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Chile: Kampf gegen Umweltverschmutzung


6.5.2008
In ihrer Heimatregion im Süden Chiles kämpfen die dort ansässigen Mapuches und Fischer gegen den Bau einer Papierfabrik. Sie sind damit nicht allein, in ganz Südamerika wächst der Widerstand gegen multinationale Forstkonzerne und die rücksichtslose Ausbeutung der Wälder.

Protestplakat in Mehuin: Gegend frei von UmweltverschmutzungProtestplakat in Mehuin: Gegend frei von Umweltverschmutzung
Die weltweite Papierfertigung verlagert sich von Nord nach Süd. Dabei profiliert sich Südamerika als ein wichtiger Zelluloselieferant für die großen Absatzmärkte in den Industrieländern, der zudem noch äußerst günstige Voraussetzungen für weitere Expansionsmöglichkeiten bietet. Ein von Greenpeace Argentinien 2006 erstellter Bericht zeigt die Ansiedlung von Zellulosefabriken in Südamerika als Teil eines globalen Trends auf. "Der weltweite Papierkonsum nimmt rasant zu und dürfte in den kommenden Jahrzehnten weiter steigen.

Im Jahr 2000 wurde der Papierverbrauch auf 300 Millionen Tonnen geschätzt; 2005 war der Bedarf bereits auf 366 geklettert. Bis zum Jahr 2020 wird mit einem weiteren Anstieg auf 566 Millionen gerechnet", heißt es im Bericht. Die Aufteilung zwischen Absatzmärkten und Produktionszentren hat zu der Niederlassung der Zellstoffindustrie in klimatisch und wirtschaftlich besonders günstigen Gebieten geführt". Besonders besorgniserregend ist dabei die Tatsache, dass 60% des weltweit produzierten Papiers Verpackungszwecken dient, also eigentlich überflüssig ist.

Gegenwärtig lassen sich europäische Zellstofffabriken entlang der gesamten brasilianischen, argentinischen und uruguayischen Küste nieder. Damit verbunden ist die Zerstörung der Naturwälder, die durch Baumplantagen für die Zellstoffgewinnung ersetzt werden. Ein weiteres großes Problem ist die Verschmutzung von Flüssen und Meeren durch die von den Fabriken eingeleiteten Abwässer. Auch in Chile ist die Massenproduktion von Zellstoff nichts Neues. Das Land ist seit längerem der viertgrößte Papierexporteur der Welt. Die Zellstoffexporte stellen 7% der Gesamtexporte Chiles dar.

Vor diesem Hintergrund ist auch der wachsende Widerstand der Bevölkerung gegen die großindustrielle Ausbeutung der Forstressourcen zu sehen. So widersetzen sich die Bewohner einer kleinen Fischerbucht im Süden Chiles seit beinahe 12 Jahren dem Bau einer Pipeline des Papierproduzenten Celulosa Arauco y Constitución (CELCO) zur Einleitung giftiger Abwässer ins Meer. Anfang April 2008 kam es erneut zu einer Auseinandersetzung zwischen bewaffneten Handlangern des Zelluloseherstellers und Fischern. Bei dem Vorfall, bei dem gegen die Fischer mit Steinen und Schusswaffen vorgegangen wurde, erlitten mehrere Menschen Verletzungen. Auch das Gewerkschaftshaus der Fischer in der Nachbarbucht Missisipi, von wo aus die Umweltschützer ihren Aktionsplan koordinieren, wurde zerstört. Dabei geht es der Firma darum, die von den Fischern ausgelegten Netze zu zerstören. Die Netze verhindern das Andocken von Schiffen, die im Auftrag von CELCO Umweltverträglichkeitsstudien durchführen sollen. Die Umweltverträglichkeitsstudien sind eine Auflage der chilenischen Regierung an den Fortwirtschaftskonzern. (Quellen: olca.cl, valdivianoticias.cl)

Ein offener Brief vom 11. April an die chilenische Präsidentin Michelle Bachelet, den 80 Organisationen unterzeichneten, fasst die Lage der Fischer zusammen: "In der 80 km südlich von Valdivia gelegenen Bucht Missisipi sowie in der Ortschaft Mehuín", heißt es darin, "tauchte in der vergangenen Woche unverhofft eine Gruppe von Personen auf, die der Firma CELCO ihre Unterstützung versicherten. Die Gruppe pöbelte die Einwohner an, wurde sogar handgreiflich und nahm nicht nur gegenüber den Mitgliedern des Ausschuss zur Verteidigung des Meeres von Mehuín eine drohende Haltung ein, sondern belästigte auch ganz allgemein Männer, Frauen und Kinder". (Quelle: jovenestehuelches.blogspot.com)

Zu den Hintergründen heisst es dort: "Im vergangenen Jahr schloss eine kleine Minderheit in dieser Ortschaften einen Millionenvertrag mit CELCO ab. Darin verpflichtete sich diese Gruppe als Gegenleistung für wirtschaftlichen Vorteile zur Zusammenarbeit mit der Firma . Dabei handelt es sich um kaum mehr als 40 Personen, die aber seit Tagen mit drohenden Gebärden völlig unbehelligt auf schweren Fahrzeugen durch die Ortschaft ziehen. Die Militärpolizei (Carabineros) schaut tatenlos zu, die Kriegsmarine hat mit Gewalt die von den Fischern ausgelegten Netze beseitigt und die Medien haben sich in ein skandalöses Schweigen gehüllt".

Die Vorfälle im Süden Chiles reihen sich in eine lange Liste weiterer Aktionen in dem nunmehr schon Jahre andauernden Widerstand von Fischern, Mapuche-Einwohnern und Bauern gegen die großen Forst- und Zellstoffkonzernen ein. Einer dieser Großkonzerne ist die Firma CELCO, die der Familie Angelini gehöret. CELCO besitzt allein im Süden Chiles vier Werke, die insgesamt 3 Millionen Tonnen Zellstoff pro Jahr produzieren. Ein Großteil der Produktion wird nach China und Europa geliefert. In dem 30 Kilometer von Mehuin entfernt gelegenen Werk Valparaiso ist es schon mehrfach zu Umweltkatastrophen gekommen. Dabei verursachten die giftigen Abwässer der Fabrik 2004 den Tod von Hunderten von Schwarzhalsschwänen im Naturschutzgebiet Rio Cruces, ein Zwischenfall der weltweit Aufsehen erregte. (Quelle: olca.cl, olca.cl)

Trotz der Umweltproblematik und der zunehmend ablehnenden Haltung in der Bevölkerung stiegen die Papierexporte unaufhaltsam von 1,8 Mrd. Dollar 1997 auf 4,8 Milliarden Dollar 2007. Sie stellen heute die zweitwichtigste Devisenquelle des Landes dar. Die chilenische Forstwirtschaft wird von zwei großen Unternehmen beherrscht, dem CMPC-Konzern in Besitz der Familie Matte und Empresas Arauco der Familie Angelini. Beide Unternehmen standen seinerzeit in der Gunst von Augusto Pinochet, so die Rechercheergebnisse eines Buchs von Lucia Cuenca, Oscar Rojas, Rachel Gold und Manuel Zuñiga "Aproximación crítica al modelo forestal chileno" Heute erlebt die Zellstoffproduktion einen wahren Boom. Allein in den letzten Jahren wurden 3 neue Werke eingeweiht, mit denen sich die Gesamtproduktion verdoppelt.

Den Interessen der Großindustrie widersetzen sich in Chile im Wesentlichen die Lafkenche, ein regionaler Stamm der Mapuche, und die örtlichen Fischergemeinden. Das Volk der Mapuche zählt sechs Untergruppen, von denen das Seevolk der Lafkenche besonders durch die Einrichtung der Zellstofffabriken betroffen ist. Die Lafkenche-Mapuches leben zusammen mit der Gemeinschaft der Fischer in kleinen Dörfern und Buchten. Eines dieser Dörfer ist Mehuín. Der kleine Badeort liegt 80 Kilometer von Valdivia entfernt und zählt knapp 1.700 Einwohner. Er liegt in einer von kleinen Gehöften geprägten Berglandschaft. Zu den umliegenden Ortschaften gehört auch Missisipi, die von Mehuín durch den Fluss Linque getrennt ist.

In einem vom Lateinamerikanischen Observatorium für Umweltkonflikte (Spanisch Observatorio Latinoamericano de Conflictos Ambientales – OLCA) verfassten Bericht heißt es zu der im Einklang mit der Natur stehenden Lebensart der Fischer: "Die Fischer und Taucher von Mehuín betreiben eine nachhaltige Bewirtschaftung der Meeresfrüchte. Je nach Klima, Marktbedingungen und eigene Bedürfnissen wechseln sie Flussfischerei mit Hochseefischerei und Tauchaktivitäten ab. Somit wird eine Überfischung der Fanggründe verhindert und es bleiben große Bestände an Muscheln (Cholgas), Meeresschnecken und Seeigeln erhalten. Gleichzeitig weisen diese Gruppen eine hohe soziale Mobilität auf, da ihnen der Erhalt der Ressourcen Arbeitsplätze und Einkommen sichert". (Quelle: "Mehuin, sustentabilidad y resistencia", herausgegeben von dem Lateinamerikanischen Observatorium für Umweltkonflikte (Spanisch Observatorio Latinoamericano de Conflictos Ambientales – OLCA, Santiago,1999, S 21.) Diese nachhaltige Lebensart ist nun durch die Papierwirtschaft bedroht.



 

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