Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.

18.1.2007 | Von:
Manuela Kessler

Die indischen Kennedys

Seit der Unabhängigkeit dominiert der Nehru-Gandhi-Clan die Politik

Jawaharlal Nehru, Indira, Rajiv, Sonia und inzwischen Rahul Gandhi – seit der Unabhängigkeit dominiert der Nehru-Gandhi-Clan die indische Politik. Und auch in Zukunft wird die Familie die Geschicke des Landes bestimmen.

Sonia Gandhi (2. von rechts) mit ihrem Sohn Rahul Gandhi (links) und ihrer Tochter Priyanka Gandhi Vadhera (rechts) bei einer Wahlkampfveranstaltung im Jahr 2004.Sonia Gandhi (2. von rechts) mit Sohn Rahul (links) und Tochter Priyanka Gandhi Vadhera (rechts) bei einer Wahlkampfveranstaltung im Jahr 2004. (© AP)

Rahul Gandhi, der Stammhalter jener Familie, die Indien zwei Drittel der Zeit seit der Unabhängigkeit 1947 regierte, hat die erste Bewährungsprobe als Politiker bestanden. Es war ein Test der speziellen Art – und er sprach Bände über die politische Kultur in der so genannten größten Demokratie der Welt. Sonia Gandhi, die Vorsitzende der regierenden Kongresspartei, schickte den 36-jährigen Sohn an ihrer statt in den Wahlkampf. Die mächtigste Frau des Landes musste im Mai 2006 nämlich zur Nachwahl ins Unterhaus antreten, nachdem sie – von der Opposition wegen Ämterhäufung angegriffen – sämtliche Mandate niedergelegt hatte.

Der überraschende Verzicht bestätigte die moralische Größe der aus Italien stammenden Politikerin – darüber war sich die breite Öffentlichkeit einig. Im Mai 2004 bereits hatte Sonia Gandhi die Regierungsbildung abgelehnt und Manmohan Singh als Premierminister vorgeschlagen. Grund war eine Hasskampagne. Die Hindunationalisten versuchten mit allen Mitteln zu verhindern, dass die 1983 eingebürgerte Katholikin das mehrheitlich hinduistische Milliardenvolk führt. Nun hat das Land erstmals einen Sikh zum Regierungschef, und Sonia Gandhi, die scheinbar so selbstlos verzichtete, wird vom Volk schon fast als Heilige verehrt. Welch Ironie.


"Madam" hatte es also gar nicht nötig, die Wählerschaft von ihren Qualitäten zu überzeugen. Sohn Rahul nahm der 60-jährigen Politikerin die mühsame Basisarbeit ab. Die Familie verpflichtet. Er durchkreuzte im Toyota-Landcruiser zwei Wochen lang den Wahlkreis Rae Bareli, einen dürren Landstrich im Unionsstaat Uttar Pradesh, den spitze Zungen als "Herrschaftsgebiet" des Nehru-Gandhi-Clans bezeichnen: Der hiesige Parlamentssitz wurde von einer Generation an die nächste vererbt. Trauben von Bauern und Frauen in leuchtenden Saris empfingen ihn einem Kronprinzen gleich. Sie bekränzten Rahul Gandhi mit Ringelblumen und überschütteten ihn mit Lobpreisungen. Er hatte nicht viel mehr zu tun, als im blütenweißen Baumwollgewand seine Ahnen heraufzubeschwören. Die Auftritte genügten, um seiner Mutter eines der besten Wahlergebnisse in der indischen Geschichte zu bescheren. Der Gandhi-Mythos erhält die Dynastie am Leben.

Nehru etablierte in Indien die Demokratie

Gandhi und Jawaharlal Nehru während einer Tagung des All-India Congress Committee, August 1944Gandhi und Jawaharlal Nehru während einer Tagung des All-India Congress Committee, August 1944
Jawaharlal Nehru hätte das nicht gefallen: Der Kult um seinen Clan widerspricht dem Geist des Staatsgründers. Der in Cambridge ausgebildete Jurist erachtete die Religion als größte Gefahr für Indien. Jede Form der Anbetung war ihm als Atheist und Demokrat so suspekt, dass er einmal sogar einen anonymen Artikel verfasste, der vor der Gefahr, ihm zu viel Macht und Lob zu geben, warnte: "Wir wollen keine Cäsaren!" Sein autokratischer Zug, nur wenigen Auserlesenen zu trauen, machte ihn jedoch unweigerlich zum Maß aller Dinge.

Die Widersprüche, die der anglophile Spross einer Brahmanen-Familie aus Kaschmir vereinte, spiegeln sich in dem von ihm geformten Staat. Bereits Pandit Nehru, wie er wegen seiner Herkunft betitelt wurde, erbte den Vorsitz der Kongresspartei. Man schrieb das Jahr 1928, als er die Führung der nationalistischen Partei von seinem erkrankten Vater Motilal, einem der Gründungsmitglieder, übernahm. Die gewaltlose Bewegung um die indische Unabhängigkeit von Großbritannien führte er gemeinsam mit Mahatma Gandhi, obwohl er mit dessen Glaube an traditionelle Werte nichts anzufangen wusste.

Seine Vision lautete, Indien zu einem modernen Staat, zu einer Großmacht zu entwickeln. Und Nehru war als erster Premierminister von 1947 bis 1964 gleichbedeutend mit Indien. Der idealistische Aristokrat, der sich als Vertreter der Massen verstand, legte praktisch im Alleingang die Eckpfeiler der Nation fest: Demokratie, Trennung von Staat und Religion, Blockfreiheit und Sozialismus. Geblendet von den großen Konglomeraten der Sowjetunion, unterwarf er Indien einem planwirtschaftlichen Regime, was eine aufgeblasene und oft inkompetente Bürokratie zur Folge hatte. Zwischen Absicht und Resultat öffnete sich eine Kluft. Viele hehre Vorhaben, wie die Abschaffung der Unberührbarkeit 1955, blieben Papier. Indien bezog außenpolitisch Stellung zu vielen Fragen, vermochte aber seine Eigeninteressen nicht zu verteidigen. Trotzdem ist Nehrus Vermächtnis nicht hoch genug zu achten: In einer Zeit, da sich andere Staatsgründer in Asien zu Diktatoren aufschwangen – Mao in China und Jinnah in Pakistan, Ho Chi Minh in Vietnam und Sukarno in Indonesien – etablierte er in Indien die Demokratie.

Indira Gandhi: "Der einzige Mann in einem Kabinett alter Weiber"

Dass die einzige Tochter nach seinem Tod zur Regierungschefin aufstieg, lag nicht etwa daran, dass er die Weichen entsprechend gestellt hätte. Mitnichten: Nehru hatte es schlicht verpasst, überhaupt Vorsorge für ihre Zukunft zu treffen. Indira Gandhi verstand sich nach einem abgebrochenen Geschichtsstudium auf nichts anderes als Politik. Die Kampagnen und insgesamt neun Jahre Haft ihres Vaters hatten sie von Kindesbeinen an geprägt. Ihre früheste Erinnerung war, dass ihre Familie aus Protest gegen die britische Kolonialherrschaft alle westlichen Kleider und sie selbst schweren Herzens ihre importierte Puppe verbrannt hatte. Kein Wunder, dass das frühreife Kind der erklärte Liebling des Mahatmas war.

Die nationalistische Pflicht stellte Indira Gandhi über alle anderen Interessen. Hochschwanger mit dem zweiten Sohn zog sie kurz vor der Unabhängigkeit bei ihrem verwitweten Vater ein, um an seiner Seite die Aufgaben als First Lady zu erfüllen. Es sollte bei dem Arrangement bleiben: Die Beziehung zu ihrem Gatten Feroze Gandhi, der mit dem Mahatma nicht verwandt war, kühlte sich ab, während sie sich zur engsten Vertrauten ihres Vaters entwickelte. Nach seinem Tod 1964 wurde sie von Funktionären der Partei bedrängt, ein Regierungsamt anzutreten. Sie übernahm das zweitrangige Portfolio für Information und erwarb sich, als Pakistan den zweiten Krieg gegen Indien vom Zaun brach, den Ruf, "der einzige Mann in einem Kabinett alter Weiber" zu sein.

Wenig später avancierte sie zur Premierministerin. Die Herausforderungen, denen sie als Regierungschefin 1966 bis 1977 gegenüberstand, waren gewaltig: schlechte Ernten und bittere Armut, riesiges Bevölkerungs- und kleines Wirtschaftswachstum, galoppierender Amtsschimmel und grassierende Korruption. Die Frau, die von Zeitgenossen als liebevoller Mensch, aber skrupellose Machtpolitikerin geschildert wird, mütterlich und zerstörerisch zugleich, ging die Probleme mit harter Hand an.

Ihre Widersacher in der Kongresspartei schaltete sie kaltblütig aus. Indira Gandhi setzte auf Populismus und manövrierte das Land immer tiefer in die Krise. Als sie von einem Gericht wegen unlauteren Wahlkampfs verurteilt wurde, schien ihre Position unhaltbar. Da verhängte die streitbare Premierministerin kurzerhand den Ausnahmezustand. Zunehmend isoliert, baute sie ihren Zweitgeborenen Sanjay zum Nachfolger auf. Der verzogene Lieblingssohn war verantwortlich für Millionen von Zwangssterilisationen. Der Aufschrei des Entsetzens veranlasste die "Mutter der Nation", die Bestätigung an der Urne zu suchen. Sie wurde abgewählt – und kämpfte sich 1980 wie eine Löwin an die Regierungsspitze zurück. Wenig später kam ihr Sohn Sanjay bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Ein schwerer Schlag, der sie von ihren dynastischen Plänen nicht abzubringen vermochte. Sie bekniete ihren älteren Sohn Rajiv, der Berufspilot bei Indian Airlines war, in die Politik einzusteigen. Als er schließlich einwilligte, war seine Frau Sonia untröstlich. Den Verlust des ungezwungenen Familienlebens beweinte sie tagelang hinter verschlossenen Türen.

Unruhen in verschiedenen Landesteilen überschatteten Indira Gandhis zweite Regierungszeit. Den zentrifugalen Kräften trat sie entgegen, indem sie die Zentralgewalt mit Sondervollmachten stärkte. Einen Aufstand der Sikhs im Punjab beantwortete sie mit der Erstürmung des Goldenen Tempels in Amritsar, des höchsten Heiligtums der Religionsgemeinschaft. Sie bezahlte mit dem Leben dafür: Zwei ihrer eigenen Sikh-Leibwächter erschossen sie wenige Monate später, am 31. Oktober 1984, in ihrem Garten. Noch am selben Abend wurde ihr Sohn als Premierminister vereidigt.

Sonia Gandhi: "Rette das Land!"

Rajiv Gandhi, von Natur aus liebenswürdig und zurückhaltend, erwies sich als linkischer, aber integerer Politiker. Der Außenseiter brachte überraschend einen neuen Wind in die indische Regierung. Er setzte sich in Worten und Taten für Versöhnung mit den Sikhs ein. Versessen auf die Errungenschaften der modernen Technik, leitete er die Liberalisierung wirtschaftlicher Teilbereiche ein. Dies kam nach Jahrzehnten des planwirtschaftlichen Diktats einer Revolution gleich. Die Wachstumszahlen schnellten in die Höhe, doch illegale Provisionszahlungen bei einem Geschäft mit dem schwedischen Rüstungskonzern Bofors warfen ein schiefes Licht auf seine Regierung. Der Verdacht, dass Rajiv Gandhi selbst in den Skandal verwickelt sein könnte, führte 1989 zu seiner Abwahl. Er befand sich auf Wahlkampagne – mit besten Chancen, an die Regierungsspitze zurückzukehren –, als er 1991 beim Selbstmordattentat einer tamilischen Befreiungskämpferin in Stücke gerissen wurde.

Rajiv Gandhi war noch nicht kremiert, als Funktionäre der Kongresspartei bereits seine Residenz belagerten: "Rette das Land!", riefen sie der im Haus verschanzten Witwe zu. Sonia Gandhi aber widerstand dem Druck. Erst sechs Jahre später, als die Hindunationalisten in Delhi regierten, übernahm sie den Parteivorsitz. Die ehemalige Fremdsprachenschülerin, die ihren Mann mit 18 Jahren in Cambridge lieben gelernt hatte, führte den Kongress praktisch im Alleingang mit einem Kampagnenmarathon an die Macht zurück. Den Sari geschlungen wie einst die Schwiegermutter bestritt sie Auftritte von früh bis spät in fließendem Hindi.

Nun leitet sie die Koalition, Manmohan Singh die Regierung. Die ungewöhnliche Machtteilung funktioniert wider Erwarten gut. Sonia Gandhi fährt jeweils freitagabends zu einem Arbeitsgespräch zum Premierminister. Beobachter bescheinigen ihr, dem Regierungschef den Rücken freizuhalten, indem sie die kunterbunte Koalition geschickt zusammenhält.

"Die Kommunisten schmelzen in ihrer Anwesenheit", sagt der Politkommentator Shekhar Gupta. "Sie verhalten sich wie der Fanclub eines Filmstars." Wirtschaftsvertreter sind weit weniger begeistert. Manche der Maßnahmen, zu denen die Regierung bei der Armutsbekämpfung greift, scheinen sozialistischen Lehrbüchern für Anfänger zu entstammen. Die Kritiker verurteilen die gut gemeinten Bemühungen als Rückfall in alte Zeiten, Sonia Gandhi selbst als wandelnden Anachronismus. Die breite Masse aber verehrt sie als Heilsbringerin.

Die Magie des Nehru-Gandhi-Clans ist ungebrochen. Der Lebensweg des Stammhalters ist vorgezeichnet, ob er will oder nicht. Viele einfache Leute glauben, in Rahul Gandhi aufgrund der leuchtenden Augen und charmanten Wangengrübchen die Wiedergeburt seines Vaters zu erkennen. Mag der zur Politik gedrängte Wirtschaftsberater in den zwei Jahren im Parlament auch mehr Schlagzeilen mit seiner kolumbianischen Freundin als mit seinen zwei Wortmeldungen gemacht haben – die Parteigenossen wollen ihn zum Generalsekretär des Kongresses küren. Speichelleckerei spielt dabei mit. 300 Jungfunktionäre haben sich seinen Namen jüngst auf den Unterarm tätowieren lassen. Sie verstehen dies als Schwur, dem künftigen Premierminister die Treue zu halten.

Der Text erschien im August 2006 in Ausgabe 32/33 der Zeitschrift "Das Parlament".


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