Afghanen nach einer Bombenexplosion am 14. November 2010 in Dschalalabad, östlich von Kabul.

15.9.2008 | Von:
Reinhard Möller

Deutschlands Engagement in Afghanistan

Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart

Der Afghanistan-Krieg 1979-1989

Die Bundesregierung reagierte auf Dauds einseitige Parteinahme für die UdSSR mit einer Politik der Distanzierung vom neuen Regime. Die politischen Entwicklungen am Hindukusch nahmen in der Folge einen dramatischen Verlauf: Daud wurde entmachtet und die prosowjetische "Demokratische Volkspartei" unter Nur Moh. Taraki übernahm die Staatsgewalt. Nach Bürgerkriegskämpfen zwischen Truppen der kommunistischen Regierung, königstreuen, islamischen und moderaten Kräften marschierten im Dezember 1979 sowjetische Einheiten in Afghanistan ein. Ein grausamer und zerstörerischer Krieg begann.

Die Bundesrepublik stoppte die Entwicklungszusammenarbeit. Ihre letzten Berater und Fachkräfte verließen 1980 Afghanistan, die Lehrkräfte folgten 1984. Der Krieg führte zu immensen Flüchtlingsbewegungen, hauptsächlich in Richtung Pakistan und Iran. Zielländer der Exilanten waren zudem die USA und Deutschland, wohin sich auch Tausende von Angehörigen der geistigen Elite Afghanistans begaben. Die Bundesregierung plädierte mehrfach für den Abzug "fremder Truppen" aus dem zentralasiatischen Land und trat für das Selbstbestimmungsrecht des afghanischen Volkes in Freiheit ein. Und sie leistete humanitäre Hilfe zur Linderung der ärgsten Not im Lande. Besondere Verdienste erwarb sich in den Kriegsjahren der ehemalige Oberstarzt der Bundeswehr, Dr. Reinhard Erös, der zahllose verwundete afghanische Soldaten und Zivilisten in sogenannten "Höhlen-Kliniken" medizinisch versorgte.

Nach schmachvoller Niederlage verließen die letzten sowjetischen Verbände 1989 Afghanistan. Es folgte eine Zwischenphase mit Bürgerkrieg unter den heillos zerstrittenen Mudschahidin-Gruppierungen und Talibanherrschaft. Die "Gotteskrieger" wurden am Ende von amerikanischen Truppen und der afghanischen Nordallianz entscheidend geschlagen.

Das politische und militärische Engagement seit 2001

Zu sehen ist der Schatten von UN-Sprecher Ahmed Fausi als er zu den Medien spricht kurz vor den bevorstehenden afghanischen Gesprächen in Königswinter bei Bonn am 25.11.2001.Im Gästehaus der Bundesregierung auf dem Petersberg bei Bonn findet am 27. November 2001 die UNO-Eröffnungskonferenz zur Zukunft Afghanistans statt. Der UN-Sonderbeauftragte für Afghanistan beruft diese Konferenz ein, die der Vorbereitung einer breit angelegten und repräsentativen Regierungsbildung dient. (© AP)

Aufgrund des historisch gewachsenen Vertrauensverhältnisses war Deutschland nun dazu prädestiniert, beim Wiederaufbau Afghanistans eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Unter der Ägide der UNO wurde denn auch die sog. Afghanistan-Konferenz zum 27. November 2001 auf dem Petersberg bei Bonn einberufen. Die eingeladenen Vertreter fast aller wichtigen politischen Richtungen des Landes befürworteten die Initiative. Nicht einbezogen waren Vertreter der Talibanbewegung. Die Konferenz endete mit einer Vereinbarung über vorläufige Regelungen bis zur Wiederherstellung dauerhafter staatlicher Institutionen in Afghanistan. Als Chef der Interimsverwaltung wurde der Paschtune Hamid Karsai eingesetzt.

Mit UN-Mandat ist dann die Internationale Sicherheitsbeistandstruppe (= ISAF) zum Schutz der vorläufigen Regierung in Kabul gebildet worden. Von der zunächst 5.000 Mann umfassenden Truppe stellte Deutschland das Hauptkontingent. Ab 2003 verlagerte sich der Schwerpunkt des Bundeswehr-Engagements von Kabul nach Nordafghanistan. Dort übernahm Deutschland 2006 auch die Führung des ISAF/NATO-Regionalkommandos Nord, zudem die Verantwortung für die Regionalen Wiederaufbauteams (PRTs) in Kundus und Faizabad, jeweils mit ziviler und militärischer Komponente. Beim überwiegenden Teil der Bevölkerung im Norden des Landes genießt die Arbeit der Bundeswehr immer noch hohes Ansehen.

Das zivile Engagement der Bundesrepublik nach 2001

Deutschland unterstützte organisatorisch die beiden Großen Ratsversammlungen (Loya Jirgas) 2002 und 2003 in Afghanistan. Während der ersten Versammlung wurde Karsai als Präsident der Übergangsregierung bestätigt, anlässlich der zweiten die Verfassung der Islamischen Republik Afghanistan verabschiedet. Die Durchführung der nachfolgenden Präsidentschaftswahl hat die Bundesregierung finanziell unterstützt.

In Anknüpfung an alte Traditionen hat Deutschland wieder einen Teil der Aus- und Weiterbildung der afghanischen Polizei übernommen. Deutsche Experten setzen sich auch für den Aufbau eines funktionierenden Justizwesens ein. Der Wiederaufbau der Wasserkraftwerke in Mahipar und Sarobi kommt gut voran; sie sollen in Kürze rund 50 % des Energiebedarfs in Kabul abdecken. Eine bessere Trinkwasserversorgung für die Hauptstadt und Provinzstädte wie Kundus oder Herat ist mit Erfolg realisiert worden. Der Straßenbau wird vorangetrieben.

Um der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Afghanistan nachhaltige Impulse zu geben, fördert Deutschland u. a. Existenzgründungen sowie berufliche Bildungs- und Fortbildungsmaßnahmen. Mit deutscher Hilfe ist auch die Amani-Schule in Kabul wieder aufgebaut und viele andere Schulen, insbesondere für Mädchen, errichtet worden. Die Lehreraus- und -weiterbildung ist ebenfalls ein wichtiger Teil des deutschen Engagements.

Alles in allem wird Deutschland bis 2010 einschließlich humanitärer, Not- und Übergangshilfe mehr als 900 Millionen Euro für Afghanistan bereitgestellt haben. Nach den USA, Großbritannien und Japan ist Deutschland damit das viertgrößte bilaterale Geberland.

Besonderer Erwähnung bedürfen auch die Aktivitäten privater Hilfsorganisationen und politischer Stiftungen. Stellvertretend für viele andere Einrichtungen sind hier die "Kinderhilfe Afghanistan" der Familie Erös aus Bayern und die von Rupert Neudeck ins Leben gerufenen "Grünhelme" anzuführen. Beide Organisationen, die ausschließlich auf private Spenden angewiesen sind, werden von den Afghanen hochgeschätzt. Dr. Erös engagiert sich u. a. für den Bau von Grund- und Oberschulen, Krankenstationen, Waisenhäusern und Lehrlingswerkstätten in entlegenen Provinzen; die "Grünhelme" setzen sich ebenfalls für die Errichtung von Schulen, aber auch von Ambulanzen und Wasserversorgungsanlagen ein. Die auch in Kabul vertretene Konrad-Adenauer-Stiftung ist u. a. durch ihre Stipendiaten- und Praktikantenprogramme im Medienbereich hervorgetreten. Im Mai 2003 hat sie die erste "Denkfabrik" in der afghanischen Hauptstadt, das "National Center for Policy Research" gegründet. Diese Einrichtung kooperiert z.B. mit der Ruhr-Universität Bochum.

Schlussbemerkung

Wie ausgeführt, hat sich Deutschland auf verschiedenen Gebieten vom ersten Weltkrieg an – mit Unterbrechungen – für Afghanistan eingesetzt. Das Engagement umfasste die Bereiche Politik, Wirtschaft und Technik, Kultur und Wissenschaft sowie humanitäre Hilfe. Seit 2001 ist Deutschland als Teil der internationalen Staatengemeinschaft am militärisch abzusichernden zivilen Wiederaufbau Afghanistans beteiligt. Die Beziehungen zur afghanischen Regierung und Bevölkerung sind bis heute weitgehend durch enge Freundschaft und ein großes Vertrauensverhältnis geprägt.


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