Afghan traditional music players are seen during a music performance organized by The Aga Khan Trust for Culture (AKTC) at the Baghe Babur in Kabul, Afghanistan on Saturday, March 29, 2008. Playing music was once forbidden as many other things during the fundamentalist regime of the Taliban, who were ousted from power by U.S. forces in late 2001. (ddp images/AP Photo/Musadeq Sadeq)

21.1.2013 | Von:
Sayed Asef Hossaini

Afghanische Diaspora und Brain Drain

Die neue Migrationswelle

Trotz gewaltiger internationaler finanzieller Zuwendungen und Etablierung eines neuen politischen Systems nach dem Sturz der Taliban im Jahre 2001 verlassen immer noch eine Reihe von afghanischen Bürgern ihr Land. Obwohl diese neue Auswanderungswelle nicht den Umfang der genannten drei Phasen hat, ist sie dennoch sehr bedenklich, insbesondere deshalb, weil der neue Migrationsschub das typische Bild von "Brain Drain" liefert.

Die neue Migrationsgeneration besitzt zwei Haupteigenschaften: Sie gehört zur Elite des Landes und ihr Auswanderungsziel sind entwickelte Industrienationen. Wie die UNO bekannt gab, stellten weltweit in den ersten 11 Monaten von 2011 mehr als 30.000 afghanische Bürger Asylanträge. Diese Zahl liegt 25% höher gegenüber 2010.[15] Diese Menschen sind hauptsächlich gebildete Menschen, unter ihnen Diplomaten, Journalisten, Kaufleute, Studenten und Künstler. Der neue Auswanderungsschub steht im umgekehrten Verhältnis zur Zahl der Rückkehrer. Nach 2011 kehrte zwar eine beträchtliche Zahl von Migranten aus Iran und Pakistan nach Afghanistan zurück, aber dieser Prozess verlangsamte sich im Laufe der Zeit: So kehrten 2010 etwa 110.000 Afghanen aus Pakistan zurück, aber die Zahl verringerte sich 2011 auf 50.000.[16] Schuld an der neuen Auswanderungswelle sind vor allem der Mangel an Sicherheit und die Arbeitslosigkeit.

Das Fehlen von Sicherheit war in allen Phasen ein wichtiger Grund für die Auswanderung. Man kann zwar die Auswanderer laut "Internationaler Organisation für Migration" in Kabul (IOM) heute nicht als "Flüchtlinge" und "Verfolgte" bezeichnen[17], aber fest steht, dass die Zahl der Asylsuchenden und Flüchtlinge mit der zunehmenden Unsicherheit, insbesondere seit 2005, sprunghaft gestiegen ist, was die direkte Korrelation zwischen Unsicherheit und Auswanderung in Afghanistan zum Ausdruck bringt.

Arbeitslosigkeit ist ein weiterer Auswanderungsgrund der gegenwärtigen Phase. Die afghanische Wirtschaft lebt von den Hilfsmitteln der internationalen Gemeinschaft. Milliardenbeträge werden von nicht-staatlichen Organisationen in Afghanistan verwendet. Die afghanische Regierung schätzt, dass im Jahr 2009 ca. 77 % der Hilfsgelder an der afghanischen Regierung vorbei direkt an NGOs gingen.[18] Staatliche und nicht-staatliche Institutionen als Leiter von Aufbauprojekten haben in vergangenen 10 Jahren direkt oder indirekt Tausende von Arbeitsplätzen für die Afghanen bereitgestellt. Nach Angaben der UNO sind ca. "483.000 Menschen in Afghanistan in 22 Programmen der Nationalen Priorität (National Priority Programms) beschäftigt.[19] "Die Menschen in Afghanistan befürchten, dass nach Abzug von internationalen Kräften aus Afghanistan die internationale Hilfe nachlässt und damit die Zahl der Organisationen und Arbeitsplätze zurückgeht. Warum aber haben Tausende von Entwicklungsprogrammen nicht dauerhafte Arbeitsplätze und eine dynamische Wirtschaft gebracht?

Eine mögliche Antwort ist die, dass es staatlichen und nicht-staatlichen Organisationen in den vergangenen 10 Jahren nicht gelang, geeignete Fachkräfte auszubilden, obwohl manche Programme wie das "Nationalisierungsprojekt" (National Institution Building Project) zur Erweiterung der Fachkräfte innerhalb und außerhalb der Regierung vorhanden waren.[20] Kurzfristige Projekte konnten aber nur kurzfristige Arbeitsplätze entstehen lassen. Nach Aussage von Sher Verick, Experte der Internationalen Arbeitsorganisation, "besteht das Hauptproblem des afghanischen Arbeitsmarktes darin, dass viele Arbeitsplätze in Afghanistan in den vergangenen 10 Jahren durch internationale Geberländer geschaffen wurden. Diese Beschäftigungsgelegenheiten waren meistens vorübergehender Natur. Wir müssen uns auf nachhaltige Beschäftigungschancen konzentrieren."[21]

Kapazitätsbildung erfolgt auf zwei Ebenen: Institutionelle und individuelle Kapazitäten. Es scheint, dass individuelle Kapazitäten bis zu einem akzeptablen Umfang weiterentwickelt sind, insbesondere deshalb, weil das "Humankapital", also die junge, ausgebildete und qualifizierte Generation aus dem Iran, Pakistan und sogar aus dem Westen in ihre Heimat zurückgekehrt ist. Aber die Unfähigkeit der institutionellen Kapazitäten verhindert die Integration dieser Kräfte in den administrativen und ökonomischen Apparat.

Hinzu kommt, dass die Schwäche der institutionellen Kapazitäten einerseits und die Besetzung dieser durch ungeeignete Personen einen weiteren Druck auf die afghanische Fachelite darstellt. Unqualifizierte Kräfte gelangen aufgrund von ethnischen, sprachlichen, politischen und sogar regionalen Präferenzen ohne Berücksichtigung von Wettbewerbs- und Anstellungsregeln in staatliche und nicht-staatliche Institutionen.Die Beschränktheit der institutionellen Kapazitäten in Afghanistan und der langsame Rückgang von internationalen Hilfsleistungen haben die Arbeitslosigkeit in Afghanistan verschärft. Nach einem Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation verfügt Afghanistan über 11 Millionen Arbeitskräfte, von denen 7,9% arbeitslos sind. Jährlich kommen 400.000 neue Arbeitssuchende auf den Arbeitsmarkt.[22]

Man muss daran erinnern, dass die neuen Auswanderer zumeist Migranten der zweiten Generation aus Pakistan und Iran sind. Auch wenn die erste Generation der Auswanderer größtenteils aus Dorfbewohnern und weniger gebildeten Personen bestand, ist die zweite Generation eher städtisch und gebildet.[23]Wenn diese Menschen nach Afghanistan zurückkommen, haben sie kein Interesse in das väterliche Dorf zu gehen und bevorzugen das Leben in Großstädten wie Kabul, Mazare Sharif, Herat, Kandahar und Jalalabad.

Die Beziehung der Migranten zu ihrem Herkunftsland

Obwohl gegenwärtig der Reiseverkehr zwischen Afghanistan und seinen Nachbarstaaten bzw. den westlichen Ländern intensiver als je zuvor geworden ist, lebt eine beträchtliche Zahl dieser Migranten noch in den Gastgeberländern. Wie halten sie Kontakt mit ihrer Heimat?

Direkter Kontakt

Ein Teil der afghanischen Rückkehrer nach dem Sturz der Taliban gehörte zur wirtschaftlichen Elite, die das Land aus dem Blickwinkel von günstigen wirtschaftlichen Gelegenheiten betrachteten. Das Fehlen eines funktionierenden Steuersystems, billige Rohstoffe und Arbeitskräfte und eine Flut von Auslandshilfen waren Gründe für das Interesse der wirtschaftlichen Elite an Afghanistan. Diese Personen kamen in der Regel aus entwickelten Industriestaaten nach Afghanistan und waren selbstständige Investoren. Weitere Fachleute aus nicht-wirtschaftlichen Sektoren (Ärzte, Ingenieure, Krankenschwester u.a.) wurden durch NGOs, die sich um Migranten kümmerten und auch durch Arbeitsagenturen nach Afghanistan geschickt. So war die "Internationale Organisation für Migration" (IOM) eine der Institutionen, die für die Rückkehr von Fachkräften (brain gain) nach Afghanistan sehr aktiv war. Die meisten im Westen ansässigen Investoren, Inhaber von nicht-staatlichen Organisationen und qualifizierte Kräfte verlassen Afghanistan nach Abschluss der Projekte, bei Minderung der Hilfsmittel oder Kürzung ihrer Gehälter.

Abgesehen davon gibt es aber eine Reihe von Migranten, die in ihre Stadt oder in ihr Dorf zurückkehren und in der Regel auch langfristige Investitionen tätigen. Diese Investitionen konfrontieren die Einheimischen mit neuen Ideen und einem neuen Lebensstil. Es ist wichtig zu wissen, dass der Anbieter hier nicht eine staatliche oder nicht-staatliche Organisation ist, sondern aus der Mitte der Gesellschaft kommt. Der in Italien lebende Regisseur Razi Mohebbi sagt: Manche Rückkehrer gehen nicht nach Kabul, weil ihre Präsenz dort nicht "effektiv" ist und sie sich dort "unterfordert" fühlen. Sie gingen deshalb in ihren Geburtsort und tragen eine "andere Kultur und Wirtschaftsleben" in diese Orte hinein – insbesondere die aus der ersten Generation. Hinzu kommt, dass manche Organisationen und Institutionen der afghanischen Migranten im Westen noch ihre traditionellen Kontakte mit ihrer Heimat aufrechterhalten haben. Diese Organisationen initiieren Programme und sammeln Spenden, die sie direkt nach Afghanistan schicken. Dazu gehört zum Beispiel der "Afghanischer Frauenverein e.V." in Osnabrück, der jährlich im Rahmen von Veranstaltungen mit Unterhaltung und Kultur Spenden für den Aufbau von Schulen und anderen gemeinnützigen Projekten in Afghanistan sammelt.

Die virtuelle Präsenz

Mit der Ausweitung von Kommunikationsmöglichkeiten ist auch der Kontakt von afghanischen Migranten im Ausland zu ihrer Heimat besser geworden. Telefon, Internet und soziale Netze haben die Distanz zwischen Migranten und den Bewohnern in Afghanistan deutlich verringert. Vor dem Sturz der Taliban war schon der telefonische Kontakt extrem schwierig. Der Kontakt zwischen Migranten und ihren Angehörigen in Afghanistan lief über Briefwechsel oder Audio-Kassetten, die manchmal Monate brauchten, um anzukommen. Die neuen Kommunikationsmittel haben erreicht, dass afghanische Migranten leichter Aktivitäten entfalten können. Solche Aktivitäten sind häufig freiwillig und ehrenamtlich und geschehen aus zwei Gründen: Sammeln von materiellen Hilfsmitteln über das Netz und Management von Entwicklungsprojekten in Afghanistan.

Der in Italien lebende Ethnologie-Student Hamed Ahmadi schreibt beispielsweise, dass er über Facebook dabei ist, Spenden für den Bau einer Schule in der Region "Paye Kohe Mikh" (Bezirk Waras) im Zentrum Afghanistans zu sammeln. Hamed hat diese Region noch nie gesehen, aber es ist der Geburtsort seines Vaters. Hamed meint, dass ein Netz von Freiwilligen, jeweils im Ausland und Inland, den Bau dieser Schule sehr gut vorantreiben könne.

Hamed sagt, dass freiwillige und ehrenamtliche Initiativen zum Wiederaufbau Afghanistans für den Westen fremd sind. Er meint, eine neue Schule könne mit freiwilliger Unterstützung nur mit 15.000 Euro gebaut werden. Dagegen kostet die Durchführung des gleichen Projektes durch NGOs mehrere Hunderttausend Euro. Manche Migranten beraten die Bewohner ihrer Heimatregionen, wie sie Spenden sammeln können, welche Projekte wichtig sind und wie man diese durchführen kann.

Fußnoten

15.
Telegraph, 2012
16.
UN, 2012
17.
Telegraph, 2012
18.
Poole, Lydia.(2011). Afghanistan; Tracking Major Resources Flows 2002-2010, S.9.
19.
UNDP, 2010, S. 7
20.
UNDP, 2010, S. 16
21.
DW, 2012
22.
DW, 2012
23.
Refugee Cooperation. (2011, Feb 9). Middle East Institute, Afghanistan . Retrieved Dec 12, 2012, from Refugee Cooperation

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Afghanistan

2001 wurden die Taliban in Afghanistan gestürzt. Seitdem beteiligen sich mehr als 40 Länder am Wiederaufbau. Schulen werden gebaut, Polizisten ausgebildet und staatliche Strukturen geschaffen. Doch der Friede ist zerbrechlich: Noch immer versuchen die Taliban, gewaltsam die Macht im Land wiederzuerlangen.

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