Afghanen nach einer Bombenexplosion am 14. November 2010 in Dschalalabad, östlich von Kabul.

Afghanistan im 19. und 20. Jahrhundert


13.6.2012
Seit den ausgehenden 1970er Jahren befindet sich Afghanistan in einem permanenten Bürgerkriegszustand. Staatliche Strukturen, die im 20. Jahrhundert etabliert worden waren, erodieren wieder. Als Staat hatte sich das Land erst im 19. Jahrhundert zwischen Russland und Britisch Indien allmählich gebildet.

Blick auf die Afghanische Berglandschaft in der Nähe von Lashkar Gah, der Provinzhauptstadt von Helmand in Süd-Afghanistan.Blick auf die Afghanische Berglandschaft in der Nähe von Lashkar Gah, der Provinzhauptstadt von Helmand in Süd-Afghanistan. (© ddp/AP)

Erst im 19. Jahrhundert bildete sich vor dem Hintergrund des Kampfes um die Vorherrschaft in Zentralasien (Great Game) zwischen Russland und Britisch Indien allmählich ein Staat Afghanistan heraus. Er wurde bis weit in das 20. Jahrhundert hinein immer wieder von Auseinandersetzungen mit Stämmen und lokalen Potentaten erschüttert. Seit den ausgehenden 1970er Jahren befindet sich Afghanistan in einem permanenten Bürgerkriegszustand, in dem die staatlichen Strukturen, die im 20. Jahrhundert etabliert worden waren, wieder erodieren.

Great Game



Im 19. Jahrhundert etablierte sich der Begriff "Afghanistan" für die aus der Sicht der Großmächte herrschaftslose Pufferzone zwischen Persien und den Kolonialmächten Russland und Britisch Indien. Zudem kollidierten hier die Interessen der beiden Imperien, was als Great Game Berühmtheit erlangte. Besonders die Briten waren ständig bemüht, einen Herrscher in Kabul zu installieren, der ihren Interessen entsprach. Aufgrund verhängnisvoller Fehleinschätzungen seitens der Briten, Kommunikationsproblemen zwischen den Briten und den afghanischen Emiren, Regierungswechseln in London sowie der partikularen Machtverteilung in Afghanistan erlebten die Briten am Hindukusch jedoch immer wieder die Grenzen ihrer kolonialen Politik: 1842 wurde im ersten anglo-afghanischen Krieg (1838-1842) die britische Indus-Armee vollends aufgerieben und im zweiten anglo-afghanischen Krieg 1879 mussten die Briten letztlich erkennen, dass der militärische Aufwand, Afghanistan zu kontrollieren, kaum im Verhältnis zum wirtschaftlichen und geopolitischen Ertrag stand. Im Gegenzug bildeten sich im 19. Jahrhundert in Afghanistan zaghafte Ansätze einer politischen Konsolidierung heraus. So vermochte es zunächst Dost Mohammad Khan (*1793; 1826-1863) und anschließend Sher Ali Khan (*1825-+1879; 1863-1878) ihre Herrschaftsansprüche gegenüber Konkurrenten durchzusetzen.

Gründung des modernen Afghanistan



Den zweiten anglo-afghanischen Krieg beendeten die Briten, indem sie Abdur Rahman (*1844; 1880-1901), einen Enkel Dost Mohammad Khans, auf den Kabuler Herrschaftsthron setzten. Abdur Rahman, genannt der "Eiserne Amir", unterwarf in seiner Herrschaftszeit in unzähligen, äußerst brutalen Kriegen sämtliche Landesteile und etablierte erstmals eine staatliche Kontrolle. Abdur Rahman war aus einer Position der Schwäche heraus aber auch gezwungen, das Abkommen zu Gandomak, das die Briten mit seinem Vorgänger Yakub Khan (1879) abgeschlossen hatten, weitgehend zu bestätigen. Infolge dessen musste Abdur Rahman Gebiete an Britisch Indien abtreten und der Grenzfestlegung Afghanistans zustimmen. Zudem musste Afghanistan auf eine eigenständige Außenpolitik verzichten und wurde zu einem der isoliertesten Länder der Welt. Die Durand-Line, wie die 1893 festgelegte Grenze zwischen Afghanistan und Britisch Indien genannt wurde, verlief mitten durch die paschtunischen Stammesgebiete. Bis heute erkennt Kabul daher diese Grenze nicht an. Streitigkeiten um den Grenzverlauf brachten seit 1948 Pakistan und Afghanistan in der Paschtunistanfrage mehrfach an den Rand eines Krieges.

Auf Abdur Rahman folgten sein Sohn Habibullah (*1872, 1901-1919), der am 20. Februar 1919 einem Attentat zum Opfer fiel, und sein Enkel Amanullah (*1892 +1960; 1919-1929). Letzterer erreichte in dem dritten anglo-afghanischen Krieg (1919) die völlige Unabhängigkeit Afghanistans von Britisch Indien. Amanullah, den auch eine Reise nach Deutschland und Europa führte, trieb die Modernisierung des Landes voran. So gab Amanullah dem Land eine moderne Verfassung, benannte seinen Titel von Emir in Shah [König] um und war bemüht, einen westlichen Lebensstil in Afghanistan einzuführen. Dies provozierte vor allem traditionelle Kräfte im Land. 1929 brachen Aufstände im ganzen Land aus. Amanullah sah sich gezwungen, nach Rom ins Exil zu gehen. Nun schwang sich für wenige Monate Habibullah II., ein tadschikischen Kriegsfürsten aus der Shomali-Region nördlich Kabuls, zum afghanischen Herrscher auf. Habibullah II. wurde jedoch nach wenigen Monaten von Nadir Khan, der aus einer Nebenlinien des Herrscherhauses entstammte, mit Hilfe paschtunischer Stämme besiegt und hingerichtet. Nadir Khan (*1883; 1929-1933), der sich nun in Nadir Shah umbenannte, machte in seiner Herrschaftszeit viele Reformen Amanullahs rückgängig und betrieb eine Restauration der Herrschaft. Am 8. November 1933 fiel er einem Attentat zum Opfer.

Auf Nadir Shah folgte Zahir Shah (*1914 ; 1933-1973) auf dem Kabuler Thron. Doch erst 1963 griff Zaher Schah selbst aktiv in die Politik ein, da von 1933 bis 1946 sein Onkel Mohammad Haschem Khan, von 1946 bis 1953 sein Onkel Schah Mahmud Khan und schließlich von 1953 bis 1963 sein Vetter Mohammad Daud Khan die Regierungsgeschäfte leiteten. Während Haschem Khan die autoritäre Politik Nadir Schahs weiterführte, leitete Schah Mahmud zaghafte Schritte einer Demokratisierung ein. Mit Mohammad Daud übernahm ein Machtmensch das höchste Regierungsamt, der einen autoritären Regierungsstil pflegte, die Modernisierung des Landes durch eine Stärkung des Staates anstrebte und den Paschtunistankonflikt mit Pakistan auflodern ließ.

Am 9.März 1963 trat Daud unvermittelt zurück. Zum einen dürfte hierfür die ausweglose Eskalation der Paschtunistanfrage, die direkt mit seinem Namen verbunden war, ausschlaggebend gewesen sein, zum anderen setzte sich der Ruf nach einer konstitutionellen Monarchie durch. Die Phase der konstitutionellen Monarchie erlebte zwischen 1963 und 1973 fünf Premierminister: Dr. Mohammad Yusuf (1963–1965), Mohammad Haschem Maiwandwal (1965–1967), Nur Ahmad Etemadi (1967–1971), Dr. Abdul Zaher (1971–1972) und Musa Schafiq (1972–1973). Obgleich viele Afghanen diesen Zeitraum zu einer Epoche des politischen und demokratischen Erwachens verklären, war es auch eine Zeit der politischen Instabilität und der wirtschaftlichen Stagnation. Durch eine Dürreperiode von 1969 bis 1972, der nach Schätzungen etwa 100.000 Menschen zum Opfer fielen, verschlechterte sich nicht nur die ökonomische Situation des Landes, sondern gerieten auch Zaher Schah und die Regierung unter Beschuss. Die herausragende Leistung in der konstitutionellen Monarchie war 1964 die Erarbeitung einer Verfassung, die Ansätze eines westlichen Parlamentarismus enthielt, aber dennoch auf den König zentriert blieb. Eines der wesentlichen Probleme war, dass Zahir Schah das Parteiengesetz, das in der Verfassung enthalten war, nicht ratifizierte. Dies hatte zur Folge, dass politische Parteien illegal blieben und sich ihrerseits nicht an die Verfassung gebunden fühlten. So radikalisierte sich in den 1960er Jahren zunehmend das Parteienspektrum – auf der einen Seite in kommunistische Parteien, auf der anderen Seite in islamistische Bewegungen. Viele sehen hierin den Ursprung für die Afghanistankriege.

Die Afghanistankriege



Am 17. Juli 1973 putschte sich Mohammad Daud, der Vetter Zahir Shahs mit Hilfe der Kommunisten an die Macht, während sich Zahir Schah auf einer Auslandsreise befand und bis 2001 in Rom im Exil blieb. Doch überwarf sich Daud bald mit seinen Verbündeten und vermochte es auch nicht, neue Allianzen zu bilden.

Daher putschte am 27. April 1978 die kommunistische Demokratische Volkspartei Afghanistan (DVPA) gegen Präsident Mohammad Daud. Die DVPA baute eine Schreckensherrschaft auf, die durch radikal umgesetzte Land- und Bildungsreformen sowie Repressionen gegen potenziellen Gegner gekennzeichnet war. Diese Politik provozierte Rebellionen im ganzen Land. Zudem brachen innerhalb der DVPA Machtkämpfe aus: Hafizullah Amin ließ den schwachen Präsidenten Mohammad Taraki ermorden und ernannte sich am 16. September 1979 eigenmächtig zum Präsidenten. Die Sowjetunion als wichtigster Bündnispartner der DVPA betrachtete mit Sorge den sich anbahnenden Zusammenbruch des Kabuler Regimes. Um den eigenen Einfluss in Afghanistan zu sichern, besetzte die Sowjetunion in den Weihnachtstagen 1979 das Land. Hierbei kam Amin ums Leben.

In den kommenden Jahren avancierte Afghanistan zum wichtigsten Schlachtfeld des Kalten Krieges. Die sowjetischen Truppen trafen auf hartnäckigen Widerstand der Bevölkerung. Moskau etablierte ein Marionettenregime, das zunächst von Babrak Karmals (1980-1986) und anschließend von Najibullah (1986-1992) geführt wurde. Der Islam avancierte zum ideologischen Gegenpol des Kommunismus, was sich in der Ausrufung des Jihad gegen die gottlosen Kommunisten und in der Bezeichnung der Widerstandskämpfer als Mujahidin äußerte. Vornehmlich lieferten die USA und Saudi-Arabien dem Widerstand Waffen und Geld. Dem pakistanischen militärischen Geheimdienst Inter Services Intelligence (ISI) fiel die Aufgabe zu, den Widerstand zu organisieren. Die Widerstandsparteien gruppierten sich um religiöse Führer und Islamisten. Jedoch scheiterten Bündnisse zwischen diesen stets an persönlichen Animositäten und politischen Gegensätzen. 1988 beschloss die Sowjetunion den sofortigen Abzug ihrer Truppen. Das Najibullah-Regime konnte sich noch bis 1992 behaupten. Erst die Einstellung der Finanz- und Militärhilfe aus Moskau bedingten dessen Zusammenbruch.

Die Herrschaft der Mujahidin (1992-1996) mündete in einem Bürgerkrieg, in dem Kabul in Schutt und Asche gebombt wurde und das Land in unzählige Kleinreiche zerfiel. Im Herbst 1994 nahmen die Taliban (Religionsschüler) Kandahar ein und gewannen binnen weniger Monate die Kontrolle über Südafghanistan. 1996 nahmen sie Kabul ein und machten Afghanistan zu einem "Islamischen Emirat". Die Parteien und Kriegsfürsten, die sich bis dato aufs Blut bekämpft hatten, schlossen sich gegen die Taliban zur Nordallianz zusammen. Unterstützung erhielten die Taliban aus Pakistan und Saudi-Arabien. Auch die USA und amerikanische wie saudi-arabische Firmen, die eine Pipeline von Turkmenistan durch Afghanistan nach Pakistan bauen wollten, bekundeten zeitweilig Interesse an den Taliban.

Als Drahtzieher der Anschläge auf die US-Botschaften in Dar-es-Salaam und Nairobi 1998 erkannten die USA Osama bin Laden, der sich in Afghanistan aufhielt; die USA flogen als Vergeltungsakt Luftangriffe gegen islamistische Ausbildungslager in Ostafghanistan. Die Anschläge des 11. September 2001 verdeutlichten Afghanistans Bedeutung als Zentrum des Terrorismus. Als die Taliban die Auslieferung Osama bin Ladens verweigerten, flogen die USA Luftangriffe gegen die Taliban. Anfang November 2001 brach der Widerstand der Taliban binnen weniger Tage zusammen und die internationale Gemeinschaft etablierte unter Federführung der USA eine neue afghanische Regierung.

Die Friedensgespräche (27.11.-05.12.2001) auf dem Petersberg bei Bonn schufen eine Übergangsregierung unter Führung Hamid Karzais. Um deren Schutz zu gewährleisten, wurde in Kabul die International Security Assistance Force (ISAF), ausgestattet mit UN-Mandat, installiert. Am 22. Dezember nahm die neue Regierung ihre Arbeit in Kabul auf und im Juni 2002 bestätigte eine loya jirga (große Versammlung, um nationale Fragen zu klären) die Übergangsregierung. Am 4. Januar 2004 beschloss eine loya jirga eine neue Verfassung, die Afghanistan zu einer "Islamischen Republik" machte. Bei den Präsidentschaftswahlen 2004 und 2009 wurde Hamid Karzai im Präsidentenamt bestätigt. 2005 und 2010 fanden Parlamentswahlen statt.

Trotz zaghafter Fortschritte im Wiederaufbau des Landes ebbten die gewaltsamen Konflikte in Afghanistan nicht ab. So erstarkten die Taliban erneut und kontrollieren weite Teile Süd- und Südostafghanistans. Im Gegenzug stockte die NATO, die seit 2003 den Oberbefehl über die ISAF-Truppen hat, ihre Kontingente auf 130.000 Mann auf, die zur Hälfte von den USA gestellt wurden. Zudem erweist sich der Wiederaufbau des Landes als äußerst problematisch, da ein funktionierender Staatsapparat, staatlich kontrollierte Sicherheitsorgane, eine unabhängige Justiz, Zivilgesellschaft, freie Medien und demokratische Parteien weitgehend fehlen. Auch blühte der Opiumanbau wieder auf.


Eine ausführliche Darstellung findet sich in: Conrad Schetter, Kleine Geschichte Afghanistans, München: Beck Verlag, 2011



 

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