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Fidel Castro und die Geschichte Kubas

8.1.2008

Die Zucker-Elite



Bis 1933 bildeten sich Regierungen meist aus hohen weißen Offizieren des Unabhängigkeitskrieges, die trotz nationalistischer Diskurse und Wahlkämpfe die Vorherrschaft der USA und des Zuckersektors akzeptierten. Das führte 1933 bis 1936 zu einer Massenrevolution, die nur mit Hilfe eines populistischen Militärs aus den farbigen Unterklassen, Fulgencio Batista, abgewürgt und wiederum in ein populistisches Regierungs- und Staatssystem kanalisiert werden konnte, das zwischen relativ demokratischen Maßnahmen (Verfassung von 1940, vor allem unter Einfluss des Kampfes der Anti-Hitlerkoalition) und offener Diktatur (Batista 1953 bis 1958, auch unter Eindruck der Modernisierungskrise der Zuckerwirtschaft) schwankte. All diese Widersprüche und den nichteingelösten Triumpf von 1898 machte sich eine Gruppe um den jungen Rechtsanwalt aus der Oberschicht, Fidel Castro, zunutze, der sowohl - wegen des Kosmopolitismus der Oberschichtenausbildung - unter Einfluss des modernsten Gesellschaftsdenkens seiner Zeit, den Erzählungen der kubanischen Unterschichtengeschichte, wie auch unter dem Einfluss jesuitischer Soziallehren stand. Über die Stationen 1953 (Angriff auf die Moncada-Kaserne), 1956 bis 1958 (Guerrillakrieg mit Sieg gegen Batista und Übernahme von Macht und Regierung 1959) bis 1961 (Invasion in der Schweinebucht) und 1962 (Raketenkrise zwischen USA und UdSSR um Kuba) führte Castro das Land auf antikapitalistische, antiimperialistische Positionen, die nach einigen Jahren der Krisen (1961 bis 1971) zur Bildung des ersten Sozialstaates in Lateinamerika führte. Die radikale Gleichheitsideologie, meist falsch nur unter dem Kürzel "Marxismus-Leninismus" zusammengefasst (das Gleichheitsstreben hat vor allem historisch und interne Ursachen), führte bis 1970 zum Abbruch jeglicher formaler Elemente von Marktwirtschaft; Schwarzmärkte existieren seit etwa 1962, parallel zur Vergabe von Nahrungsmittel-Bezugsheften (libreta). Der kubanische Sozialstaat konnte mit der Extraarbeit seiner Bürger, der Hilfe der UdSSR und des realsozialistischen Lagers (vor allem DDR und CSSR) finanziert und mit Hilfe eines real existierenden Schwarzmarktes im Innern aufrecht erhalten werden. Kuba wurde zu einem Ausnahmefall. Das Land übte Solidarität mit anderen Befreiungsbewegungen und Ländern und versuchte eine Zeit lang, das "kubanische Revolutionsmodell" zu exportieren (Guerillas u.a. in Venezuela, Kongo und Tod Che Guevaras im Oktober 1967 in Bolivien) und wurde Führungsmacht der Nichtpaktgebundenenbewegung. Zwischen 1970 und 1986 war Kuba mit seinem Sozialsystem, seiner Alphabetisierung, dem Verhältnis zwischen urbanem und ruralem Bereich sowie seinem Bildungs- und Gesundheitswesen das Modell für Lateinamerika und Staaten der Dritten Welt. Seit 1979 griff Kuba massiv (und nicht nur militärisch) auch in den Kampf um die Unabhängigkeit Angolas ein und setzte somit eine Süd-Süd-Operation in Gang, die sich nicht einmal solche lateinamerikanischen Riesenländer wie Argentinien, Brasilien oder Mexiko gewagt haben. Castro war geachtet bei Freund und Feind; letzteres brachte ihm ca. 30 Attentatsversuche ein, die er alle überlebte, auch dank eines sehr effizienten Geheimdienstes.

Minister der Regierungen und das Führungspersonal Kubas haben in den Jahren seit 1959 häufig gewechselt; die bestimmende Figur in der Politik des Landes, vor allem in der Außenpolitik blieb immer Fidel Castro, der seit 1976 zwar alle Ämter und Titel vereinigte, aber sich mit Charisma, sehr gutem Wissen und dem Mythos des ewigen Guerilleros immer am Rande der Institutionen und der Partei hielt. Kuba besitzt, nachdem in den Sechzigerjahren viel experimentiert worden war, alle Elemente eines modernen Staates, aber außer den Castros kaum politische Akteure. Das politische System Kubas ist durch das Ein-Parteiensystem des PCC geprägt; Gewerkschaften und ihr Dachverband, die Central de Trabajadores Cubanos (CTC) sowie eine Reihe von Organisationen (von der Frauenföderation – Federación de Mujeres Cubanas, FMC, über den Studentenverband bis zum Künstler- und Schriftstellerverband – Unión de Artistas y Escritores Cubanos, UNEAC) sind politisch eingebunden, repräsentieren aber unterschiedliche Interessen. Oppositionelle stehen unter dem Dauerdruck der Verfolgung im Innern und der Instrumentalisierung von Außen. Die Kandidatenaufstellung für die periodischen Wahlen werden durch die CDR (Comités de Defensa de la Revolución = Komitees zur Verteidigung der Revolution; Überwachungskomitees auf Nachbarschaftsbasis) kontrolliert, die wiederum unter Kontrolle der Einheitspartei PCC, deren Erster Sekretär Fidel Castro ist und heute in seiner Vertretung Raúl Castro. Parlament sowie Minister- und Staatsrat (Asamblea Popular, Consejo de Ministros und Consejo del Estado) sind mit handverlesenen Parteimitgliedern und (sehr wenigen) Parteilosen besetzt, ebenso wie die Provinzsekretäre des PCC. Regierung, diplomatisches Chor und hohe Posten in Armee, Polizei, Geheimdienst und anderen bewaffneten Organen werden immer von Fidel Castro, meist aber von Raúl Castro selbst besetzt; im Zweifelsfall entschied Fidel Castro auch alleine. Seit den Achtzigerjahren gewann Fidel Castros jüngerer Bruder Raúl mehr und mehr an Einfluss als Armeechef, zweiter Mann und Quasi-Personalchef in diesem System, so dass alle fidelistas zugleich auch "raulistas" sind, vor allem in der Armee und im Geheimdienst. Etwa 25 Prozent der Bevölkerung auf Kuba sind dem harten Kern des Systems zuzurechnen, sei es durch Überzeugung, Tradition, Antikapitalismus, Ämter, Klientelismus oder Familienbande.

Touristen beobachten Mitglieder der Konferenz der Bischöfe Lateinamerikas (CELAM) vor der Kathedrale in Havanna im Juli 2007.Touristen beobachten Mitglieder der Konferenz der Bischöfe Lateinamerikas (CELAM) vor der Kathedrale in Havanna im Juli 2007. (© AP)
Kuba befindet sich seit Zusammenbruch der Sowjetunion und anderer sozialistischer Länder des Ostblocks in einer lang anhaltenden Krise, die bisher trotz des Versuchs einer Reform im Sozialismus (vor allem 1993 bis 2000), nicht überwunden werden konnte. Die Zuckerindustrie ist seit Ende des 20. Jahrhunderts zusammengebrochen und konnte auch durch die Schließung vieler unrentabler Zuckercentrales (seit 2001) nicht wiederbelebt werden. Die offiziell vorherrschende katholische Kirche hat sich seit 1963 notgedrungen mit der kubanischen Regierung arrangiert und agiert vor allem im sozialen Bereich. Die Amtskirche galt immer als Oberschichteninstitution; heute haben die Amtskirchen – weil sie die einzigen Institutionen sind, die nicht vollständig von der Regierung kontrolliert werden können – wahrscheinlich mehr wirklichen Einfluss auf die Gesellschaft als jemals in der Geschichte der Landes. Auf Kuba gab und gibt es deshalb eine Reihe von afro-kubanischen Religionen, die wichtigsten sind Santería, Palo Monte und Vudú, und eine Vielzahl protestantischer Kirchen, die vor 1962 vor allem das Schulwesen prägten (heute vor allem pentecostales - Pfingstler).

Nahrungsmittelproduktion, Versorgung mit Waren des täglichen Bedarfs und Dienstleistungen funktionieren sehr schlecht, was auch der Blockade geschuldet ist, seit 2000 aber vor allem der Tatsache, dass die Reformen im Sozialismus abgebrochen wurden und eine neue Runde der Zentralisierung sowie Monopolisierung durch Staatsunternehmen eingesetzt hat; nicht zuletzt durch Ersetzung des Dollars durch den peso convertible cubano (CuC) 2005. Die meisten funktionierenden Wirtschaftsunternehmen und Joint Ventures stehen unter Kontrolle der Armee und des Innenministeriums. Beim Abbruch der Reformen haben die neuen Beziehungen zu Venezuela (vor allem seit 2003) eine wichtige Rolle gespielt; Venezuela versorgt Kuba mit Rohöl gegen Dienstleistungen, Ärzte und Ausbildung. Für etwa 75 Prozent der Bevölkerung Kubas spielt die historische Meistererzählung (wie sie oben knapp im historischen Abriss dargestellt wurde) zwar noch eine Rolle für ihre Identität, aber wirtschaftliche und soziale Probleme sowie interne Dauerpropaganda über revolutionäre Moral und revolución zerstören Nationalstolz, alltägliche Widerstandskraft und Identität mehr und mehr). Für die Masse der Bevölkerung, vor allem außerhalb Havannas, spielen die realen sozialen Probleme (Wohnungsfrage insbesondere für junge Leute, Nahrungsmittel, Dienstleistungen, Strom, mittlerweile auch Ärztemangel, weil diese im Ausland praktizieren, Konsum, etc.) die größte Rolle; allerdings fürchten sie angesichts der harten offiziellen Haltung der USA und der Dauerpropaganda Veränderungen noch mehr. Außerhalb Kubas, vor allem in Lateinamerika, ist mit dem Linksrutsch der jüngsten Jahre der Mythos von Fidel Castro und Castro-Kuba eher noch gewachsen.


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