Dossierbild: USA (Freiheitsstatue)

10.10.2008 | Von:

Eine Frage des Geldes?

Das Bildungssystem der USA

Hochschulgebühren als Zukunftsinvestition

Für die Hochschulen gilt das ganz besonders. Alle Studenten müssen Gebühren zahlen, deren Höhe allerdings stark variiert. Umsonst ist eine Hochschulausbildung nirgends zu haben. Man begreift sie als Investition in die eigene Zukunft, die in der Regel hohe private Erträge abwerfen wird: College-Absolventen haben interessantere Jobs, leben besser und verdienen mehr als ihre Altersgenossen, die nur ein High School Diploma haben. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Lagen die Durchschnittseinkommen der College-Absolventen vor 30 Jahren nur um ein gutes Drittel höher, sind es heute 76 Prozent mehr. Die Trennlinie zwischen prekären und stabilen Lebensläufen, "haves" und "have nots" verläuft immer eindeutiger zwischen denen, die einen Hochschulabschluss haben und dem Rest.

Hochschulabschluss – das meint in den USA den Bachelor nach einem vierjährigen Studium im College. Nur etwa ein Viertel der Absolventen studiert weiter, zum Master- oder Doktorgrad (Ph.D.). Oder sie entscheiden sich für "professionell studies" – die den Bachelor voraussetzen –, weil sie Jura, Medizin oder Ingenieurwissenschaften studieren wollen. Die Amerikaner lassen sich ihre Hochschulen sehr viel kosten, immerhin 2,9 Prozent des Bruttoinlandprodukts statt 1,1 Prozent in Deutschland. Ist das Schulwesen auch in den USA ganz überwiegend staatlich finanziert, kommen die Mittel für die Hochschulen zu zwei Dritteln aus privaten Quellen – Studiengebühren, Spenden und Zuwendungen, Forschungsmitteln der Industrie sowie den mitunter riesigen Hochschulvermögen.

Vielfalt an Universitäten und Colleges

Das Land ist mit Hochschulen reich gesegnet. Überall und für jeden Geschmack gibt es ein Angebot: eine Handvoll berühmter, hervorragend ausgestatteter und meist privater Elite-Hochschulen, hunderte sehr guter Universitäten und tausende ganz unterschiedliche Colleges, staatliche und private, große und winzig kleine, strikt berufsorientierte oder allgemein bildende, jüdische und katholische, solche nur für Frauen oder nur für Männer, extrem anspruchsvolle und völlig anspruchslose und immer mehr kommerzielle Mega-Hochschulen mit Online-Kursen und Studienzentren an Autobahnkreuzen. In der Vielfalt liegt eben die Würze. Markt und Wettbewerb bestimmen das Angebot; staatliche Regulierung ist unbekannt. Ungefähr 2.600 Einrichtungen wetteifern um die Gunst der Studieninteressenten, doch nur gut 250 gelten als "selektiv", weil sie mehr als die Hälfte der Bewerber ablehnen. Darunter sind nicht nur die renommierten Universitäten wie Harvard, Stanford und Yale, sondern auch viele kleine private Colleges, die in Deutschland kaum jemand kennt, sowie große staatliche Universitäten wie Berkeley oder Ann Arbor. Fast 60 Prozent der US-Hochschulen sind private, ganz überwiegend gemeinnützige Einrichtungen. Dabei sind fast 80 Prozent aller Studenten an einer öffentlichen Hochschule eingeschrieben.

Nicht zuletzt infolge des scharfen, Kosten treibenden Wettbewerbs sind die Gebühren in den vergangenen Jahrzehnten überall explodiert – im staatlichen Sektor noch mehr als im privaten. Die Durchschnittspreise, hinter denen sich eine enorme Spannbreite verbirgt, betrugen 2007 6.185 Dollar pro Jahr an öffentlichen und 23.712 Dollar an privaten Hochschulen. Sämtliche hoch gerankten Einrichtungen verlangen weit mehr, im Schnitt etwa 35.000 Dollar. Hinzu kommen Unterbringung und Verpflegung im College. Ein Studienjahr an einer der bekannten "Ivy Leagues", der Top-Universitäten, kostet da leicht 50.000 Dollar.

Studienbeihilfen weit verbreitet

Allerdings zahlt kaum ein Student die Schwindel erregenden Listenpreise in voller Höhe. Drei Viertel bekommen Studienbeihilfen, sei es vom Staat, sei es aus Mitteln ihrer Hochschule. Bei den privaten Universitäten sind es sogar 85 Prozent aller Studenten. Fast die Hälfte muss jedoch ein Studiendarlehen aufnehmen, das nur zum Teil staatlich subventioniert wird. Verrückterweise haben der Wettbewerb um exzellente Studenten und politischer Druck dazu geführt, dass selbst Studenten aus relativ gut verdienenden Familien in einer privaten Elite-Universität unter Umständen weniger bezahlen müssen als für eine gute staatliche Hochschule – vorausgesetzt, sie passen ins Bild und werden genommen.

Hat man es einmal in die heiligen Hallen von Harvard & Co geschafft und die harten Zulassungshürden überwunden, was freilich nur weniger als zehn Prozent der Bewerber gelingt, darf man sich auf Herausforderungen, Anregungen und Studienbedingungen freuen, wie man sie an einer deutschen Universität kaum findet: Kleine "Classes", intensive Betreuung, opulent bestückte Bibliotheken und Labors, ein üppiges Angebot kultureller, sportlicher oder politischer Aktivitäten – und vor allem viele smarte, hoch motivierte und neugierige, dabei aber nur selten streberhaft verklemmte Kommilitonen aus dem "Global Village", die sich des Privilegs, in einer solchen Umgebung studieren zu dürfen, sehr bewusst sind und ihre wunderbaren Möglichkeiten mit vollen Zügen nutzen wollen. So braucht man zwar nicht unbedingt viel Geld, um Anteil daran zu haben. Aber ohne enorm viel Geld wären die amerikanischen Universitäten tatsächlich nicht das, was einige von ihnen nun einmal ganz unbestritten sind: die besten Hochschulen der Welt.


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