Teheran: Eine Frau betet vor einem Plakat des Ayatolla Ali Khamenei.

13.5.2009 | Von:
Nasrin Alavi

"Der hohe Preis der Freiheit"

Iran besitzt eine der größten Blogosphären der Welt. Auf dem Höhepunkt der Reformbewegung von 1999 bis 2003 war sie von den kritischen Stimmen der jungen Generation geprägt. Heute gilt Iran als eins der gefährlichsten Länder für Blogger – viele üben sich in Selbstzensur. Nasrin Alavi über die Anfänge und den Wandel der Blogosphäre Irans.

Das iranische "Weblogistan" ist verstärkt staatlicher Zensur und Druck ausgesetzt.Das iranische "Weblogistan" ist verstärkt staatlicher Zensur und Druck ausgesetzt. (© AP)

"Hat eigentlich schon jemand die unheimliche Tatsache bemerkt, dass es seit der Entstehung der Weblogs auf unseren öffentlichen Toiletten keine Graffiti mehr gibt? Erinnert Ihr euch an die Toiletten der Universitäten, die wir früher als unsere 'Freiheitskolumnen' bezeichnet haben?", so die Frage eines Bloggers namens Python vor einiger Zeit.

Die Freiheit hat einen hohen Preis in Iran. Die iranische Regierung hat im Jahre 2003 als erste Regierung weltweit einen Blogger eingesperrt (den Journalisten Sina Motallebi) und seitdem noch viele andere Blogger festgenommen. Nur zwei Monate sind vergangen, seit der Blogger Omid Mir-Sayafi im Evin-Gefängnis in Teheran gestorben ist. Am Tag der internationalen Pressefreiheit, dem 3. Mai 2009, veröffentlichte das New Yorker Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) eine Liste der "10 gefährlichsten Länder für Blogger", auf der Iran Platz zwei einnimmt.


Dennoch besitzt Iran eine der größten Blogosphären der Welt. Mein Buch "Wir sind der Iran" (2005) handelt von den Anfangsjahren dieser lebendigen iranischen Blogosphäre. Für mich hat dieses Phänomen einer aufstrebenden, gebildeten Jugend eine Stimme verliehen.

Ein flüchtiger Blick auf Zukunft und Vergangenheit

Die Zeitzeugen der iranischen Revolution von 1979 bilden heute eine Minderheit. Seit der Revolution hat sich die iranische Bevölkerung fast verdoppelt und ist auf nahezu 70 Millionen angewachsen, rund 65 Prozent sind jünger als 30 Jahre. In dieser Altersgruppe liegt die Alphabetisierungsrate, selbst in ländlichen Gebieten, bei über 90 Prozent; seit 2005 sind mehr als 65 Prozent der Studienanfänger Frauen. Die von dieser Generation eifrig geführten Blogs vermittelten ein unverfälschtes Bild der Gespräche und Unterhaltungen, die man früher auf einem Universitätsgelände hören konnte. Diese Generation war und ist die Babyboom-Generation der Nachkriegsjahre (des Iran-Irak-Kriegs 1980-88), die die Zukunft ihres Landes bestimmen wird: daher der Titel "Wir sind der Iran".

Diese freimütigen Blogger boten Hinweise auf die Zukunft, flüchtige Einblicke in ihr tägliches Leben und manchmal in die nicht allzu ferne Vergangenheit. Die Straßen und Gassen in Iran tragen die Namen der Tausend und Abertausend Opfer des Iran-Irak-Krieges, die von den Bewohnern dieser Viertel immer noch liebevoll die jungen Burschen genannt werden.

Ein Blogger formuliert es folgendermaßen: "Unsere Jugend war entweder im Evin (Gefängnis) oder im Krieg. Die Besten dieser Generation landeten auf dem Friedhof." Während ein Anderer sich darüber beklagt, dass "die Amerikaner kämpfen und in den Krieg ziehen, um der Welt zu zeigen, dass sie frohe, schöne, kultivierte Menschenfreunde sind. Die Palästinenser kämpfen, weil sie keine andere Möglichkeit zur Verteidigung ihrer Heimat haben. Wir kämpften dafür, dass die Vertreter Gottes auf Erden...noch besser dunkle Geschäfte machen können. Wir kämpften gegen ein anderes muslimisches Land, um diesen Islam zu verteidigen."

Und die Bloggerin "Shargi" beschreibt wahrscheinlich die Meinung vieler, wenn sie sagt: "Ich hasse Krieg. Ich hasse die Befreiungssoldaten, die deinen Grund und Boden, dein Zuhause, Junge und Alte mit ihren Stiefeln niedertrampeln. Glauben Sie mir, ich liebe die Freiheit. Aber ich bin davon überzeugt, dass du dich selbst befreien musst. Niemand anders kann dich befreien."

Eine Netz-Community entsteht

Die Bloggerszene entstand auf dem Höhepunkt der Reformbewegung in den Jahren 1999 bis 2003. In drei erdrutschartigen Wahlsiegen der Reformer (Präsidentschaftswahl 1997 und 2000, Parlamentswahl 2001) drückte die iranische Bevölkerung ihren Wunsch nach Veränderung aus, indem sie mit überwältigender Mehrheit für die Parlamentskandidaten, die Demokratie versprachen, stimmte.

Im Zentrum stand der Reformer und Präsident Mohammed Chatami (Amtszeit 1997-2005). In dieser Zeit stand man vor Zeitungskiosken an und las in dicht zusammengedrängten Gruppen die von investigativen Journalisten, wie Akbar Gandschi, verfassten Enthüllungen über ein korruptes Regime oder die Erörterungen islamischer Denker zum kulturellen Bedürfnis einer "Islamischen Reformation". Das war der "Prager Frühling" des iranischen Journalismus, der mit dem Verbot hunderter Publikationen und der Festnahme, Einschüchterung und Inhaftierung von Aktivisten und Journalisten wieder verblasste.

Präsident Mahmoud Ahmadinedschad wurde im Juni 2005 gewählt, als ich gerade in den letzten Zügen von "Wir sind der Iran" steckte. Unter dieser Präsidentschaft hat das Land viele Angriffe auf das Verlagswesen und das Internet erlebt. Die iranischen Behörden verkündeten stolz die Sperrung oder Filterung von mehr als 10 Millionen Webseiten. Seitdem betreiben viele iranische Blogger, die unter ihrem eigenen Namen schreiben, Selbstzensur; dadurch haben die neuen Beobachtungen dieser Blogger nichts mehr mit den früher ungezügelten Beiträgen in den Archiven gemein.

Irans konservative Hardliner und deren Anhänger sorgten bereits bis zum Jahr 2004 dafür, dass es immer weniger Blogs gab. Die politische Debatte in der iranischen Blogosphäre und auf dem Universitätsgelände war bis dahin von leidenschaftlichen, kritischen und liberalen Stimmen geprägt. In vielen Teilen Irans gab es studentische Massendemonstrationen, ausgelöst von Studentenprotesten an der Universität Teheran im November 2002: Der Universitätsprofessor Hashem Aghadschari, ein gläubiger Muslim, war zum Tode verurteilt worden, weil er Iraner dazu aufgerufen hatte, ihren islamischen Führern "nicht blind zu folgen".

Die Blogosphäre hat sich entscheidend gewandelt

Ein Großteil der iranischen Online-Debatten damals spiegelten die Unruhen dieser Zeit wider, als die Gemeinde heftig den Fall Aghadschari diskutierte. Im Gegensatz dazu sind die Blogosphäre und die Gespräche auf dem Universitätsgelände heutzutage weitgehend frei von politischen Themen (soweit solche Generalisierungen erlaubt sind). Wenn ich die Stapel ausgedruckter Blogs dieser zwei Epochen durchsehe, stelle ich eine enorme Kluft zwischen damals und heute fest.

Seit der Wahl Ahmadinedschads wurden studentische Veröffentlichungen und lang bestehende studentische Gruppen verboten, die Ergebnisse studentischer Wahlen wurden annulliert. Ahmadinedschad und seine Verbündeten müssen aber der Realität ins Auge sehen, dass eine Generation nach der Revolution keine radikal-islamische Studentengruppe mehr in der Lage war oder ist, durch Wahlen einen iranischen Universitätscampus unter Kontrolle zu bekommen.

Die einst freie Blogosphäre, die ich in meinem Buch "Wir sind der Iran" hervorheben wollte, gibt es in dieser Form vielleicht nicht mehr, aber die jungen Menschen, die damals ihre Stimme erhoben haben, sind sehr wohl noch am Leben. Ein prominenter und früher sehr produktiver Blogger schloss seinen Blog mit einem letzten Kommentar zur wachsenden Gefahr für Blogger, zur Selbstzensur und seinen Gründen, mit dem Schreiben aufzuhören: "Es ist nicht so, als hätte ich nichts mehr zu sagen, aber ich möchte nicht mehr schreiben, wenn ich nicht ich selbst sein kann."

Und ein anderer, ehemals berühmter Blogger drückte es mit den folgenden Worten aus: "Wenn die Skrupellosen siegen und nicht die Weisen... handelt die Geschichte von einem wahrhaft blutigen, bösen Kampf... Die skrupellosen Morde zu Beginn der Revolution... die Attentate... acht Jahre Zerstörung und Krieg... die Bombardierung der Städte... die feigen Massenmorde an Gefangenen in den Achtzigerjahren... All das sind die blutigen Wurzeln unserer Geschichte... Doch diese Blutfehden schwinden aus den Köpfen einer neuen Generation... einer Generation, die erschaffen wurde, um für Gott zu kämpfen... eine Generation, die für das Märtyrertum geschaffen wurde, wird sich plötzlich ihrer unglücklichen Lage und der Welt drum herum bewusst... und glaubt nicht mehr an die endlosen Kriege ihrer Vorväter... Eine neue Generation drängt vorwärts, um mit alten Strukturen zu brechen."

Aus dem Englischen von Martina Heimermann


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