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Bolivien: Vom Zusammenstoß zum Dialog der Kulturen?


19.11.2007
In Bolivien wird über die Zukunft des Landes so breit und intensiv gestritten wie niemals zuvor. Zum ersten Mal sind an diesen Gesprächen alle gesellschaftlichen Gruppen beteiligt - auch Soziale Bewegungen.

Koka-Bäuerinnen protestieren in Chimore, Bolivien, gegen das Koka-Anbauverbot.Koka-Bäuerinnen protestieren in Chimore, Bolivien, gegen das Koka-Anbauverbot. (© AP)
Die Wahlen vom 18. Dezember 2005 brachten einen politischen Erdrutsch. Zum ersten Mal seit 500 Jahren steht ein "Indio" an der Spitze des Staates: Präsident Evo Morales Ayma aus dem Volk der Aymara. Aufgewachsen in ärmsten Verhältnissen und ohne höhere Bildung war Morales´ wichtigste Qualifikation die eines kampferprobten Führers der Kokabauern. Fragt man die Menschen auf dem Lande, warum sie ihn gewählt haben, so ist die häufigste Antwort: "Weil er einer von uns ist!"

Die Neuwahlen waren von einer Volksbewegung erzwungen worden, die zwei Präsidenten gestürzt hatte: "Goni" Sánchez de Lozada im Oktober 2003 sowie dessen Nachfolger Carlos D. Mesa im Mai 2005. Einer historischen Wahlbeteiligung von 84% folgte ein historisches Ergebnis: Mit 53,7% lag der Wahlsieger 25 Prozentpunkte vor dem zweiten. Morales versprach eine "Neugründung Boliviens". Einer Regierung der sozialen Bewegungen wolle er vorstehen.

Bolivien hat seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1825 mehr Regierungen erlebt als Jahre. Eine Volkserhebung hatte 1952 dem Wahlsieger MNR (Movimiento Nacionalista Revolucionario) an die Regierung geholfen und die vom Militär gestützte alte Oligarchie gestürzt. Die Minen wurden verstaatlicht, das allgemeine Wahlrecht eingeführt – erstmals auch für Frauen, Analphabeten und Arme - und im Rahmen einer Landreform das Land an jene verteilt "die es bebauen". Doch richtete sich diese Maßnahme nicht nur gegen den Großgrundbesitz, sondern auch gegen uralte Formen kollektiver dörflicher Organisation in den Anden. Auf der politischen Ebene stand nun der "freie Staatsbürger" dem andinen Kollektiv gegenüber. "Die Menschenrechte der Indios gelten erst, wenn sie aufhören Indios zu sein", formulierte die Soziologin Silvia Rivera Cusicanqui sarkastisch. Indes: Noch heute tagt vor den Wahlen (wie bei allen wichtigen Entscheidungen, die das Dorf betreffen) vielerorts der Ältestenrat um zu beschließen "wen wir wählen". Unter der Decke eines politischen Systems, das nach westlichem Muster gestrickt ist, besteht eine indianische Parallelwelt fort; vielfach missachtet oder als rückständig geschmäht. Eine oftmals un- oder missverstandene Kultur des Widerstands

Mit dem Bergbau als wichtigstem Wirtschaftssektor war der 1952 gegründete Gewerkschaftsbund COB um die Gewerkschaft der Minenarbeiter herum organisiert, die sich als trotzkistisch orientierte Speerspitze des Proletariats verstand und mit Streiks und machtvollen Demonstrationen selbst in der Zeit der Militärdiktaturen (1964-82) immer wieder Veto gegen bestimmte Maßnahmen einlegen konnte. Mit dem Zinnkrach von 1985 Jahre brach die staatliche Minengesellschaft COMIBOL zusammen. Tausende Bergarbeiter wurden entlassen. Die Streikwaffe wurde stumpf und die COB verlor an Bedeutung. Eine neoliberale Strukturanpassung nach dem Strickmuster des IWF zügelte die Inflation und öffnete die Märkte. Die ohnehin krisenhafte Landwirtschaft auf dem Altiplano war nun mit der Konkurrenz aus den klimatisch begünstigteren und höher technisierten Nachbarländern konfrontiert. Verarmte Bauern und entlassene Minenarbeiter folgten dem Nachfragesog nach Koka ins unerschlossene Tiefland des "Chapare" oder gingen in die Armutsgürtel der Städte.

Dort schwoll der informelle Sektor auf bis zu zwei Drittel der erwerbsfähigen Bevölkerung an. Man schlug sich irgendwie durch, zahlte keine Steuern, aber man organisierte sich: "Berufsgenossenschaften" und Nachbarschaftskomitees entstanden. Die bolivianische Gesellschaft ist in hohem Maße organisiert. In den neuen Kokaanbauzonen im subtropischen Regenwald gründeten sich sindicatos, um in Abwesenheit des Staates als lokale Selbstorganisation Gemeinschaftsaufgaben von der Rodung bis hin zur öffentlichen Sicherheit wahrzunehmen. Das erste Regierungsorgan, mit dem man dort Bekanntschaft machte, war die Drogenpolizei, die auf Druck der internationalen Gemeinschaft den Kokaanbau bekämpfte. Im Widerstand dagegen wurden die sindicatos der Kokabauern zu einer der bestorganisierten und machtvollsten Bewegungen der Zivilgesellschaft in Lateinamerika.

Bolivien wurde ab Mitte der 1980er Jahre zur formal stabilen Demokratie und zum Hätschelkind und Experimentierfeld der internationalen Entwicklungskooperation, die zuletzt jährlich zwischen 7 und 10% des Bruttoinlandsprodukts entsprach und nahezu 100% der öffentlichen Investitionen abdeckte. Wichtige strategische Weichenstellungen für das Land wurden im Ausland entworfen und von den Regierungen in La Paz exekutiert, was die Glaubwürdigkeit der Politik schmälerte und das Souveränitätstrauma verstärkte. An Armut und sozialer Ungleichheit änderte sich indessen wenig: Bolivien belegt Platz 117 beim Human Development Index der Vereinten Nationen und ist damit das Schlusslicht Südamerikas. 42% der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze von zwei USD pro Tag. Es herrscht zudem krasse Ungleichheit: Auf die ärmsten 10% der Bevölkerung entfallen 0,3% von Einkommen und Konsum, den reichsten 10% kommen 47% zu. Dabei verlaufen die Grenzen zwischen Arm und Reich weitgehend parallel zu denen der ethnisch-kulturellen Diskriminierung.

Die große Mehrheit der Bolivianerinnen und Bolivianer versteht sich als Indígenas. Kollektive Strukturen, deren Ursprünge bis weit vor die spanische Conquista reichen, lebten als Kultur des Widerstands in den sozialen Organisationen fort, wo sie sich mit sozialistischem Gedankengut vermengten. Der Niedergang der COB mit ihrem klassenkämpferischen Diskurs leitete eine Rückbesinnung auf die indianischen Wurzeln ein. Legendär wurde der Marsch der Tieflandindianer "für Land und Würde" im Jahr 1990. Aus den Reihen der 1979 gegründeten Kleinbauerngewerkschaft Confederación Sindical Única de Trabajadores Campesinos Bolivianos (CSUTCB) erwuchsen gar ethno-rassistische Tendenzen um Felípe Quispe, der eine nación aymara forderte, was zur Spaltung der CSUTCB führte. Quispe zog mit seiner Partei im Jahr 2002 immerhin mit 6% der Stimmen ins Parlament ein.


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