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Erfahrung der Zeit - politische Kultur in Argentinien und Brasilien


30.9.2010
Von Europa aus gesehen mag Lateinamerika als ein politisch-kultureller Raum erscheinen. Doch bei näherer Betrachtung treten die nationalen Unterschiede deutlich zutage.

nhaltliche Daten
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A picture dated 2 December 2011 shows Argentina's President Cristina Fernandez de Kirchner (L) with Brazil's President Dilma Rousseff (R) meet in Caracas before assist to the Summit of Latin America and the Caribbean (CELAC). Presidents of Argentina and Brazil agree in productive integration. Photo Roberto Stuckert Filho/PR/ dpa/ Handout/ rc - FOR EDITORIAL USE ONLY - NO SALES
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Schlagworte
politisch , Politik
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Überschrift 
Presidents of Argenti...  
Personen
 
Kontinent
-
Land
Venezuela  
Provinz
-
Ort
Caracas
Aufnahmedatum
20111202
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pixelDie argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner und das brasilianische Staatsoberhaupt Dilma Rousseff. (© picture-alliance/dpa)

Einleitung



Der Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann."[1] In den Tangotexten beweinen die Argentinier den Verlust; die Gegenwart wird bloß als blasser Schimmer einer glorreichen Vergangenheit, als dekadent begriffen. Brasilien dagegen gilt als das "Land der Zukunft".[2] Heute ist tudo bem (alles gut), und der morgige Tag bringt Fortschritt mit sich, wie das positivistische Motto Ordem e progresso (Ordnung und Fortschritt) in der brasilianischen Nationalflagge ankündigt. Zudem ist sie grün - die Farbe der Hoffnung. Dies mag als Gegenüberstellung von Klischees, von abgedroschenen Redensarten oder zugeschriebenen Eigenschaften erscheinen. Als kulturelle Konstrukte bergen sie jedoch gesellschaftsspezifische Vorstellungen bzw. Denkschemata und somit, wenn schon nicht ein Stück Wahrheit, so doch ein Stück sozialer Wirklichkeit in sich.

Die soziale Konstruktion der Wirklichkeit ist zum einen das Produkt von Erfahrung - der Art und Weise, wie sich Gesellschaften die eigene Geschichte erzählen - sowie von der Wahrnehmung der Gegenwart. Zum anderen bedingt sie die aktuellen Einstellungen und das Verhalten der Gesellschaftsmitglieder. Diese subjektive Dimension ist entscheidend für die Funktionsweise politischer Institutionen, denn entsprechend ihrer politischen Kultur, also entsprechend ihrer Werte, Glaubensüberzeugungen und Einstellungen zu politischen Inhalten, Prozessen und Strukturen, nehmen Akteure ihre Rolle im politischen System wahr.

Die Beschäftigung mit der politischen Kultur lehrt uns: Es gibt keine selbstverständlichen Selbstverständlichkeiten.[3] Was wir als Selbstverständlichkeiten definieren, sind geteilte Erwartungen, die durch kontinuierliche Erfüllung wach gehalten werden. Vergleichen wir verschiedene kulturelle Kontexte oder Zeitspannen, stellen wir schnell fest, dass es nicht überall so ist oder nicht immer so war. Die sogenannten Selbstverständlichkeiten entpuppen sich dann als raum-zeitlich gebundene Besonderheiten.[4] Politisch-kulturelle Eigenarten können auf verschiedenen Ebenen festgestellt werden. Von Europa aus gesehen mag Lateinamerika als ein politisch-kultureller Raum erscheinen. Eine nähere Betrachtung bringt jedoch die nationalen Unterschiede ans Licht.

Ökonomie der Zeit



So unterscheiden sich Argentinier und Brasilianer etwa in ihrer Wahrnehmung von Temporalität. Dies trat beispielsweise in einem vom Anthropologen Alejandro Grimson geleiteten qualitativen Forschungsprojekt zu Tage.[5] Während Argentinierinnen und Argentinier die Zeit auf diskontinuierliche, unterbrochene Weise erfahren und eher einen kurzfristigen Blick pflegen, überwiegen im Nachbarland die Perzeption von Kontinuität, von zeitlicher Permanenz und eine eher längerfristige Betrachtungsweise. Ein gewisser historischer Optimismus scheint in Brasilien vorhanden. Die argentinische Gesellschaft hingegen trauert einer goldenen Epoche nach, als ihr europäisch geprägtes Land - "Getreidespeicher der Welt" - zur siebtgrößten Volkswirtschaft der Erde avancieren konnte. Zwischen den 1930er und 1940er Jahren habe jedoch der Niedergang, eine Reihe sozialer, kultureller und moralischer Fehlentwicklungen, eingesetzt.

Die unterschiedlichen Zeitperspektiven und damit verbundene Assoziationen kommen auch in den Umfrageergebnissen des Latinobarómetros (Bericht 2009) zum Tragen, das 18 Länder der Region berücksichtigt.[6] Auf die Frage, wie sich das eigene Land entwickelt (Fortschritt, Stagnation oder Rückentwicklung), stellen 66 Prozent der brasilianischen Befragten einen Fortschritt fest; in Argentinien sind hingegen nur 13 Prozent dieser Meinung. Während der lateinamerikanische Durchschnitt bei dieser positiven Antwort 36 Prozent beträgt, verzeichnet Brasilien (nach Chile) den zweithöchsten Wert, Argentinien hingegen den zweitniedrigsten (vor Honduras). Eine ähnliche Verteilung von positiven und negativen Einstellungen offenbart die in die Zukunft gerichtete Frage nach der Einschätzung der eigenen ökonomischen Situation in den folgenden zwölf Monaten. Dabei sehen sich 68 Prozent der Brasilianer und Brasilianerinnen in der nahen Zukunft in einer etwas besseren bzw. viel besseren Wirtschaftslage (erster Rangplatz); in Argentinien haben jedoch nur 29 Prozent der Bürgerinnen und Bürger diese Erwartung (vorletzter Rangplatz).

Derartige Einstellungen entstehen natürlich nicht losgelöst von politischen und sozioökonomischen Entwicklungen; sie sind aber auch nicht deren getreues Spiegelbild. Sie basieren weder auf illusorischen Vorstellungen noch auf objektiven Beobachtungen, sondern gründen sich vielmehr auf Interpretationen der Wirklichkeit, die sowohl unter dem Einfluss von Erfahrungen der Vergangenheit als auch der aktuellen Situation stehen. Bezogen auf die Gegenwart liegt zunächst die Vermutung nahe, dass sich hinter diesen Einschätzungen der unterschiedliche Effekt der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise auf die beiden südamerikanischen Länder verbirgt. So waren im Jahr 2009 in Brasilien 38 Prozent der Befragten mit der Funktionsweise der nationalen Wirtschaft zufrieden, in Argentinien hingegen nur 8 Prozent (letzter Platz). Auch wenn beide Regierungen sehr schnell mit antizyklischen Maßnahmen reagierten, gilt in der Tat Brasilien als besser gegen die Krise gewappnet. Dennoch sind zwischen den Nachbarländern die Unterschiede in den makroökonomischen Veränderungen nicht besonders groß. Im Zeitraum von 2007 bis 2009 ging beispielsweise die jährliche Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts in Argentinien von 8,7 über 6,8 auf 0,7 Prozent zurück.[7] In Brasilien verlief die Verlangsamung des Wirtschaftswachstums von 5,7 über 5,1 bis schließlich 0,3 Prozent. In denselben drei Jahren zeigte die Arbeitslosigkeit in beiden Ländern eine ähnliche Schwankung zwischen ca. 8 und 9 Prozent.

Dessen ungeachtet empfinden die argentinischen und brasilianischen Bürgerinnen und Bürger die Folgen der Krise unterschiedlich. Gefragt nach der Einschätzung der Effekte der Krise im eigenen Land auf einer Skala von 1 (kein Effekt) bis 10 (Effekte in allen Bereichen), kommen Argentinier auf einen Durchschnitt von 8 Punkten, die Brasilianer auf einen von 6,1. Die Diskrepanz zwischen beiden Werten wird beim regionalen Vergleich mit den andern Ländern noch deutlicher. Brasilien liegt unterhalb des lateinamerikanischen Durchschnitts, der bei 7,1 Punkten liegt, auf dem zweiten Platz (geringere Auswirkungen); Argentinien befindet sich oberhalb des Mittelwertes auf Platz 16 (größere Auswirkungen) von 18 untersuchten Ländern des Subkontinents.

Ähnlich verhält sich die Bewertung der negativen Effekte der Krise auf die persönliche ökonomische Situation. Unter den Lateinamerikanern (Durchschnitt 6,9 Punkte) schätzen sich Brasilianer als am wenigsten betroffen ein (5,3 Punkte, erster Platz); die Argentinier hingegen beschreiben ihre Lage als stark beeinträchtigt (8 Punkte, Platz 14). Entsprechend unterschiedlich sind die Erwartungen hinsichtlich der erforderlichen Zeitspanne, um die Krise zu überwinden. Der Tunnel, an dessen Ende Licht erhofft wird, scheint in Argentinien viel länger: Hier geben 79 Prozent der Befragten an, dass die Krise noch lange andauern wird; unter den brasilianischen Befragten sind nur 33 Prozent dieser Meinung. In Brasilien sind 55 Prozent der Interviewten vielmehr der Ansicht, dass die schlimmste Phase der Krise schon vorbei ist und sich das Land bereits auf Erholungskurs befindet; diesen Optimismus teilen nur 18 Prozent der Befragten im Nachbarland. Die abweichende Prognose hängt unter anderem von der Wahrnehmung ab, wie die jeweiligen Regierungen die Herausforderungen der Krise meistern. Nach Chile ist Brasilien das lateinamerikanische Land, in dem die Bevölkerung die Wirtschaftspolitik des Präsidenten am stärksten unterstützt. Indessen erhält die argentinische Präsidentin von ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern die schlechteste Note in der Region.

Bei Betrachtung einer längeren Zeitspanne stellt sich die vergleichsweise kritischere Einstellung der argentinischen Gesellschaft in Zukunfts- und Wirtschaftsfragen - wenn auch mit punktuellen Ausnahmen - als Trend heraus. Ein Vergleich von Schlüsselindikatoren (Wirtschaftswachstum, Armutsreduzierung etc.) beider Länder zeigt, dass in den vergangenen zehn Jahren die sozioökonomischen Verbesserungen in Argentinien ausgeprägter waren als in Brasilien. Allerdings unterschieden sich die Ausgangslagen in beiden Ländern erheblich: Während Argentinien sich von einer seiner tiefgreifendsten politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Krisen erholte, blieb Brasilien eine solche dramatische Erfahrung erspart.

Wellen der Zeit



Auch im neuen Jahrtausend prägten Erfahrungen von Wandel und Kontinuität sowie von Turbulenzen und Stabilität die argentinischen und brasilianischen Bürger und Bürgerinnen unterschiedlich. Zwar markierte das Jahr 2003 den Eintritt beider Länder in die "rote Welle" linker Regierungen in Lateinamerika. Aufgrund der spezifischen nationalen Kontexte und der unterschiedlichen Regierungspolitiken verdienen jedoch die Wahlsiege Néstor Kirchners und Luiz Inácio Lula da Silvas eine jeweils andere Bewertung. Erstens waren die Startbedingungen in beiden Ländern deutlich verschieden: Kirchners Aufstieg zur Macht folgte auf den frühzeitigen Rücktritt des Radikalen Fernando de la Rúa (von der Unión Cívica Radical, UCR) inmitten der dramatischen "Argentinienkrise" sowie auf vier Interimspräsidenten zwischen Dezember 2001 und Mai 2003. Lula da Silva löste in Brasilien Fernando Henrique Cardoso (von der Partido da Social Democracia Brasileira, PSDB) in der Präsidentschaft ab, der zwei aufeinanderfolgende Amtszeiten lang mit relativ großem Erfolg regiert hatte.

Zweitens verlieh die jeweilige parteipolitische Zugehörigkeit der siegreichen Kandidaten den Wahlerfolgen jeweils unterschiedliche Bedeutung: Mit dem Peronisten Kirchner kam eine der zwei traditionellen argentinischen Regierungsparteien,[8] Partido Justicialista (PJ), wieder an die Macht, die zuletzt von 1989 und 1999 mit Carlos Menem die Präsidentschaft inne gehabt hatte. Mit dem Gewerkschaftler Lula da Silva gelang es der Partido dos Trabalhadores (PT), einer typischen Oppositionspartei, zum ersten Mal seit ihrer Gründung im Jahr 1979, Regierungsverantwortung zu übernehmen.

Drittens lässt sich die von Kirchner und Lula da Silva betriebene Politik hinsichtlich des Grades an Kontinuität und Wandel zu den Vorgängerregierungen jeweils anders einordnen: Kirchner setzte sich an die Spitze einer linksorientierten Strömung innerhalb des Peronismus, die sich vom neoliberalen Kurs der Regierung Menem abwendete und die Partei als Repräsentant nationaler und populärer Interessen neu ausrichtete.[9] Lula da Silva, der den Wandel ungleich stärker verkörperte, bewegte seine Partei - im Rahmen einer breiten und heterogenen Regierungskoalition - jedoch in die Mitte des ideologischen Spektrums und setzte in zahlreichen Politikfeldern die Leitlinien Cardosos fort. Erfolgreich waren beide Politiker insofern, als Kirchner für die Wahl seiner Frau Cristina Fernández de Kirchner zu seiner Nachfolgerin und Lula da Silva für die eigene Wiederwahl sorgten.


Fußnoten

1.
Definition des argentinischen Komponisten Enrique Santos Discépolo (1901-1951).
2.
So betitelte Stefan Zweig 1941 sein Buch über Brasilien.
3.
Ich verdanke diese treffende Formulierung Hanna Augustynowicz.
4.
Vgl. Karl Rohe, Politische Kultur: Zum Verständnis eines theoretischen Konzepts, in: Oskar Niedermayer/Klaus von Beyme (Hrsg.), Politische Kultur in Ost- und Westdeutschland, Berlin 1994, S. 5.
5.
Vgl. Alejandro Grimson (Hrsg.), Pasiones Nacionales. Política y cultura en Brasil y Argentina, Buenos Aires 2007.
6.
Wenn nicht anders angemerkt, stammen sämtliche Daten zu den Einstellungen von Bürgerinnen und Bürgern in Lateinamerika (darunter auch in Argentinien und Brasilien) aus den Berichten der Corporación Latinobarómetro, die unter www.latinobarometro.org online eingesehen werden können. Latinobarómetro aggregiert die Daten folgender Länder: Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Dominikanische Republik, Ecuador, El Salvador, Guatemala, Honduras, Kolumbien, Mexiko, Nicaragua, Panama, Paraguay, Peru, Uruguay und Venezuela.
7.
Wenn nicht anders angemerkt, stammen die ökonomischen und sozialen Indikatoren aus Comisión Económica para América Latina, Anuario estadístico 2009, die auf www.eclac.org online verfügbar sind.
8.
Bei UCR und PJ handelt es sich insofern um Regierungsparteien, als aus kompetitiven Wahlen stets ein Präsidentschaftskandidat von einer der beiden Parteien siegreich hervorging.
9.
Vgl. Marcos Novaro, Izquierda y populismo en Argentina: del fracaso del Frepaso a las incógnitas del kirchnerismo, in: Pedro Pérez Herrero (Hrsg.), La izquierda en América Latina, Madrid, 2006, S. 117.

 

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