Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.

24.1.2007 | Von:
Stefan Mentschel

Nonie und Noorie

Herkunft und soziales Umfeld beeinflussen die Bildungschancen – auch in Indien

Auch in Indien sind Herkunft und soziales Umfeld entscheidend für die Bildungschancen eines Kindes. Wie groß ist das Interesse der Eltern, Sohn oder Tochter in die Schule zu schicken? Und können sie es sich überhaupt leisten?

Chancenlos? Straßenkind in Neu DelhiFoto: Stefan MentschelChancenlos? Straßenkind in Neu Delhi
Foto: Stefan Mentschel
Nonie ist ein fröhliches kleines Mädchen. Sie trägt einen roten Latzrock, einen bunt gestreiften Pullover und Schleifchen im Haar. Es ist Sonntag, und sie hat sich hübsch gemacht. Aufgeregt springt die Sechsjährige um ihre Mutter herum. Gleich soll es an den Ward's Lake gehen. Dieser idyllische See mit Parkanlage im Herzen Shillongs, Kapitale des Unionsstaates Meghalaya, wurde Ende des 19. Jahrhunderts von den Briten angelegt. Die Metropole in den Khasi-Bergen diente den Kolonialherren aufgrund der geografischen Lage – 1500 Meter über dem Meeresspiegel und auf halben Weg zwischen dem Brahmaputra und Sylhet – bis zur Unabhängigkeit als Sommerhauptstadt für ihre Provinzen Assam und Bengalen.


Doch die Geschichte ihrer Heimat interessiert Nonie wenig. Sie freut sich schon die ganze Woche auf den Ausflug mit ihren Eltern, denn viel zu selten ist Zeit für gemeinsame Unternehmungen. Ihre Mutter arbeitet als Ärztin im größten und modernsten staatlichen Klinikum der Region. Der Vater ist ein viel beschäftigter Neurologe bei der privaten Konkurrenz. Für beide gehören Überstunden sowie Nacht- und Wochenenddienste zum Alltag. Gut für das Familienleben sei das nicht, wissen sie. Aber zurzeit ließe es sich nicht ändern. Nonie kennt es nicht anders, lacht und zerrt ihre Eltern zum Auto.

Die Fahrt durch Shillong ist eine Reise in die Vergangenheit. An jeder Ecke stößt man auf die Spuren der Kolonialgeschichte - Kirchen, viktorianische Bungalows, einen der größten natürlichen Golfplätze Asiens sowie ein gutes Dutzend Schulen, die bis heute nichts von ihrem Renommee eingebüßt haben. Aus allen Teilen Indiens schicken betuchte Eltern ihre Sprösslinge ins "Schottland des Ostens", damit sie an einem der namhaften Colleges ihr Abitur ablegen. Aber auch für die Jüngeren gibt es mehrere staatliche und private Eliteschulen, die für ihre erstklassige Ausbildung und Erziehung berühmt sind.

"Das ist meine Schule", ruft Nonie und zeigt auf ein imposantes, gelb gestrichenes Gebäude. Ihre Mutter lächelt und erklärt, dass es sich um die Pine Mount School handelt, an der ausschließlich Mädchen von der Vorschule bis zur 12. Klasse lernen und einen Teil ihrer Freizeit verbringen. Besonderen Wert legt man hinter den ehrwürdigen Mauern auf naturwissenschaftliche Fächer, aber auch Fremdsprachen, Literatur und Musik kommen bei der Ausbildung der jungen Damen nicht zu kurz. Die Eltern sind stolz darauf, dass Nonie das mühsame Aufnahmeverfahren gemeistert und im Alter von fünf Jahren den Sprung an die "Pine Mount" geschafft hat.

Trotz Armut in die Schule

In Neu Delhi, 2000 Kilometer und ein paar Welten weiter westlich, schleppt Noorie einen Packen Zweige durch die engen Gassen einer Elendssiedlung. Es ist früher Nachmittag und die Elfjährige zwängt sich vorbei an Hunden, Hühnern und allerlei stinkendem Unrat, springt über offene Abwasserkanäle, weicht älteren Frauen und jungen Männern aus und stoppt schließlich vor einer drei mal drei Meter kleinen Hütte. Hier lebt sie mit ihrer Mutter, die zu dieser Tageszeit noch auf einer Baustelle durch Steine klopfen ein wenig Geld verdient. Noorie Aufgabe ist es, Feuerholz zu sammeln, damit sie und die Nachbarn am Abend eine warme Mahlzeit zubereiten können.

Vor fünf Jahren kam Noorie mit ihren Eltern aus einem kleinen Dorf im Unionsstaat Bihar in die indische Hauptstadt. Dort hatten sie zwar ein Haus und ein Stück Land, doch von der Landwirtschaft allein konnte die Familie nicht leben. Da es keine andere Beschäftigung gab, entschied sich der Vater, in Delhi sein Glück zu versuchen. Frau und Kind folgten ihm. Schnell fand er eine Stelle als Anstreicher. Und obwohl sein Einkommen gerade für das Nötigste ausreichte, wollte er seine Tochter unbedingt zur Schule schicken.

Unterstützung erhielt er von unerwarteter Seite. Studenten der Jawaharlal-Nehru-Universität hatte begonnen, im Slum eine Hand voll Kinder zu unterrichten. Auch Noorie nahm nach anfänglichem Zögern an den improvisierten Schulstunden unter freiem Himmel teil und lernte binnen weniger Monate lesen und schreiben. Die Fortschritte ermöglichten es ihr, ein Jahr später den Unterricht einer privaten Hilfsorganisation zu besuchen, die Kinder aus unterprivilegierten Schichten für die Aufnahmeprüfungen an staatlichen Grundschulen vorbereitete. Noorie bekam eine Tasche, Hefte und Stifte sowie ihre erste Schuluniform. Es sah so aus, als sollte der Wunsch ihres Vaters bald in Erfüllung gehen.

Noorie schaffte die Prüfung. Doch mit ihrem Vater konnte sie die Freude nicht mehr teilen. Eines Tages war er nicht von der Arbeit nach Hause gekommen. "Die ganze Nacht haben wir ihn gesucht", erinnert sich das Mädchen. Erst am nächsten Morgen habe man ihn tot am Straßenrand gefunden, von einem Lkw überrollt.

Allmählich erholte sich die Familie von diesem Schicksalsschlag. Die Mutter begann zu arbeiten, und Noorie ging regelmäßig in ihre neue Schule. Die monatliche Gebühr in Höhe von umgerechnet zwei Euro hatten Gönner für ein Jahr im Voraus bezahlt. Dank eines staatlichen Hilfsprogramms bekam Noorie Unterrichtsmaterial, eine schicke Uniform sowie jeden Mittag ein warmes Essen. Das gemeinsame Lernen mit Gleichaltrigen machte ihr Spaß – bis die Mutter eines Tages entschied, mitten im Schuljahr Verwandte in Bihar besuchen zu wollen. Noorie hatte keine Wahl und blieb ihrer Klasse zwei Monaten lang unentschuldigt fern. Nach ihrer Rückkehr ließ man sie auf Anordnung des Direktors nicht mehr am Unterricht teilnehmen.

Hoffen auf die zweite Chance

Bei Nonie besteht die Gefahr des Schulschwänzens nicht. Zwar haben ihre Eltern wenig Zeit für sie, aber dafür wacht die Großmutter über die Karriere ihre Enkelin. Sie hat Anmeldung und Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung für die staatliche Pine Mount School organisiert, die trotz ihres Rufes gerade einmal drei Euro Schulgeld pro Monat verlangt. Sie kümmert sich darum, dass Schuluniform und Schuhe sauber sind. Sie bringt Nonie am Morgen in die Schule und holt sie gegen 13 Uhr wieder ab, bereitet das Essen zu, bettet die Kleine zum Mittagsschlaf und hilft ihr anschließend bei den Hausaufgaben, malt und singt mit ihr. Jeden Dienstag hat Nonie zudem Klavierunterricht, am Donnerstag steht Karate auf dem Programm. Wenn ihre Eltern am Abend nach Hause kommen, schläft die einzige Tochter meist schon tief und fest.

Erst am Frühstückstisch tauschen sie sich über Neuigkeiten aus. Da erfahren Vater und Mutter, dass Englisch und Computer derzeit Nonies Lieblingsfächer sind, dass Klavierspielen manchmal keinen Spaß macht und der Handkantenschlag einer Mitschülerin zu einem blauen Fleck am Oberarm geführt hat. Die Eltern wissen, dass sie ohne die Mithilfe der Großmutter auf verlorenem Posten stünden. Einmal haben sie schon darüber gesprochen, Nonie ins Internat zu geben, den Gedanken aber schnell wieder verworfen.

Noories Mutter würde nicht einmal im Traum einfallen, ihr ein und alles gehen zu lassen. Gleichwohl wünscht sie sich, dass ihre Tochter trotz abgebrochener Schule eine zweite Chance bekommt. Ein Zurück gibt es nicht, dafür ist Noorie inzwischen zu alt. Und um legal eine reguläre Arbeit – etwa als Dienstmädchen in einem Privathaushalt – aufnehmen zu können, muss sie erst 14 werden. Bleiben Hilfsarbeiten in der Nachbarschaft. Hat Noorie einen Traum? Schneiderin würde sie gern werden, sagt die Elfjährige. Ihre Mutter will sie dabei unterstützen. Sie habe bereits mit jemandem gesprochen, der vielleicht weiterhelfen kann. Wie genau, weiß sie nicht, doch alles werde sich zum Besseren wenden.


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