Afghanen nach einer Bombenexplosion am 14. November 2010 in Dschalalabad, östlich von Kabul.
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Das Engagement der arabischen Staaten


25.5.2010
Die Rahmenbedingungen, die die Unterstützung aus den arabischen Staaten für Afghanistan vor dem Jahr 2001 bedingten, existieren in dieser Form nicht mehr. Arabisches Engagement orientiert sich an einer neuen Problemanalyse.

Der saudi-arabische Prinz Alwaleed Bin Talal Alsaud (links) bei einem Treffen mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai am 18.03.2008 in Kabul.Der saudi-arabische Prinz Alwaleed Bin Talal Alsaud (links) bei einem Treffen mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai 2008 in Kabul. (© AP)

Kaum ein (populär)wissenschaftliches Werk über Afghanistan kommt ohne einen Verweis darauf aus, dass das Land während der Zeit des sogenannten Dschihads gegen die Sowjetunion (1979-1989) umfassend von finanzieller, materieller und personeller Unterstützung aus den arabischen Staaten und vor allem aus den Golfstaaten profitiert habe. Auch der Hinweis, dass lediglich Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Pakistan das Taliban-Regime anerkannt hätten, bleibt in diesem Kontext nie unerwähnt. Differenzierende Auseinandersetzungen über die innen- und außenpolitischen Konstellationen, die dieses Engagement der jeweiligen arabischen Staaten bedingten, sowie über die individuellen Motivationen der in Afghanistan aktiven Araber kommen dabei meist zu kurz.

Westliche Regierungen, die seit dem Jahr 2001 im Rahmen der ISAF-Intervention am Wiederaufbau Afghanistans, der Stabilisierung der afghanischen Regierung und am Kampf gegen den internationalen Terrorismus beteiligt sind, reagieren oft mit Unverständnis auf die Zurückhaltung eben dieser arabischen Staaten, sich heute wieder in ähnlichem Maß für Afghanistan zu engagieren.[1] Auch die afghanische Regierung zerbricht sich bisher nur mit mäßigem Erfolg den Kopf, wie den finanzstärkeren arabischen Golfstaaten Investitionen in und Aufbauhilfe für Afghanistan attraktiver gemacht werden können.[2] Dabei haben Staaten wie Saudi-Arabien und die VAE in diversen Geber-Konferenzen der vergangenen Jahre weitaus mehr Geld in Aussicht gestellt als beispielsweise Frankreich, Italien oder Spanien. Dennoch besteht beim konkreten Mittelabfluss noch großes Steigerungspotenzial.[3] Bessere historische wie aktuelle Detailkenntnis mag also dienlich sein, die Erwartungen an ein offizielles Engagement auf ein realistisches Maß zu reduzieren.

Im Folgenden soll aufgezeigt werden, dass die Grundlage für das arabische Interesse an Afghanistan in den 1980er Jahren in dieser Form nicht mehr besteht, da sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die regionalpolitischen Machtstrukturen verändert haben. Aktuelles und zukünftiges Engagement orientiert sich daher an einer neuen Problemanalyse. Die noch sehr junge und geringe politikwissenschaftliche Forschung zu den arabischen Golfstaaten macht die gesonderte Betrachtung dieser Staaten im Afghanistan-Kontext allerdings zu einer Herausforderung.

Arabisches Engagement bis 1990

Arabisches Engagement in Afghanistan begann nicht erst mit der Unterstützung für den Widerstandskampf gegen die sowjetische Invasion 1979. Die übersichtliche Zahl von Kooperationsprojekten wie im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit lässt jedoch darauf schließen, dass Afghanistan in den Augen der meisten arabischen Staaten noch in den 1970er Jahren keine besondere Priorität genoss oder man auf Kontakte mit der damals kommunistischen Regierung keinen gesteigerten Wert legte. Afghanische Regierungsvertreter aus dieser Phase stellen dies zwar anders dar: "As time passed, countries like Iran, Saudi Arabia, Kuwait, and Iraq committed themselves firmly to extending financial help to Afghanistan."[4] Gemessen in finanziellen Verbindlichkeiten jedoch blieben Staatskredite wie für den Aufbau einer Zuckerfabrik im nordafghanischen Baghlan durch den Kuwait Fund for Arab Development und den Abu Dhabi Fund for Development eine Ausnahme. Kontakte zwischen Afghanistan und der arabischen Welt fanden in dieser Phase in der Regel als einseitiger akademischer Austausch statt, soweit die wenigen verfügbaren Quellen eine solche Aussage überhaupt zulassen: Arabische Universitäten wie die Amerikanische Universität in Beirut waren für die säkulare Elite Afghanistans ein attraktives Ziel, aber auch an der Universität Al-Azhar in Kairo studierten einige Afghanen.

Das arabische Interesse an Afghanistan nahm erst nach dem Einmarsch der Roten Armee zu und schlug sich zunächst in humanitären Bemühungen um afghanische Flüchtlinge durch arabische Regierungen und Hilfsorganisationen nieder, die Ausgaben in jährlich zweistelliger Millionenhöhe nach sich zogen.[5] Bald folgten praktische Unterstützungen für die Mudschahidin: Die sprichwörtliche Politik des saudischen Königs Fahd, jeden Dollar, den die USA für die Aufständischen ausgaben, um einen weiteren Dollar zu ergänzen, wurde offenbar auch auf Waffenlieferungen übertragen. Die Gesamtsumme der offiziellen Unterstützung für die Mudschahidin allein aus Saudi-Arabien sollte sich bis zum Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan auf weit über 4 Milliarden US-Dollar belaufen.[6] Dieser beeindruckenden Summe sind allerdings weitere Leistungen hinzuzufügen. Unklar ist beispielsweise die Verbuchung von Gewinnen aus einem milliardenschweren Vertrag, den die saudische Regierung Ende 1985 mit der britischen Regierung abschloss und der die Lieferung von großen Mengen Öl unter Umgehung der OPEC-Fördergrenzen im Tausch gegen Waffensysteme britischer Firmen umfasste, die direkt oder indirekt den Kämpfern in Afghanistan zugute kommen sollten.[7] Ebenfalls unberücksichtigt sind die inoffiziellen Unterstützungen aus islamischen Wohlfahrtsorganisationen und Stiftungen, Sammlungen in Moscheen und den privaten Mitteln von Mitgliedern des Königshauses.

Über die Höhe ähnlicher Beiträge aus anderen arabischen Staaten kann lediglich gemutmaßt werden. Regelmäßig wird auf das ägyptische Engagement verwiesen, das von Anwar as-Sadat begonnen und unter Husni Mubarak fortgesetzt wurde und u.a. in der Ausrüstung von Lagern zum Training der Mudschahidin bestand, die über Lieferungen von ägyptischen Militärflughäfen aus bestückt wurden.[8] Vor dem Hintergrund dieser Summen überrascht es nicht, dass die arabischen Golfstaaten bis heute für sich in Anspruch nehmen, einen ebenso erheblichen, wenn nicht gar höheren Beitrag als die USA zur Niederlage der Sowjetunion in Afghanistan und im Resultat zu ihrem Fall geleistet zu haben.

"We did it for America, [...] but also, obviously, for ourselves"

Die Frage nach der Motivation und politischen Analyse, die ein derartiges finanzielles Engagement strategisch sinnvoll erscheinen ließ, drängt sich auf. Wie eng innen- und außenpolitische Faktoren zusammenhingen, zeigt die Äußerung von Prinz Turki bin Faisal, der seit Anfang der 1990er Jahre mit dem Portfolio für Afghanistan betraut war: "We did it for America, [...] but also, obviously, for ourselves."[9] Drei Gründe, bei denen Innen- und Außenpolitik Hand in Hand gingen, seien im Folgenden genannt.

"We saw it as our job to fight against Soviet atheism wherever it might threaten", führte Prinz Turki bin Faisal weiter aus. Dem Kommunismus etwas entgegenzusetzen, war seit den 1950er Jahren ein Kernanliegen saudischer Außenpolitik und begründete die umfangreiche finanzielle Unterstützung politischer islamischer Bewegungen in zahlreichen Ländern der islamischen Welt durch Saudi-Arabien. Besonders Gamal Abdel Nassers pan-arabischer Nationalismus war von Saudi-Arabien als Unterminierung der Legitimität des saudischen Königshauses betrachtet worden, dem Saudi-Arabien den Pan-Islamismus als ideologische Alternative entgegensetzte. Unter saudischer Führung wurden daher die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) gegründet, um die Außenpolitik(en) islamischer Staaten zu koordinieren, sowie die Muslimische Weltliga, über die der saudische Einfluss auf kulturelle und religiöse Aktivitäten weltweit institutionalisiert wurde.

Zur wahhabitischen Doktrin, aus der der saudische Staat und das Königshaus ihre Legitimation ziehen, zählte jedoch von jeher auch die Opposition zum und der Kampf gegen den als Häresie betrachteten schiitischen Islam. Die Eindämmung iranischen Einflusses auf die islamische Welt, darunter auch die Staaten Zentralasiens mit ihren nicht unbedeutenden schiitischen Minderheiten, stellte eine Maxime saudischer Politik dar, die sowohl religiösen als auch außenpolitischen Ursprungs ist.[10] Die Bedeutung der anti-schiitischen Stoßrichtung der saudischen Afghanistan-Politik ist nicht zu unterschätzen. Es findet sich mehr als eine Stimme in der Literatur, die sich folgender Einschätzung anschließt: "Pashtuns were supported by Pakistan for strategic reasons and by Saudis because they were seen as the main bulwark against any Shi'i but also Persian influence. It seems even that Riyadh was more concerned to thwart Iranian influence in Afghanistan than to topple the communist regime. Once more the ideological dimension is hiding strategic concerns".[11]

Ergebnis dieser anti-schiitischen Politik war jedoch auch eine einseitige Parteinahme für und Fraternisierung mit afghanischen Paschtunen, die nicht-paschtunische (und damit primär persisch-sprachige) Afghanen sowie afghanische Schiiten ausschloss. Eine Spätfolge der Einseitigkeit der arabisch-afghanischen Kontakte seit dieser Zeit ist heute der Mangel an belastbaren persönlichen Beziehungen zwischen Vertretern der Regierungen am Golf und denen der aktuellen multiethnischen Regierung Afghanistans, was Einfluss auf die aktuelle Politik der Kooperation hat.


[1] Vgl. beispielhaft die Meldung der Associated Press vom 7.3.2010: "NATO: Muslim nations must aid Afghanistan", oder "NATO looks to Gulf States for help in Afghanistan", in: Al-Arabiyya vom 1.11.2009.
[2] So der damalige afghanische Finanzminister Anwar-ul Haq Ahady im Gespräch mit der Autorin im August 2008 in Kabul. Weitere Interviews mit Vertretern des afghanischen Finanz- und Außenministeriums im Juni 2009 und Anfang des Jahres 2010 in Kabul bestätigen, dass diese Herausforderung auch weiterhin auf der politischen Agenda steht.
[3] Vgl. Islamic Republic of Afghanistan/Ministry of Finance, Donors Financial Review, Report 1387, Kabul 2009, S.V.
[4] Abdul Samad Ghaus, The fall of Afghanistan. An insider's account, Washington DC 1988, S. 148.
[5] Steve Coll spricht von 30 Millionen US-Dollar in den ersten Jahren, in: ders., Die Bin Ladens. Eine arabische Familie, München 2008, S. 287.
[6] Vgl. Ahmed Rashid, Taliban, Islam, Oil and the New Great Game in Central Asia, New York 2000, S. 197.
[7] Vgl. S. Coll (Anm. 5), S. 297.
[8] Vgl. J. Millard Burr/Robert O. Collins, Alms for Jihad. Charity and Terrorism in the Islamic World, Cambridge 2006, S. 83.
[9] Zit. nach: Robert Lacey, Inside the Kingdom. Kings, Clerics, Modernists, Terrorists, and the Struggle for Saudi Arabia, London 2009, S. 66.
[10] Vgl. Madawi Al-Rasheed, The Minaret and the Palace: Obedience at Home and Rebellion Abroad, in: dies. (ed.), Kingdom without borders. Saudi political, religious and media frontiers, London 2008, S. 200.
[11] Olivier Roy, Islam and resistance in Afghanistan, Cambridge 19902, S. 233.



 

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