Jerusalem mit Klagemauer und Tempelberg, vom dem aus die goldene Kuppel der Al-Aqsa-Moschee in den Himmel ragt.

10.6.2008 | Von:
Sami Berdugo

Sephardische Juden sind bis heute unterrepräsentiert

Interview mit Sami Berdugo

Seine Eltern wanderten 1948 aus Marokko nach Israel ein. Als Kind beklagte sich sein Lehrer über seine Hebräischkenntnisse, heute arbeitet Sami Berdugo als Schriftsteller in Tel Aviv. Seine arabische Herkunft ist immer wieder Thema in seinen Texten.

Wann sind Ihre Eltern nach Israel eingewandert?

Sami Berdugo Foto: Hanna HuhtasaariSami Berdugo
Foto: Hanna Huhtasaari
Sami Berdugo: Meine Eltern wurden 1948 als der Staat Israel gegründet wurde, aus Marokko vertrieben. Als wir in Israel ankamen, lebten wir zunächst in so genannten Maabarot, also Übergangslagern für Neueinwanderer. Von dort sind wir später in einen Kibbutz gezogen.

Welche Rolle spielt Ihre marokkanische Herkunft für Sie?

Sami Berdugo: Ich bin zum einen mit dem sozialistischen Pioniergeist der Kibbutzbewegung und zum anderen mit den marokkanischen Traditionen groß geworden. Aufgewachsen bin ich mit arabischen Essen und arabischer Musik. Zu Hause sprachen wir Französisch. Erst als mein Lehrer meiner Mutter sagte, mein Hebräisch müsse besser werden, haben wir aufgehört zu Hause Französisch zu sprechen. Bis heute spüre ich in mir diese zwei Identitäten zwischen aschkenasischer und sephardischer Kultur.


Wie wurden die Juden aus den arabischen Ländern aufgenommen?

Sami Berdugo: 1948 gab es den zionistischen Traum einer vereinten Gesellschaft. Gleichzeitig wurden die Juden aus den arabischen Ländern von den aus Europa stammenden Juden kritisch beäugt. Sie waren in ihren Augen nicht so gebildet wie sie, hatten eine ungewohnt dunkle Hautfarbe und man begegnete ihnen allgemein mit Skepsis. Als die Juden aus den arabischen Ländern 1948 einwanderten, waren die wichtigen Positionen in der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft schon besetzt. Viele der Juden, die 1948 und danach nach Israel eingewandert sind, haben zu Beginn nicht ihrer Ausbildung entsprechend einen Job gefunden. Bis heute sind sephardische Juden in politischen Ämtern und Führungspositionen unterrepräsentiert.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Sami Berdugo: Ich wurde auf Grund meines Namens sofort als arabisch stämmiger Jude identifiziert. Ich habe mich lange geschämt meinen Namen zu nennen. Heute akzeptiere ich meinen Namen und meine Wurzeln. Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel: Ich gebe hin und wieder Lesungen an Schulen. Die Schüler hören meinen sephardischen Namen und glauben manchmal nicht, dass ich mit meinem Namen Schriftsteller sein kann. In den Schulen spüre ich, dass sephardische Jugendliche mich nicht mehr als einer von ihnen akzeptieren. Für sie habe ich eine Grenze überschritten, indem ich als Schriftsteller arbeite. Sie verbinden den Beruf mit aschkenasischen Juden. Bis heute werden intellektuelle Berufe, wie der Beruf des Schriftstellers eher mit aschkenasischen Juden in Verbindung gebracht und tatsächlich gibt es bis heute weniger sephardische Schriftsteller.

Sie sind also eine Ausnahme?

Sami Berdugo: In meinen Büchern schreibe ich über diese Probleme. Ich schreibe über die Sorgen und Probleme aus dem sephardischen Blickwinkel. Ich gebe ihnen eine Stimme. Ich hoffe, die Menschen zum Nachdenken zu bringen. Ich habe viel Zuspruch von sephardischen Juden bekommen. Sie finden sich in meinen Geschichten wieder.

Ist eine Trennung zwischen Sephardim und Aschkenasim noch heute spürbar?

Sami Berdugo: Die zionistische Idee war, dass hier aus Juden aus der ganzen Welt zu einem Volk verschmelzen. Wie es sich gezeigt hat, ist das unmöglich. Der Zusammenhalt ist immer dann am größten, wenn die Gefahr von außen wächst. Gleichzeitig beobachte ich, dass sephardische Jugendliche wieder stolz auf ihre Wurzeln sind. Was man früher versucht hat, zu verstecken, betont man heute. Sie hören sephardische Musik und grenzen sich bewusst von den Ashkenasim ab.

Was ist mit den zionistischen Ideen passiert?

Sami Berdugo: Als meine Eltern nach Israel kamen, war das Land von einem zionistischen Pioniergeist und einer zionistischen Atmosphäre geprägt. Nach der zionistischen Ideologie wollte man das Land gemeinsam aufbauen. Heute kennen z.B. viele Jugendliche Herzl nicht mehr. Er sagt ihnen nichts. Der Staat Israel war für meine Eltern die Rettung, für Jugendliche ist der Staat Israel heute selbstverständlich.

Könnten Sie sich vorstellen, woanders zu leben?

Sami Berdugo: Ich liebe die hebräische Sprache und sie ist auch die Sprache, mit der ich arbeite. Ich könnte meinen Beruf in einer anderen Sprache nicht ausüben. Auch wenn es hart ist hier zu leben, könnte ich mir nicht vorstellen länger als ein paar Monate ins Ausland zu gehen.

Was wünschen Sie Israel zum 60.?

Sami Berdugo: Mein Traum wäre es, wenn wir eines Tages die Grenzen zwischen Syrien, Libanon und Israel frei überqueren können.

Das Interview führte Hanna Huhtasaari.


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