Dossierkopf Iran

"Irans Jugendszene spielt sich im Privaten ab"

Interview mit der Iran-Expertin Janet Kursawe von der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft


7.8.2009
Die Proteste gegen das Wahlergebnis der Präsidentschaftswahl in Iran halten an. In den westlichen Medien wird oft eine junge iranische Generation skizziert, die mutig protestiert für eine demokratische und liberale Gesellschaft. Trifft solch eine Verallgemeinerung zu?

Für die Teilnehmer der Proteste mag das so zutreffen, aber nicht für die Jugend in Iran insgesamt. Die iranische Jugend ist genauso vielfältig, wie es die Jugendlichen in jedem anderen Land auch sind. Unter ihnen sind Oppositionelle, Intellektuelle, aber auch angepasste, unpolitische Jugendliche, wie auch konsumorientierte Party-Jugendliche. Und natürlich gibt es auch konservative, traditionsbewusste Jugendliche, die vor allem im ländlichen Bereich und in den unteren sozialen Schichten angesiedelt sind. Man muss auch bedenken, dass den Bassidsch-Milizen, ebenso den Pasdaran – den Revolutionswächtern – auch junge Leute angehören. Wichtig ist ebenso der Unterschied zwischen Stadt und Land. Auf dem Land sind viele junge Leute nicht an einer liberalen, demokratischen Gesellschaft interessiert. Hier fehlt es oft auch an Informationsmöglichkeiten, die Jugendliche in den Städten haben. Sei es das Internet oder auch Satellitenfernsehen, um ausländische Kanäle zu empfangen.

Sind regimetreue Jugendliche, die den Revolutionsgarden und Milizen angehören, eher ungebildet? Gehören sie vor allem konservativen Familien an?

Janet KursaweJanet Kursawe
An der Bildung würde ich es nicht generell festmachen. Natürlich rekrutieren sich die Bassidsch-Verbände insgesamt eher aus den einkommensschwachen, bildungsfernen Schichten. Aber einzelne Bassidsch-Zellen gibt es eben auch an weiterführenden Schulen und Universitäten. Es sind junge Leute, die einer eigenen beziehungsweise propagandistisch beeinflussten Sichtweise auf die Werte der Revolution folgen. Die Familie spielt sicherlich auch eine Rolle und inwieweit die Eltern einer gewissen politischen Strömung angehören. Aber auch hier kann man nicht verallgemeinern.

Vor den Präsidentschaftswahlen im Juni war oft zu hören, dass vor allem die jungen Leute aus Enttäuschung der Politik den Rücken zugekehrt hätten. Doch ihr Engagement für die Oppositionsbewegung und die Teilnahme an den Demonstrationen zeigt etwas ganz anderes. War die Einschätzungen vorab falsch?

Die Einschätzung, dass die Jugendlichen in Iran eher politikverdrossen sind, war schon richtig. Dass sich dann doch so viele junge Leute für die Wahl und deren Ausgang interessierten, lag sicherlich auch an dem sehr konfrontativ und lebendig geführten Wahlkampf. Die Protestbewegung hat auch so viele junge Menschen mitgerissen, weil sich viel Frustration und Unzufriedenheit aufgestaut hatten. Frust über die teils schlechten Lebensbedingungen, die mangelnden sozialen Entfaltungsmöglichkeiten und die starke Repression unter Präsident Ahmadineschad in dessen erster Amtszeit.

Ist es mehr sozialer Frust, der die jungen Menschen auf die Straßen treibt, oder der Wunsch nach politischem Wandel?

Letzteres ist wohl die Konsequenz aus der sozialen Misslage. In erster Linie sind die Jugendlichen in Iran damit beschäftigt, ihren Alltag zu bewältigen. Die desolate Wirtschaftslage betrifft alle. Auch Akademiker sind nach ihrem Studienabschluss häufig arbeitslos. Das bedeutet, dass sie sich keine eigene Wohnung leisten können, dass sie weiterhin zu Hause bei ihren Eltern leben und deshalb nicht heiraten können. So füllen die Mühen bei der Bewältigung des eigenen Lebens angesichts der wirtschaftlichen und sozialen Widrigkeiten den Tag und fressen die meiste Energie der Iraner – egal ob alt oder jung. Deshalb stellt sich auch die Frage, bei wie vielen dieser hunderttausenden Protestierenden eine originär politische Motivation für die Teilnahme an den Demonstrationen ursächlich war. Dass sich letztlich aus den Protesten eine politische Bewegung entwickelt hat, ist wieder eine andere Frage. Den Auslöser sehe ich aber nicht nur in politischen Fragen, sondern auch in der persönlichen Frustration.

Eignungstest für die UniversitätEignungstest für die Universität (© Roshy Zangeneh)

Schauen wir auf die größeren Städte in Iran: Welche Jugendszenen lassen sich unterscheiden?

Die Jugendszene in Iran ist sehr vielfältig und ist in den Städten teilweise auch an die westliche angelehnt. Es gibt auch hier Rapper, Rocker und eine Elektro-Szene. Doch dies sind alles Underground-Szenen, diese Jugendkulturen dürfen nicht offiziell gelebt werden. Es gibt eine sehr lebendige Underground-Musikszene, gerade in Teheran. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht nur westliche Musik kopiert und übernimmt, sondern westliche Musik mit traditionellen persischen Musikstilen mixt. Ebenso gibt es besonders in Teheran eine rege Party-Konsum-Szene, die mit hohem Alkohol- und Drogenkonsum verbunden ist. Es gibt eine sehr junge kreative Kunst- und Kulturszene. Allerdings sind viele regimekritische Künstler gezwungen, ihre Kunst im privaten oder Underground-Bereich zu zeigen. Man kann sagen, dass die gesamte Musik- und Jugendszene ausschließlich im privaten Raum stattfindet, auch auf Grund der Repressionswelle unter der Regierung Ahmadineschad.

Das heißt, das Nachtleben findet zu Hause statt?

Ja, auch. Es gibt in Iran keine Clubs oder Diskotheken. Es gibt ein paar Coffee-Shops, Fast-Food-Läden und Kinos in den Städten. Diese dienen als Treffpunkt, doch werden sie gegen Mitternacht geschlossen. Das Nachtleben spielt sich dann vor allem auf den Straßen ab. Es gibt in jeder größeren Stadt bestimmte Straßen, in denen die Jugendlichen nachts mit ihren Autos auf- und abfahren, um sich gegenseitig kennen zu lernen, indem man beim Vorbeifahren Zettel mit Telefonnummern austauscht. Aber auch das hat sich unter Ahmadineschad drastisch verändert. Man versucht, die Jugendlichen nachts von der Straße fernzuhalten. Es gibt Straßenkontrollen, und es kommt zu Verhaftungen.

Welche Rolle spielen Drogen?

Drogen spielen in Iran allgemein eine sehr große Rolle und bei den Jugendlichen insbesondere. Auf privaten Parties wird so ziemlich alles konsumiert, was man sich vorstellen kann. Alkohol und Cannabis überwiegen, es gibt aber auch Designerdrogen, wie Ecstasy und Crystal. Hier lässt sich eine Schichtabhängigkeit feststellen: Je westlicher die iranischen Jugendlichen geprägt sind und sie der Oberschicht angehören, zeigen sie ein westlich geprägtes Konsumverhalten. Bei jungen Leuten aus ärmeren Schichten werden mehr Opiate konsumiert, sprich Opium und Heroin, der Opiumkonsum hat eine lange Tradition in Iran. Der Drogenkonsum ist sicherlich auch darin begründet, dass es an Freizeitmöglichkeiten mangelt, dass es zu viele Verbote und Einschränkungen gibt.

Iran ist eine sehr junge Gesellschaft. Zwei Drittel der Iraner sind jünger als 30. Sie alle haben die islamische Revolution von 1979 nicht miterlebt. Was bedeutet die Revolution den jungen Menschen?

Für die Gesamtheit der jungen Leute lässt sich das schlecht sagen. Man muss unterscheiden zwischen den Kindern von Revolutionsgewinnern, den Sicherheitskräften, Bürokraten und so weiter, sprich den Nutznießern der Revolution. Diese stehen oft weniger kritisch zur Revolution. Dann gibt es jene Jugendlichen, deren Familien nicht profitierten oder/und die aus politisch-kritischen Familien stammen. Sie wachsen mit einer gewissen Distanz zur Revolution auf.

Generell muss man aber sagen, dass alle in Iran aufwachsenden Kinder und Jugendlichen mit Revolutionspropaganda infiltriert werden, sei es in der Schule, der Ausbildung oder der Universität. Die Revolution als herausragendes historisches Ereignis ist kaum jemandem gleichgültig. Interessanterweise sieht man bei den aktuellen Ereignissen, wie die Jugendlichen auf Protestelemente der Revolution vor 30 Jahren zurückgreifen. Das sieht man zum Beispiel an den "Allahu Akbar"-Rufen, "Gott ist groß". Das sieht man auch an den Trauermärschen, die 40 Tage nach dem Tod von während der Demonstrationen erschossener Jugendlicher abgehalten werden und die zu weiteren Protestkundgebungen genutzt werden.

Direkt nach der Revolution herrschte von 1980 bis 1988 Krieg zwischen Iran und Irak. Der Großteil der Familien hatte damals Tote zu beklagen. Zugleich schuf das Regime das Vorbild junger Märtyrer, die für den Gottesstaat in den Krieg ziehen. Ein Ideal, das bis heute vom Regime gepflegt wird. Wie präsent ist dieser Krieg unter den jungen Leuten, und welche Rolle spielt das Märtyrertum?

Der Iran-Irak-Krieg spielt noch immer eine große Rolle in der iranischen Öffentlichkeit und dem kollektiven Gedächtnis. Der Krieg bleibt präsent. Zum einen, weil kaum eine Familie keine Opfer zu beklagen hatte und zum anderen, weil er Teil der Staatspropaganda ist. Er wird im Fernsehen bedient; auch in den Predigten in den Moscheen werden das Erlebnis des Angriffs und die Grausamkeiten der irakischen Streitkräfte thematisiert. Zugleich bezieht man sich auf das Heldentum und die Opferbereitschaft der iranischen Kämpfer, die ihr Land verteidigten. Dabei spielt das Märtyrertum eine große Rolle, es wird instrumentalisiert und im politischen Bewusstsein wach gehalten. So kann es auch jederzeit wieder abgerufen und mobilisiert werden. Interessanterweise wird das Bild des Märtyrers auch jetzt in der Protestbewegung genutzt. Bei der Studentin Neda und auch bei anderen während der Proteste getöteten Demonstranten, wurde das Märtyrerbild innerhalb der Protestbewegung verwendet und zwar gegen das Regime.

Welche Bedeutung hat der Glaube für die jungen Menschen in Iran?

Der Glaube spielt trotz der Enttäuschungen über die Revolution und die Unfreiheiten immer noch eine große Rolle und zwar in allen Schichten. Es variieren die Arten der Auslebung, aber nichtsdestotrotz ist Religiosität für die meisten Iraner eine wichtige Lebenskomponente. Die jungen Menschen unterscheiden dabei sehr genau zwischen den Machthabern, der Staatsideologie und den herrschenden Klerikern auf der einen Seite und der tradierten Form ihrer Religionsausübung auf der anderen Seite. Viele sehen Religion als private Angelegenheit und wollen, dass sich der Staat heraushält. So ziehen sich die Iraner auch in Fragen der Religion stark ins Private zurück. Der private Raum wird damit zur einzigen Sphäre, in der die jungen Leute und die Iraner generell ihr Leben einigermaßen frei gestalten können.


Das Interview führte Sonja Ernst



 

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