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Bergbau in Lateinamerika


6.6.2008
Der Ausbau des großindustriellen Bergbaus in Lateinamerika weckt vermehrt Widerstand in der Bevölkerung der betroffenen Dorfgemeinschaften. Soziale Bewegungen engagieren sich gegen die großen internationalen Bergbaukonzerne. Wichtigste Basisorganisation ist dabei der Nationale Verband der vom Bergbau betroffenen Gemeinden in Peru CONACAMI.

Im Dezember 2007 machten sich hunderte von Bauern zu Fuß auf den 200 Kilometer langen Weg von Ayabaca nach Piura, um die Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses zu fordern.Im Dezember 2007 machten sich hunderte von Bauern zu Fuß auf den 200 Kilometer langen Weg von Ayabaca nach Piura, um die Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses zu fordern.
Lateinamerika hat sich zu einem wahren Eldorado für Bergbau-Investitionen entwickelt. Betrug der Anteil an den globalen Investitionen in diesem Sektor Anfang der 90er Jahre noch 12%, so ist er heute auf 35% gestiegen (Quelle: conflictosmineros.net). Entsprechend sind in Lateinamerika die Mineralienexporte stark gestiegen. Als problematisch erweisen sich dabei der offene Tagebau und die Anwendung chemischer Gewinnungsmethoden.

So wird im Goldabbau zum Beispiel Blausäuresalz (Zyanid) eingesetzt. Die in den 90er Jahren abgeschlossenen Verträge berücksichtigen weder die Umweltproblematik noch die sozialen Belange der in der Minenregion ansässigen Bevölkerung. Die Bergbauindustrie in Lateinamerika wird daher zunehmend zu einer sozialen und umweltpolitischen Zeitbombe.

Der Widerstand gegen die Bergbauindustrie nimmt zu



In den letzten Jahren ist es im gesamten lateinamerikanischen Andengebiet immer wieder zu Protestaktionen gegen den ungeregelten Abbau von Erzvorkommen im Tageabbau gekommen. So versammelten sich etwa am 23. März 2008 die Einwohner der im Süden Argentiniens gelegenen Ortschaft Esquel, um an die vor fünf Jahren abgehaltene Volksabstimmung zu erinnern. Damals hatten 80% der Bewohner gegen die Goldmine der Firma Meridain Gold gestimmt. Beinahe gleichzeitig jährte sich zum ersten Mal die Straßenblockade vor dem Bergwerk Famatina in der argtentinischen Provinz La Rioja, die der Firma Barrick Gold gehört. Um auf den über ein ganzes Jahr lang geleisteten Widerstand aufmerksam zu machen, blockierten Einwohner aus verschiedenen von Bergwerkprojekten betroffenen Ortschaften des Landes elf Stunden lang die Zufahrtsstraßen.

In Chile reichten am 19. März soziale Organisationen, die sich dem Milliardenprojekt Pascua Lama (eines der größten Goldvorkommen der Welt) widersetzen, bei den Gerichten von Santiago eine Nichtigkeitsklage gegen das Dekret 116 aus dem Jahre 2003 ein. Das Dekret wurde allein aus der Notwendigkeit der Bergbaufirma Barrick Gold erlassen, über eine "eigene" Zollstation in Pascua Lama zu verfügen. Am 2. April wurde in drei Provinzen Chiles (Azuay, Loja und Morona Santiago) ein Streik ausgerufen und die Annullierung der Bergwerkkonzessionen wegen Verfassungswidrigkeit gefordert. Unterstützt wurde der Streik von der landesweiten Koordination zur Verteidigung des Lebens und der Souveränität (Coordinadora Nacional por la Defensa de la Vida y la Soberanía): Agencia de los Pueblos en Pie, Ecuador, 3. April 2008. Während des Streiks kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Polizei und Heer, bei denen die Teilnehmer brutal auseinandergetrieben wurden. Zwanzig Demonstranten, darunter ein Priester und die Vorsitzende der Frauenvereinigung Frente de Mujeres, wurden festgenommen. Das Koordinationsbüro rief daraufhin zu einer nationalen Kundgebung gegen den Bergbau am 21. April auf. Die zeitgleich tagende Verfassungsgebende Versammlung könnte die vergebenen Bergbaukonzessionen für verfassungswidrig erklären.

Der Konflikt um den Bergbau zeigt inzwischen auch politische Auswirkungen. So war in Peru der Wahlkampf 2006 im Wesentlichen von der Diskussion um die Bergbaupolitik bestimmt. Rafael Correa, der im Januar 2007 die Regierungsgeschäfte in Ecuador übernommen hatte, warnte während seines Wahlkampfes vor einem drohenden sozialen Ausstand aufgrund der durch die Bergbaukonzessionen verursachten Konflikte. Nach der Amtsübernahme hat er sich allerdings wiederholt für die Bergbauprojekte ausgesprochen. Obwohl 40 Jahre Erdölförderung "ein gespaltenes Land hinterlassen haben, in dem die Kluft zwischen reich und arm afrikanische Ausmaße angenommen hat und gut 25% der Bevölkerung ausgewandert ist" - wie die konservative Zeitung El Comercio schreibt, hat Correa jüngstens versichert, Ecuador werde ein "Bergbauland" bleiben: Diario El Comercio, Quito, 29.3. 2008, S. 27.

Salvador Quishpe, Mitglied des Koordinierungsausschusses des Landesweiten Bündnisses zur Verteidigung der natürlichen Ressourcen (Coalición Nacional por la Defensa de los Recursos Naturales) von Ecuador, forderte Präsident Correa auf "sich entweder für das Volk und seine Souveränität oder für die kanadischen Unternehmen zu entscheiden". Boletín de Prensa de la Coalición Nacional por la Defensa de los Recursos Naturales, 7. April 2008. Die Frage des Bergbaus ist eines der Hauptprobleme, denen sich die Regierung eines Landes stellen muss, in dem die erstarkten sozialen Bewegungen bereits das Freihandelsabkommen mit den USA und mit mehreren multinationalen Erdölgesellschaften verhindert haben. Beim Aufruf zur Kundgebung am 21. April 2008 bezog Quishpe eindeutig Stellung: "Wenn uns der Staat und die Regierung nicht verteidigen, so werden wir uns selbst verteidigen, so wie wir es bereits im Zusammenhang mit der US-amerikanischen Erdölgesellschaft OXY und dem Freihandelsabkommen mit den USA getan haben. Selbst wenn wir deswegen ins Gefängnis müssen, werden wir nicht tatenlos zusehen, wie man uns ausraubt".

Die noch junge Bewegung gegen die Bergbauindustrie und den Tageabbau wächst auf dem ganzen Kontinent stetig. 2002 war die von den Bewohnern von Esquel (Argentinien) gegründete Vereinigung die erste überhaupt, die sich dem Bergbau widersetzte. Inzwischen haben sich auf dem ganzen Kontinent über hundert "Asambleas" gebildet. Dabei handelt es sich um spontan einberufene Versammlungen der von den Bergbauprojekten betroffenen Gemeinden. Sie widersetzen sich nicht nur den großen Bergbauprojekten multinationaler Konzerne, sondern auch der Ansiedelung von Papierfabriken und einer auf Monokultur ausgerichteten Landwirtschaft. Die größte soziale Bewegung gegen den Bergbau ist jedoch der Nationale Verband der vom Bergbau betroffenen Dorfgemeinden in Peru (Confederación Nacional de Comunidades del Perú Afectadas por la Minería –CONACAMI).

CONACAMI ist ein erst 1999 gegründeter Verband, der als Reaktion auf den 1993 einsetzenden "Bergbau-Boom" unter dem autoritären Regime von Alberto Fujimori ins Leben gerufen wurde. Der Ausbau des großindustriellen Bergbaus wurde 1995 durch die Novellierung des Bodengesetzes noch weiter gefördert. Bei einem Konflikt zwischen Landeigentümern und Investoren räumt die neue Gesetzesfassung den Interessen des Bergbaus Priorität ein. Vielfach setzen die internationalen Konzerne die Bewohner der Dorfgemeinschaften so lange unter Druck, bis sie ihnen ihr Land verkaufen. Heute liegen laut Statistiken 3.126 indigene Dorfgemeinschaften in Regionen, in denen die Belastung der Umwelt durch die Bergbauindustrie - etwa die Verseuchung der Flüsse mit Quecksilber und Blei - die Bevölkerung existentiell bedroht. Insgesamt sind etwa drei Millionen Menschen betroffen. (Quelle: : Exsisten varias fuentes: Observatorio de Conflictos Mineros de América Latina, Revista Bajo La Lupa, Lima, August 2007, S 4 bis 7.) Vergleiche hierzu die Entscheidung des Verfassungsgerichtes von Peru vom 12. Mai 2006 über mit Blei vergiftete Personen in La Oroya.

Der Bergbau-Boom hat Peru zum weltweit größten Silberproduzenten aufsteigen lassen. Das Land ist ferner der drittgrößte Produzent von Zinn und Zink und der viertgrößte Blei- und Kupferproduzent. Zudem ist Peru der fünfgrößte Exporteur von Molybdän und Gold. Während die Erze 45 Prozent der peruanischen Exporte ausmachen, steuert die Bergbautätigkeit aber nur vier Prozent der Einnahmen des Staates bei und beschäftigt lediglich ein Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung. Dagegen wird die durch den Bergbau verursachte Umweltverschmutzung mit 4% des BIP beziffert. Schätzungsweise sind rund 25 Millionen Hektar - knapp ein Viertel der Landoberfläche - an Bergbauunternehmen in Konzession vergeben worden. (Quelle: minerals.usgs.gov - PDF)



 

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