Afghan traditional music players are seen during a music performance organized by The Aga Khan Trust for Culture (AKTC) at the Baghe Babur in Kabul, Afghanistan on Saturday, March 29, 2008. Playing music was once forbidden as many other things during the fundamentalist regime of the Taliban, who were ousted from power by U.S. forces in late 2001. (ddp images/AP Photo/Musadeq Sadeq)

21.1.2013 | Von:
Hamid Faruqui

Landschaftsarchitektur und Siedlungsbau

Die Geschichte des Siedlungswesens in Afghanistan

Kabul in den Jahren 1965-72

Es gibt zwar Lösungsansätze, um das Problem des unkontrollierten Wachstums langfristig in den Griff zu bekommen. Die Verantwortlichen sind oaber ft Laien und haben keine Vorstellung davon, wie man solche Probleme mit gezielten städtebaulichen Plänen beheben kann. Alles, was in Kabul oder anderen Städten in den vergangenen zehn Jahren gebaut wurde, entbehrt jeglichen Grundlagen städtebaulicher Entwicklung. Das Ministerium für Städtebau und Siedlungswesen verwendet beispielsweise immer noch den alten Masterplan von 1965, der von den Russen für die Stadt Kabul entwickelt wurde, als Grundlage für die Stadtentwicklung. Anstatt für die aktuellen Probleme der Stadt Kabul Lösungen anzubieten, werden oft die gleichen Fehler wiederholt, obwohl es auch Alternativvorschläge gibt.

Das Hauptproblem der Stadt Kabul ist die Kanalisation. Obwohl verschiedene technische Möglichkeiten bestehen, einen unterirdischen Kanal für das Abwasser zu bauen, setzt man immer noch auf die obsoleten offenen Entwässerungsgräben, die nie richtig funktionieren. Die Kosten von zwei Wassergräben entlang der Straße sind genauso hoch wie der Bau von einem geschlossenen unterirdischen Abwasserkanal.

Nach aktuellen Informationen leben in der Stadt Kabul ca. fünf Millionen Menschen, für die zu wenig Wohnraum und eine ungenügende Infrastruktur vorhanden ist. Es mangelt an primären Grundlagen wie einem Bebauungsplan, einer Kataster-Registrierung für Grundstücke und funktionierenden Vermessungseinrichtungen. Es fehlen ferner Baunormen und eine Standardisierung der Baustoffe.

Aus westlicher Sicht kann man ohne diese Angaben überhaupt nicht arbeiten. In Afghanistan ist das Alltag. Es wird sehr viel gebaut, und zwar ohne die oben erwähnten Grundlagen. Viele Exil-Afghanen aus den USA und Europa versuchten Vorschläge zur Verbesserung der städtebaulichen Entwicklung für die Stadt Kabul zu unterbreiten, bislang allerdings ohne Erfolg. Beispielsweise fand 2003 im Lycée Esteqlal Kabul (französische Schule) eine Veranstaltung statt, zu der ca. 300 Experten weltweit eingeladen wurden. Sie haben Vorschläge zur Urbanisierung von Kabul, Herat, Mazar-e – Sharif und Kandahar unterbreitet. Sie landeten jedoch in der Schublade und wurden nie realisiert.[2]

Die Geberländer, die in den vergangenen zehn Jahren Milliarden in den Wiederaufbau Afghanistans investiert haben, machten dies zum großen Teil ohne ein klares Konzept oder eine klare Analyse. Die Mittel, die für die Projekte bereit gestellt wurden, haben nicht den afghanischen Bedürfnisse entsprochen. Sie haben sogar zu massiven neuen Problemen geführt, die Afghanistan in Zukunft zu bewerkstelligen hat, wie z.B. Bodenspekulationen und Preissteigerungsraten.

Trotz der fehlenden Infrastruktur sind die Baulandpreise in Kabul mit denen in westlichen Industrienationen vergleichbar. Durch die Präsenz der Nichtregierungsorganisationen, die ein höheres Budget haben, sind die Preise in die Höhe geschnellt, vor allem da, wo sie sich niedergelassen haben. Im Stadtzentrum sind die Preise deshalb am höchsten. Der Grundstückspreis für eine Bebauung (ohne Erschließung) kostete in Kabul im 2010 ca. 600-800 USD/qm. In Frankfurt am Main kostete zu dem Zeitpunkt der Quadratmeter 300-500 € (voll erschlossen).

Die Bauprojekte sind ohne Ausschreibungen an einflussreiche Afghanen vergeben worden, obwohl sie keinerlei Kompetenzen vorweisen konnten.[3] Diese haben die Projekte wiederum an andere verkauft und sich bereichert. Die Korruption im Bauwesen hat schwerwiegende Konsequenzen und ist kaum zu bekämpfen. Die Situation in Afghanistan ähnelt einem Kranken, der ohne Untersuchung Medikamente verabreicht bekommt, unabhängig davon, ob diese Medikamente für das Problem geeignet sind oder nicht. Da die Afghanen die Chance nicht genutzt haben, Projektvorschläge an die Geberländer zu stellen, wurde diese Lücke durch geschäftstüchtige Nichtregierungsorganisationen (NRO) in Afghanistan in den ersten sieben Jahren nach 2003 gefüllt.

Die Projekte, die durch die NRO in Afghanistan realisiert wurden, sind zum großen Teil Schulprojekte, die von der Kostenaufteilung ca. 20% der Gesamtmittel beansprucht haben. 80% der Mittel wurden für die eigenen Ausgaben der jeweiligen NRO ausgegeben. An diesem Beispiel wird eindrucksvoll sichtbar, warum Afghanistans Probleme bis heute nicht gelöst wurden. Vielmehr wachsen die Probleme täglich an. Von einer Kontinuität im afghanischen Städtewesen kann nicht gesprochen werden.

Die Hauptstadt Kabul und andere Zentren leiden massiv unter der Luftverschmutzung und dem Mangel an Fachkräften. Die Probleme der Stadtentwicklung können ohne Impulse aus dem Ausland alleine nicht bewerkstelligt werden. Auch die kollektive Verantwortungslosigkeit der Entscheidungsträger Afghanistans ist ein Hindernis, das ein gesundes Wachstum der Städte behindert. Es bleibt zu hoffen, dass die im Juli 2012 auf der Tokio-Konferenz versprochenen 14 Milliarden US-Dollar sinnvoller als bisher ausgegeben werden.

Fußnoten

2.
Der Autor ist seit 2003 regelmäßig in Afghanistan und hat zahlreiche Konzepte eingereicht. Näheres: "Über die Autoren"
3.
Der Autor ist seit 2003 regelmäßig vor Ort und bezieht sich auf eigene Erfahrungen.

Dossier

Afghanistan

2001 wurden die Taliban in Afghanistan gestürzt. Seitdem beteiligen sich mehr als 40 Länder am Wiederaufbau. Schulen werden gebaut, Polizisten ausgebildet und staatliche Strukturen geschaffen. Doch der Friede ist zerbrechlich: Noch immer versuchen die Taliban, gewaltsam die Macht im Land wiederzuerlangen.

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