Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.

24.1.2007 | Von:
Britta Petersen

Reise durch den Selbstmordgürtel

Trotz High-Tech-Boom – Indien ist ein Agrarland

Mit beeindruckenden Wachstumsraten schickt sich Indien an, eine wirtschaftliche Großmacht zu werden. Doch vom Boom bleiben mehr als drei Viertel der Bevölkerung ausgeschlossen. Vor allem in den ländlichen Regionen nehmen Armut und Verzweiflung zu. So haben sich in den vergangenen fünf Jahren landesweit rund 40.000 Bauern das Leben genommen.

Feldarbeit mit Ochsenpflug und Kindern in Andhra Pradesh
Foto: Rainer HörigFeldarbeit mit Ochsenpflug und Kindern in Andhra Pradesh
Foto: Rainer Hörig

Jedes Jahr im Sommer richten sich die Blicke der indischen Bauern sorgenvoll gen Himmel. Im Juni beginnt die Zeit der Monsun-Regen. Es ist die wichtigste Zeit für die indische Landwirtschaft. Setzen die Sommerregen rechtzeitig ein? Und bringen sie die erwünschte Menge an Niederschlägen? Von diesen Fragen hängt nicht nur ab, ob die Bauern ein erfolgreiches Jahr haben – die gesamte Volkswirtschaft hängt davon ab. Denn trotz des viel beschriebenen IT-Booms ist Indien ein Agrarland geblieben.

33 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) werden von den Bauern erwirtschaftet. Damit ist die Landwirtschaft noch immer der größte Wirtschaftszweig des Landes. Ein ausbleibender Monsun kann das Wirtschaftswachstum, das in im Jahr 2006 auf mehr als acht Prozent geschätzt wird, erheblich drücken. Für die Menschen hat das katastrophale Auswirkungen: 60 Prozent der Ernten bestehen aus Getreide und Hülsenfrüchten zur Versorgung der eigenen Bevölkerung. Zwei Drittel verdienen ihr Brot in der Landwirtschaft, das sind mehr als 600 Millionen Menschen. Jeder vierte Bauer weltweit ist Inder.


Vom Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre haben die indischen Landwirte nicht profitieren können. Im Gegenteil: Fast täglich ist in den Zeitungen von Suiziden unter Bauern zu lesen. Die Umweltaktivistin Vandana Shiva geht davon aus, dass sich landesweit in den vergangenen fünf Jahren rund 40.000 Bauern das Leben genommen haben. Für die Trägerin des Alternativen Nobelpreises kommt das einem "Genozid" gleich. "Die Selbstmorde sind ein Ergebnis von Schulden, und Schulden sind ein Ergebnis von steigenden Produktionskosten und fallenden Preisen, die mit der Handelsliberalisierung in Verbindung stehen", sagt sie.

Landflucht als Ausweg aus der Misere?

Wegen des starken Bevölkerungswachstums – derzeit 1,4 Prozent im Jahr – ist die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten seit der indischen Unabhängigkeit 1947 um etwa ein Drittel gewachsen. Zugleich ging die Größe der bewirtschafteten Flächen wegen der Aufsplitterung durch das Erbrecht von durchschnittlich vier auf 1,5 Hektar zurück. "1,5 Hektar wären noch immer ausreichend, um die Menschen zu ernähren, wenn wir eine andere Politik hätten. Aber das ist leider nicht der Fall", sagt der Agrarwissenschaftler Devinder Sharma. Er ist Gründer der Chakriya Vikas Foundation, die sich für nachhaltige Anbaumethoden in der Landwirtschaft einsetzt, und einer der schärfsten Kritiker der indischen Agrarpolitik.

Bei kleineren Anbauflächen sind die Bauern zum Teil gezwungen, sich als Tagelöhner zu verdingen, oder sie werden in die Schuldknechtschaft gezwungen, die eigentlich gesetzlich verboten ist. Zugleich besteht in einigen Unionsstaaten noch immer ausgedehnter Großgrundbesitz bei einer großen Anzahl landloser Bauern. Wer jung ist und Kraft hat, verlässt die heimatliche Scholle, um Arbeit in der Stadt zu suchen. Einer von ihnen ist Manoj, 23 Jahre alt, aus Jhansi im Unionsstaat Madhya Pradesh. Er ist mit dem Zug in Delhi angekommen – wie so viele in der Hoffnung auf ein besseres Leben. "Meine Familie ist noch zu Hause. Wir bauen auf unserem Hof Weizen, Rohrzucker und Linsen an. Aber Wasser ist das Hauptproblem", sagt er. "Ich hoffe, dass ich hier für zwei, drei Jahre Arbeit finde – warum sollte ich sonst von zu Hause weggehen?"

Die meisten der Landflüchtlinge landen in den Slums der großen Städte. "Delhi besteht heute schon zu 40 Prozent aus Slums, und es gibt Schätzungen, wonach diese Zahl bis 2010 auf 80 Prozent steigen könnte", so Devinder Sharma.


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