Dossierkopf Iran

Frauen und Frauenbewegung in Iran

Zwischen Regierung, Religion und Tradition


20.7.2009
Es ist das Bild verschleierter Frauen, das die Wahrnehmung von iranischen Frauen prägt. Doch zugleich sind zwei Drittel der Studierenden Frauen. Die Islamische Revolution brachte zwar eine massive Benachteiligung, aber nicht den gesellschaftlichen Ausschluss von Frauen. Katajun Amirpur berichtet.

Ungeachtet der rechtlichen Ungleichbehandlung ist Iran heute ein Land, in dem zwei Drittel aller Studenten Frauen sind.Ungeachtet der rechtlichen Ungleichbehandlung ist Iran heute ein Land, in dem zwei Drittel aller Studenten Frauen sind. (© Roshy Zangeneh)

2009 beging Iran den 30. Jahrestag seiner islamischen Revolution. Am 16. Januar 1979 verließ der Schah das Land und erklärte damit seinen Kampf gegen die Revolutionäre für verloren. Zwei Wochen später kehrte Ajatollah Chomeini nach Iran zurück und verkündete den Sieg der Revolution.

Noch etwas anderes jährte sich vor kurzem – am 8. März, dem internationalen Frauentag. Am 8. März 1980, also rund ein Jahr nach dem Sieg der Revolution, gingen die iranischen Frauen zum ersten Mal auf die Straße, um gegen das Regime zu protestieren, das gerade installiert worden war. Diese Demonstrationen waren der erste subversive Akt und der erste Protest gegen die neue Regierung; auch gegen Chomeini selbst, dessen Stellung bis dahin als sakrosankt galt.

Dabei hatten gerade die Frauen eine entscheidende Rolle beim Sturz des Schahs gespielt. Die Iranistin Nikki Keddie beschreibt in ihrem Buch Roots of Revolution, dass die überwältigende Mehrheit der Frauen bei den Demonstrationen von 1978 Bazari-Frauen mit Tschador waren. Sie hätten an den Trauerprozessionen für ihre im Widerstand gegen die Despotie des Schahs gefallenen Söhne und Männer teilgenommen – so wie die schiitische Tradition dies vorschreibt. Doch nun bekamen diese Prozessionen eine andere politische Bedeutung; sie nahmen den Charakter von politischen Kundgebungen und Demonstrationen gegen die ungerechte Herrschaft an. Keddie argumentiert, gerade diese traditionell muslimisch aussehenden Frauen, die kaum als ernstzunehmende politische Gegner gelten konnten, hätten die Polizei und das Militär in schwierige Gewissenskonflikte gebracht. Letztlich hätte ihre Teilnahme an den Demonstrationen dazu geführt, dass diese die Waffen niederlegten und sich in Massen den Demonstrierenden anschlossen.

Um so enttäuschter reagierten diese Frauen, als sie wieder aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden sollten. Denn das System, das mit der Islamischen Revolution von 1978/79 in Iran eingeführt wurde, machte sich als erstes daran, die Rechte von Frauen einzuschränken. Bereits zwei Wochen nach dem Zusammenbruch des Pahlavi-Regimes wurde das fortschrittliche "Gesetz zum Schutz der Familie" aus dem Jahre 1967 aufgehoben und durch ein Familienrecht ersetzt, das auf den Vorgaben des islamischen Rechts beruhte: Das Recht auf Scheidung und das Sorgerecht geschiedener Frauen für die Kinder wurden eingeschränkt, das Mindestalter für die Verheiratung von Mädchen wurde zunächst auf dreizehn, dann auf neun Jahre herabgesetzt, Polygamie wurde erlaubt. Das Zeugnis einer Frau vor Gericht war fortan nur halb so viel wert wie das eines Mannes, das gleiche galt für die finanzielle Entschädigung im Falle eines Unfalls mit tödlichem Ausgang (diye): Die Hinterbliebenen einer Frau erhalten als Entschädigung nur die Hälfte dessen, was sie für ein männliches Opfer bekommen würden. Frauen durften bestimmte Berufe wie den der Richterin nicht mehr ausüben.

Frauen wurden benachteiligt, aber nicht ausgeschlossen



Doch ungeachtet der rechtlichen Ungleichbehandlung ist Iran heute ein Land, in dem zwei Drittel aller Studenten Frauen sind. Frauen haben in der Islamischen Republik ein Drittel aller akademischen Doktorgrade inne, und vom Frauenanteil bei den Lehrenden an den Hochschulen kann man in Deutschland nur träumen. Frauen arbeiten als Fotografinnen, als Journalistinnen und sie machen Filme. Mindestens zwei iranische Regisseurinnen haben inzwischen Weltruhm erlangt. Rachschan Bani-Etemad und Samira Machmalbaf, letztere drehte bereits im Alter von 18 Jahren den preisgekrönten Film "Der Apfel". Auch im literarischen Bereich haben die iranischen Frauen einen festen Platz gefunden; die Romane von Frauen erobern die Bestsellerlisten und inzwischen hat Iran über 300 Verlegerinnen. Frauen stellen heute ein Drittel aller Arbeitskräfte im Land. Sie werden Abgeordnete, Ärztinnen, Lehrerinnen, Präsidentenberaterinnen und Bürgermeisterinnen – und sogar Polizistinnen. Und selbst die klassische Männerdomäne des Nahen Ostens, den Straßenverkehr, haben sie mittlerweile erobert: Sie fahren Taxi.

Die Islamisierung hatte in Iran also eine massive rechtliche Benachteiligung der Frauen und die Separierung der Geschlechter zur Folge, aber nicht den Ausschluss der Frauen aus der Gesellschaft. Frauen waren entgegen der landläufigen Meinung niemals völlig einflusslos. Sie waren nie von der Erwerbstätigkeit ausgeschlossen, und die Erwerbstätigkeit gilt gemeinhin als Voraussetzung für die Forderung nach politischen und bürgerlichen Rechten.

Allen Widerständen zum Trotz entstand so eine Frauenbewegung, die mit islamischen Argumenten für Gleichberechtigung eintritt und die stetig wächst. Die Frage, ob sie keinen Widerspruch zwischen ihren Forderungen und dem Koran sehen, verneinen diese Frauen. Wenn es in Iran frauenfeindliche Gesetze gebe, dann liege dies an den Männern, die den Koran interpretiert hätten, nicht am Koran selber, schreibt beispielsweise Shirin Ebadi, die Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2003. "Alles hängt davon ab, wie man den Islam interpretiert. Die Frauen müssen wissen, dass nicht etwa die Religion gegen sie ist, sondern die patriarchalische Gesellschaft", so Ebadi.

Islam und Feminismus sind kein Widerspruch



Deshalb interpretieren heute die Frauen selber den Koran; in einer islamisch geprägten Gesellschaft liegt ihre Hoffnung darin, am theologisch-juristischen Diskurs teilzunehmen und selbst festzulegen, was essentiell islamisch ist und was nicht, welche Gesetze dem Wandel unterliegen und welche nicht. Die Zeiten haben sich geändert, und auch die Auslegung des Koran muss sich ändern; dies ist der einfache, aber programmatische Slogan der neuen Bewegung islamischer Frauenrechtlerinnen.

Den Beginn dieser Bewegung der islamischen Feministinnen kann man im Jahre 1992 ansetzen, dem Jahr als Shahla Sherkat die Zeitschrift Zanan, Frauen, gründete. Die Zeitschrift konnte sich entgegen dem Widerstand des Establishments über viele Jahre hinweg halten – bis zum Januar 2008, als sie schließlich verboten wurde. Hier fanden religiöse und weltlich argumentierende Frauenrechtlerinnen zusammen; hier arbeiteten sie gemeinsam, um gegen das iranische Patriarchat und für Frauenrechte zu kämpfen. Dabei schienen ihre Differenzen anfangs unüberbrückbar.

Diese Differenzen spiegelten sich auch in den beiden Hauptprotagonistinnen wider: Shahla Sherkat und Mehrangiz Kar. Shahla Sherkat ist eine Islamistin, wie sie im Buche steht. Sozialisiert wurde Sherkat in der islamischen Revolution. Hier, im anti-imperialistischen Kampf und im Kampf gegen die Schah-Herrschaft hatte die Studentin der Psychologie in den 1970er Jahren ihre politische Heimat gefunden. Sie zählte zu den Gewinnern der Revolution. Ihr übergab man die Verantwortung für eine staatliche Zeitschrift. Mehrangiz Kar hingegen, eine bekannte Juristin, bekam ab 1979 Probleme, weil sie unter dem Schah-Regime im Staatsdienst gestanden hatte.

Die Kampagne "1 Million Unterschriften"



Wie viele Frauen hatte Shahla Sherkat angenommen, dass die Revolution auch ihnen Befreiung bringen würde. Als sie jedoch merkte, dass die ehemaligen Revolutionäre unter Befreiung nicht die der Frau vom Patriarchat verstanden, zog sie ihre Konsequenzen, verließ die staatliche Zeitschrift Zan-e ruz und gründete ihre eigene. Sie war es, die auf Kar zuging und diese zur Zusammenarbeit bewog. Doch Kar reagierte zunächst zurückhaltend. Sie wusste, dass sie sich die Feindschaft all derer zuziehen würde, die meinten, Islam und Feminismus seien ein Widerspruch; das, was später unter dem Namen "Islamischer Feminismus" bekannt wurde, könne es nicht geben. Dennoch stimmte Kar zu: Als Rechtsexpertin sollte sie dann jahrelang über Frauenrechte aufklären, Kampagnen anführen, Neuinterpretationen des islamischen Rechts fordern.

Inzwischen, über zehn Jahre nach Beginn der Debatte über den so genannten Islamischen Feminismus und nach fast 30 Jahren Kampf um Frauenrechte in der Islamischen Republik, scheint jedoch Konsens zu sein, dass der islamischen Unterfütterung von Argumenten zumindest ein strategischer Wert abzugewinnen ist. Was Zanan in den 1990er Jahren angestoßen hat, findet heute seine Fortsetzung in einer breit angelegten Kampagne, der Kampagne, "eine Million Unterschriften". Sie will ganz konkrete rechtliche Verbesserungen. Denn die Frauenbewegung, die inzwischen tatsächlich den Charakter einer Bewegung hat und nicht mehr nur aus versprengten Einzelpersonen besteht, kämpft heute dort, wo die Islamische Republik ihre dunkelste, ihre archaischste Seite hat, im Bereich des Rechts. Zur Ikone dieser Bewegung ist die Juristin Shirin Ebadi geworden. Ziel der Kampagne ist es, innerhalb von zwei Jahren eine Million Unterschriften zu sammeln, denn dann müsste sich laut Verfassung auch das Parlament damit beschäftigen.

Wie mächtig ist die Frauenbewegung?



Shirin Ebadi will im Anschluss an die Sammlung die Forderungen der Frauenrechtlerinnen in einen Gesetzesentwurf gießen. Wenn zwei Drittel der Abgeordneten zustimmen, könnte in einem Volksentscheid darüber abgestimmt werden. Das ist der Grund, warum man Arbeit an der Basis machen will, denn später muss auch der eigene Vater, Ehemann, Bruder, Sohn dem Gesetz zustimmen. Der Bewegung geht es also um zweierlei: Um die Veränderung des Rechts, das Frauen benachteiligt, und um die Veränderung kultureller Traditionen, denn die Gesetze spiegeln diese konservativen Ansichten wider. Die Kampagne setzt also auf einen doppelten Wandel: von Recht und Bewusstsein.

Es stellt sich natürlich die Frage nach den Perspektiven der Kampagne, vor allem angesichts der Tatsache, dass es nach über zwei Jahren immer noch nicht möglich war, eine Million Stimmen zu sammeln. Dafür ist zum einen das rigide Vorgehen der Behörden verantwortlich. Doch aus der Bewegung ist auch Selbstkritik zu vernehmen. So bemängelt die Aktivistin Homa Zarafshan, dass sich die Frauenbewegung noch nicht landesweit und jenseits der Großstädte organisieren konnte. Gegenwärtig sei die Frauenbewegung hauptsächlich eine Bewegung von Intellektuellen. In eine ähnliche Richtung geht auch die Bewertung von Nayereh Touhidi: Das Problem der iranischen Frauen sei nicht nur die Regierung und die Religion, sondern "die Gewohnheiten, die Tradition und unsere allgemeine Kultur".

Doch die Frauenrechtlerinnen haben auch Erfolge zu verzeichnen: Etwa ein Jahr lang hatte kürzlich eine Gesetzesvorlage in Iran für öffentliche Empörung gesorgt. Sie sah vor, dass Ehemänner zur Heirat mit der zweiten Ehefrau nicht mehr länger die Erlaubnis der ersten Ehefrau benötigen. Der Ministerrat hatte die Gesetzesvorlage verabschiedet, nun debattierte das Parlament darüber und wollte es in zweiter Instanz verabschieden. Doch nach landesweiten Protesten der Frauenrechtlerinnen wurde die Gesetzesinitiative zurückgezogen. Ein Erfolg, der zeigt, dass Veränderung möglich ist – auch wenn sie hart erkämpft werden muss.



 

Dossier

Antisemitismus

Antisemitismus ist eine antimoderne Weltanschauung, die in der Existenz der Juden die Ursache aller Probleme der heutigen Welt sieht. Das Dossier beleuchtet Geschichte und Gegenwart der Judenfeindschaft und hilft, sie zu entlarven. Weiter... 

Dossier

Menschenrechte

Auf der Flucht vor Zwangsheirat, hinter Gittern wegen der "falschen" Meinung, in der Textilfabrik von Kindesbeinen an: Auch sechzig Jahre nach Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte ist die Frage nach Freiheit und Würde des Menschen aktuell. Sind Menschenrechte universell? Wer verfolgt Verstöße gegen Menschenrechte? Und wie sieht die Situation in verschiedenen Regionen aus? Weiter... 

Infografiken

Die Vereinten Nationen

Warum wurden die Vereinten Nationen gegründet? Welche Ziele und Aufgaben haben sie? Was ist der Sicherheitsrat und welche Rolle spielt Deutschland? Die 11 Infografiken geben Antworten und zeigen anschaulich, wie die UN aufgebaut sind. Weiter... 

zum Fragebogen >

Ihre Meinung ist uns wichtig


Vielen Dank für Ihren Besuch von bpb.de!

Wir wollen unseren Internetauftritt verbessern - und zwar mit Ihrer Hilfe. Dazu laden wir Sie herzlich zu einer kurzen Befragung ein. Sie dauert etwa 10 Minuten. Die Befragung führt das unabhängige Marktforschungsinstitut SKOPOS für uns durch.

Bitte unterstützen Sie uns mit Ihrer Teilnahme. Ihre Meinung ist uns sehr wichtig!

Ihre Bundeszentrale für politische Bildung

Information zum Datenschutz und zur Datensicherheit


Als unabhängiges Marktforschungsinstitut führt SKOPOS Institut für Markt- und Kommunikationsforschung GmbH & Co. KG im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung diese Befragung durch.

Zur Durchführung der Befragung erhebt SKOPOS Ihre IP-Adresse. Diese wird umgehend anonymisiert und getrennt von den Befragungsdaten verarbeitet, deshalb ist eine Identifizierung von Personen nicht möglich. Weitere personenbeziehbare oder personenbezogene Daten werden nicht erhoben.

Die Befragung entspricht den gesetzlichen Bestimmungen zum Datenschutz und den Richtlinien des Berufsverbandes Deutscher Markt- und Sozialforscher e.V. sowie der Europäischen Gesellschaft für Meinungs- und Marketingforschung. Es erfolgt keine Weitergabe an Dritte.

Weitere Informationen und Kontaktdaten finden Sie hier.