30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Dossierbild: USA (Freiheitsstatue)

10.10.2008 | Von:
Prof. Dr. Udo Sautter

Die USA betreten die Weltbühne

Die USA zur Jahrhundertwende

Niederschlagung von Streiks

Dieses Wachstum ging natürlich nicht ohne soziale Härten vonstatten. Die Industrialisierung brachte im bevölkerungsreichen Nordosten Verstädterung mit sich. Fehlende Traditionen und Mangel an Verwaltungserfahrung führten zu Korruption. Das niedrige Lohnniveau förderte die Slumbildung. Gegenbewegungen und Reformansätze blieben vorerst rar. Spontan ausbrechende Unruhen, wie der große Eisenbahnerstreik 1877, der Haymarket-Aufruhr 1886 in Chicago oder der gewalttätige Streik 1892 in den Homestead-Werken in Pennsylvania, wurden von den Ordnungskräften niedergeschlagen. Gewerkschaften galten als unamerikanisch und politisch radikal und blieben ohnehin wegen des Arbeitskräfteüberflusses schwach. Nur den Facharbeitern, ab den 1880er Jahren in der American Federation of Labor (AFL) organisiert, gelang es auf Dauer, einige Verbesserungen ihrer Arbeits- und Lohnbedingungen durchzusetzen.

Wachsender Zusammenhalt der Gesellschaft

Auch ein politisch wirksamer Zusammenschluss der Industriearbeiter mit den immer noch zahlreicheren kleinen Farmern und Landarbeitern, die jahrzehntelang unter dem Druck fallender Agrarpreise litten, kam nicht wirklich zustande. Die Landwirtschaft litt an Überproduktion durch fortschreitende Mechanisierung und die Ausweitung der Anbauflächen besonders im sich nach dem Bürgerkrieg auftuenden mittleren Westen. In sporadischen Aktionen wurden die sich wehrenden Indianer vertrieben – die Schlachten am Little Bighorn 1876 und bei Wounded Knee 1890 gingen in die Geschichtsbücher ein – und die Prärie kam unter den Pflug. Proteste der Farmerorganisationen gegen Preisschikanen der Eisenbahngesellschaften und die Deflationspolitik der Regierung, welche die Banken begünstigte, führten zu keinem durchschlagenden Erfolg. Während der großen Wirtschaftskrise Mitte der 1890er Jahre schien es, als ob die People's Party, der politische Zusammenschluss der Farmer und Protestler, auf nationaler Ebene wirksam werden könnte. Doch das Ende der Krise brachte auch den Untergang dieser Hoffnung.

Die damals Lebenden empfanden somit die Jahrzehnte nach dem Bürgerkrieg einerseits als chaotisch. Sie sahen das Gemeinwesen dem Trubel freier Kräfte ausgesetzt und einer richtungweisenden politischen Hand ermangelnd. Andererseits spürten sie aber auch, dass dem oberflächlich anarchischen Prozess eine gewisse positive Dynamik innewohnte. Der Lebensstandard der Bevölkerung stieg insgesamt merklich. Das Land gewann an Zusammenhalt und die Menschen wurden der Möglichkeiten gewahr, die sich durch die wachsende innere Stärke bald auf außenpolitischem Gebiet bieten sollten.

Wunsch nach Ordnung und Ausrichtung

Die tumultuarischen Zustände verlangten jedenfalls nach der Meinung einer wachsenden Anzahl von Zeitgenossen nach Ordnung und Ausrichtung und so gewannen nach der Jahrhundertwende gesellschaftskritische Gedanken die Aufmerksamkeit einer größeren Öffentlichkeit. Die Aktivisten der Reformbewegung des Progressivismus erstrebten eine Verbesserung der durch die rasche Industrialisierung verursachten sozialen Missstände; Korrekturen an politischen Institutionen sollten das amerikanische Gesellschaftssystem stabilisieren. Eine treibende Kraft hierbei war der damalige US-Präsident Theodor Roosevelt (1901-1909), während dessen Amtsperiode unter anderem Gesetze für Verbraucher- und Naturschutz sowie zur Eisenbahnregulierung verabschiedet wurden. 1913 stellte der Federal Reserve Act das amerikanische Bankenwesen auf eine solide Grundlage. Verfassungszusätze gestatteten im gleichen Jahr die Erhebung einer Einkommensteuer und die Direktwahl der Senatoren.

Die Entstehung eines Kolonialreichs

Ein deutliches Zeichen für die wachsende Stärke des amerikanischen Gemeinwesens war vor allem auch sein nun in aller Welt beachtetes Ausgreifen über die eigenen Grenzen hinaus. Waren die Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert noch vor allem mit sich selbst beschäftigt gewesen, so begannen sie 1898 mit dem Krieg gegen Spanien, bei dem es zunächst um Kuba ging. Dabei reifte der Wunsch heran, eine ernstzunehmende weltpolitische Rolle zu spielen.

Ein Kolonialreich entstand (Philippinen, Guam) und der rasch forcierte Ausbau einer großen Kriegsmarine ermöglichte es, Druck in der eigenen Hemisphäre und bald auch darüber hinaus auszuüben. Die Politik der "offenen Tür" etablierte 1899/1900 den Anspruch auf Einfluss in China. Vorteilhafte Abkommen mit Japan zielten darauf, dessen Wirkungsmacht im Pazifik zu begrenzen. Die erfolgreiche Friedensvermittlung Theodore Roosevelts 1905 im Krieg zwischen Japan und Russland zeigte weithin sichtbar die neue amerikanische Forderung nach Weltgeltung. Immer stärker griffen die USA auch durch militärische Interventionen in die Angelegenheiten der Länder Lateinamerikas ein, darunter in Nicaragua (ab 1910), der Dominikanischen Republik (ab 1912), Mexiko (ab 1914) und Haiti (ab 1915). Auch der Bau des Panamakanals, der 1914 eröffnet wurde, war eine amerikanische Angelegenheit.

Außenpolitischer Interventionen überdrüssig

Bereits um die Jahrhundertwende bemühten sich die Vereinigten Staaten auch um einen Interessenausgleich mit Großbritannien. So fand man in Disputen hinsichtlich Venezuelas (1895) und Alaskas (1903) annehmbare Lösungen. Das wachsende gute Einvernehmen führte dann fast zielstrebig zur amerikanischen Teilnahme am Ersten Weltkrieg auf der Seite der Entente. Der Einsatz von insgesamt zwei Millionen amerikanischen Soldaten ab 1917 entschied die Auseinandersetzung für die Gegner der Mittelmächte. Präsident Woodrow Wilson (1913-1921) bemühte sich, durch Verkündung seiner 14 Punkte im Jahr 1918 und Ausübung von Druck auf die Pariser Friedenskonferenz 1919 einer stabilen Friedensordnung den Weg zu bereiten. Aber sein Land zeigte sich nunmehr der außenpolitischen Interventionen vorerst müde und mochte sich nicht auf eine internationale Garantenrolle verpflichten lassen.

Ende der "Roaring Twenties" durch Große Depression

So zogen sich die Vereinigten Staaten in den 1920er Jahren erneut auf sich selbst zurück. Ein Jahrzehnt der Prosperität sah die Entfaltung einer neuen Massenkultur, in der Radio und Kino, Jazz und verbotener Alkoholkonsum eine wichtige Rolle spielten. Hiergegen erhob sich freilich eine Gegenbewegung traditioneller Kräfte, denen es gelungen war, die offizielle Prohibition durchzusetzen, und die glaubten, "wahres" Amerikanertum, "nordische" Rasse und Protestantismus hochhalten zu müssen. Die Exzesse der "Roaring Twenties" fanden dann allerdings durch den Börsenkrach des Jahres 1929 und die sich daraus ergebende, erst 1932 ihren Tiefpunkt erreichende Große Depression ein bitteres Ende. Wirtschaftlicher Niedergang und horrende Arbeitslosigkeit plagten das Land. Der 1933 das Präsidentenamt übernehmende Franklin D. Roosevelt bemühte sich noch jahrelang, mit der Not im Lande fertig zu werden. Hilfsprogramme seines "New Deal" brachten allerdings nur ungenügende Linderung und das 1935 eingeführte Sozialversicherungssystem konnte erst in späteren Jahren spürbare Wirkung erzielen. So musste die Bevölkerung der Vereinigten Staaten bis zum Zweiten Weltkrieg mit seinen umfassenden Beschäftigungsmöglichkeiten warten, bevor wieder allgemeiner Wohlstand einkehrte. Nichtsdestoweniger kam Roosevelt zweifelsohne das Verdienst zu, das amerikanische Gesellschaftssystem vor dem Kollaps bewahrt und damit die Fortführung des "American way of life" ermöglicht zu haben.