Dossierbild: USA (Freiheitsstatue)

"Mit 15 war Diskriminierung für mich Normalität"

Interview mit Elisabeth Eckford


1.10.2008
Elisabeth Eckford wurde fast gelyncht als sie vor 55 Jahren als erste Schwarze die Central High School in Little Rock (USA) besuchen wollte. Ein Gespräch über Rassismus gestern und heute.

Elizabeth Eckford, one of the Little Rock Nine, walks past a statue of herself, Tuesday, Aug. 30, 2005, in Little Rock, Ark. The Nine, who as high school students in 1957 integrated Little Rock Central High School, gathered on the state Capitol grounds Tuesday for the unveiling of a monument marking their battle with Gov. Orval Faubus. The U.S. Postal Service also dedicated a stamp Tuesday marking the entrance of black students into Central High in 1957.Elizabeth Eckford (2005) neben einer Statue von sich selbst. (© AP)
"Geh zurück in den Dschungel!" So wurde Elisabeth Eckford von Mitschülern beschimpft, als sie am 4. September 1957 als erste Schwarze die Central High School in Little Rock, Arkansas, betreten wollte und dabei fast gelyncht wurde. Das Bild von diesem Ereignis ging um die Welt und wurde eine der fotografischen Ikonen des 20. Jahrhunderts. Erst drei Wochen nach dieser Demütigung, am 25. September, gelang Eckford der Zutritt – unter dem Schutz von US-Fallschirmtruppen, die Präsident Dwight D. Eisenhower geschickt hatte.

fluter: Frau Eckford, Sie leben nach wie vor in Little Rock, Arkansas. Wieso?
Elisabeth Eckford: Wieso sollte ich nicht? Das ist meine Stadt, hier fühle ich mich wohl.

Das war nicht immer so.
Doch. Es war immer meine Stadt.

Ich beziehe mich auf Ihr Wohlbefinden.
Damals, 1957, gingen die Bilder von der sogenannten Little-Rock-Krise um die Welt. Little Rock wurde zur Symbolstadt für die Rassenprobleme in den USA. Bis zu jenem Septembertag, als ich zusammen mit acht anderen schwarzen Jugendlichen eine ausschließlich von Weißen besuchte Schule betreten wollte, war die Welt für mich in Ordnung. Ich kannte nichts anderes als die Segregation, die Rassentrennung. Ich war 15, Diskriminierung war für mich Normalität, unwohl wurde es mir paradoxerweise erst, als ich diese Normalität infrage stellte.

Das klingt jetzt sehr akademisch. Der weiße Mob wollte Sie lynchen!
Für mich war das nicht das Schlimmste. Mit Morddrohungen musste ich rechnen. Schlimmer war, dass jene, die kamen, um uns zu helfen, also die Nationalgarde, sich gegen uns stellten. Das war der eigentliche Schock.

Gouverneur Orval Faubus hatte der Nationalgarde eben diesen Befehl gegeben, nämlich notfalls mit Waffengewalt den Schwarzen den Zutritt zur Highschool zu verwehren.
Ich dachte, es sei genau umgekehrt, denn Little Rock gehörte eigentlich zu den progressiven Städten im Süden der USA. Bereits 1948, also lange bevor der Oberste Gerichtshof die Rassentrennung für verfassungswidrig erklärte, wurde an der University of Arkansas in Fayetteville ein schwarzer Student zugelassen, zu Beginn der 50er-Jahre wurde die Segregation auch an der Medizinischen Fakultät in Little Rock aufgehoben. Ich habe nie geglaubt, dass die Leute in Little Rock rassistischer sind, als anderswo in den USA.

Denken Sie heute auch so?
Was mich am meisten irritiert heute, ist die Tatsache, dass die meisten Leute, die damals hier wohnten, nach wie vor behaupten, sie hätten von alledem nichts gewusst.

Stimmt es, dass der Reporter der New York Times Sie ermutigte, standhaft zu bleiben?
Ich trug an jenem Tag ein weißes Kleid, ich dachte, es würde ein Tag zum Feiern, ein schöner Tag, die Nationalgarde war da, um mich zu beschützen. Ich drückte meine Schulmappe fest an mich, wie wenn ich mich an etwas Sicherem halten wollte, als hinter mir die Leute zu schreien begannen, mich bedrohten und verfluchten. Ich trug eine Sonnenbrille, doch der Reporter sah, dass ich meine Tränen kaum zurückhalten konnte. Er näherte sich mir: »Don’t let them see you cry.« Es war ein weißer Reporter, er hieß Benjamin Fine und wurde später an jenem Tag zusammengeschlagen.

Präsident Eisenhower war gezwungen, Fallschirmtruppen zu entsenden, um Ihnen den Zutritt zur Highschool zu ermöglichen.
Er hatte keine andere Wahl, seine Autorität wäre untergraben worden, hätte er sich dem Willen des Gouverneurs gebeugt. Man muss sich in jene Zeit zurückversetzen: 1954 hatte das Oberste Gericht im Rechtsstreit zwischen der zehnjährigen schwarzen Linda Brown und den Schulbehörden von Topeka, Kansas, für das Mädchen entschieden. Ein Jahr später boykottierte die schwarze Gemeinschaft von Montgomery, Alabama, zwölf Monate lang den öffentlichen Busverkehr. Die schwarze Schneiderin Rosa Parks hatte sich geweigert, ihren Sitzplatz einem weißen Mann zur Verfügung zu stellen, wie dies die Gesetze vorsahen. Dann kamen wir, der Präsident konnte nicht mehr wegschauen, die Entwicklung war nicht mehr aufzuhalten.

Würden Sie es nochmals tun?
Nein, aber es musste getan werden. Die politische Segregation ist durch eine ökonomische Rassenteilung abgelöst worden. Die weißen Studenten gehen in teure Privatschulen, die schwarzen Studenten in öffentliche Highschools. Trotzdem hat es sich gelohnt. Rassismus kann man nicht besiegen, nur eindämmen.

Im September 2007 wurden in Little Rock die Helden von damals gefeiert. Kam Freude auf? Bill Clinton war dort, er war Gouverneur in Little Rock, bevor er Präsident wurde. Er war ebenso an der Feier 1997 zugegen, wie seine Frau Hillary. Im Vergleich zu vor zehn Jahren waren dieses Mal wesentlich mehr Leute anwesend, es war ein kleines Volksfest.

War Ihnen damals bewusst, dass Sie eine tektonische Plattenverschiebung ausgelöst hatten? Nein, ich wollte einfach nur zur Schule.


Das Interview erschien zuerst im fluter: Wo soll´s denn hingehen? - Das USA-Heft (Nr. 28/2008)



 

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