista sorgenvoll und ist froh, dass er nicht weiterfahren soll. Dieses Eckhäuschen, der Sitz des Gemeinderadios, ist so etwas wie die zweite Heimat von Paola Huallpa. Dazugekommen war sie als schüchterner Teenager, verführt durch das Musikprogramm "Romantische Nächte". Anfangs habe sie kaum die Zähne auseinander bekommen, erinnert sie sich lächelnd. Es ist ein seltenes, verhaltenes Lächeln. Und dann habe es irgendwann klick gemacht. "Ihr seid die Zukunft vom Radio", habe der Gründervater Eduardo Nájera zu ihr gesagt. "Der ist ja verrückt", habe sie sich gedacht und lächelt schon wieder bei dieser Erinnerung. Damals war Paola gerade 16 Jahre alt. Seit ein paar Jahren gehört sie zum "inner circle" des Leitungsteams.


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/2.0
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 

Schwerpunkt

Olympische Spiele 2016 in Rio de Janeiro

2016 ist Brasilien Gastgeber des Megaevents Olympische Spiele. Das Land befindet sich in einer politischen Krise und das Ansehen der Spiele hat durch Dopingskandale gelitten. Wofür steht Sport und wie geht es dem größten Land Lateinamerikas? Weiter... 

Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 41-42/2010)


Die Linke in Lateinamerika

Bisherige Versuche, auf dem Subkontinent sozialistische Politik umzusetzen, sind am Widerstand der USA und an gravierenden Fehlern der reformistischen und revolutionären Regime gescheitert. Weiter...