Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.

24.1.2007 | Von:
Oliver Müller

"Wenn sie Gewinne machen wollen, kommen sie zu uns"

Immer mehr deutsche Unternehmen investieren auf dem Subkontinent

Vom einst bitterarmen Schwellenland mit katastrophal schlechter Infrastruktur hat sich Indien vor allem im Hochtechnologiebereich zum globalen Spieler aufgeschwungen. Auch deutsche Firmen haben Anteil an diesem Umbruch, der Indien zum verlängerten Büro der Welt macht und zu ihrem ausgelagerten Forschungslabor.

Robotertechnologie "zum Anfassen", Angela Merkel und Manhoman Singh auf der Hannovermesse 2006
Foto: Presse- und Informationsamt der BundesregierungRobotertechnologie "zum Anfassen", Angela Merkel und Manhoman Singh auf der Hannovermesse 2006
Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
Heiß und staubig, zersiebt von Schlaglöchern und chronisch verstopft, windet sich die Hosur Road aus Bangalores Stadtzentrum nach Süden hinaus aufs flache, arme Land. Ein endloser Strom von Kleinwagen und Klapperbussen kämpft sich darauf im Schritttempo durch eine Abgaswolke. Doch unter diesem pockenarbigen Asphaltband pumpen Datenkabel das Wissen zehntausender Ingenieure mit Lichtgeschwindigkeit in alle Welt.

Das macht die Hosur Road zum Sinnbild des modernen Indiens und all seiner Widersprüche: ein bitterarmes Schwellenland mit katastrophal schlechter Infrastruktur überspringt im Zeitraffer mehrere Entwicklungsstufen und schwingt sich im Hochtechnologiebereich zum globalen Spieler auf.


Deutsche Firmen haben Anteil an dem Umbruch, der Indien zum verlängerten Büro der Welt macht und zu ihrem ausgelagerten Forschungslabor. Entlang der Hosur Road haben sich Konzerne wie Siemens niedergelassen. Auch die Robert Bosch GmbH hat an dieser Schlagader der Globalisierung ein Entwicklungszentrum aufgeschlagen. Es ist in Kürze zum größten außerhalb Deutschlands herangewachsen. Hier entwerfen 3000 Ingenieure Navigationssysteme und Motorsteuerungen. "Der internationale Wettbewerb lässt Bosch keine Alternative", erklärt Walter Grote, der das Bosch-Entwicklungszentrum in Bangalore leitet. Nüchtern stellt der Leiter des Zentrums das Grundprinzip des globalen Kapitalismus klar: "Arbeit wird dort gemacht, wo sie am besten und am günstigen ist."

Ein indischer Ingenieur verdient nicht einmal ein Fünftel des Gehalts eines deutschen. Er spricht Englisch, und es gibt viele davon: Jährlich verlassen rund 400.000 die Universitäten, zehnmal mehr als in Deutschland. Zu Hause finden schnell wachsende Firmen wie Siemens oder Bosch nicht mehr genügend technischen Nachwuchs. Das treibt sie stärker nach Indien als die Ersparnisse, die ihnen dort winken. Denn Wissen entscheidet im 21. Jahrhundert in allen Industrien über Erfolg am Markt. Diese Ressource ist zu Indiens kostbarstem Exportgut geworden. Es verdient damit inzwischen mehr als mit Textilien, Tee und Gewürzen, die über Jahrhunderte seine wichtigsten Ausfuhren darstellten.

Investitionen in Indien erhöhen deutsche Wettbewerbsfähigkeit

Dass immer mehr deutsche Firmen in Indiens Wissensindustrien investieren, hebt die Verflechtung beider Volkswirtschaften qualitativ auf ein neues Niveau. Das Land ist nicht länger nur Absatzmarkt für teure deutsche Güter wie Maschinen, mit denen dort dann billige T-Shirts für den Export zurück nach Europa gefertigt werden. Es entwickelt sich zu einer Wissensressource, die über die Zukunft deutscher Firmen mit entscheidet.

"Ohne die Hilfe indischer Ingenieure hätte Bosch das hohe globale Wachstum der vergangenen Jahre nicht bewältigen können", erklärt Grote. Seine Mitarbeiter entwickeln Software, simulieren an Computern die Funktion neuer Komponenten und bearbeiten Rechnungen, die in Stuttgart eingelesen und per Datenleitung nach Bangalore geschickt werden. "All das senkt Kosten und erhöht so die Wettbewerbsfähigkeit unserer deutschen Standorte", ist der Manager überzeugt. Das Argument von Globalisierungskritikern, Offshoring – die Verlagerung unternehmerischer Funktionen und Prozesse ins Ausland – zerstöre Jobs in der Heimat, lässt er nicht gelten: "Das sichert Arbeitsplätze", widerspricht Grote. Bosch stellt auch in Deutschland weiterhin ein. Aber wer bei der Verlagerung von Wertschöpfung in Niedriglohnländer hinterher renne, werde bald vom Markt gefegt. Diese Logik treibt immer mehr deutsche Firmen nach Indien.

In Mumbai (früher Bombay), Bangalore und Delhi arbeiten weit über 5000 Siemens-Ingenieure an Software und Medizintechnik oder entwerfen Kraftwerke. Degussa entwickelt in dem Land Feinchemikalien, der Pharmakonzern Altana forscht an neuen Medikamenten. Für die Deutsche Bank analysieren indische Banker Aktien, die in New York oder London gehandelt werden. Auch das Entwicklungszentrum des Softwareherstellers SAP in Bangalore ist zum zweitgrößten nach der Zentrale in Walldorf avanciert und wächst weltweit am schnellsten. 2003 hatte es erst 750 Mitarbeiter. Ende 2006 waren es 3500. Jeder vierte SAP-Entwickler weltweit sitzt in Indien, und mit Investitionen von einer Milliarde Dollar will der Konzern deren Zahl dort erneut verdoppeln. "Wir müssen hier investieren", verteidigt der langjährige Leiter der indischen SAP-Tochter Clas Neumann die Offshoring-Strategie seines Arbeitgebers, "nur so können wir auf dem Weltmarkt bei den Preisen mithalten".

Erste Handelskontakte bereits im 16. Jahrhundert

Manager wie Neumann und Grote, die Indien sein Wissen abhandeln, sind Nachfahren von Kaufleuten im Dienst der Fugger und Welser. Diese kamen im 16. Jahrhundert als erste Deutsche Geschäftsleute ins Land. Sie suchten wie Portugiesen, Holländer, Franzosen und Briten nach dem Gold ihrer Zeit: Pfeffer. Doch in den letzten Jahren haben Internet und Telefon eine Revolution des Welthandels ermöglicht, von der Indien stärker als jedes andere Land profitiert. Auch Dienstleistungen können nun über Grenzen gehandelt werden, wie Handys, Kühlschränke oder Fernseher, mit denselben Möglichkeiten zur Kosten-Arbitrage (Ausnutzen von Preisdifferenzen). Den historischen Vorläufer der Datenleitungen, die Indiens Aufstieg zu einem führenden Dienstleistungs-Exporteur ermöglichen, hatten deutsche Ingenieure gelegt. 1870 verband Siemens Kalkutta und London mit der ersten Telegrafenleitung.

Das zeigt, wie weit die deutsch-indischen Wirtschaftsbeziehungen zurück reichen, wobei Forschung und Entwicklung erst seit der Jahrtausendwende eine Rolle spielen. Nach Indiens Unabhängigkeit 1947 waren zunächst andere Dinge gefragt. Staatsgründer Jawaharlal Nehru verfolgte ein ambitioniertes Industrialisierungsprogramm, und mit Hilfe von Krupp und Demag entstand das Stahlwerk in Rourkela (Unionsstaat Orissa). Bosch baute eine Zündkerzenfabrik, Bayer ein Farbenwerk. Eine von Daimler-Benz errichtete Lastkraftwagenfabrik legte den Keim für den Aufstieg von Tata Motors zu Indiens führendem Nutzfahrzeughersteller. Doch bald erlosch das Interesse deutscher Manager, weil Indien sein Heil in Abschottung vom Welthandel und sozialistischer Planung suchte. Lange überflogen sie Indien in Richtung China, das sich früher und schneller öffnete.

Das änderte sich erst, nachdem Indien 1991 seine verspätete Wende zur Marktwirtschaft wagte und sich für Auslandsinvestoren öffnete. Chinas Wirtschaft ist inzwischen zwar drei Mal größer und der Lebensstandard liegt dort doppelt so hoch. Doch auch Indiens Wirtschaft wächst seit Beginn der Reformen im Schnitt um über sechs Prozent im Jahr. Und seit 1993 hat der kumulative Effekt vieler kleiner Liberalisierungsschritte das Wachstum sogar auf über acht Prozent angehoben. Volkswirte sehen einen strukturellen Bruch mit der Vergangenheit und viele erwarten, dass das Land dieses Tempo hält oder sogar weiter beschleunigt. Experten der Großbank Goldman Sachs glauben, dass Indien im Durchschnitt der nächsten fünf Jahrzehnte die höchsten Wachstumsraten der Welt genießen wird. Sie sagen voraus, dass seine Wirtschaft in 30 Jahren zur weltweiten Nummer drei aufsteigt, nach China und den USA. "Indien ist ohne Zweifel auf dem Sprung, ein neuer großer Spieler der Weltwirtschaft zu werden", ist Siemens-Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer überzeugt. "Das Land wird für die Welt innerhalb der nächsten 15 Jahren so wichtig wie China", sagt Steve Brice, Asienvolkswirt der Standard Chartered Bank. "In 30 Jahren wird es sogar bedeutender sein als die Volksrepublik."

"Indien hat unsere Erwartungen massiv übererfüllt"

Indien ist aus Chinas langem Schatten getreten. Der wirtschaftliche Aufbruch des zweiten asiatischen Riesen mit mehr als einer Milliarde potentieller Konsumenten hat das Land zum Top-Thema gemacht in Unternehmenszentralen von Tokio über München bis New York. "Bis vor kurzem gab es für deutsche Firmen nur China", beobachtet der Deutsche Bank-Vorstand Jürgen Fitschen, der in engem Kontakt mit Führungskräften steht, "aber nun heißt es überall: Wir müssen auch nach Indien".

Die Stellung auf beiden Schlüsselmärkten wird über den globalen Erfolg von Unternehmen entscheiden. Deutsche Manager und Politiker pilgern daher inzwischen stärker als je zuvor auf den Subkontinent. Die Zahl der Interessenten, die bei der Deutsch-Indischen Handelskammer in Mumbai anklopfen, hat sich im Jahr 2005 verdoppelt. Im Schnitt bearbeitet die Kammer inzwischen jede Woche eine Gründung, Tendenz steigend. Das Interesse an Indien macht es zudem zum Fokus von Messen mit weltweiter Strahlkraft: 2006 war es Partnerland der größten Messe für Industriegüter in Hannover. Kurz darauf stand es im Zentrum der Frankfurter Buchmesse, Anfang 2007 ist es Partner der Berliner Touristikmesse ITB.

Als Magnet für Investoren wirkt neben vielen billigen Techniker vor allem eine schnell wachsende Mittel- und Oberschicht. Dank des Wirtschaftsbooms können sich immer mehr Inder ihr erstes Handy, Auto oder Eigenheim leisten, Konten eröffnen oder Versicherungen kaufen. Für die Allianz AG hat sich das Land innerhalb kürzester Zeit zum dankbarsten Wachstumsmarkt weltweit entwickelt. Der Konzern stieg 2001 ins Versicherungsgeschäft ein, in einem Gemeinschaftsunternehmen mit dem Fahrzeughersteller Bajaj. Heute sind die Deutschen Indiens größter privater Lebens- und zweitgrößter Sach-Versicherer. Schon 2006 wurde die Schwelle von einer Milliarde Dollar Prämieneinnahmen überschritten. Außerdem hat die Allianz in Indien in Rekordzeit die Gewinnschwelle erreicht: Im Sachbereich brauchte sie dafür nur ein Jahr. "Indien hat alle unsere Erwartungen massiv übererfüllt", erklärt Heinz Dollberg, Executive Vice President für das Asiengeschäft.

Zwar ist nicht alles rosig: Widerstand der Kommunisten gegen eine größere Öffnung für Auslandsinvestoren, der auch die Expansion anderer Firmen bremst, hindert Versicherer daran, ihre Anteile an indischen Töchtern auf 49 Prozent erhöhen zu können. Dennoch profitieren sie von einem viel liberaleren Regulierungsrahmen als in China. Dort kann die Allianz nur in drei Städten operieren. "In Indien unterliegen wie keinerlei Wachstumsbeschränkungen", sagt der dort für das Industriegeschäft zuständige Manager Carsten Glombik. In dem Land hat der Versicherer in fünf Jahren aus eigener Kraft über 600 Filialen aufgebaut und weit über 100.000 Vertreter geschult. "Unser Wachstum hier ist phänomenal und wäre nirgends sonst möglich", meint Glombik.


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