Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.

"Unbeschränkte Möglichkeiten"

Internet, Blogs and Soziale Medien in Indien


28.4.2014
Internet und Soziale Medien gehören in Indien inzwischen zum Alltag. Fast eine Viertel Milliarde Menschen sind online – Tendenz steigend. Die Zahl der indischen Blogs geht in die Zehntausende. Gleichzeitig ist das Internet in den letzen Jahren zu einem wichtigen Instrument der politischen Artikulation und Mobilisierung geworden.

Werbung für ein Internet-Café in Delhi.Werbung für ein Internet-Café in Delhi. (© picture-alliance)

Eine der grundlegenden Veränderungen im Indien des 21. Jahrhunderts ist die rasante Verbreitung des Internets. Cyber-Cafés wurden nicht nur in den Metropolen eröffnet, sondern auch in kleinen Städten und Dörfern. Schüler und Studenten begannen damit, Kontakte in der ganzen Welt zu knüpfen und die zahllosen Quellen des Wissen anzuzapfen. Landesgrenzen verschwanden. Inzwischen ist das Internet so allgegenwärtig, dass mehr und mehr junge Leute die virtuelle der realen Welt vorziehen und viel Ziel darin erbringen.

"Das Internet hat sich in Indien etabliert"



Nach Angaben der International Telecommunication Union sind 40 Prozent aller Haushalte weltweit an des Internet angeschlossen. Mindestens 2,7 Milliarden Menschen sind online. In Indien gab es laut Erhebungen der Regierung Ende 2013 rund 239 Millionen Menschen, die einen Internetanschluss hatten. Bis Mitte 2014 soll diese Zahl auf 243 Millionen steigen, wodurch Indien die Vereinigten Staaten als weltweit zweitgrößten Internetnutzer nach China ablösen würde. "Das Internet hat sich in Indien etabliert", sagt Rajan Anandan, Vorsitzender des Branchenverbandes Internet Mobile Association of India (IAMAI).

Vor dem Internet hat bereits die Mobilfunkrevolution das Leben der Inder verändert, denn selbst abgelegene Orte wurden an das Netz angeschlossen. Nach Regierungsangaben sind inzwischen 873,3 Millionen Menschen in Besitz eines Handys (Stand Dezember 2013). Durch die Einführung von Smartphones können Nutzer heute rund um die Uhr mit der Welt in Verbindung treten, wobei mehr als 150 Millionen Inder bereits mobiles Internet nutzen. Ende 2014, so glauben Marktforscher, könnte diese Zahl auf 365 Millionen ansteigen.

Immer mehr Inder nutzen Soziale Medien, und das Internet hat entscheidenden Einfluss darauf, wie Informationen und Wissen verbreitet und rezipiert werden. Laut einem Bericht der Zeitung Times of India nutzten Anfang 2014 rund 93 Millionen Inder Facebook, wobei sich 73 Millionen über Mobiltelefone und Tabletcomputer einloggten. Rund 33 Millionen Inder sind bei Twitter aktiv, 18 Millionen bei LinkedIn.

Junge Männer und Frauen haben die Sozialen Medien für sich entdeckt, da es für sie in der Öffentlichkeit nicht leicht isst, miteinander in Kontakt zu treten, Freundschaften zu schließen oder sich miteinander über Ideen, Gefühle und Träume auszutauschen. In der geschützten Welt der sozialen Netzwerke können sie das unbehelligt von den Beschränkungen der noch immer konservativen Gesellschaft tun. Allerdings haben viele bereits eine Kehrseite der Medaille kennengelernt. Immer öfter wird von Cyber-Mobbing, Stalking und anderen Formen des Missbrauchs im Internet berichtet. Experten fordern deshalb auch in Indien die Einführung rechtlicher Schutzvorkehrungen für Internetnutzer.

"Bloggen ist zum nationalen Zeitvertreib geworden "



+In der Demokratie geht es um Selbstbehauptung und Partizipation. Die Internetrevolution hat durch ihre unbeschränkten Möglichkeiten, sich zu artikulieren, auch die soziale und politische Landschaft Indiens verändert. Der Zugang zu traditionellen Medien wie Zeitungen und Fernsehen blieb Ausgewählten vorbehalten. Das hat sich durch das Internet verändert, denn es bietet der Kreativität ebenso eine Plattform wie vielen bislang ungehört gebliebenen Stimmen, die sich nun frei äußern und Gehör verschaffen können.

Folglich ist das Bloggen zu einem nationalen Zeitvertreib geworden. Jede kann im eigenen Blog Artikel, Kommentare, Gedichte, Kurzgeschichten oder Romane veröffentlichen. Ein repräsentative Studie zur Zahl der Blogs in Indien gibt es nicht. Allerdings schätzt Jagdishwar Chaturvedi, Professor für Massenmedien und der University of Calcutta und Autor des Buches Democracy and Social Media, dass es mindestens 16.000 indische Blogger gibt, die in der Sprache Hindi publizieren. Insgesamt geht Chaturvedi von 75.000 indischen Blogs aus. Im Internet gibt es viele Verzeichnisse, in denen populäre Blogs aufgeführt sind und die Lesern helfen, sich zu orientierten. Dazu gehören unter anderem indianbloggers.org, blogadda.com und topindianblogs.com.

Einige Blogs haben inzwischen eine solche Bedeutung erlangt, dass traditionelle Medien sie nicht länger ignorieren können. So gibt es zahlreiche Zeitungen in verschiedenen Landessprachen, die damit begonnen haben, regelmäßig Inhalte bestimmter Blogs zu veröffentlichen. Als erste hindisprachige Tageszeitung, hat sich die in Delhi und anderen nordindischen Städten erscheinende Jansatta dafür entschieden "Wir nennen das Format Samanatr (parallel), denn Blogs sind ein Parallelmedium", sagt der Chefredakteur von Jansatta, Om Thanvi. "Viele talentierte Leute schreiben Blogs, die jedoch für all jene unzugänglich bleiben, die keine Computer oder keine Internetanschluss haben. Deshalb haben wir uns entschlossen, jeden Tage einige dieser Blogs in unserer Zeitung zu veröffentlichen."

Blogs sind zum Schauplatz für konkurrierende Ideen geworden. In Blogs finden intensive Diskussionen und Debatten statt. Ab und an werden diese auch mit erbitterter Härte geführt. Persönliche Rechnungen werden beglichen, Beschimpfungen ausgetauscht und Gerüchte gestreut. Ungeachtet dessen, haben Blogs dazu beigetragen, eine lebendige Atmosphäre des freien Meinung- und Informationssaustausches zu schaffen. Zahlreiche Diskussionsforen wurden im Internet ins Leben gerufen – um radikale Ideologien zu vertreten oder diese zu bekämpfen. Viele Blogs haben sich der Medienwelt angenommen und begleiten Entwicklungen mit kritischer Distanz. Kurz gesagt: In Indien hat es dank des Internets in den letzten Jahren eine wahre Explosion demokratischer Meinungsäußerungen gegeben. Das Internet ist deshalb zu einem Werkzeug geworden, dass Millionen bislang sprachlosen indischen Bürgern eine Stimme gegeben und ihnen neue Horizonte eröffnet hat.

"Soziale Medien als Vehikel zur Schaffung politischen Bewusstseins"



In einem großen Land wie Indien, in dem die Demokratie erst nach dem Ende der Kolonialherrschaft 1947 Wurzeln schlagen konnten, war die Arbeit von politischen Parteien und Regierungen jahrzehntelang wenig transparent. Durch die Verbreitung des Internets hat sich das geändert. Parteien betreiben Internetauftritte, auf denen die Bürger Informationen erhalten. Auch nichtstaatliche Organisationen und andere Akteure der Zivilgesellschaft haben Websites, um über ihre Aktivitäten zu informieren. Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass immer mehr Kampagnen über das Internet und über Soziale Medien gestartet werden, die so zur Plattform für Mobilisierung und Veränderung werden.

Die indischen Parlamentswahlen im Frühjahr 2014 bezeichnen Beobachter bereits als "historisch", da zum ersten Mal alle Parteien sowie deren Kandidaten und Anhänger die Möglichkeiten von Sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Youtube voll ausgeschöpft und damit das Internet zu einer wichtigen Wahlkampfarena gemacht haben. Dabei waren sich die Politiker bewusst, das mehr als die Hälfte der 811 Millionen Wahlberechtigten jünger als 35 Jahre ist und viele davon im Internet zu Hause sind. Immer mehr indische Spitzenpolitiker nutzen auch den Kurznachrichtendienst Twitter, um ihre Botschaften zu verbreiten.

Nach Erhebungen des Branchenverbandes IAMAI könnte der Wahlausgang in 160 der insgesamt 543 Wahlkreise durch Stimmberechtigte beeinflusst werden, die regelmäßig das Internet und Soziale Medien nutzen. Zudem hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass diejenigen, die in sozialen Netzwerken aktiv sind, sich eher an der Abstimmung im Wahllokal beteiligten als jene, die nicht online sind. Oder anders ausgedrückt: Soziale Medien sind zum Vehikel für die Schaffung eines politischen Bewusstsein geworden. Vor dem Hintergrund des wachsenden Einflusses dieser Medien richtet die indische Wahlkommission inzwischen ein stärkeres Augenmerk auf Wahlkampagnen im Internet.

Internet Governance: "Regeln werden immer wichtiger "



Soziale Medien habe eine wichtige Rolle im sogenannten Arabischen Frühling gespielt. In Indien waren sie Ende 2012 von Bedeutung, als sich Zehntausende nach der brutalen Vergewaltigung einer jungen Frau in einem Delhier Stadtbus zu Massenprotesten zusammenfanden. Die Studentin Tanvi erinnert sich: "Wir haben Informationen ausgetauscht, Treffpunkte vereinbart und jeden Tag über den Verlauf der Protestaktionen diskutiert."

Bereits im Jahr 2011, als der Aktivist Anna Hazare eine Massenbewegung gegen Korruption anführte, waren Soziale Medien von enormer Bedeutung, um unter jungen Leuten Unterstützer für die Kampagne zu mobilisieren. Die Gründung und das Erstarken einer neuen politische Kraft in Indien – der Aam Aadmi Party (sinngemäß: Partei der einfachen Leute, AAP) – wird von Beobachtern ebenfalls zu einem großen Teil auf die gewaltige Unterstützung des Projekts in sozialen Netzwerken zurückgeführt.

Vor dem Hintergrund der immer stärkeren Verbreitung und des wachsenden Einflusses des Internets wird die Frage nach international verbindlichen Regeln immer wichtiger. In Fragen der sogenannten Internet Governance befürwortet Indien die Gründung eines multilateralen Gremiums, das diese Regeln unter dem Dach der Vereinten Nationen formuliert. Relevante Interessengruppen und internationalen Organisationen sollten diese Einrichtung nach indischer Ansicht in allen wichtigen Fragen beraten. Derzeit verbindet das Internet etwas weniger als drei Milliarden Menschen. Deshalb glauben viele, das Internet Governance nicht in den Händen einzelner Regierungen und auch nicht im alleinigen Verantwortungsbereich der Vereinten Nationen liegen dürfe. Entscheidungen sollten vielmehr im Konsens von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft getroffen werden.

Ein anderes wichtiges Thema ist die Überwachung im Internet, die vom ehemaligen US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden auf die internationale Tagesordnung gesetzt wurde. Nicht zuletzt die Nutzer sozialer Netzwerken zeigten sich schockiert von der massiven Verletzung ihrer Privatsphäre. Diese Thema wird in Zukunft noch stärker debattiert werden – auch in Indien.


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Autor: Kuldeep Kumar für bpb.de
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