Afghan traditional music players are seen during a music performance organized by The Aga Khan Trust for Culture (AKTC) at the Baghe Babur in Kabul, Afghanistan on Saturday, March 29, 2008. Playing music was once forbidden as many other things during the fundamentalist regime of the Taliban, who were ousted from power by U.S. forces in late 2001. (ddp images/AP Photo/Musadeq Sadeq)
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5.12.2012 | Von:
Mohammad Ali Karimi

Das traditionelle Handwerk Afghanistans

Reichtum und Vielfalt der afghanischen Kultur zeigen sich am deutlichsten im traditionellen Handwerk des Landes. Teppiche, Filzerzeugnisse, Stickerei und Nadelmalerei machten einst mit ihrer bunten Pracht die afghanischen Basare zu den lebhaftesten Orten auf der Route der Seidenstraße. Heute ist nichts mehr von jener goldenen Zeit geblieben. Dabei könnte gerade das traditionelle Handwerk helfen, die wirtschaftliche Situation vieler Haushalte zu verbessern und damit insgesamt zur Stabilisierung des Landes beitragen.

Afghan Information and Culture Minister Abdul Karim Khurram, second right, is briefed regarding the rescued Afghanistan's artifacts at the National Museum in Kabul, Afghanistan on Tuesday, Oct. 6, 2009. Around 2,000 Afghan artifacts those had been transferred illegally to Britain during the civil war in 1990s were returned to Afghanistan in cooperation with British authorities. (ddp images/AP Photo/Musadeq Sadeq)Keramikgefäße im National Museum in Kabul. (© picture-alliance/AP)

Die Afghanen umschreiben scherzhaft die Technikgeschichte ihres Landes mit dem Satz: "Die Afghanen produzierten Nadeln, konnten sie aber nicht löchern!" Das interessante an diesem Scherz ist sein Wahrheitsgehalt, denn Afghanistan konnte trotz aller Versuche den Anschluss an die industrielle Welt nicht finden. Wohl gemerkt: Auch wenn dieses Land Nadeln nicht löchern konnte, kann es auf eine sehr lange und prächtige Tradition des Handwerks zurückblicken.

Afghanistan war eine der wichtigsten Zwischenstationen auf der alten Handelsroute "Seidenstraße". Städte wie Balkh, Bamian und Herat spielten eine wichtige Rolle beim Transitverkehr der Handelsgüter zwischen Osten und Westen. Die Seidenstraße intensivierte nicht nur die Kontakte zwischen der afghanischen Bevölkerung und fernen Ländern, sondern schaffte auch Bekanntschaft mit Handelswaren und kulturellen Erzeugnissen dieser Länder. Die Kontakte mit nahen und fernen Ländern durch Handelsbeziehungen, aber auch durch Kriege, sind mit ein Grund für die noch heute bestehende vielfältige und bunte einheimische Kultur Afghanistans.

Reichtum und Vielfalt der afghanischen Kultur zeigen sich am deutlichsten im traditionellen Handwerk dieses Landes. Diese Erzeugnisse machten einst mit ihrer bunten Pracht die afghanischen Basare zu den lebhaftesten Orten auf der Route der Seidenstraße. Als im 16. Jahrhundert der mongolische Prinz Babur nach Kabul kam, fand er eine Stadt vor sich, deren Basare voller Waren aus Khorasan, Irak, Anatolien und China waren. Die Geschäftsleute waren nur dann zufrieden, wenn sie einen Gewinn von mindestens 300% bis 400% machten.[1]

Heute ist nichts mehr von jener goldenen Zeit geblieben. Afghanistan ist gekennzeichnet von politisch motivierter Gewalt, einer unfähigen Regierung, einer landwirtschaftlich orientierten, nicht-industrialisierten Wirtschaft und einer stammesorientierten Gesellschaft, die immer noch darauf wartet, dass andere jene Nadeln löchern, die es proudziert hat, um sich an die industrialisierte Welt anzunähern.

Lapis lazuli from the Deposit of Badakhshan Province (Afghanistan)Lapis Lazuli aus der Provinz Badachschan (Afghanistan) Lizenz: cc by-sa/3.0/de (Wikimedia, Lysippos)
Heute sind die weltbekanntesten afghanischen Produkte Opium und Terrorismus. Das Land hat aber auch andere bekannte Produkte wie handgeknüpfte Teppiche und Halsketten aus Lasurstein (Lapislazuli).

Kleopatra und Badakhshan

Die ägyptische Königin Kleopatra benutzte für ihre blau farbigen Augenschatten ein Pulver, das aus dem Lasurstein von Badakhshan gewonnen wurde. Lange Zeit vor ihr, etwa 4.000 Jahre vor Christus, bauten die Sklaven der ägyptischen Pharaonen mit diesem Produkt aus Badakhshan Stempel und dekorierten damit ihre Masken. Historische Zeugnisse belegen, dass der Lasurstein, der seit 7000 Jahren im grünen Tal von Badakhshan gewonnen wird, Könige, Königinnen und Künstler weltweit fasziniert hat.[2] Die dunkelblaue Farbe dieses Steines verwendete Michelangelo beispielsweise bei den Malereien in der Sixtinischen Kapelle.

In der Nähe dieser weltgrößten Lasursteinmine, im Zentrum von Badakhshan, gibt es einen Markt, in dem Handwerker mit Lasursteinen und Achat aus ihrer Gegend Juwelen und sehr feine Dekorationen herstellen, welche in ganz Afghanistan Absatz finden. In Afghanistan wird der Lasurstein vielfältig verarbeitet, als Damenschmuck, für dekorative Figuren und andere Zwecke.

Trotz reicher Bodenschätze und langer Tradition des Handwerks konnten diese Produkte nicht der Konkurrenz der maschinellen ausländischen Erzeugnisse standhalten. Die traditionellen afghanischen Künstler und Handwerker haben generell versäumt, ihr Handwerk an die Erfordernisse der modernen Welt anzupassen. Eine erfolgreiche Ausnahme bildet die traditionelle afghanische Kleidung, die sich dem Geschmack und Interessen der modernen Mode angepasst hat und ihren Platz auf dem Modemarkt behaupten konnte. Dieser Erfolg geht auf das Jahr 1959 zurück. Damals war die amerikanische Fluggesellschaft PAN AM an der afghanischen Fluggesellschaft ARIANA beteiligt. Die Frauen der amerikanischen Piloten gründeten in Kabul eine Schneiderei, an der Frauen aus Kabul die Herstellung von westlichen Kleidern erlernten. Eine dieser amerikanischen Frauen, Jeanne Beeher, setzte sich dafür ein, dass die Modezeitschrift Voque kostenlos hunderte von Schnittmustern an afghanische Frauen lieferte. Diese Schule war so erfolgreich, dass zum ersten Mal eine Modeausstellung in Kabul stattfand, und so konnten die Kabuler Frauen aus nächster Nähe die moderne westliche Kleidungskultur kennenlernen.[3] Ende der 60er Jahre reiste ein Team von Vogue nach Kabul und erstellte eine Bildreportage über die Mode in Kabul, die im Dezember 1969 veröffentlicht wurde. Zu dieser Zeit arbeitet nur eine afghanische Modedesignerin, Safieh Tarzai, die inspiriert von Hand genähter afghanischer Tracht westliche Kleidungen herstellte.Die Mischung zwischen traditioneller Kultur mit dem modernen westlichen Design verlieh ihrem Werk einen einzigartigen und besonderen Stil.

Die Kabuler Modeszene entwickelte sich bis in die 80er Jahre, also bis zum Bürgerkrieg weiter. Millionen von Afghanen gingen wegen dieser Konflikte für mehrere Jahrzehnte in die Flucht. Als sie aber nach 2001 zurückkehrten, begann der Prozess der Vermischung zwischen einheimischer und westlicher Kultur weiter. In diesen Jahren wurden viele Versuche unternommen, traditionelle afghanische Kleidung mit westlicher Mode angereichert auf den internationalen Markt zu bringen. In Kabul wurden dafür einige Modezentren gegründet. Eines davon ist Zarif Design, das von der in den USA lebenden afghanischen Designerin Zuleikha Sherzad ins Leben gerufen wurde. Daneben sind auch Asem (Awesome) und einige anderen Firmen auf diesem Gebiet aktiv. Die Modebranche ist in Afghanistan ein Beispiel für erfolgreichen Einsatz der traditionellen Kunst und des Handwerks, um wirtschaftliche Ziele zu erreichen und die Kultur zu verbreiten.

Präsident Hamed Karzai, der mit seiner Karakul-Pelzmütze und seinem usbekischem Gewand die Welt bereist, zeigt damit permanent traditionelle afghanische Kleidung auf internationaler Bühne. Karakulpelz gehört zu ältesten und stark gewinnbringenden Exportartikeln Afghanistans.1946 konnte die Regierung unter Zahir Shah aus dem Export von Karakul – größtenteils nach New York – 100 Millionen Dollar erzielen. Durch diese Einnahmen konnte die Regierung einen Vertrag mit dem amerikanischen Bauunternehmen Marrison Knudsen schließen für den Bau des großen Staudamms "Kajaki" in der Provinz Helmand. Dies war eines der größten staatlichen Projekte zur Modernisierung des Landes.[4] Die Kriegsjahre (1978-2001) vernichteten vieles, staatliche Unterstützung des traditionellen Handwerks gibt es nicht mehr. In diesem Zusammenhang ist auch die Produktion von Karakul in Afghanistan inzwischen stark zurückgegangen. Vor 1978 hat die Regierung sich dahingehend engagiert neue Märkte für afghanische Produkte zu finden.

Handwerk

Der Begriff "traditionelles Handwerk" ist ein Produkt der Moderne. Im Gegensatz zu industriellen Erzeugnissen der Moderne gehen traditionelle Handwerksprodukte nicht auf Erfindungen einer Person zurück, sondern gehören zu einem ganzen Volk oder einer ganzen Region. Niemand hat hier ein bestimmtes Erzeugnis erfunden. Die Produkte des traditionellen Handwerks sind wie Sprichworte, Mythen und Volksmärchen während der Jahrhunderte und Generationen entstanden. Diese kollektive Eigenart des traditionellen Handwerks verleiht ihm eine besondere ethnologische und kulturelle Bedeutung. Das Handwerk erlaubt einen Einblick in die Kultur und Geschichte eine Landes.

Afghanistan kann auf ein reichhaltiges und historisch vielfältiges kulturelles Erbe zurückblicken. Von buddhistischen Tempeln über islamische Moscheen bis hin zu großen Basaren und militärischen Festungen: Sie alle geben Zeugnis darüber ab, dass in diesem Land Kultur, Kunst, Politik und Wirtschaft in einander übergegangen sind und sich gegenseitig befruchtet haben. Insbesondere Architektur und traditionelles Handwerk sind zwei Bereiche, die in bester Weise den Reichtum des materiellen kulturellen Erbes zum Ausdruck bringen.

Das traditionelle Handwerk Afghanistans gehört aber auch zum "immateriellen kulturellen Erbe" dieses Landes. Es sind nicht nur die regionalen Erzeugnisse, sondern auch die traditionellen Kunstfertigkeiten und das Wissen, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Diese immaterielle Seite des Handwerks hat in den langen Jahren des Krieges den schwersten Schaden genommen und ist am geringsten beachtet worden. Das Wissen um diese Fähigkeiten und ihre Erhaltung sind von großer Bedeutung. Im Jahre 2003 verabschiedete UNESCO eine Konvention zum Schutz des Kulturerbes, wonach das traditionelle Handwerk als eine der fünf Bereiche des kulturellen Erbes anerkannt wurde. Die Mitgliedsstaaten wurden aufgefordert diesen Bereich zu fördern und zu schützen.[5]

2007 gründete der spätere britische Parlamentsabgeordnete Rory Stuwart zusammen mit einigen internationalen Organisationen die Stiftung "Türkis-Berg" (Turkuoise Mountain Foundation), die den Schutz und Wiederbelebung des traditionellen afghanischen Handwerks zum Ziel hat. Diese Stiftung verfügt heute auch über eine Lehranstalt, an der hunderte von jungen Menschen im Bereich von "Juwelenbearbeitung", "Steinmetzen", "Holzbearbeitung", "Kalligraphie", "Keramik-Kunst" und "Kunstmalerei" ausgebildet werden. Die in diesen Werkstätten produzierten Erzeugnisse werden auf dem internationalen Markt angeboten, was bis heute 5 Millionen US Dollar erbracht hat. Diese Stiftung will die Kunstfertigkeiten der traditionellen afghanischen Handwerker in Erinnerung behalten und diese Kunst an die nächste Generation weitergeben.
Eine Kopie von Fatimas Hand am Asheqan-wa-Arefan-Schrein in Kabul.Eine Kopie von Fatimas Hand am Asheqan-wa-Arefan-Schrein in Kabul. (© AP)

Schüler und Meister

Die "Türkis-Berg Stiftung" suchte vor einigen Monaten nach einem Meister für Holzschnitzerei nach altem islamischen Stil. Nach längeren Bemühungen fand man einen alten Mann in Kabul, der wahrscheinlich der letzte noch lebender Meister dieses Handwerks ist. Der heute 80-jährige Abdul Hadi ist heute stark schwerhörig und lehrt Gravierung, Holz-Perforation, Inkrustation (Marketerie, Einlegearbeiten aus Holz oder anderen Materialien; Anm. d. Red.) und andere feinen historisch überlieferten Kunstfertigkeiten auf Holz.

Wir haben heute den Fortbestand des traditionellen Handwerks jenen Künstlern und Handwerkern zu verdanken, die ihre Fähigkeiten von einer zur anderen Generation weitergegeben haben. Das traditionelle afghanische Handwerk gründet sich auf dieses Meister-Gesellen-Verhältnis. Diese traditionelle Methode der Weitergabe wird bis heute in Afghanistan praktiziert.

Traditionell hat ein Meister 1 bis 3 Gesellen, die er aus dem Kreis seiner Kinder, der Verwandten und auch in seltenen Fällen fremden Personen zusammensetzt. Diese Schüler arbeiten bis zu 10 Jahren beim Meister und übernehmen damit seine Kunstfertigkeit. In der Regel lehrt der Meister seine Schüler nicht, insbesondere wenn es nicht seine eigenen Kinder sind. Der Schüler muss sich das Wissen und die Erfahrungen von seinem Meister "abschauen". Dem Meister fällt es schwer, dem Schüler sein Können zu vermitteln, aber gelegentlich will er im Sinne seiner eigenen Bekanntheit bestimmte Schüler so erziehen, dass sie seinen Stil auch nach seinem Tode weiterführen. In der Musik ist es heute ein Brauch, dass der Meister seinen Familiennamen auch seinen Schülern gibt.

Der Neid des Meisters gegenüber den Schülern hat in Afghanistan eine lange Geschichte und wird inzwischen als Gegebenheit akzeptiert. Dieser Neid geht manchmal so weit, dass der Meister keinen Schüler aufnimmt. Ein gutes Beispiel ist der Kalligraph Abdul Aziz Vakili Foufalzai (1919-2008), der nach Mohammad Ali Attar Herawi (1919-1992) der berühmteste Kalligraph Afghanistans im 20. Jahrhundert war. Er weigerte sich lebenslang, seine Kunst an andere weiterzugeben. Die von ihm stammenden Kalligraphien der Koran-Verse glänzen auf den Kacheln auf den Wänden der "Pole Kheshti" Moschee von Kabul und waren mehrere Jahrzehnte der offizielle Kalligraph des afghanischen Staates. Von ihm stammen die Schriften von amtlichen Urkunde, Dekreten, Zeugnissen, Buchtiteln und anderen Veröffentlichungen. Er hinterließ keinen einzigen Schüler, so dass man kaum einen anderen Künstler in Afghanistan finden kann, der in der Lage wäre, die islamische Kalligraphie seines Könnens auf Kacheln zu verewigen.[6]

Vor diesem Hintergrund ist der Meister für Holzschnitzerei Abdul Hadi mit großen Herausforderungen konfrontiert. Einerseits muss er sich mit einer großen Gruppe von Jugendlichen auseinandersetzen, die ihn wie einen Schullehrer behandeln, und andererseits muss er sein Können innerhalb von 3 Jahren an sie vermitteln. Obwohl die Schüler sich über seinen "Neid" beim Übertragen seines Könnens beklagen, hat er trotzdem fähige Schüler für klassische Arbeiten auf Holz in der "Türkis-Berg Stiftung" ausgebildet. Der klassische Holzbearbeitungsstil ist eine islamische Kunstrichtung, die seit den Timuriden (Herrschergeschlecht im 15. Jahrhundert) in verschiedenen Teilen Afghanistans verbreitet war. In diesem Stil werden in der Regel Motive aus Blumen, Blättern, Schriften und auch Bildern auf das Holz übertragen. Die Erzeugnisse werden in Architektur und Dekorationsarbeiten verwendet.

In der "Türkis-Berg Stiftung" wird auch eine andere Richtung gelehrt, der als "Nurestani" bekannt ist. Hier haben 90% der Motive geometrische Dimensionen, was in der einheimischen Kultur von Nurestan eine gesellschaftliche Bedeutung hat. Da Nurestan in einem abgelegenen Tal in einem Waldgebiet liegt, bildet das Holz den Hauptbaustoff für Architektur, Innendekoration, Gebetsräumen und sogar Götzen. Von daher existiert in Nurestan eine uralte Tradition der Holzverabeitung. Saidjan Nurestani ist ein 63-jähriger Meister, der in dieser Stiftung den Stil von Nurestan lehrt. Er übermittelt seinen Schülern sein Können mit mehr Großzügigkeit als viele andere Meister.

Die Zukunft des Handwerks

Afghanische Mädchen beim Sticken in einem Waisenhaus in Kabul am 9. November 2009.Afghanische Mädchen beim Sticken in einem Waisenhaus in Kabul am 9. November 2009. (© picture-alliance/dpa)
Auf den afghanischen Basaren produzieren die traditionellen Handwerker Erzeugnisse, die man im städtischen Leben benötigt. Gold-, Kupfer-, und Eisenschmiede, Seidensticker und Leute, die Glas verarbeiten, arbeiten immer noch im "Tcharsough Bazar" von Herat nach altem Stil. Auch landwirtschaftliche Werkzeuge werden dort hergestellt. Da die Wirtschaft agrarisch geprägt ist, kommen die Bauern aus umliegenden Dörfern in den Basar, um dort ihre landwirtschaftlichen Produkte anzubieten und gleichzeitig benötigte Waren zu erwerben.

Afghanistan braucht zur Erhaltung des Handwerks einen Plan, denn sogar in kleinen Städten kann das Handwerk sich nicht gegen den Ansturm der Importe schützen, insbesondere deshalb, weil Afghanistan wegen der unsicheren Lage und dem Mangel an nötiger Infrastruktur nicht im stande ist, große Auslandsinvestitionen zur Entwicklung seiner Industrie zu gewinnen. Von daher ist das traditionelle Handwerk der einzige Zweig, mit dessen Förderung der Staat den Haushalten helfen und den Kleinhandel in Städten und Dörfern fördern kann. Die Agha Khan Stiftung hat seit einigen Jahren neben ihrem Ökotourismus-Projekt ein kleines Projekt auf diesem Gebiet in Angriff genommen, das auch positive Ergebnisse gebracht hat.

Eine gewinnbringende Branche des traditionellen Handwerks kann die Teppich-Produktion sein. Der afghanische Teppich ist einer der besten dieser Region, aber aus Mangel an Möglichkeiten werden Teppiche zur Verarbeitung nach Pakistan geschickt, und von dort werden sie als pakistanische Teppiche nach Westen exportiert.[7] Dies geschieht, obwohl der afghanische Teppich in seiner Kunst und Qualität eine besondere Stellung hat und 2011 und 2012 auf der Teppich-Ausstellung in Dubai den ersten Preis gewinnen konnte.[8]

Die meisten traditionellen Handwerksprodukte wie Teppiche, Kelim-, und Filzerzeugnisse, Stickerei, Nadelmalerei u.a. werden von Frauen in mühevoller Arbeit erzeugt. Die Förderung und Vermarktung dieser kleinen traditionellen Produkte könnte den Frauen helfen, sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dadurch würde die wirtschaftliche Situation der Haushalte verbessern und die Unabhängigkeit und Selbstversorgung der afghanischen Frauen vorangebracht. Deshalb ist das traditionelle Handwerk für afghanische Frauen nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch eine zukunftsorientierte politische Angelegenheit.

Man sollte aber auch von der Regierung nicht allzu viel erwarten. Die städtische Elite, die im vergangenen Jahrhundert die Regierungen stellte, schaut auf alles Traditionelle diskriminierend herab. Diese Elite wollte das Land rasch in die Moderne führen. Die Afghanen haben König Amanullah nicht vergessen. Er zwang die afghanischen Männer in den 1920er Jahren, ihre weite traditionelle Hose und den Turban abzulegen und mit westlichem Anzug und Filzhut in der Öffentlichkeit aufzutreten. Dieses Experiment war zum Scheitern verurteilt.

Die afghanischen Politiker müssen sich vom Komplex der nicht gelöcherten Nadel befreien und einen anderen Weg suchen, um Afghanistan in die Moderne zu führen. Die Vernichtung der Tradition ist der falsche Weg.
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Fußnoten

1.
Babur (2002). The Baburnama: Memoires of Babur, Prince and Emperor (Thackston, W. M., trans. & ed.). New York: Random House
2.
Bowersox, G. W. (2004). The Gem Hunter: True Adventures of an American in Afghanistan. Honolulu: Geovision Inc. pp. 46-47
3.
Vleck, J. V. (2009). An airline at the crossroads of the world: Ariana Afghan Airlines, modernization, and the global Cold War. History and Technology. Vol. 25, No. 1, pp. 3–24
4.
Cullathe, N. (2002). Damming Afghanistan: Modernization in a Buffer State. The Journal of American History. Vol. 89, No. 2, pp. 512-537
5.
Kennedy, T. (2010). Safeguarding traditional craftsmanship : a project demonstrating the revitalisation of intangible heritage in Murad Khane, Kabul. International Journal of Intangible Heritage. Vol. 5-6, pp. 73-85
6.
H. Sadegh, "Khattat-e Haft Ghalam" [Kalligraph mit 7 Federn], in "Gahnameh-ye Honar" [Kunst Periodica], Jahrgang 6, Nr. 6, Seite 12-15
7.
F. Ajand, 8. Aghrab 1390: 90% der afghanischen Teppiche werden in die Nachbarstaaten exporiert, 8 Uhr
8.
ToloNews (Feb 6, 2012). Afghan Carpet Holds First at Dubai Annual Exhibition.

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