Afghanen nach einer Bombenexplosion am 14. November 2010 in Dschalalabad, östlich von Kabul.

Frühgeschichte und Antike


6.6.2012
Afghanistan wird oft als "Durchgangsland" beschrieben. So fielen in der Antike und im Mittelalter immer wieder Völker aus Zentralasien in die Region des heutigen Afghanistans ein. Reiche entstanden, die selten mehr als wenige Generationen währten und häufig durch die Ankunft eines neuen Nomadenvolks wieder zerstört wurden. Erstaunlich ist die Ausdehnung, die viele dieser Imperien hatten, reichten sie doch oft von den Steppen Zentralasiens bis in die Gangesebene.

Im März 2001 zerstörten die radikalislamischen Taliban die Buddha-Statuen in der Provinz Bamiyan.Im März 2001 zerstörten die radikalislamischen Taliban die Buddha-Statuen in der Provinz Bamiyan. (© ddp/AP)

Spurensuche in der Antike



In der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. fielen die Indoarier vom iranischen Plateau kommend über den Khyber-Pass nach Südasien ein. Bis heute ist ungewiss, wo ihre Heimat liegt. Die Quellen sprechen vom Arya Vesta, das in den ältesten religiösen Schriften Indiens, dem Rigweda genannt wird, bzw. vom Airyanam Veadscho, das sich in der Avesta findet, dem heiligen Buch der Zoroastrier. Die afghanische Geschichtsschreibung verortet die Heimat der Arier in Baktrien – das dem heutigen Nordafghanistan entspricht. Dieses diente auch als Schauplatz der antiken Geschichtsschreibung, wie etwa Herodots Historien, dem ersten Geschichtswerk der Antike aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., sowie für Erzählungen wie dem weltberühmten "Buch der Könige" (schah nameh), das der persische Dichter Ferdousi Anfang des 11. Jahrhunderts verfasste.

Herodot berichtet, dass Kyros der Große, der Gründer der persischen Achämeniden-Dynastie, im 6. Jahrhundert v. Chr. das Perserreich von der Stammregion im südpersischen Fars nach Osten hin ausdehnte. Sein Nachfolger, Darius der Große, errichtete im Osten seines Reiches verschiedene Satrapien (Provinzen im alten Perserreich), die auch das heutige Afghanistan umfassten. Unter den Achämeniden stieg der Zoroastrismus zur "Staatsreligion" auf, der die altpersischen Götter verdrängte, die mit dem indischen Pantheon verwandt waren.

Alexander der Große fegte das Perserreich in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts hinweg. In den Jahren 330-328 v. Chr. durchzog er mit seiner Streitmacht das Gebiet des heutigen Afghanistans. Hier gründete er Städte wie Alexandria Ariana in der Nähe Herats, Alexandria Archosia östlich von Kandahar und Alexandria ad Caucasum, dem heutigen Charikhar nördlich Kabuls. Schillernder Höhepunkt seines Feldzugs war die Heirat der baktrischen Prinzessin Roxane. 326 v. Chr. marschierte Alexander entlang des Kabul- und des Kunarflusses nach Süden. Aufgrund der zunehmenden Kriegs- und Entdeckungsmüdigkeit seiner Truppen schiffte er seine Truppen am Indus ein und kehrte zurück nach Babylon, wo er 323 v. Chr. starb.

Gräko-baktrische Reiche



Im Unterschied zu vielen Feldzüge, die kaum Spuren in den eroberten Gebieten hinterlassen haben, hatte der Feldzug Alexander des Großen zur Folge, dass sich die griechische Kultur in dem Gebiet zwischen Indus und Oxus (Amu Darya) ausbreitete. Dies ist vor allem durch Münzfunde mit griechischen Inschriften, griechische Namen der Herrscher wie auch im Einfluss griechischer Stilelemente in der Kunst der folgenden Reiche belegt. So erblickten britische Forscher des 19. Jahrhunderts in den Kafiren (Nuristani) die direkten Nachkommen Alexanders griechischer Heerscharen.

Das Reich Alexanders wurde unter seinen Diadochen (Feldherren Alexanders des Großen und deren Söhne) aufgeteilt. Seleukos I. Nikator, Begründer der Seleukiden-Dynastie, gelang es gegen Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. kurzfristig, die Ostprovinzen wieder mit dem Alexanderreich zu vereinen. 305/4 v. Chr. strebte er gar an, das Seleukidenreich im Osten weiter auszudehnen und unternahm einen Feldzug gegen das aufstrebende Maurya-Reich in Nordindien. Jedoch scheiterte dieses Unternehmen und hatte zur Folge, dass Chandra Gupta (322-300), der Begründer der Maurya-Dynastie, seinerseits die Satrapien südlich des Hindukusch eroberte.

So sah die größte Buddha-Statue der Welt (53 Meter) 1973 aus.So sah die größte Buddha-Statue der Welt (53 Meter) 1973 aus. (© CP PHOTO)
Im 3. Jahrhundert v. Chr. etablierten die aus Zentralasien vorstoßenden Parther sich in Persien und schoben sich wie ein Keil zwischen die Seleukiden im Westen und die ehemalige Satrapie Baktrien im Osten. Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. schuf der seleukidische Satrap Diodotos in Baktrien ein eigenständiges Reich, das gräko-baktrische Königreich. Hierbei handelte es sich um ein griechisches Inselreich inmitten Zentralasiens, das fast zwei Jahrhunderte Bestand hatte. Wenngleich dieses Königreich bei den antiken Schriftstellern kaum Erwähnung findet, so zeugen Münzen und Ausgrabungen wie in Ai Khanum, einer gräko-baktrischen Stadt in der heutigen Provinz Taluqan, vom Wohlstand und der kulturellen Blüte dieses Reiches.

Die gräko-baktrischen Herrscher eroberten zwischen 190 und 170 v. Chr. die Provinzen südlich des Hindukusch, die Seleukos I. Nikator wenige Jahrhunderte zuvor verloren hatte, von den Nachfolgern Aschokas zurück und drangen über den Punjab bis nach Pataliputra (Patna) in Westbengalen vor, der Hauptstadt der Maurya-Dynastie. Jedoch blieb das gräko-baktrische Reich von internen Querelen nicht verschont. So brachte seit dem ausgehenden dritten Jahrhundert (208 v.Chr.) die Dynastie des Eukradites Baktrien unter ihre Kontrolle. Südlich des Hindukusch etablierte sich in Gandahra – der Region um Peschawar – ein griechisches Reich mit Puschkalawati und später Taxila als Hauptstadt. Hier rivalisierte die Dynastie des Eukratides mit der des Euthydemos. Unter den Königen des südlichen Reiches war Menander, der um 155 v. Chr. an die Macht kam, der bedeutendste und wurde besonders in buddhistischen Quellen positiv erwähnt. Diese außergewöhnlichen griechischen Reiche am Hindukusch erloschen mit dem Vordringen nomadischer Stämme aus Zentralasien.

Nomadeneinfälle



Die folgenden Jahrhunderte sind durch immer wiederkehrende Wellen eindringender nomadischer Reitervölker aus Zentralasien gekennzeichnet. Die Ursachen für diese Völkerwanderungen sind vielschichtig. So bedingte ein Klimawandel die Versteppung der Weiden in Zentralasien; auch war es den Chinesen gelungen, die Nomadeneinfälle militärisch abzuwehren und damit den Nomaden die Weidegründe in Nordchina zu nehmen. Die Folge war, dass Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. mit den Saken und Yüe-tschi gleich zwei starke Nomadenvölker am Jaxartes standen und die gräko-baktrischen Reiche beerbten.

Die Saken zogen über Ostpersien zum Unterlauf des Helmand-Flusses. Der Name der heutigen Landschaft Sistan im afghanisch-persischen Grenzgebiet geht auf Sakistan (Land der Saken) zurück. In der damaligen Zeit muss diese Region dicht besiedelt und aufgrund eines dichten Netzes künstlicher Bewässerungsanlagen recht fruchtbar gewesen sein. Der Partherkönig Mithridates II. (124-88 v. Chr.) drängte die Saken nach Osten ab, wo sie Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. die griechische Herrschaft zunächst in Arachosia (Ghazni und Kandahar) und am Indus und schließlich im Kabultal und Ghandara beendeten. Interessant ist, dass das Sakenreich Spuren in der christlichen Mythologie hinterließ. So erblickt eine christliche Legende im Saken-König Gondophares (26-46 n.Chr.) König Kaspar der Heiligen Drei Könige. Auch soll sich der Heilige Apostel Thomas an dessen Hof aufgehalten haben.

Um die Wende vom 2. zum 1. Jahrhundert v. Chr. überschritten die Yüe-tschi, die in der Geographie des Ptolemäus als Tocharer bezeichnet werden, den Oxus und stießen nach Süden bis zu den Pässen des Hindukusch vor. Doch dauerte es bis zu Beginn der christlichen Zeitrechnung, dass die Yüe-tschi in das Kabultal einsickerten und schließlich unter Führung Kudschala Kadphises aus dem Stamm der Kuschan bis in den Punjab vorrückten. In der Folgezeit entstand mit dem Kuschanreich ein Herrschaftsgebiet, das sich vom Aralsee über Baktrien und Kaschgar bis nach Nordindien erstreckte und bis 227 n. Chr. Bestand hatte. Seine Blüte erlangte dieses Reich unter dem Nachfolger Kadphises, Kanischka (78-123 oder 144-173), der eine Vielzahl an Palästen erbauen ließ, unter anderem nördlich Kabuls. Die Prosperität des Kuschanreiches wird mit ihrer nomadischen Lebensweise und ihrem Reichtum an Lasttieren erklärt. So verfügten die Kuschan über die Mittel, um im großen Stil Handel zwischen China, Indien und Europa zu treiben. Es war die erste Epoche, in der die Seidenstraße eine tragende Rolle als Handelsroute zwischen Ost und West spielte. Besonders im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr., als das Römische Reich prosperierte, stieg das Kuschanreich zum Drehkreuz für Seide aus China, Elfenbein aus Indien und Glas aus Alexandria auf, wie vor allem der 1937 entdeckte Bagram-Schatz offenbart.

Die Religion umfasste neben zoroastrischen Gottheiten auch Götter aus der römisch-griechischen Welt wie Herakles, Mithra und Serapis, aber auch aus dem Hinduismus wie Schiva. Damit nicht genug, breitete sich unter der Kuschan-Herrschaft der Buddhismus entlang der Handelswege von Indien über Baktrien nach China aus – wohl eine der wichtigsten Ereignisse in der Religionsgeschichte überhaupt. Einhergehend mit dieser vielfältigen Götterwelt entstand die Kunst von Gandhara, ein Potpourri aus hellenistischen, römischen, parthischen, sassanidischen und indischen Stilelementen. Auf die griechischen und römischen Einflüsse auf die Gandhara Kunst ist es wohl zurückzuführen, dass Buddha erstmals bildlich dargestellt wurde. Aus diesen Zeiten stammen auch die Höhlenklöster und Buddha-Statuen bei Bamian. Die zwei Statuen (35 m und 53 m) galten als die größten Buddahskulpturen der Welt. Wenn man dem chinesischen Reisenden Hsüan-Tsang Glauben schenken mag, waren sie vergoldet. Die Statuen erlangten traurige Bekanntheit, als die Taliban sie am 10. März 2001 zerstörten.

Im Laufe der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts setzte der Niedergang des Kuschanreichs ein. Die Eroberung der westlichen Provinzen durch die aufstrebende persische Dynastie der Sassaniden besiegelte sein Ende. Der Gründer der Sassaniden-Dynastie, Ardaschir I., besiegte 224 n. Chr. den Parther König Ardavan V. und stieg zum Herrscher über Persien auf. Wie wir aus der Inschrift des Sassaniden-Herrschers Scharpur I. (240-272) in Naqsch-i Rustam bei Persepolis erfahren, gelang es den Sassaniden, das Kuschanreich aufzulösen. Bis in das Jahr 360 werden sassanidische Statthalter für diese Region auf Münzen bezeugt.

Im 4. Jahrhundert sickerte das Nomadenvolk der Hiung-nu in verschiedenen Wellen nach Zentralasien ein. Während sich eine erste Welle dieser neuen Eindringlinge, die als Chioniten bezeichnet wurden, nach Süden wendete und in das Sassanidenreich einfiel, drangen andere Gruppen über die südrussische Ebene nach Europa vor, wo sie als Hunnen bekannt wurden. Obgleich die Sassaniden noch die erste Welle dieser Eindringlinge abwehren konnten, gelang es bereits der zweiten Welle, den Kidariten, Baktrien bis nach Gandahra zu erobern. Doch bereits zu Anfang des 5. Jahrhunderts wurden die Kidariten von der nächsten Welle nomadischer Eindringlinge, den Hephthaliten, in den Punjab abgedrängt. Die Hephthaliten dehnten um 510 n. Chr. unter ihrem Führer Toramana ihre Herrschaft zeitweise über Nordindien aus, wo sie als Huna bekannt wurden. Das Gebiet des heutigen Afghanistan wurde in der Folgezeit von verschiedenen hunnischen Führern beherrscht. Aus der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts ist nur bekannt, dass die Huna-Könige Lakhana und Khingila in Kabul oder Gardez ihren Regierungssitz hatten. Insgesamt sind aber die Informationen über die Hephthaliten spärlich. Nicht einmal ihre Sprache ist bekannt. Die Herrschaft der Hephthaliten wurde, wie so viele Reiche zuvor, durch neue Eindringlinge aus den Steppen Zentralasiens beendet. Diesmal waren es die Türken, die Mitte des 6. Jahrhundert von Osten her vordrangen.

Eine ausführliche Darstellung findet sich in: Conrad Schetter, Kleine Geschichte Afghanistans, München: Beck Verlag, 2011



 

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