Dossierkopf Iran

Helden und Verbrecher


10.6.2009
Soziale Netzwerke spielten für die iranische Oppositionsbewegung im Sommer 2009 eine wichtige Rolle. Doch die von den internationalen Medien heraufbeschworene "Twitter-Revolution" gab es nie, schreibt Nasrin Alavi. Dennoch bleiben Filme, Bilder, Tweets und Blogs ein zentrales Mittel der Menschen, um Gerechtigkeit einzuklagen, meint die iranische Blog-Expertin. Ein Stimmungsbild aus der iranischen Blogosphäre.

Iran: Solidaritätsaktion im Netz: "Wir alle sind Majid." Staatliche Medien hatten dem oppositionellen Studentenführer Majid Tavokoli vorgeworfen, sich "feige als Frau verkleidet" zu haben.Solidaritätsaktion im Netz: "Wir alle sind Majid." Staatliche Medien hatten dem oppositionellen Studentenführer Majid Tavokoli vorgeworfen, sich "feige als Frau verkleidet" zu haben. (© YouTube)

Meine Kehle schmeckt nach heißem Blei, Vater
Die Baathisten haben Dich mit zwei Kugeln getroffen
Sie schießen mir...täglich
in den Mund


Dies sind die Worte der 27-jährigen Bloggerin Fatemeh, die ihren Vater im Iran-Irak-Krieg verlor. Der Irak hatte unter Saddam Hussein und seiner Baath-Partei im Herbst 1980 Iran überfallen, der Krieg endete 1988. Am 24. Mai 2010 beschreibt Fatemeh, ebenfalls in einem Blog, die Schikanen der Sicherheitskräfte, die sie heute erlebt: Ihr, "die ihr jede meiner Äußerungen und Bemerkungen ausdruckt, um sie an euren noch dümmeren Boss weiterzugeben...ich warne euch...ihr Idioten, ich bin die Tochter von Davoud...sein Blut fließt in meinen Adern und ich fürchte niemanden außer Gott".

Fatemehs Vater ist der iranische Kriegsheld Davoud Hagh-Verdian, der in einer historischen Schlacht zur Befreiung der besetzten Stadt Khorramshahr fiel. Drei Jahrzehnte nach der Revolution von 1979 handelt es sich bei vielen, die sich im Sommer 2009 offen zur grünen Widerstandsbewegung um den unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Mir Hossein Mussawi bekannten, um Kinder der Ikonen der Revolution und des Iran-Irak-Kriegs, wie Mohammad Jahanara, Mehdi Zeinadin, Hamid Bakeri oder Mohammad-Ebrahim Hemmat. Wandbilder dieser Männer zieren jede Stadt und es gibt unzählige Straßen, Krankenhäuser und Schulen, die nach ihnen benannt wurden. Ihre Aufopferung gilt in Iran als Beispiel der Loyalität zur Revolution, zum Islam und zu den Führern der Islamischen Revolution.

Das Internet gehört allen politischen Lagern



Doch nicht allein Blogger wie Fatemeh, die die Protestbewegung unterstützt, nutzen das Internet intensiv. Auch die Anhänger von Präsident Mahmoud Ahmadinedschad kommentieren den politischen Prozess in Iran im Netz. Für den Blogger Esmail Mohammadi sind die letzten zwölf Monate, in denen die Islamische Republik die größten Straßenproteste in den 30 Jahren ihres Bestehens erlebte, "unerheblich". Die Proteste seien lediglich etwas, womit "der Oberste Rechtsgelehrte fertig geworden ist, der sich unerschrocken gegen die Diktatur einer vereinten Minderheit gestellt hat" [Anm. der Red.: Mit der Diktatur der Minderheit ist in diesem Fall die iranische Opposition gemeint]. Der Blogger Elyas Ghanbary glaubt, dass der Aufstand niedergeschlagen wurde und "die Islamische Republik durch eine Säuberung und die Vernichtung ihrer Feinde wiedergeboren wird".

Auch der Blogger Habil, der in der Stadt Qom studiert, um später Geistlicher zu werden, ist Anhänger von Präsident Mahmoud Ahmadinedschad. Habil schreibt, dass das Internet "für uns gemacht wurde, damit wir die Botschaft unserer Revolution verbreiten können". In den vergangenen Jahren hat sich der Staatsapparat bemüht, Blogger wie Habil zu ermutigen. Im Jahr 2008 berichtete "Sobhe Sadegh", die Wochenzeitung der iranischen Revolutionsgarden, über die Freischaltung von 10.000 Blogs durch Mitglieder der Bassidsch-Miliz.

Für die Karriere kann es sehr förderlich sein, im eigenen Blog ewige Loyalität zur Führung zu verkünden. Denn wie in vielen undemokratischen Gesellschaften verfügt auch Iran über ein stabiles System der Patronage, das der Bewahrung und Ausweitung der Macht dient. Der Blogger "Crazy Shahrukh" beschreibt die Trennlinie zwischen den beiden politischen Lagern – zwischen den Anhängern des Regimes und den Anhängern der Protestbewegung, zu der auch er zählt. "Du sagst ‚Tod für Mussawi´ und blickst dabei in Kameras, die dich landesweit live übertragen. Ich sage ‚Tod dem Diktator´ und blicke dabei in Schlagstöcke....Du wirst ‚das Volk´ genannt, ich gelte als Rebell. Dein Job ist ab jetzt für immer sicher, während ich um mein Leben bangen muss....Das ist der Unterschied zwischen dir und mir."

Die "Twitter-Revolution" fand nicht statt



Der virtuelle Raum hat Bloggern wie "Crazy Shahrukh" und anderen ermöglicht, ihre Stimme trotz herrschender Zensur zu erheben. Im Februar 2010 ging der renommierte Journalistenpreis "George Polk Award" an das Handyvideo, das den Tod von Neda Agha-Soltan zeigt. Der Macher des Videos ist unbekannt. Die Jury bezeichnete die Aufnahme der Erschießung der jungen Studentin als "Ikone des iranischen Widerstands". Weiter hieß es: "Der Preis zollt der Tatsache Achtung, dass in der heutigen Welt ein mutiger Augenzeuge mit einer Handykamera Videoportale und soziale Netzwerke im Internet nutzen kann, um Nachrichten zu verbreiten."

Soziale Netzwerke spielten im Sommer 2009 in Iran eine wichtige Rolle. Doch das in den internationalen Medien viel bediente Klischee einer "Twitter-Revolution" gab es in Wirklichkeit nie. Sondern, wie Ethan Zuckerman vom Berkman Center der Harvard-Universität richtig bemerkte, wurde das Internet als "mächtiges Instrument zur Enthüllung" benutzt, zur medialen Verbreitung des Ausmaßes der von den Sicherheitskräften geschürten Gewalt. Die echte Revolution bestand jedoch in der Nutzung von Mobiltelefonen. Per Mobiltelefon konnten die Demonstranten Nachrichten wie auch Aufrufe unmittelbar verbreiten.

Es herrschen Repression und Unterdrückung



Dennoch bleiben die Filme, Bilder, Tweets und Blogs, die im Internet wie Flaschenpost im Meer treiben, ein zentrales Element im Kampf der Menschen, um ihre persönliche Geschichte zu erzählen und Gerechtigkeit einzuklagen. Eines dieser Bilder zeigt Sohrab Arabi. Im Internet wurde es zu einem Symbol des Widerstands. Es entstand am 15. Juni 2009, der Tag, an dem Sohrab verschwand. Es zeigt den 19-Jährigen neben seiner Mutter sitzend. Die Mutter Parvin Fahimi schrieb später online: "Ich habe meinen Sohn am Montag, den 15. Juni während einer friedlichen Protestkundgebung gegen die Wahlergebnisse verloren. Es sollen mindestens drei Millionen Menschen an der Demonstration teilgenommen haben. Wir wollten nichts anderes als Frieden, Ruhe und die Freiheit des Geistes."

Doch der Staat schlug mit voller Härte und Brutalität zu, um die Opposition, die auf den Straßen protestierte, zu brechen, zu schikanieren und zu verhaften. Zu dieser grausamen Taktik gehörte die systematische Verletzung der Rechte von Häftlingen, aus dem Stalinismus bekannte Schauprozesse sowie die Tötung unbewaffneter Demonstranten. Auch Sohrab Arabi starb, seine Leiche tauchte Mitte Juli auf.

Amnesty International spricht in seinem Report 2010 "Zur weltweiten Lage der Menschenrechte" von zunehmender Unterdrückung in Iran. Weit über 5.000 Menschen seien nach der Wahl bis zum Jahresende inhaftiert worden. Viele Publikationen seien verboten und Journalisten verhaftet worden, während "die öffentlichen Stellen Webseiten mit kritischem Inhalt, vor allem die iranischer Blogger" gesperrt hätten. Im April 2010 wurden SMS-Nutzer sogar gewarnt, "dass Kurzmitteilungen unter ein neues, im Januar verabschiedetes Gesetz gegen die 'Internetkriminalität' fielen und 'kontrolliert' würden".

Die Proteste im Internet halten an



Trotz dieses steigenden Drucks auch im Internet schreiben zahllose Blogger die Chronik ihres demokratischen Kampfes fort. Ein Beispiel: »Ein Video« (YouTube-Video auf Persisch) und das Manuskript einer packenden Rede, die Studentenführer Majid Tavokoli im Dezember 2009 auf dem Campus der Technischen Universität Amir Kabir hielt. Er rief dazu auf, sich gegen die Unterdrückung zu erheben. Wenige Minuten nachdem er das Podium verlassen hatte, waren Video und Manuskript online verfügbar. Und nur kurz darauf formulierten seine Kommilitonen wütende Blogeinträge und Tweets, nachdem Majid verhaftet worden war. Die staatlichen Nachrichtenagenturen zeigten später Bilder von ihm, auf denen er ein Kopftuch trägt. Man warf ihm vor, er habe sich "feige als Frau verkleidet und versucht, sich davon zu stehlen". Die Antwort der Anhänger von Majid war die Online-Kampagne "Wir alle sind Majid": Sie stellten »Fotos von sich online« (YouTube-Video), auf denen auch sie Kopftuch tragen. Dieser Aufruf zog weite Kreise und wurde nicht nur von Studenten anderer iranischer Universitäten aufgegriffen.

Auch Bahareh Hedayat ist eine mutige Studentenführerin. Sie sitzt zurzeit eine neunjährige Gefängnisstrafe im Trakt 350 des berüchtigten Evin-Gefängnisses ab; ein Hochsicherheitstrakt, in dem auch Schwerverbrecherinnen einsitzen. In bestimmten Fällen erhalten Häftlinge in iranischen Gefängnissen die Erlaubnis, einmal pro Woche einen dreiminütigen Anruf zu tätigen. Bahareh tätigte einen ihrer Anrufe am 6. April – es war ihr 29. Geburtstag und ihr Hochzeitstag. Ihr Ehemann Ahmad Aminian, ihre Familie und Freunde trafen sich in ihrer kleinen Wohnung, wo sie auf ihren Anruf warteten. Bahareh rief auch tatsächlich an und konnte so lange telefonieren, wie sie wollte, denn ihre als hartgesotten geltenden Mithäftlinge hatten ihre kostbare Sprechzeit an Bahareh abgetreten. Es scheint, dass selbst im gewaltsamsten Verlies, iranische Helden als solche erkannt und respektiert werden.

Eine junge Gesellschaft, die ihre Stimme erhebt



Doch das Regime setzt alles daran, diese Helden zu demütigen und zu isolieren. Bijan Safsari war Verleger mehrerer unabhängiger Zeitungen, die allesamt verboten wurden. Er schrieb kürzlich in einem Posting, dass viele, die "in Haft sind, des Verrats an ihrem Volk und Land bezichtigt werden. Wir aber beobachten, dass sie aus der Sicht der Öffentlichkeit nationale Helden sind". Ähnlich äußerte sich Hossein Mussawi: "Wir sind heute Zeugen, dass unsere Häftlinge für die Menschen zu Helden geworden sind. Das ist ein Beweis für den unwirksamen Kampf [des Staates] gegen die nationale Bewegung und die Forderungen der Menschen."

In den Monaten nach der Wahl blieben viele Studierende an den Universitäten aktiv. Im Mai 2010 löste Ahmadinedschads unangekündigter Besuch der Shahid Beheshti-Universität Proteste aus. Denn einen Monat zuvor hatte Ahmadinedschad Präsident Barack Obamas "unangekündigten" Frontbesuch in Afghanistan als feige bezeichnet. Nun erhielt Ahmadinedschad die Quittung dafür, wie in diesem Posting: "Dieser Typ, der behauptet hat, Obama hätte nicht genug Mumm, um unangekündigt nach Afghanistan zu reisen, kann nicht mal einer Universität seines Landes einen Überraschungsbesuch abstatten." Ein anderer User schieb: "Dieser Wahlbetrüger musste sich hereinschleichen aus Angst vor dem Volk."

Im Mai 2010 bezeichnete Morteza Nabavi, ein einflussreicher Hardliner in der Führungsriege, die Universitäten des Landes als "Quelle der Bedrohung" für Iran. 30 Jahre nach der Revolution scheint der Staat nicht zu wissen, wie er mit einer der jüngsten und am besten gebildeten Gesellschaften in der Region fertig werden soll. Zwei von drei Menschen in Iran sind unter 30 Jahren. Der alte Grundsatz, dass "die Menschen ihren Herrschern immer um Längen voraus sind" trifft auf den – demografisch gesehen – von der Jugend angeführten Iran in ganz besonderer Weise zu. In den vergangenen turbulenten Monaten zeigte sich, wer Held und wer Verbrecher ist: Helden entstehen durch das Begehren des Volkes und stehen für die Hoffnungen einer Gesellschaft.

Um die Blogger nicht zu gefährden, werden nicht alle Links zu den Blogs genannt.

Aus dem Englischen von Mirjana Rimac



 

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