Dossierbild: USA (Freiheitsstatue)

10.10.2008 | Von:
Prof. Dr. Philipp Gassert

Eine Nation entsteht

Die Geschichte der USA bis 1787/91

Revolution

1774 trafen sich Delegierte von 12 Kolonien in Philadelphia. Dieser Kontinentalkongress erklärte feierlich amerikanische Rechte, forderte die Rücknahme der unterdrückerischen Gesetze und rief zu einem Boykott britischer Waren auf. Im April 1775 kam es zum ersten bewaffneten Konflikt zwischen britischen Truppen und Siedler-Milizen. Der Kontinentalkongress erklärte den Verteidigungszustand. Eine Armee unter George Washington als Kommandeur wurde eingesetzt. Thomas Paine, ein kürzlich eingewanderter englischer Radikaler, brach im Januar 1776 das Tabu, als er in Common Sense die Unabhängigkeit forderte. Am 2. Juli 1776 wurde vom Kontinentalkongress (ohne die New Yorker Delegierten) die Unabhängigkeit proklamiert. Die schriftliche Begründung lieferte am 4. Juli Thomas Jefferson, der eloquent allgemein zirkulierendes Gedankengut kombinierte. Er zählte die Verfehlungen des Königs auf, erklärte die unabänderlichen Rechte der Menschen, nämlich Leben, Freiheit, und das Streben nach Glück ("life, liberty, and the pursuit of happiness"). Die Regierung bedürfe der Zustimmung der Regierten, die sich zum gemeinsamen Wohl zusammenschlössen. Dass diese Programmatik Erfolg hatte und der Gleichheitsgrundsatz ("all men are created equal") Generationen inspirierte, macht die welthistorische Bedeutung der Unabhängigkeitserklärung aus.

Militärisch gingen die schlecht ausgerüsteten und organisierten Rebellen ein enormes Risiko ein. Ohne europäische Hilfe hätte der Freiheitskampf gegen die haushoch überlegenen Briten schwerlich Erfolg gehabt. Nach einem überraschenden Sieg in Saratoga (1777) schloss das absolutistische Frankreich ein Bündnis mit den Kolonien. Da auch Spanien und die Niederlande auf Frankreichs Seite eingriffen, wurde die Royal Navy in einen globalen Seekrieg verwickelt und kapitulierte schießlich 1781 bei Yorktown. Im Frieden von Paris (1783) wurde die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten anerkannt und ihnen das Gebiet bis zum Mississippi zugesprochen. Die Kolonien erlangten Unabhängigkeit, weil sich die Rebellion zu einem Weltkonflikt der europäischen Mächte ausweitete. Verdienen die Ereignisse 1776-1783 daher die Bezeichnung "Revolution"? Damalige europäische Beobachter sprachen vom Unabhängigkeitskrieg, da die sozialen Verhältnisse intakt blieben. Tatsächlich waren die revolutionären Führer Mitglieder der Elite, Großgrundbesitzer, wohl situierte Anwälte und Händler.

Indes hatte die Revolution bürgerkriegsähnliche Züge. Im Hinterland tobte ein brutaler Guerillakrieg, in der Mitte und im Süden, wo die Loyalisten bis zu 50% stellten, wurde die Zivilbevölkerung stark in Mitleidenschaft gezogen. Etwa 100.000 flohen nach Kanada und Westindien, ein höherer Anteil als während der Französischen Revolution. Da die Loyalisten aus allen Schichten stammten, blieb die Besitzstruktur unverändert.

Staatsrechtlich war 1776 eine Revolution. Zum ersten Mal wurde in einem Flächenstaat eine Regierung ohne gekröntes Oberhaupt geschaffen. Auch dass die Verfassungen der Einzelstaaten sich auf das Prinzip der Volkssouveränität beriefen, war revolutionär, obwohl die politischen Ordnungen nicht demokratisch im modernen Sinne waren. Besitzlose hatten kein Wahlrecht (bis zu 30% der weißen Männer), ebensowenig Frauen. Die Situation der Afroamerikaner verschlechterte sich sogar.

Ein bedeutender Schritt auf dem Weg zu einer Verfassung für die neu gewonnene Unabhängigkeit war die Verabschiedung von Grundrechtskatalogen. Virginia proklamierte schon 1776 ein Bill of Rights (das später u.a. als Vorlage für die US-Verfassung diente), um die individuellen Freiheiten zu sichern: Presse- und Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Versammlungsrecht, Anspruch auf Anklage vor einem Geschworenengericht, Schutz vor willkürlicher Verhaftung, vor Folter und grausamen Strafen, Unterordnung der militärischen unter die zivile Macht, das Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück sowie der Anspruch auf eine Bürgermiliz und die Abschaffung stehender Heere. Nicht soziale Gleichheit war das Ziel. Der Einfluss der Habenden sollte begrenzt, Habenichtsen ein Weg zu Besitz und Einfluss eröffnet werden. Revolutionär daran war, dass politische Privilegien nicht mehr ererbt werden konnten.

Verfassung

Nach dem Frieden von Paris befand sich die Bundesgewalt in einem beklagenswerten Zustand. Der Kongress vagabundierte ohne festen Sitz. Er blieb den Veteranen Teile des Lohns schuldig. Es kam zu Aufständen und Unruhen. Angesichts des revolutionären Wetterleuchtens (Shay´s Rebellion, 1786/87) traten 1787 in Philadelphia Delegierte von 12 Staaten (außer Rhode Island) zusammen. Sie setzten sich über ihr Mandat hinweg und schufen eine Bundesexekutive mit einem Präsidenten als Gegengewicht zum Kongress. Indes wurde das Präsidentenamt durch "checks and balances" eingeengt. Diese neu geschaffenen Grundlagen für eine US-Verfassung waren hart umkämpft. Die Südenstaaten wollten die nicht wahlberechtigten Sklaven bei der Festlegung der Abgeordnetenzahl mitrechnen, aber nicht bei der den direkten Steuern. Die Nordstaaten, die erste Schritte zur Abschaffung der Sklaverei bereits unternahmen, argumentierten umgekehrt. Da Sklaven keine Bürger seien, müssten sie bei der Repräsentation unberücksichtigt bleiben, als Besitz bei der Besteuerung aber voll ins Gewicht fallen. Da die Einheit nur um den Preis der Unfreiheit zu erhalten war, akzeptierten die Sklavereigegner, dass die Sklaven zu "drei Fünfteln" berücksichtigt wurden. Diesen Geburtsmakel der Verfassung beseitigte formell erst der Bürgerkrieg, de facto erst die Bürgerrechtsgesetze der 1960er Jahre. Die Revolution und die Ratifizierung der Verfassung 1788 waren Teil eines größeren Transformationsprozesses im europäisch-atlantischen Raum. Die Menschen standen am Ausgang einer ständisch geprägten Ordnung, in der soziale Ordnungen überwiegend auf ererbten Privilegien beruhten, in der Religion und Herkommen über das Einzelschicksal bestimmten. Amerika ließ diese traditionale Gesellschaft bereits Mitte des 18. Jahrhunderts hinter sich; aber es hatte die liberal-kapitalistische, demokratische Moderne noch nicht erreicht. Die Revolution war ein Meilenstein auf dem Weg dorthin. Sie schuf Raum für demokratisierende Tendenzen; die egalitäre Rhetorik stachelte zu Reformen an, auch wenn zwischen Anspruch und Wirklichkeit jahrhundertelang eine Lücke klaffte.