Ein Vocho am Zocalo von Mexiko Stadt
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Lasst uns doch in Ruhe arbeiten!


30.9.2010
Kinderarbeit gehört abgeschafft. Wirklich? In Bolivien kämpfen Kinder für ihr Recht auf Arbeit, um ihre Eltern zu unterstützen. Sie fordern eine Krankenversicherung, fairen Lohn, schulkompatible Arbeitszeiten. Ein Besuch.

La Paz, Bolivien: Ein 11-jähriger Junge verstaut seine Werkzeuge, mit denen er Passanten die Schuhe putzt. Nach Schätzungen von UNICEF arbeiten in Bolivien circa 800.000 Kinder.La Paz, Bolivien: Ein 11-jähriger Junge verstaut seine Werkzeuge, mit denen er Passanten die Schuhe putzt. Nach Schätzungen von UNICEF arbeiten in Bolivien circa 800.000 Kinder. (© AP)
Das Nicken des Busfahrers ist kaum zu erkennen. Der zwölfjährige Guido springt auf, lehnt sich in die geöffnete Tür, ruft die Haltestellen aus: "3 de Mayo, Villa Fátima!" Wie ein Marktschreier, laut, immer wieder. Frauen in traditioneller Kleidung, mit kleinen runden Hüten, dunklen Zöpfen und mehrschichtigen Röcken, Babys auf dem Arm, zwängen sich an Guido vorbei in das Innere Busses. Auf den Gehsteigen putzen Kinder Schuhe.

Kinder, immer wieder Kinder: Sie verkaufen Bonbons, Eis, Kaugummi. Mehr als 800.000 der etwa 4,1 Millionen Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren arbeiten in Bolivien, dem ärmsten Land Südamerikas, nördlich von Argentinien gelegen und südöstlich von Peru. Das Ausrufen der Bushaltestellen ist ein typischer Kinderjob, wie viele andere Dienstleistungen auch. Das sind die Sichtbaren. Dazu kommen die, die keiner sieht: die Hausmädchen. Die, die in Werkstätten arbeiten, auf dem Land bei der Zuckerrohrernte, in den Minen in den Bergen.

Guido hat die kurzen Haare ordentlich nach hinten gekämmt, rattert routiniert die Namen der Haltestellen herunter. Erst als jeder Platz im Wagen besetzt ist, gibt der Fahrer dem Jungen eine Münze, 50 Centavos, das sind fünf Euro-Cent. Guido springt ab, drängt sich zwischen rußenden Auspuffen hindurch, sucht den nächsten leeren Bus, in dessen Tür noch kein Ausrufer steht und der ohne Fahrgäste um die Platzmitte kreist. Backsteinbauten umgeben den wuseligen Platz in El Alto, einer rund eine Million Einwohner zählenden Stadt auf 4.100 Meter Höhe. Ein Internetcafé, eine Zahnarztpraxis mit ergrauten Vorhängen, Restaurants, aus denen es nach fettigem Hühnchen riecht. Reiche Leute wohnen woanders.

Obwohl Kinderarbeit in vielen Ländern per nationaler Gesetzgebung verboten ist und nahezu alle Staaten der Welt die UN-Kinderrechtskonvention ratifiziert haben, arbeiten nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO weltweit etwa 306 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 17 Jahren, von denen 215 Millionen unter die Definition "Kinderarbeiter" fallen. Die meisten sind in der Landwirtschaft, in Fabriken oder als Straßenverkäufer, ohne Arbeitsvertrag tätig. In Deutschland und anderen westlichen Industrieländern gilt Kinderarbeit als eine humanitäre Katastrophe – und das oft zu Recht. Schließlich arbeiten Millionen von Kindern unter erbärmlichsten Bedingungen, nicht selten, damit wir billige Jeans und Computer kaufen können. Für einen Hungerlohn ruinieren sie ihre Gesundheit.

Das ist die eine Seite. Es gibt aber noch eine andere: Zu der gehören arbeitende Kinder in Asien, Afrika und Lateinamerika, die sich organisieren und gegen gut gemeinte Gesetze sträuben: "Eure Verbote helfen uns nicht", sagen sie und fordern Sicherheit am Arbeitsplatz, eine Krankenversicherung, schulkompatible Arbeitszeiten. Man kann sagen: Sie kämpfen für ihr Recht auf Arbeit.

Guido schüttelt den Kopf: "Meine Mutter ist eine gute Mutter. Verbietet doch zuerst den Hunger und die Armut, danach die Kinderarbeit!" Er stammt von den Aymara-Indianern im Hochland Boliviens ab. Seit Evo Morales 2006 zum Staatspräsidenten von Bolivien gewählt wurde, sind die Aymara stolz. Der Präsident ist einer von ihnen. Auch Morales hat als Kind gearbeitet. In der Kultur der indigenen Völker Boliviens übernehmen Kinder früh Verantwortung, gelten von Anfang an als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft. Ein 11-Jähriger wurde Bürgermeister einer 5.000-Einwohner-Gemeinde.

Guido hat sich den NATs angeschlossen, das sind die Niños, Niñas y Adolescentes Trabajadores, arbeitende Kinder und Jugendliche. Schon seit Ende der siebziger Jahre organisieren sich Kinder in Lateinamerika; mittlerweile gibt es Zusammenschlüsse arbeitender Kinder in weltweit mehr als 30 Ländern. In Gambia, Senegal, Burkina Faso, Mexiko, Niger, der Mongolei – überall treffen sich die Kinder und stellen Forderungen. In Lateinamerika ist die Bewegung besonders stark, in Peru gehören etwa 14.000 Kinder verschiedenen NATs-Gruppen an. In Indien managen Straßenkinder sogar eine von einer Hilfsorganisation initiierte Kinderbank. Damit auch ein Kind, das auf der Straße lebt, ein Konto haben und Geld sparen kann für die Zukunft.

"Schau, acht Bolivianos hab ich schon", ruft Guido nach etwas mehr als einer Stunde. Er strahlt, zeigt die leichten, silbermatt glänzenden Münzen in der offenen Handfläche, ein Kilo Hühnchen gibt es für 12 Bolivianos (circa 1,30 Euro), Busfahren kostet einen. "Das geb ich alles meiner Mama!" "Fast alles", hätte er sagen sollen. Denn bevor es nach Hause geht, wirft er 50 Centavos in einen der Automaten der Spielothek am Platz. Eine Runde Video-Fußball, das muss sein.

Die internationale Arbeitsorganisation ILO, die sich weltweit gegen Kinderarbeit einsetzt, kümmert sich vor allem um abhängig beschäftigte Kinder. Angestellte, sozusagen. Aber das ist nur ein kleiner Teil der arbeitenden Kinder. Die meisten sind "selbstständig", so wie Guido. Sein Vater ist vor acht Jahren gestorben, seitdem ist er der Mann im Haus.



 

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