Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.

24.1.2007 | Von:
Jochen Buchsteiner

Partner und Rivalen

Das Verhältnis der asiatischen Großmächte Indien und China

Das indisch-chinesische Verhältnis hat mittlerweile internationale Bedeutung erlangt. Nicht nur werden die beiden Volkswirtschaften nach Berechnung von Fachleuten spätestens Mitte des Jahrhunderts etwa die Hälfte des Welthandels unter sich aufteilen. Als Nuklearmächte beanspruchen sie auch mehr Mitsprache auf der Bühne der Weltpolitik.

Zwei chinesische Soldaten am Nathu-La-Pass, Grenzgebiet zwischen Indien und China.Zwei chinesische Soldaten am Nathu-La-Pass, Grenzgebiet zwischen Indien und China. (© AP)

Kurz bevor der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao im Frühjahr 2005 zu seinem historischen Indienbesuch aufbrach, erschien das Pekinger Nachrichtenmagazin Beijing Review mit zwei Schönheiten auf dem Titelblatt. Die Bollywood-Filmgöttin Ashwarya Rai strahlte neben dem chinesischen Superstar Zhang Ziyi, darunter stand zu lesen: "China and India – Looking Good" (sinngemäß: China und Indien – Sieht gut aus). Es dauerte nur einen Tag, bis die indische Tageszeitung The Asian Age das Titelblatt aus Peking auf ihrer ersten Seite nachdruckte.

China und Indien, die beiden bevölkerungsreichsten Länder Asiens, sind neugierig aufeinander geworden. Während die Chinesen erst langsam beginnen, sich für den Nachbarn im Süden zu interessieren, zeigen sich die Inder seit Jahren fasziniert von den Entwicklungen jenseits ihrer Nordgrenze. Mit beachtlicher Regelmäßigkeit gehen indische Publizisten der Frage nach, welches Land die besseren Entwicklungschancen hat, wo die Unterschiede liegen und wo die Gemeinsamkeiten. Ununterbrochen wird Maß genommen, gestaunt und gestritten. In Büchern und auf Symposien vergleichen Fachleute einfach alles: Wachstumsraten, Produktivität, Flughäfen, Autobahnen, Telefonanschlüsse.


Lange Zeit war das Verhältnis beider Nationen angespannt. Das chinesische Kaiserreich dominierte die Geschicke in Asien viele Jahrhunderte lang. Die indische Einflusssphäre endete stets an seinen Grenzen; zeitweise war der Subkontinent sogar ein Raum von Vasallenstaaten, die China gegenüber Tribut zahlen mussten. Im 19. Jahrhundert geriet dann die unklare Grenzziehung in den Blickpunkt des Verhältnisses, die beim Abzug der Briten am Ende der 40er Jahre als offene – und bis heute bohrende – Frage zurückblieb.

Obwohl die Regierungen in Peking und Delhi nach dem Ende der Kolonialzeit politische Sympathien füreinander hegten – Nehrus Demokratiekonzept verstand sich als sozialistisch –, eskalierten die Streitigkeiten entlang der insgesamt 3380 Kilometer langen Grenze derart, dass im Herbst 1962 ein (einmonatiger) Krieg ausbrach. Die Eiszeit zwischen den beiden Regionalmächten mündete in neuen, sich feindselig gegenüberstehenden Allianzen, die den Kalten Krieg überdauerten und selbst heute noch die Außenpolitiken beider Staaten beeinflussen: Während Indien sich mit der Sowjetunion verbündete, rückte China näher an Pakistan heran und begründete – nach dem historischen Besuch von Präsident Nixon in Peking – ein taktisches Verhältnis mit den Vereinigten Staaten.

Wettbewerb zwischen verlängerter Werkbank und verlängertem Kundentisch

China besaß gegenüber Indien lange nur einen politischen Vorsprung. Peking, das 1964 – zehn Jahre vor Delhi – seinen ersten erfolgreichen Atomwaffentest durchgeführt hatte, wurde mit dem Nichtverbreitungsvertrag international als Atommacht anerkannt und – nachdem es (unter anderem mit indischer Unterstützung) den chinesischen UN-Sitz von Taiwan geerbt hatte – Mitglied im Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen. Wirtschaftlich lagen die beiden Staaten ungefähr gleichauf, bis Deng Xiaoping Ende der 70er Jahre die chinesische Planwirtschaft in Richtung Marktwirtschaft öffnete.

Während Peking den Schritt in die Welt aus einer inneren Logik heraus tat, bedurfte die indische Öffnung eines äußeren Anstoßes. Erst der Fall der Berliner Mauer und der Zusammenbruch der Sowjetunion veränderten das Koordinatensystem auf dem Subkontinent. Noch in den 80er Jahren schmückten sich viele indische Studenten mit sowjetischen Emblemen, am Revers die Anstecknadel mit Lenins Konterfei, auf dem Kopf die viel besungene rote Mütze. Erst Anfang der 90er Jahre – fast eineinhalb Jahrzehnte später als China – öffnete Indien seine Wirtschaft und klinkte sie langsam in das Gefüge der Globalisierung ein.

Diese Verzögerung prägt das Verhältnis beider Länder bis heute, wenn auch mit abnehmender Intensität. Noch um die Milleniumwende schien der große Nachbar im Norden den Subkontinent geradezu bedrohlich in den Schatten zu stellen. Die Volksrepublik wurde zur Referenzgröße indischer Politiker und Leitartikler, die für mehr Reformen daheim plädierten. Seit wenigen Jahren dreht sich der Wind. Das stabile Wachstum in Indien, das selbst eine von Kommunisten gestützte Regierung zu überleben scheint, stärkt das indische Selbstbewusstsein. China gilt inzwischen nicht mehr so sehr als ökonomisches Vorbild, sondern als beinahe ebenbürtiger Partner und auch Rivale.

Wenn China zur "verlängerten Werkbank der Welt" geworden ist, dann entwickelt sich Indien derzeit zum "verlängerten Kundentisch der Welt". Die Mischung aus akademischem Klima, billiger Arbeitnehmerschaft und Englisch als Verkehrssprache hat das Land als Standort für Investitionen und Auslagerungen attraktiv gemacht. Keine Branche wächst so rasant wie die "Outsourcing-Industrie". Es gibt kaum noch etwas, das Ausländer nicht auch in Indien herstellen, entwickeln oder bearbeiten können – von der Handarbeit bis zur hochcomputerisierten Massenproduktion, von der Kundenbetreuung bis zu Buchhaltung und Qualitätsprüfung.

Lange Zeit hatten die Inder ihr dramatisches Hinterherhinken nicht nur mit der verspäteten Öffnung, sondern auch mit den Nachteilen des demokratischen Systems begründet. Während in Indien jede öffentliche Investitionsentscheidung von allen Interessengruppen diskutiert und dabei oft verworfen werde, könne eine Diktatur Investoren mit klaren und verbindlichen Zusagen anlocken, lautete das Argument. Diese vermeintliche Hypothek hat sich längst in ein Guthaben verwandelt.


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