Ein Vocho am Zocalo von Mexiko Stadt
1 | 2 Pfeil rechts

Der Kampf um Pascua Lama


26.6.2008
Die Inbetriebnahme der Gold- und Silbermine Pascua Lama an der argentinisch-chilenischen Grenze ist heftig umstritten. Soziale Bewegungen kämpfen gegen die befürchteten Umweltbelastungen und sozialen Folgen des Minenbetriebs. Besondere Schwierigkeiten gibt es, Gehör bei den zuständigen Behörden zu finden.

Protest gegen die Mine in Pascua LamaProtest gegen die Mine in Pascua Lama
Über 500 Menschen versammelten sich am 22. April dieses Jahres auf der Plaza de Armas in Santiago de Chile zur Abschlussveranstaltung der Kampagne Súmate Contra Pascua Lama. Nach einer einleitenden Schweigeminute tanzten die Demonstranten einen "Carnaval" als Sinnbild des Lebens. Mit brennenden Kerzen gingen hunderte von schwarz gekleideten Personen schweigend hinter einem Sarg durch die Fußgängerzone der Innenstadt, um so ihre Kritik an dem Bergbauprojekt der kanadischen Bergbaufirma Barrick Gold Corporation auszudrücken. (radiomundoreal.fm, 29.4.2008)

Zu dem Protest hatte die Gruppe Mapuche Tun aufgerufen. Die weltweite Kampagne gegen Pascua Lama hatte am 22. März, dem internationalen "Tag des Wassers" begonnen. Einen Monat lang wurden Dutzende von Veranstaltungen u. a. in Argentinien, Kolumbien, Uruguay, Kanada, USA, Ecuador, Guatemala, Spanien, Italien, Deutschland, Frankreich, England, Indien und Australien durchgeführt, die unter www.sumacontrapascualama.blogspot.com (spanisch) nachgelesen werden können.

Pascua Lama ist das erste gemeinsame argentinisch-chilenische Bergbauprojekt und dürfte wohl das Größte seiner Art in Lateinamerika sein (weitere Informationen auf der Website von des Minenbetreibers Barrick, spanisch). Die Gold- und Silbervorkommen liegen in den Anden, ganz in der Nähe von Veladero, einer in der argentinischen Provinz San Juan gelegenen Gold- und Silbermine der Firma Barrick Gold, die im Oktober 2005 die Produktion aufgenommen hat.

Pascua Lama-Veladero liegt im "Distrito Frontera", einem argentinisch-chilenischem Grenzgebiet. Die Projekte werden von der Firma Nevada Ltda. in Chile y Barrick Producciones Argentina S. A., beides Tochtergesellschaften von Barrick durchgeführt. Bei Pascua Lama geht es um den Bau einer Gold-, Silber- und Kupfermine in einer halbtrockenen Andenregion, in ca. 5.000 m Höhe über dem Meeresspiegel.

Auf argentinischer Seite liegt das Projekt am Ursprung des Beckens Valle del Cura und erstreckt sich über Gebiete des Biosphärenreservats San Guillermo. Auf chilenischer Seite umfasst es den Ursprung des Huayco-Tals, dem die Flüsse entspringen und die sich durch ein weitläufiges Landwirtschaftsgebiet ziehen. Das Projekt grenzt zudem an die Wüste von Atacama, einem der trockensten Gebiete der Welt und erstreckt sich auf Teile des Territoriums des Diaguita-Stammes. Die in Pascua Lama-Veladero im Zusammenhang mit dem Projekt durchgeführten Bauarbeiten betreffen 70.000 Chilenen und 24.000 Argentinier und wirken sich direkt auf die Gletscher aus, die die wichtigsten Wasserquellen einer großen Region sind.

Zwar hat der Bau der Mine Pascua Lama selbst noch gar nicht begonnen, doch haben die Schürf- und Explorationsarbeiten bereits die Gletscher beschädigt. Nach einem Bericht der Nationalen Wasserdirektion von Chile ist das Volumen der Gletscher Toro I und Toro II zwischen 1981 und 2006 um 50 bis 70% zurückgegangen. Der auf argentinischer Seite gelegene Gletscher Coconta wurde zerstört, um die Auffahrt zu dem Minenkomplex zu bauen. Die Stiftung Unabhängige Bürger von San Juan (Fundación de Ciudadanos Independientes de San Juan – San Juan ist die argentinischen Provinz, in der Pascua Lama-Veladero liegt) - erklärte, dass für den Bau der Straße der Gletscher zweigeteilt und das Ökosystem entsprechend beschädigt wurde. (OLCA Observatorio Latinoamericano de Conflictos Ambientales, spanisch)

Die Widerstandsbewegung gegen das Projekt erstarkte nach dem bekannt wurde, dass die Firma falsche Angaben gemacht hatte. So hatte Barrick Gold in der ersten 2001 in Chile vorgelegten Umweltverträglichkeitsstudie verheimlicht, dass die Vorkommen unter den drei Gletschern liegen. Es war die Gemeinde von Valle de Hausco, die auf die Falschaussage aufmerksam machte. Als die Regierung Chiles von Barrick einen "Plan zur Bewirtschaftung der Gletscher" forderte, kündigte das multinationale Unternehmen an, es "plane 24 Hektar Gletscher, zwei Kilometer unter Einsatz großer Mengen von Maschinen und Sprengstoff zu versetzen", heißt es in dem Bericht von FOCO. Auf Grund der allgemeinen Empörung, die dieses Vorhaben auslöste, verbot die Regierung Barrick die Gletscher zu versetzen oder auf sie einzuwirken.

Nach Angaben des Lateinamerikanischen Observatoriums für Umweltkonflikte (Observatorio Latinoamericano de Conflictos Ambientales - OLCA (spanisch) wird Pascua Lama 370 Liter Wasser pro Sekunde verbrauchen, was den Druck auf eine von ständigen Dürreperioden heimgesuchte Zone weiter erhöhen dürfte. Darüber hinaus ist das Unternehmen von Gebühren auf den Wasserverbrauch befreit. Die Qualität des Wassers wird durch das zur Trennung des Goldes von dem Felsen eingesetzte Zyanid verschlechtert. Große Mengen von Staub, die Blei-, Arsen-, Uran-, Chrom-, Zink-, Asbest-, Quecksilber-, Kobalt- und Manganpartikeln enthalten, werden aufgewirbelt. Die Absetzung dieser Partikeln auf den Gletschern beschleunigt zudem ihr Abschmelzen. Tonnen von giftigen Abfällen werden den Boden und das Grundwasser verseuchen.

Um eine Unze Gold fördern zu können, werden 79 Tonnen Abfälle produziert. In Pascua Lama sollen 23 Jahre lang pro Tag 45.000 Tonnen Felsen gesprengt werden. In dieser Zeit werden in die Mine allein monatlich 27 Laster mit Zyanid und 200 Laster mit Sprengstoff fahren. Dem Bericht von Corpwatch zufolge sind "bereits über 50 Arbeiter unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen, über die keine Informationen zur Verfügung stehen". (März 2007 corpwatch.org ) Die körperlichen Anstrengungen, die eine Arbeit in 5.000 Meter Höhe erfordert, schwächen die Widerstandsfähigkeit der Mitarbeiter. Berichten von FOCO und anderer Organisationen zu Folge hat es mehr Todesfälle gegeben, als die Unternehmen angegeben haben. Die Todesfälle konnten allerdings nicht bestätigt werden, auch weil es in den von Barrick kontrollierten Gebieten schwierig ist, eine Gewerkschaft zu gründen und die Firma ihre Angestellten zum Schweigen verpflichtet.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Aneignung des Territoriums, die es dem Unternehmen de facto ermöglicht, sich über die in der Region geltenden gesetzlichen Bestimmungen hinwegzusetzen. In der Tat hat das Unternehmen in dem 3.041 qkm umfassenden "Distrito Frontera", in dem Pascua Lama und Veladero liegen, einen 5.600 Meter langen Tunnel gebaut. Der beinahe vier Meter hohe und genauso breite Tunnel verbindet Argentinien mit Chile. Das Unternehmen kann so Rohstoffe, Maschinen und andere Betriebsmittel für den Erzabbau transportieren und die Erze über den Pazifik auf den Weltmarkt bringen. Dieser die beiden Länder verbindende Tunnel sieht keine Zollstation und keine Grenzkontrolle vor, wie es die Gesetzgebungen beider Länder erfordern. Damit wird ein hoheitsfreier Raum geschaffen, ein "virtuelles Land" wie es Umweltschützer ausdrücken, was weder von dem chilenischen noch dem argentinischen Staat kontrolliert wird, sondern allein dem multinationalen Unternehmen selbst untersteht. ("El oro o la vida", Zeitschrift Lavaca Nr. 7, August 2007)

Für Barrick Gold werden enorme Gewinne erwartet, da das Unternehmen nur sehr geringe Abgaben zu entrichten hat, nämlich 5% in Chile und 3% in Argentinien. Das Projekt Pascua Lama soll nur der erste Schritt in einer Reihe von Bergbauinitiativen in den Anden sein. Begünstigt werden diese Projekte durch das 1997 zwischen Argentinien und Chile geschlossene Abkommen zur Integration und Ergänzung der Bergbauindustrie (Tratado de Integración y Complementación Minera entre Argentina y Chile).

Nicht überall stößt das Engagement von Barrick Gold auf Begeisterung. Kritik will das Unternehmen durch eine intensive Medienkampagne sowie Schenkungen an Schulen und Krankenhäuser begegnen. Auch die extreme Armut, in der ein großer Teil der Bevölkerung lebt, schwächt den Widerstand. Die Menschen sehen in den Minen eine Möglichkeit, ihr Einkommen zu verbessern. Die Regierungen beider Länder stehen weitgehend geschlossen hinter den Bergbauprojekten. Gegner des Bergbaus in Pascua Lama finden sich in chilenischen und argentinischen Gemeinden sowie bei Bauern, Indigenen, NGOs, Kirchen und selbst einberufenen Einwohner der Gemeinden.

Protest gegen die Mine in Pascua LamaProtest gegen die Mine in Pascua Lama
Die erste Demonstration gegen Pascua Lama in Chile fand in Vallenar, einer Stadt mit 48.000 Einwohnern, am Ostermontag 2005 statt. Dem ersten Aufruf folgten nur 500 Personen. Am 4. Juni des gleichen Jahres kam es zu einer zweiten Demonstration, an der sich bereits 4.000 Menschen beteiligten. Eine der Initiatorinnen des Protestes ist die spanisch katholische Schwester Ana María Martinez der Kongretation Misioneras de Jesús, María y José. "Nach dem Protestmarsch hat sich Barrick die Gewissen der Menschen gekauft", erklärt Schwester Ana María Martinez die Tatsache, dass es nach 2005 stiller um die Minen geworden ist. Pater Guido Castagna, Pfarrer von Vallener, bestätigt die Ansicht der Nonne: "Barrick hat sich Unterstützung erkauft, hat den Menschen 60 Millionen Dollar geboten, sagt ihnen aber nicht, dass das Unternehmen 11 Milliarden Dollar Gewinn erwartet". Dem multinationalen Unternehmen ist es kürzlich auch gelungen die Bewegung zu spalten. Das Aufsichtsgremium des Rio Huasko, das sich noch vor wenigen Monaten gegen Pascua Lama ausgesprochen hat, hat nach einer entsprechenden Schenkung heute keine Einwände mehr. (Alejandra Carmona und José Miguel Jaque, "La cruzada verde de la Iglesia", La Nación, 27. April 2008)

In der kleinen, auf argentinischer Seite gelegenen, Ortschaft Jáchal mit 11.000 Einwohnern ist allein schon das Anbringen eines Schildes gegen Pascua Lama eine Straftat. Am 25. Juni 2007 feierte die Stadt ihren 256. Geburtstag mit einem Schüleraufmarsch, zu dem der Gouverneur der Provinz und Vertreter von Barrick geladen waren. Die Mitglieder der Asamblea del Agua hielten ein Schild mit der Inschrift "San Juan kann ohne Gold, aber nicht ohne Wasser leben" hoch. Sie wurden unmittelbar von der Polizei umringt, die ihnen das Schild wegnahm und sieben aktive Mitglieder verhaftete. Die gesetzlichen Bestimmungen der Provinz ahnden jeden öffentlichen Protest gegen die Bergwerke mit Bußgeldern und Arrest bis zu 30 Tagen. ( Zeitschrift Mu, Buenos Aires, Nr. 2, September 2007)

An der "Asamblea del Agua" beteiligen sich auch das Bauernkollektiv Familias Rurales, die Gruppe Madres Jachalleras, Sekundarschüler und Mitglieder verschiedener politischer Gruppierungen. Es handelt sich um rund 100 Personen, die gegen eine durch die Schenkungen der Firma als auch durch die Hoffnung der Bewohner auf einen Job entstandene Isolierung ankämpfen. "Wir versuchen in den Schulen Aufklärungsvorträge zu halten, dürfen aber nicht immer in die Klassen, weil die Schulen "Geschenke" von Barrick erhalten", erklärten Mitglieder der Asamblea del Agua der Zeitung Mu gegenüber. Sie sind dem Verband Unión de Asambleas Ciudadanas angeschlossen und haben Kontakte zu chilenischen Umweltschutzgruppen.

Die herausragende Rolle der Kirche in Chile ist kein Zufall. Zwar gibt es mehrere Umweltschutzorganisationen, soziale Organisationen, indigene Gruppierungen und über tausend Bauern, die sich für den Erhalt des Huasco-Tal einsetzen, doch ist in dem von Sozialdemokraten regierten Land die Repression größer als in Argentinien. Es ist üblich, dass die chilenische Polizei, die Carabineros, militante Mitglieder vor einer Protestaktion oder einer Straßenblockade festnimmt. Auch deswegen dürfte der Bischof von Aysén, einer Stadt von 91.000 Einwohnern in Patagonien, seine Predigt gegen Pascua Lama mit einem Pastoralen Brief eingeleitet haben, den er "Aysén: Wasser und Leben" titulierte. (Alejandra Carmona und José Miguel Jaque, "La cruzada verde de la Iglesia", La Nación, 27. April 2008)

Bischof Luis Infanti formulierte darin 15 simple Fragen und erhielt in zwei Wochen 5.000 Antworten. Angespornt von der 2007 in Aparecida, Brasilien, durchgeführten V. Konferenz des Lateinamerikanischen Episkopats, hat sich die chilenische Kirche vorgenommen, sich für den Erhalt der Umwelt zu engagieren. Vor zwei Monaten wurde in dem ebenfalls im Süden gelegenen Villarrica eine Umweltschutzinitiative gegründet. Deren Ziel ist es, die Inbetriebnahme von Pascua Lama zu verhindern, sowie auf die Umweltproblematik und die sozialen Folgen aufmerksam zu machen, die die Wasserkraftwerke und die Papierfabriken verursachen. Veranstaltet werden Foren, Seminare und Straßenproteste, die von der Kirche initiiert werden.

Am 6. Mai organisierte die Konferenz der Ordensbrüder und Ordenschwester in Chile eine Gebets-Nachtwache gegen Pascua Lama. Umweltschutzgruppen führten einen Protestmarsch gegen das multinationale Unternehmen durch, das an diesem Tag sein 25-jähriges Bestehen feierte. Der 6. Mai ist von den Umweltschutzgruppen, die sich gegen Pascua Lama wehren, zum internationalen Tag gegen Barrick Gold erklärt worden. Im Aufruf wurde erklärt wie umweltschädigend der Bergbau ist. "Um 2 Gramm Gold zu gewinnen, wird eine Tonne Felsen umgewälzt", heißt es in dem Dokument "Leben und Wasser". Der Text der Ordensbrüder erinnert auch an Menschenrechtsverletzungen von Barrick Gold weltweit.

Das Beispiel der Bewohner von Peñas Negras – die bereits seit mehr als einem Jahr auf 1.800 Meter Höhe ihre Wache halten, spornt auch die Menschen an, die Widerstand gegen die Einrichtung der Mine Pascua Lama-Veladero leisten. Famatina ist ein Berg, auf dem Barrick Gold eine Gold- und Silbermine in der Provinz La Rioja ausbeuten möchte. Die Gemeinden der Gegend allerdings widersetzen sich dem Projekt und haben ein Verbot des Übertageabbau beim Parlament erwirkt, auch wenn der Gouverneur weiterhin sagt, die Bergbauunternehmen seien willkommen. Pascua Lama sollte ursprünglich im September 2007 in Betrieb genommen werden. Diskrepanzen zwischen den chilenischen und argentinischen Behörden über die zu erhebenden Steuern und der Widerstand aus den Gemeinden führten zu einer Verzögerung des Projekts.



 

Schwerpunkt

Olympische Spiele 2016 in Rio de Janeiro

2016 ist Brasilien Gastgeber des Megaevents Olympische Spiele. Das Land befindet sich in einer politischen Krise und das Ansehen der Spiele hat durch Dopingskandale gelitten. Wofür steht Sport und wie geht es dem größten Land Lateinamerikas? Weiter... 

Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 41-42/2010)


Die Linke in Lateinamerika

Bisherige Versuche, auf dem Subkontinent sozialistische Politik umzusetzen, sind am Widerstand der USA und an gravierenden Fehlern der reformistischen und revolutionären Regime gescheitert. Weiter...