Afghanen nach einer Bombenexplosion am 14. November 2010 in Dschalalabad, östlich von Kabul.

Mittelalter und Neuzeit


6.6.2012
Seit Mitte des 7. Jahrhunderts n. Chr. dringen arabische Invasoren in Afghanistan ein. In der Folge verbreitet sich der Islam rasant in der gesamten Region. Bis ins 19. Jahrhundert erlebt das Land unzählige kleine und große Herrscher und steht unter massivem Einfluss seiner Nachbarn.

Die Blaue Moschee in Masar-e Scharif gilt als Begräbnisstätte Ali ibn Abi Talibs, des Schwiegersohns Mohammeds und einer der wichtigsten Persönlichkeiten des Islam. Auch die Imam-Ali-Moschee im irakischen Nadschaf reklamiert diesen Anspruch.Die Blaue Moschee in Masar-e Scharif soll Begräbnisstätte Ali ibn Abi Talibs sein, des Schwiegersohns Mohammeds und einer der wichtigsten Persönlichkeiten des Islam. Auch die Imam-Ali-Moschee im irakischen Nadschaf reklamiert diesen Anspruch. (© ddp/AP)

Waren in den vergangenen Jahrhunderten Eroberungszüge in das Gebiet des heutigen Afghanistans vor allem aus den zentralasiatischen Steppen vorgetragen worden, so drangen arabische Invasoren seit Mitte des 7. Jahrhunderts n. Chr. aus dem mesopotamischen Tiefland auf das iranische Plateau vor. Der Islam verbreitete sich in rasantem Tempo in der gesamten Regionen und arabische Einflüsse (v.a. Schrift und Sprache) prägten diese Region nachhaltig. Bis zum 11. Jahrhundert lösten sich in der Region die islamischen Dynastien der Taheriden, Saffariden und Samaniden ab, die allerdings ihre Zentren außerhalb des Gebietes des heutigen Afghanistan hatten. Dies änderte sich erst im Laufe des 10. Jahrhunderts.

Ghaznawiden und Ghoriden



Seit Ende des 10. Jahrhunderts entwickelte sich das Ghaznawiden-Reich, das unter Mahmud (971-1030) seine Blütezeit entfaltete. Das Reich der Ghaznawiden erstreckte sich von Khorassan bis zum Ganges. Beutezüge nach Indien begründeten den Reichtum und die kulturelle Blüte des Ghaznawiden-Reiches. So stieg Ghazni zu einer überregional bedeutenden Stadt auf, in der prächtige Paläste, Moscheen und sogar die erste islamische Universität (Medresse) entstanden. Über 400 Dichter und Gelehrte sollen sich an Mahmuds Hof aufgehalten haben; unter ihnen der persische Literat Ferdousi, der im Auftrag Mahmuds das "Buch der Könige" verfasste, und al-Biruni, einer der berühmtesten Naturwissenschaftler seiner Zeit.

Den Niedergang der Ghaznawiden besiegelten die Ghoriden, benannt nach einer gebirgigen Region östlich Herats. Das Ghoridenreich, das nun entstand, erstreckte sich bis nach Bihar in Nordindien. Jedoch verlegten die Ghoriden ihre Hauptstadt nicht in eine der großen Machtzentren, sondern regierten ihr Reich von der Felsenburg Firuzkuh am Hari Rud aus. Im Gegensatz zu den Feldzügen der Ghaznawiden, die nur dem Beutemachen dienten, setzten die Ghoriden muslimische Sklavenoffiziere in Nordindien ein. Damit wurde das Ghoridenreich zum Brückenkopf für die Ausbreitung des Islam in Indien. Die Macht der Ghoriden schwand zu Beginn des 13. Jahrhunderts, als sie von dem Nomadenvolk der Chorezm besiegt wurden.

Verwüstungszüge der Mongolen



Hatte in den vergangenen Jahrhunderten nahezu gleichförmig eine Dynastie die andere abgelöst, bedeutete der Mongolensturm unter Dschingis Khan eine nachhaltige Zäsur. Die Eroberungszüge der Mongolen glichen Vernichtungszügen. Im Frühjahr 1221 überquerte Dschingis Khan den Amu Darya und den Hindukusch. Während seiner Eroberungszüge äscherte Dschingis Khan die damals bedeutendsten Städte Ghazni, Herat und Balkh ein. Timur Leng (Tamerlan, "der Hinkende", geb. 1336; 1370-1405), der mütterlicherseits mit Dschingis Khan verwandt war, trat im kriegerischen Sinne das geistige Erbe Dschingis Khans an. Timur machte Herat dem Erdboden gleich und vernichtete die ausgeklügelten Bewässerungssysteme der Oasenlandschaft Sistans. Wie drastisch diese Vernichtungswut gewesen sein muss, dokumentiert die Tatsache, dass sich Sistan nie wieder erholen konnte und der Wüstenbildung zum Opfer fiel. Sein Sohn und Nachfolger Scharukh (1405-1447) erkor Herat zu seiner neuen Residenz aus. Schahrukh begründete in Herat die Timuriden-Dynastie, unter der die islamische Kunst eine ihre größten Blüten entfaltete.

Safawiden, Moguln und Schaibaniden



Seit Beginn des 16. Jahrhunderts lag das heutige Afghanistan rund 250 Jahre lang im Grenzgebiet zwischen Moguln in Nordindien, Safawiden in Persien und Schaibaniden in Mittelasien. So war Herat seit 1502 fast kontinuierlich unter safawidischer Herrschaft. Zur gleichen Zeit begründete Babur, ein Nachfahre Timurs, in Kabul die Moguln-Dynastie Südasiens. Kandahar stellte einen ständigen Zankapfel zwischen Safawiden und Moguln dar und wurde erst 1649 endgültig dem Safawidenreich einverleibt. Die Region südlich des Amu Darya und nördlich des Hindukusch zerfiel in eine ganze Reihe usbekischer Staaten, sogenannter Khanate, die seit dem 16. Jahrhundert zum Einflussbereich schaibanidischer Herrscher Bukharas zählten.

Alle drei Imperien begnügten sich im Raum des heutigen Afghanistans mit der Ausübung indirekter Herrschaft, indem sie in den wenigen urbanen Zentren Statthalter und Besatzungstruppen einsetzten, um die wichtigen Handelswege zu kontrollieren. Die Statthalter ver­suchten, Einfluss auf die Repräsentanten und Anführer der umliegenden Dörfer und Stämme zu nehmen; bestenfalls schafften sie es, Tributzahlungen herauszupressen: In vielen Fällen nutzten jedoch auch die Anführer und Stämme die schwache Position der Statthalter für die Erweiterung der eigenen Macht­ und erhielten Subsidien und Privilegien von den Moguln und Safawiden. Aufgrund dieser Politik erstarkten die paschtunischen Stämme, die im Grenzbereich beider Reiche lebten, während die Macht der Moguln und Safawiden zunehmend bröckelte.

Das Aufbegehren paschtunischer Stämme gegen die herrschenden Imperien äußerte sich erstmals gegen Ende des 16. Jahrhunderts, als die religiöse Roschaniye-Sekte des Mystikers Bayezid Ansari untereinander zerstrittene Stämme einigte, die gegen die Herrschaft der Moguln aufbegehrte. Besonders in den 70er Jahren des 16. Jahrhunderts schwoll diese Bewegung zu einer echten Bedrohung für die Moguln an. Auch im 17. Jahrhundert mussten sich die Moguln ständig gegen die Paschtunen erwehren. So erlitt der Moguln-Herrscher Aurangzeb gegen paschtunische Stämme 1672 bei Landikotal eine schwere Niederlage und konnte nur mit Mühe die Hoheit im Nordwesten seines Reichs aufrechterhalten. In diesem Zusammenhang ist vor allem Khan Khuschhal Khan Kattak zu nennen, ein paschtunischer Führer, der sich immer wieder mit den Moguln Kämpfe lieferte. Khan Khuschhak Khan Khattak besang in unzähligen Gedichten die Werte und Kultur der Paschtunen, weshalb er bis heute von vielen Paschtunen als Nationalheld verehrt wird.

Mir Wais und der Untergang des Safawidenreichs



Während sich das Mogulreich den paschtunischen Stämmen noch erwehren konnte und von der Zerstrittenheit der Gebirgsstämme profitierte, hatten sich in Herat und Kandahar zwei große Stammeskonföderationen, die mehrere paschtunische Stämme umfassten, herausgebildet. Zwischen Kandahar und Herat hatten sich die Abdali etabliert, während die Region zwischen Ghazni und Kandahar das Stammesgebiet der Ghilzai war. Beide Stammeskonföderationen befanden sich seit dem 17. Jahrhundert in einem ständigen Konkurrenzkampf. Grund dieser Rivalität war der Streit um die Vorherrschaft in Kandahar, das nicht nur eine fruchtbare Oase darstellte, sondern auch die wichtigste Handelsstation zwischen Persien und Indien.

Als die Safawiden den schiitischen Islam zur Staatsreligion erhoben und Sunniten zwangskonvertierten, gelang es einem Aufstand unter Führung des Ghilzai Mir Wais, die Safawiden aus dem mehrheitlich sunnitischen Kandahar zu vertreiben. Mahmud Hotak, Sohn und Nachfolger von Mir Wais, begnügte sich nicht mit der Herrschaft über Kandahar, sondern nahm 1722 die Hauptstadt der Safawiden, Isfahan, ein und setzte dem Safawidenreich ein Ende. Mahmud selbst nahm für sich den Titel "Schah von Persien" in Anspruch. Nach seinem Tod 1725 konnte sein Cousin Aschraf die "Afghanen-Herrschaft" in Persien nicht mehr aufrechterhalten. Er wurde 1729 von Nadir Schah aus dem Turkstamm der Afschar besiegt, einem Gefolgsmann der Safawiden. Aschraf starb auf der Flucht.

Ahmad Schah und die Gründung des Durrani-Reichs



1736 schwang sich Nadir Schah zum Herrscher über Persien auf. Er begründete ein Reich, das vom Kaspischen Meer bis nach Nordindien reichte. 1747 fiel Nadir Schah einem Attentat durch unbekannte Hand in Maschhad zum Opfer. Die Gunst der Stunde nutzte Ahmad Schah. Dieser stammte aus der paschtunischen Abdali-Konföderation und war Oberbefehlshaber der Leibgarde Nadir Shahs gewesen. Er etablierte in Kandahar seine Herrschaft und gründete das Reich der Durrani, in die er die Abdali-Konföderation umbenannt hatte. Sein Imperium reichte von Khorassan bis nach Kaschmir und vom Amu Darya bis zum Indischen Ozean; Kandahar bildete das Zentrum dieses Reichs. Wenngleich das Reich Ahmad Schahs häufig als Beginn des modernen Afghanistan gesehen wird, entsprach es nicht mehr als einem lockeren Herrschaftsverbund von Fürstentümern und Stämmen, die Ahmad Shah nur indirekt beherrschte. Seine Herrschaft beschränkte sich faktisch auf den Ort, an dem er sich gerade mit seinem Heer aufhielt. Sein Heer, das sich aus Soldaten verschiedener Herkunft zusammensetzte, konnte allerdings nur mit der Aussicht auf Beute zusammengehalten werden. Daher führten ihn allein acht Feldzüge in das fruchtbare Indien. Mehr als drei Viertel der gesamten Steuern wurde aus den fruchtbaren Provinzen Kaschmir, Punjab und Multan gepresst.

Timur Schah (1773-1793), Sohn und Nachfolger Ahmad Schahs, konnte das Reich, das ihm sein Vater überlassen hatte, notdürftig erhalten. So war Timur Schahs Herrschaftsanspruch umstritten, weshalb er sich gegen Thronansprüche aus der eigenen Familie zur Wehr setzen musste. Außerdem erwies sich das Reich als zu groß: So blieben die für den Staatshaushalt notwendigen Steuern aus den fruchtbaren indischen Provinzen aus, wodurch Timur Schah die notwendigen Ressourcen fehlten, um die Herrschaftshoheit aufrecht zu erhalten. Um sich finanziell und politisch vom Einfluss der durranischen Adelsschicht zu lösen, verlegte Timur Schah die Hauptstadt von Kandahar nach Kabul. Damit ging einher, dass Persisch Paschtu als Sprache am Hof ablöste.

Afghanistan – Land unzähliger Herrscher



Mit dem Ableben Timur Schahs offenbarte sich, dass partikulare Interessen an Dominanz gewannen. Permanente Thronstreitigkeiten erschütterten Kabul, und gleich mehrere Herrscher aus dem Sadozai-Clan des Stammes des Popalzai bestiegen in den folgenden Jahrzehnten wiederholt den Thron: Auf Zaman Schah (1793-1801) folgte sein Halbbruder und Rivale Schah Mahmud (1801-1803), der von Zaman Shahs Vollbruder Shah Shuja (1903-1809) wiederum vertrieben wurde. Shah Mahmud vermochte es dann (1809-1918) wieder Shah Shuja ins Exil zu jagen, bevor dieser selbst von dem aufstrebenden Clan der Mohammadzai aus dem Stamm der Barokzai vertrieben wurde. Letztere stellten das Geschlecht der afghanischen Königsfamilie, aus dem bis 1978 die afghanischen Herrscher stammten.

Diese ständigen Thronstreitigkeiten bedingten, dass die afghanischen Herrscher nicht mehr in der Lage waren, die ertragreichen indischen Provinzen an sich zu binden, da die Auseinandersetzungen mit ihren Konkurrenten ihre Anwesenheit in Kabul erforderten. So blühte im Punjab unter Führung Ranjit Singh (1780-1839) das Reich der Sikhs auf. Hatte Zaman Schah zunächst Ranjit Singh zum Gouverneur von Lahore erhoben, so sagte sich dieser bald von Kabul los und gründete ein eigenständiges Reich. In der Folgezeit eroberte Ranjit Singh den gesamten Punjab sowie Kaschmir und nahm den Kabuler Herrschern ihre wichtigsten Einkommensquellen, um sich die Loyalitäten der Vielzahl an Potentaten und Stämme zu erkaufen. Die Folge war, dass neben Kabul seit Anfang des 19. Jahrhunderts Kandahar, Herat und Peschawar zu ebenbürtigen regionalen Machtzentren aufstiegen, die konkurrierende Clans der durranischen Stämme regierten. Herat avancierte zum Gegenpol zu Kabul als Zufluchtsort der Rivalen der Herrscher. Schließlich sagten sich die Vielzahl kleiner usbekischen Khanate zwischen Hindukusch und Amu Darya von Kabul los und erklärten sich nur gegenüber dem Khanat von Bukhara tributpflichtig. Diesen Zerfall des Durrani-Reiches in eine Vielzahl kleiner Fürstentümer nutzte Ranjit Singh, indem er 1823 sogar die durranische Königsstadt Peschawar einnahm. Doch brachte bereits zu diesem Zeitpunkt das aufstrebende britisch-indische Kolonialreich das Reich der Sikhs in zunehmende Bedrängnis.

Eine ausführliche Darstellung findet sich in: Conrad Schetter, Kleine Geschichte Afghanistans, München: Beck Verlag, 2011



 

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