Nächtliche Skyline von Shanghai

7.8.2008 | Von:
Gregor Delvaux de Fenffe

Mythos Mao

"Lasst hundert Blumen blühen"

"Lasst hundert Blumen blühen, lasst hundert Schulen miteinander wetteifern" – so lautet die Kampagne, die Mao 1956 ins Leben ruft. Mao ist auf dem Gipfel seiner Macht. Selbstgefällig verkennt er die Stimmung im Volk. Sieben Jahre nach seiner Machtübernahme lädt er das chinesische Volk zur konstruktiven Kritik am System, an der Partei, an der politischen Führung ein. Mao will Chinas Intelligenz mit der Aussicht auf mehr Freiheit aus der Reserve locken, um sie besser in den kommunistischen Apparat einzubinden und für den Aufbau des Landes zu gewinnen. Mao ist überzeugt, in der Bevölkerung großen Rückhalt zu finden. Anfangs wird Kritik nur verhalten geäußert. Doch bald kommt eine Bewegung ins Rollen, die den Kommunisten gefährlich wird. China revoltiert gegen die Repressalien der Einparteiendiktatur, rechnet mit Maos Unterdrückungsstaat ab. Die Menschen fordern die Beseitigung der kommunistischen Diktatur und gehen für Reformen, Presse-, Rede- und politische Freiheit auf die Straße. 1957 schlägt die KP Chinas zurück. Aus der Hundert-Blumen-Kampagne wird eine Kampagne gegen die Abweichler. Kritiker, die sich mit ihrer Systemkritik zu weit vorgewagt haben, werden systematisch psychisch gebrochen und mundtot gemacht. Rigoros werden Menschen verhaftet, gefoltert, hingerichtet; Willkürlich ordnet Mao die Festnahme von zehn Prozent der chinesischen Intellektuellen an. Viele Hunderttausende werden deportiert, in Umerziehungslagern interniert oder liquidiert.

"Der Große Sprung nach vorne"

Der Name der Kampagne "Großer Sprung nach vorne", die von Mao Ende der Fünfzigerjahre proklamiert wurde, geht auf die Lehren Georg Friedrich Hegels zurück, welche die Entwicklung einer Gesellschaft als eine Abfolge von "qualitativen Sprüngen" ansah. Moderate Wachstumsraten der chinesischen Wirtschaft verleiteten Mao dazu, die Losung einer ruckartig zu bewerkstelligenden Umstellung von einer agrarisch geprägten zu einer industriellen Gesellschaft zu "verordnen".

China sollte aus seiner ländlichen Rückständigkeit gerissen und als wirtschaftliche Großmacht etabliert werden – es galt, "in 15 Jahren Großbritannien einzuholen oder zu überholen". Mao ruft das Land auf, in einer konzertierten, kollektiven Aktion auf jedem Bauernhof, in jedem Hinterhof unter Heranziehung selbst primitivster Arbeitsmittel Hochöfen zu errichten und Stahl zu produzieren. Doch Maos Kampagne mündet in einer Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes. Statt ihre Felder zu bewirtschaften und die dringend benötigten Ernten einzufahren, produzieren die Bauern nach Maos unerbittlicher Vorgabe auf selbstgebauten Stahlkochern nur minderwertiges Eisen. Das Massenexperiment scheitert, die Menschen verlieren ihre Lebensgrundlage. Landesweit wurden selbst die unentbehrlichsten landwirtschaftlichen Werkzeuge eingeschmolzen. Die Folge der vernachlässigten und zerstörten Landwirtschaft sind brachliegende Felder und Missernten. China erleidet in den Jahren von 1960 bis 1962 die größte Hungerkatastrophe der Menschheitsgeschichte. Schätzungsweise 30 bis 40 Millionen Chinesinnen und Chinesen verlieren ihr Leben.

Durch die verheerenden Folgen des Großen Sprungs hat Mao sich als politischer Führer ins Abseits manövriert. Die Pragmatiker um Deng Xiaoping übernehmen jetzt in der Partei das Ruder und führen China in politisch ruhigere Gewässer.

Die "Große Proletarische Kulturrevolution"

Im Zentralkomitee der KP Chinas sitzen zu Beginn der Sechzigerjahre mehr Mao-Gegner als Befürworter. Von der eigenen Partei zur Randfigur degradiert, verwindet Mao den Machtverlust nicht und sinnt auf Rache. Er plant eine großangelegte Säuberung der Partei, die politische und physische Vernichtung der verhassten, abtrünnigen Kader. Der gemäßigte Konsolidierungskurs der Partei ist ihm zutiefst suspekt. Er fürchtet die schleichende Restauration des von ihm so erbittert bekämpften "bürgerlichen Humanismus" mit seinen Traditionen, Skrupeln und zivilisatorischen Sicherungen. Auf zwei Säulen der chinesischen Gesellschaft kann er sich noch stützen: Mao hat weiterhin den Oberbefehl über die Armee, und er weiß Chinas seit nunmehr zwei Jahrzehnten erfolgreich indoktrinierte Jugend hinter sich.

1966 ist es soweit, als er die "Große Proletarische Kulturrevolution" ausruft. Beinahe harmlos beginnt 1965 Maos Rückkehr an die Macht, als er die chinesische Kultur als "bourgeois und reaktionär" brandmarkt. Doch Mao steigert die anfängliche Kulturkritik zur permanenten Revolution gegen die sogenannten "konservativen", "reaktionären" und "konterrevolutionären" Elemente im Staat, in der Gesellschaft – und im Parteiapparat. Mao verführt Chinas Jugend. Mit einem beispiellosen Personenkult schwört er die jungen Menschen auf seine Führung ein, entfesselt eine fanatische, religiös anmutende, kollektive Hysterie. "Bombardiert das Hauptquartier" ruft er den jungen Chinesen zu. Ein Freibrief für die jungen Erfüllungsgehilfen, ihm blindlings zu folgen, gegen alle öffentlichen und privaten Autoritäten, Zwänge und Institutionen vorzugehen.

Mobilisierung der Roten Garden

1966 bis 1968 herrscht in China wieder Bürgerkrieg. Fanatisiert, im rauschhaften Wahn des kollektiven Exzesses beginnen Studenten und Schüler in den Städten und auf dem Land mit der gnadenlosen Hetzjagd und willkürlichen Lynchjustiz gegen die von Mao gebrandmarkten "konterrevolutionären Elemente" der Gesellschaft. Die allerorten mobilisierten jugendlichen Massen organisieren sich in den sogenannten Roten Garden. Keiner wagt sich Ihnen zu widersetzen, sie stehen unter dem besonderen Schutz des "Großen Vorsitzenden". Ihn zu schützen, ihn zu ehren und ihn zu preisen, schwärmen sie aus. Die Rotgardisten nutzen kostenlos die öffentlichen Verkehrsmittel, reisen im ganzen Land umher, veranstalten Exzesse der Gewalt. Eltern werden von den eigenen Kindern denunziert, Menschen auf offener Straße, in Schulen, Universitäten und Betrieben unter Druck gesetzt, öffentlich gequält, ermordet. Kinder beschimpfen willkürlich Erwachsene als Verräter und Feinde des großen Mao, foltern und erschlagen Eltern, Lehrer, Gelehrte, Wissenschaftler, Dozenten und Intellektuelle. Jeden kann es treffen, jeder kann als "konterrevolutionär" denunziert und "entlarvt" werden. Es reicht ein falsches Wort, eine verdächtige Geste, eine Denunziation. Einmal stigmatisiert, haben die Opfer kaum noch eine Chance, der Lynchjustiz zu entkommen. Militär und Polizei schauen auf Maos strikten Befehl tatenlos zu.

Es herrscht ein Klima der totalen Anarchie. Das Land versinkt im Chaos. Millionen Menschen fallen dem jugendlichen roten Mob zum Opfer. Schließlich bekriegen sich Fraktionen und Splittergruppen der Rotgardisten gegenseitig. Der Kulturbetrieb kommt zum Erliegen. Universitäten und Schulen schließen, Betriebe und Bauernhöfe, ganze Industrien werden lahmgelegt. Mao hat sein Ziel erreicht. Die Woge der marodierenden Massen hat den Parteiapparat zerstört, unliebsame Kader und Kritiker mundtot gemacht. Jede Opposition ist beseitigt. Schließlich schickt Mao die Armee gegen die Rotgardisten aus, die er nun nicht länger benötigt. Die jungen Chinesen werden aufs Land zur Umerziehung geschickt.

Anatomie des maoistischen Terrors

Mao setzte die Mechanismen des Terrors, die das chinesische Volk unfreiwillig und freiwillig bediente, gezielt für seinen Machterhalt ein. In den drei Dekaden der maoistischen Herrschaft denunzierten sich die Menschen auf Maos ausdrückliche Weisung in immer neuen von oben verordneten Kampagnen gegenseitig, bezichtigten einander konterrevolutionärer Vergehen, ergingen sich in Gewalt- und Mordexzessen. Anders als in den ausgeklügelten Mechaniken totalitären Terrors der Diktaturen unter Stalin oder Hitler, die über einen eigenen, mitunter streng hierarchisch strukturierten Terrorapparat verfügten, band Mao die eigene Bevölkerung von Anfang an in das System des sich selbst erhaltenden Terrors ein.

Mao machte die eigene Bevölkerung zu Opfern und zu Tätern – oft zu beiden gleichzeitig. Die zentralen Motive des "Mitmachens" waren Angst und permanenter Druck, Mitläufertum und Opportunismus, Ehrgeiz, schließlich Überzeugung und Fanatismus. Für Mao war der Terror das zentrale Instrument, das ihm die Erhaltung uneingeschränkter Macht garantierte. Mao hatte zum Terror, zur Unterdrückung, zur politischen Verfolgung und zur Tötung ein ganz bewusstes Verhältnis. Er war es, der vorgab, den Willen der Massen zu erkennen und zu vertreten. Er, der "Große Steuermann", war es, der entschied, was die Massen denken, fühlen, wollen und wie sie handeln sollten. Wer nach Maos Lesart vom sogenannten "Willen der Massen" abwich, der wurde von ebenjenen Massen aussortiert, stigmatisiert oder liquidiert. Absoluter Staatskonformismus, bedingungslose Gefolgschaft, Unterdrückung der eigenen Entfaltung, permanente Indoktrination durch Staatspropaganda, Unterbindung jeglicher Privatsphäre, Herabwürdigung menschlichen Lebens und ein beispielloser Personenkult sind die programmatischen Leitlinien der maoistischen Diktatur.

Mao Zedong – ein chinesisches Tabu

Bis zu Maos Tod 1976 herrschte in China die bleierne Zeit wirtschaftlicher, politischer und kultureller Stagnation. Auf Jahrzehnte hinaus hatte Mao Zedong China das Rückgrat gebrochen, ein Volk, in dem Opfer und Täter der maoistischen Kampagnen bis heute gezwungen sind, nebeneinander her zu leben. Rehabilitierungen gab es nur wenige, kaum jemand wurde für begangene Verbrechen zur Verantwortung gezogen, Opfer wurden nicht entschädigt. Eine Aufarbeitung der tragischen Exzesse der Kulturrevolution hat bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht stattgefunden. Bis heute unterliegt in China die Deutungshoheit über Mao Zedong und die chinesische Geschichte des 20. Jahrhunderts allein der KP Chinas. Anders als die anderen großen Diktatoren des 20. Jahrhunderts wurde Mao in seinem Land bisher nicht vom Thron gestoßen. Immer noch wird ihm kultische Huldigung zuteil. Eine historisch-kritische Hinterfragung und Aufarbeitung der maoistischen Terrorherrschaft ist in der VR China bis zum heutigen Tag tabu und wird von der Partei unterbunden.

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