Dossierkopf Iran

30 Jahre danach: Die Kinder der Revolution werden flügge


10.6.2009
Irans Gesellschaft ist jung – und gut gebildet. Gleichzeitig herrschen 30 Jahre nach der Revolution krasse soziale Gegensätze, jungen Iranern droht oft die Arbeitslosigkeit. Viele stellen bohrende Fragen an ihre Politiker. Dabei geht es nicht so sehr um Religion. Wohin, fragt sich die junge Generation, sind die hohen Gewinne aus dem Ölgeschäft eigentlich geflossen?

Iran: 30 Jahre danach: Die Kinder der Revolution werden flügge30 Jahre nach der Revolution sind die sozialen Gegensätze zwischen den Bevölkerungsschichten krasser denn je. (© Roshy Zangeneh)

Iran ist ein sehr junges Land. Zwei von drei Iranern wurden nach der Revolution geboren, sind also unter 30 Jahre alt. Die 71 Millionen Einwohner, die die Islamische Republik heute zählt, sind unter anderem Resultat eines Baby-Booms der 1980er Jahre angesichts des Iran-Irak-Krieges (1980-1988), islamistischer Propaganda und mangelnder Aufklärung über Verhütungsmethoden. Damals gebar eine iranische Frau durchschnittlich acht Kinder. Dank einer breit angelegten Kampagne ist es der Regierung inzwischen gelungen, die Geburtenrate erheblich zu senken: Heute liegt die Rate bei unter zwei Geburten pro Frau.

Iran ist ein schiitischer Staat, jedoch nicht homogen. Zwar sind 98 Prozent der iranischen Bevölkerung Muslime, aber – was in offiziellen Statistiken gerne verschwiegen wird – gehören rund zehn Prozent nicht der schiitischen Konfession an, sondern sind Sunniten. Die religiösen Minderheiten machen zudem rund zwei Prozent der Bevölkerung aus. Darunter fallen Zoroaster, Juden, Christen und Bahai. Die islamische Verfassung erkennt Christen, Zoroaster, Juden und sunnitische Muslime als religiöse Minderheiten an. Die Bahai hingegen werden grausam verfolgt. Sieben hochrangige Mitglieder der verbotenen Bahai-Gemeinde sitzen derzeit seit über einem Jahr in Teheran im Gefängnis. Auch deswegen kommt der jüngste Report des amerikanischen Kongresses (2008) zu dem Schluss, die Situation in Sachen Religionsfreiheit und Menschenrechte in Iran habe sich in jüngster Zeit wieder erheblich verschlechtert.

Die sozialen Gegensätze sind krasser denn je



Neben der Verwirklichung religiöser Prinzipien hatte Chomeini vor allen Dingen soziale Gerechtigkeit zu seinen obersten Revolutionszielen erklärt. Auch sein Nachfolger, Ajatollah Ali Chamenei, erinnert immer wieder an dieses Ideal. Nicht weniger oft redeten die Präsidenten Mohammed Chatami und Mahmoud Ahmadinedschad von der Erreichung dieses Ziels, obwohl sie politisch völlig unterschiedlichen Lagern zuzuordnen sind. Aber Fakt ist: 30 Jahre nach der Revolution sind die sozialen Gegensätze zwischen den Bevölkerungsschichten krasser denn je.

Die Statistiken Irans sprechen diesbezüglich eine emotionslose, aber deutliche Sprache: Zwar sind in den letzten 30 Jahren durchaus Verbesserungen beim Lebensstandard in den untersten Einkommensschichten zu verzeichnen. So haben etwa erheblich mehr Menschen Zugang zu Elektrizität und fließendem Wasser erhalten. Selbst Iraner der Unterschicht besitzen heute oft einen Kühlschrank, einen Fernseher, einen Gas-Herd – denn aufgrund seiner Erdölschätze ist Iran kein wirklich "armes" Land. Im internationalen Vergleich nimmt es einen Platz im Mittelfeld ein. Aber von einer gerechten Verteilung des Einkommens kann keine Rede sein. Das Hauptproblem: Zwischen Stadt und Land klafft ein riesiges Gefälle. Laut Statistik steht dem Iraner vom Land nur die Hälfte des Einkommens eines Durchschnittsstädters zur Verfügung.

Die Benachteiligung der Landbevölkerung war auch schon vor der Revolution ein Problem – und einer der Gründe, warum das Volk sich schließlich gegen das Schah-Regime auflehnte. In der ersten nachrevolutionären Dekade 1979 bis 1989 kam es zu einer Verringerung der Einkommensschere, die allerdings hauptsächlich dem allgemeinen wirtschaftlichen Rückgang in den Kriegsjahren geschuldet war. Nach 1990 jedoch entwickelte sich die materielle Verteilung wieder rasant auseinander.

Daran konnte auch Präsident Mahmoud Ahmadinedschad nichts ändern, der bei seiner Wahl 2005 verkündete, er werde gegen genau diesen Missstand ankämpfen: Doch unter seiner Regie in den letzten Jahren hat sich das ökonomische Ungleichgewicht sogar noch vergrößert – und zwar nicht nur auf dem Land, sondern auch innerhalb der Stadtbevölkerung, die 70 Prozent ausmacht. Schuld daran ist wahrscheinlich weniger mangelnder Wille als fehlendes wirtschaftliches Know-how, für das der Präsident selbst von ideologisch Gleichgesinnten viel Kritik einstecken musste. Seine Bemühungen, die ärmere Bevölkerung mit Kleinkrediten, freien Bustickets für Rentner und anderen Zuwendungen zu unterstützen, bewirkten das Gegenteil und befeuerten die Inflation. Von der hohen Inflation aber, die laut Iranischer Zentralbank bei fast 26 Prozent liegt und damit die höchste im gesamten Nahen Osten ist, sind vor allem die unteren Einkommensschichten betroffen.

Gutes Bildungssystem, aber wenig Jobs



Zu den größten Errungenschaften der Revolution gehören die Fortschritte im Bildungssystem, von denen insbesondere die Frauen und Familien vom Land enorm profitierten. Noch in den 1960er Jahren konnten nicht einmal zwanzig Prozent der Iranerinnen lesen und schreiben. Und auch 1978 war noch über die Hälfte der weiblichen Bevölkerung Analphabeten. Heute dagegen liegt die Alphabetisierungsrate bei 84 Prozent, wobei nur geringfügig mehr Männer als Frauen das Lesen und Schreiben beherrschen. Und rund 60 Prozent aller Studierenden sind weiblichen Geschlechts.

Wie konnte sich das Bildungsniveau in den nachrevolutionären Jahrzehnten so dramatisch und zum Vorteil der Frauen verändern? Das lag zum einen an der Alphabetisierungs-Kampagne und dem Versprechen der islamischen Revolutionäre, allen Iranern kostenlosen Zugang zur Bildung zu verschaffen. Infolge der Geburtenexplosion in der ersten nachrevolutionären Dekade, stürmte bald eine Flut von ausbildungshungrigen Kindern an die staatlichen Schulen. Der Kopftuchzwang und die Aufhebung der schulischen Koedukation, die Geschlechtertrennung im Unterricht, halfen zudem die Haltung traditionell orientierter Familienväter gegenüber der Ausbildung ihrer Töchter zu ändern: Fehlten nun doch die Argumente, die Mädchen den Klassenzimmern fern zu halten. Selbst in die Hörsäle der Universitäten gingen die Mädchen ja züchtig verschleiert. Kein Grund also, die jungen Frauen vom Land nicht auch in den von Sittenwächterinnen streng kontrollierten Studentenwohnheimen Teherans wohnen zu lassen. Angesichts dieser ungeahnten Möglichkeit kam vor allem in den Unterschichten schnell in Mode, ihre Töchter zu einem möglichst hohen Abschluss zu ermutigen.

Einmal in Gang gesetzt war der Trend unumkehrbar. Irans Jugend hatte sich durch den breiten Zugang zur Bildung bereits in wenigen Jahren völlig verändert. Obwohl etliche Geistliche den rasanten Anstieg der Frauenquote an den Universitäten bemängelten und die Mädchen ermahnten, sich wieder auf ihre "eigentlichen Aufgaben" als Frauen, nämlich Ehe und Mutterschaft zu besinnen, trauten sie sich nicht ihnen dieses Privileg wieder zu nehmen. Mittlerweile wird im Parlament ernsthaft über die Einführung von Männer-Quoten an den Universitäten gestritten, damit die Studenten in den Hörsälen nicht ganz auf der Strecke bleiben. In einem bis dato sehr patriarchal geprägtem Land wie Iran ist der weibliche Vormarsch, der sich bis in höchste akademische Ränge fortsetzte, gar nicht hoch genug zu bewerten.

Die junge Generation fordert eine Perspektive – für Beruf und Familie



Der limitierende Faktor beim Erhalt einer guten Ausbildung ist heute nicht mehr so sehr das Geschlecht als die finanziellen Ressourcen der Familie. Diese Tendenz dürfte sich zudem dadurch verstärken, dass immer weniger Studenten in den kostenlosen und hoch angesehenen staatlichen Universitäten einen Platz ergattern können und auf teure private Institute ausweichen. Auch im Schulsystem geht der Trend weg von der öffentlichen zur Privatschule.

Denn eine gute Ausbildung ist lebenswichtig – und die Konkurrenz unter den Jugendlichen hoch: Bis zu 750.000 Menschen strömen jedes Jahr neu auf den Arbeitsmarkt. Insbesondere die jungen Männer sind darauf angewiesen, nach dem Studium einen Job zu bekommen, mit dem sie eine Familie ernähren können, wenn sie heiraten wollen. Denn nur unter dieser Bedingung wird die Familie der Frau einer Hochzeit zustimmen. Die Arbeitslosigkeit liegt nach Angaben des staatlichen Statistik-Zentrums bei 12,5 Prozent, dürfte aber tatsächlich viel höher sein. Unter den Uni-Abgängern beläuft sie sich schätzungsweise auf 30 Prozent. Das durchschnittliche Heiratsalter verschiebt sich deshalb stetig nach oben: Derzeit liegt es bei 27 Jahren für Männer und bei 23 Jahren für Frauen.

Islamischer Staat hin oder her: Die Wünsche iranischer Jugendlicher unterscheiden sich nicht wesentlich von denen Jugendlicher in der westlichen Welt. Mit einem wesentlichen Unterschied: Fast alles, was Teens und Twens normalerweise so tun – auf Partys gehen, flirten, gar eine voreheliche Beziehung haben – ist in ihrem Land verboten. Eine Möglichkeit, trotzdem mit Gleichaltrigen in Kontakt zu treten, bietet ihnen das Internet: Web-Foren bieten eine diskrete Form, um sich gegenseitig kennen zu lernen. Viele Jugendliche informieren sich auch über das Internet. Mit der neusten Anti-Filter-Software haben sie auch Zugriff auf ausländische Medien, die seitens des Staates zensiert werden.

Viele dieser gut ausgebildeten und bestens informierten Jugendlichen stellen bohrende Fragen an ihre Politiker, das System und die Regierung. Dabei geht es nicht so sehr um religiöse Probleme. Die religiöse Komponente von Chomeinis Staat, der Islamischen Republik, nehmen viele einfach so hin; viel wichtiger sind für sie Wirtschaftsthemen. Wohin, fragt sich die junge Generation, sind die staatlichen Mehreinnahmen aufgrund des hohen Ölpreises in den letzten Jahren eigentlich geflossen? Und warum profitiert sie nicht stärker von ihnen? Misswirtschaft, Korruption und fehlende Arbeitsplätze bewegen ihre Gemüter. Auch 30 Jahre nach der Revolution gehört die soziale Frage daher wieder zu den am leidenschaftlichsten diskutierten Themen der iranischen Politik. Die junge Generation fordert eine Perspektive. Sie ist nicht länger bereit, für die Versäumnisse ihrer Eltern zu bezahlen.



 

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