Afghan traditional music players are seen during a music performance organized by The Aga Khan Trust for Culture (AKTC) at the Baghe Babur in Kabul, Afghanistan on Saturday, March 29, 2008. Playing music was once forbidden as many other things during the fundamentalist regime of the Taliban, who were ousted from power by U.S. forces in late 2001. (ddp images/AP Photo/Musadeq Sadeq)

5.12.2012 | Von:
Mohammad Ali Karimi

Das traditionelle Handwerk Afghanistans

Eine Kopie von Fatimas Hand am Asheqan-wa-Arefan-Schrein in Kabul.Eine Kopie von Fatimas Hand am Asheqan-wa-Arefan-Schrein in Kabul. (© AP)

Schüler und Meister

Die "Türkis-Berg Stiftung" suchte vor einigen Monaten nach einem Meister für Holzschnitzerei nach altem islamischen Stil. Nach längeren Bemühungen fand man einen alten Mann in Kabul, der wahrscheinlich der letzte noch lebender Meister dieses Handwerks ist. Der heute 80-jährige Abdul Hadi ist heute stark schwerhörig und lehrt Gravierung, Holz-Perforation, Inkrustation (Marketerie, Einlegearbeiten aus Holz oder anderen Materialien; Anm. d. Red.) und andere feinen historisch überlieferten Kunstfertigkeiten auf Holz.

Wir haben heute den Fortbestand des traditionellen Handwerks jenen Künstlern und Handwerkern zu verdanken, die ihre Fähigkeiten von einer zur anderen Generation weitergegeben haben. Das traditionelle afghanische Handwerk gründet sich auf dieses Meister-Gesellen-Verhältnis. Diese traditionelle Methode der Weitergabe wird bis heute in Afghanistan praktiziert.

Traditionell hat ein Meister 1 bis 3 Gesellen, die er aus dem Kreis seiner Kinder, der Verwandten und auch in seltenen Fällen fremden Personen zusammensetzt. Diese Schüler arbeiten bis zu 10 Jahren beim Meister und übernehmen damit seine Kunstfertigkeit. In der Regel lehrt der Meister seine Schüler nicht, insbesondere wenn es nicht seine eigenen Kinder sind. Der Schüler muss sich das Wissen und die Erfahrungen von seinem Meister "abschauen". Dem Meister fällt es schwer, dem Schüler sein Können zu vermitteln, aber gelegentlich will er im Sinne seiner eigenen Bekanntheit bestimmte Schüler so erziehen, dass sie seinen Stil auch nach seinem Tode weiterführen. In der Musik ist es heute ein Brauch, dass der Meister seinen Familiennamen auch seinen Schülern gibt.

Der Neid des Meisters gegenüber den Schülern hat in Afghanistan eine lange Geschichte und wird inzwischen als Gegebenheit akzeptiert. Dieser Neid geht manchmal so weit, dass der Meister keinen Schüler aufnimmt. Ein gutes Beispiel ist der Kalligraph Abdul Aziz Vakili Foufalzai (1919-2008), der nach Mohammad Ali Attar Herawi (1919-1992) der berühmteste Kalligraph Afghanistans im 20. Jahrhundert war. Er weigerte sich lebenslang, seine Kunst an andere weiterzugeben. Die von ihm stammenden Kalligraphien der Koran-Verse glänzen auf den Kacheln auf den Wänden der "Pole Kheshti" Moschee von Kabul und waren mehrere Jahrzehnte der offizielle Kalligraph des afghanischen Staates. Von ihm stammen die Schriften von amtlichen Urkunde, Dekreten, Zeugnissen, Buchtiteln und anderen Veröffentlichungen. Er hinterließ keinen einzigen Schüler, so dass man kaum einen anderen Künstler in Afghanistan finden kann, der in der Lage wäre, die islamische Kalligraphie seines Könnens auf Kacheln zu verewigen.[6]

Vor diesem Hintergrund ist der Meister für Holzschnitzerei Abdul Hadi mit großen Herausforderungen konfrontiert. Einerseits muss er sich mit einer großen Gruppe von Jugendlichen auseinandersetzen, die ihn wie einen Schullehrer behandeln, und andererseits muss er sein Können innerhalb von 3 Jahren an sie vermitteln. Obwohl die Schüler sich über seinen "Neid" beim Übertragen seines Könnens beklagen, hat er trotzdem fähige Schüler für klassische Arbeiten auf Holz in der "Türkis-Berg Stiftung" ausgebildet. Der klassische Holzbearbeitungsstil ist eine islamische Kunstrichtung, die seit den Timuriden (Herrschergeschlecht im 15. Jahrhundert) in verschiedenen Teilen Afghanistans verbreitet war. In diesem Stil werden in der Regel Motive aus Blumen, Blättern, Schriften und auch Bildern auf das Holz übertragen. Die Erzeugnisse werden in Architektur und Dekorationsarbeiten verwendet.

In der "Türkis-Berg Stiftung" wird auch eine andere Richtung gelehrt, der als "Nurestani" bekannt ist. Hier haben 90% der Motive geometrische Dimensionen, was in der einheimischen Kultur von Nurestan eine gesellschaftliche Bedeutung hat. Da Nurestan in einem abgelegenen Tal in einem Waldgebiet liegt, bildet das Holz den Hauptbaustoff für Architektur, Innendekoration, Gebetsräumen und sogar Götzen. Von daher existiert in Nurestan eine uralte Tradition der Holzverabeitung. Saidjan Nurestani ist ein 63-jähriger Meister, der in dieser Stiftung den Stil von Nurestan lehrt. Er übermittelt seinen Schülern sein Können mit mehr Großzügigkeit als viele andere Meister.

Die Zukunft des Handwerks

Afghanische Mädchen beim Sticken in einem Waisenhaus in Kabul am 9. November 2009.Afghanische Mädchen beim Sticken in einem Waisenhaus in Kabul am 9. November 2009. (© picture-alliance/dpa)
Auf den afghanischen Basaren produzieren die traditionellen Handwerker Erzeugnisse, die man im städtischen Leben benötigt. Gold-, Kupfer-, und Eisenschmiede, Seidensticker und Leute, die Glas verarbeiten, arbeiten immer noch im "Tcharsough Bazar" von Herat nach altem Stil. Auch landwirtschaftliche Werkzeuge werden dort hergestellt. Da die Wirtschaft agrarisch geprägt ist, kommen die Bauern aus umliegenden Dörfern in den Basar, um dort ihre landwirtschaftlichen Produkte anzubieten und gleichzeitig benötigte Waren zu erwerben.

Afghanistan braucht zur Erhaltung des Handwerks einen Plan, denn sogar in kleinen Städten kann das Handwerk sich nicht gegen den Ansturm der Importe schützen, insbesondere deshalb, weil Afghanistan wegen der unsicheren Lage und dem Mangel an nötiger Infrastruktur nicht im stande ist, große Auslandsinvestitionen zur Entwicklung seiner Industrie zu gewinnen. Von daher ist das traditionelle Handwerk der einzige Zweig, mit dessen Förderung der Staat den Haushalten helfen und den Kleinhandel in Städten und Dörfern fördern kann. Die Agha Khan Stiftung hat seit einigen Jahren neben ihrem Ökotourismus-Projekt ein kleines Projekt auf diesem Gebiet in Angriff genommen, das auch positive Ergebnisse gebracht hat.

Eine gewinnbringende Branche des traditionellen Handwerks kann die Teppich-Produktion sein. Der afghanische Teppich ist einer der besten dieser Region, aber aus Mangel an Möglichkeiten werden Teppiche zur Verarbeitung nach Pakistan geschickt, und von dort werden sie als pakistanische Teppiche nach Westen exportiert.[7] Dies geschieht, obwohl der afghanische Teppich in seiner Kunst und Qualität eine besondere Stellung hat und 2011 und 2012 auf der Teppich-Ausstellung in Dubai den ersten Preis gewinnen konnte.[8]

Die meisten traditionellen Handwerksprodukte wie Teppiche, Kelim-, und Filzerzeugnisse, Stickerei, Nadelmalerei u.a. werden von Frauen in mühevoller Arbeit erzeugt. Die Förderung und Vermarktung dieser kleinen traditionellen Produkte könnte den Frauen helfen, sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dadurch würde die wirtschaftliche Situation der Haushalte verbessern und die Unabhängigkeit und Selbstversorgung der afghanischen Frauen vorangebracht. Deshalb ist das traditionelle Handwerk für afghanische Frauen nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch eine zukunftsorientierte politische Angelegenheit.

Man sollte aber auch von der Regierung nicht allzu viel erwarten. Die städtische Elite, die im vergangenen Jahrhundert die Regierungen stellte, schaut auf alles Traditionelle diskriminierend herab. Diese Elite wollte das Land rasch in die Moderne führen. Die Afghanen haben König Amanullah nicht vergessen. Er zwang die afghanischen Männer in den 1920er Jahren, ihre weite traditionelle Hose und den Turban abzulegen und mit westlichem Anzug und Filzhut in der Öffentlichkeit aufzutreten. Dieses Experiment war zum Scheitern verurteilt.

Die afghanischen Politiker müssen sich vom Komplex der nicht gelöcherten Nadel befreien und einen anderen Weg suchen, um Afghanistan in die Moderne zu führen. Die Vernichtung der Tradition ist der falsche Weg.

Fußnoten

6.
H. Sadegh, "Khattat-e Haft Ghalam" [Kalligraph mit 7 Federn], in "Gahnameh-ye Honar" [Kunst Periodica], Jahrgang 6, Nr. 6, Seite 12-15
7.
F. Ajand, 8. Aghrab 1390: 90% der afghanischen Teppiche werden in die Nachbarstaaten exporiert, 8 Uhr
8.
ToloNews (Feb 6, 2012). Afghan Carpet Holds First at Dubai Annual Exhibition.

Dossier

Afghanistan

2001 wurden die Taliban in Afghanistan gestürzt. Seitdem beteiligen sich mehr als 40 Länder am Wiederaufbau. Schulen werden gebaut, Polizisten ausgebildet und staatliche Strukturen geschaffen. Doch der Friede ist zerbrechlich: Noch immer versuchen die Taliban, gewaltsam die Macht im Land wiederzuerlangen.

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