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Sollte Griechenland in der Eurozone bleiben - und falls ja, warum?

Standpunkt Dimitrios Katsikas


6.11.2013
Griechenland sollte die Währungsunion nicht verlassen, sagt Dimitris Katsikas. Ein Austritt aus der Eurozone könnte zu schweren Krisen führen - auch über das Land hinaus: Die Schuldzinsen für andere Krisenländer würden steigen und so bestünde die Gefahr, dass auch Spanien oder Italien ihrer Schulden nicht mehr bedienen können. Der Austritt Griechenlands wäre daher, so Katsikas, deutlich teurer als seine Rettung.

Dimitrios KatsikasDimitrios Katsikas (© Dimitrios Katsikas)
Bereits seit Beginn der griechischen Krise Ende 2009 ist der Ruf zu vernehmen, Griechenland möge die Eurozone verlassen, also den sogenannten "Grexit" (von Greece und Exit) vollziehen. Diese Rufe wurden normalerweise dann lauter, wenn in Griechenland negative wirtschaftliche oder politische Entwicklungen eintraten, beispielsweise als die Troika aus Vertretern der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds im Herbst 2011 ergebnislos abreiste. Dies geschah damals als Reaktion auf die mangelnde Bereitschaft der griechischen Regierung, sich an die europäischen Vorgaben zur Reform des Staatshaushaltes zu halten. Ein anderes Ereignis war die politische Krise Ende 2011, die dadurch ausgelöst worden war, dass der damalige Premierminister ein Referendum über den Verbleib seines Landes in der Eurozone ankündigte.

Befürworter eines "Grexit" gibt es innerhalb und außerhalb Griechenlands viele, seien es Analysten, politische Parteien oder auch Spekulanten, die auf den Niedergang Griechenlands gewettet haben. Wenn man letztere einmal außer Acht lässt, kann man die Befürworter eines griechischen Ausstiegs in zwei Lager unterteilen: Da sind auf der einen Seite diejenigen, die denken, dass Griechenlands Probleme zu groß für die Eurozone seien, das heißt, dass die Rechnung für die anderen Euro-Teilnehmer zu hoch werde, und auf der anderen Seite die, die der Ansicht sind, die durchzuführenden Veränderungsprogramme seien schädlich für Griechenland. Damit ist gemeint, dass das Land besser dastünde, wenn es die Fesseln der extrem harten Auflagen abstreifen würde, die zu wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen geführt haben.

Um diesen Punkt zuerst aufzugreifen: Ginge es Griechenland besser, wenn es außerhalb der Eurozone stünde? Die Befürworter dieser Annahme stützen sich auf ein typisch wirtschaftliches Argument: Außerhalb der Eurozone hätte Griechenland seine eigene Währung, die es abwerten könnte. So wäre es Griechenland möglich, seine internationale Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen und schrittweise zu wirtschaftlichem Wachstum zurückzukehren. Hohe Wachstumsraten würden die Schuldenlast erträglich machen und mit dem voraussehbaren Anstieg der Steuereinnahmen könnte Griechenland ein Plus im Primärhaushalt erzielen - also vor der Zahlung von Schuldzinsen. Aber stimmt das wirklich?

Binnenhandel der EU, 2010Binnenhandel der EU, 2010 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Wenn man über Wirtschaftspolitik spricht, sollte man immer die konkreten Daten des jeweiligen Landes beachten, von dem die Rede ist. Der Export hat in der griechischen Wirtschaft einen geringen Anteil. 2008, vor Beginn der Krise, lag der Anteil der Ausfuhren für Güter und Dienstleistungen bei 24 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und damit deutlich unter dem europäischen Durchschnitt (der 42 Prozent für die Eurozone und rund 41 Prozent für die EU insgesamt betrug). Ohne den Anteil der Dienstleistungen, die zum Teil mit dem Tourismus zu tun haben, wäre das Bild noch trüber. Der Export von Handelsgütern lag 2008 bei circa 9 Prozent des BIP. Im Jahr 2012, nach drei Jahren der Exportsteigerung im zweistelligen Bereich und bei gleichzeitiger Verkleinerung des BIP, betrug der Wert der exportierten Güter immer noch nur 13,5 Prozent. Wenn man diesen kleinen Anteil, den die Exporte im Verhältnis zum BIP ausmachen, in Rechnung stellt, wird klar, dass die mögliche positive Auswirkung einer Abwertung der griechischen Währung wesentlich geringer ausfallen würde als die Befürworter eines "Grexit" annehmen. Tatsächlich wäre der Nutzen wahrscheinlich sogar noch geringer, wenn man berücksichtigt, dass viele griechische Exportgüter zu ihrer Herstellung von importierten Vorprodukten und einzuführender Produktionsausrüstung abhängig sind. Eine Abwertung der griechischen Währung würde diese Komponenten verteuern und auf diese Weise einen Teil der Vorteile einer preislichen Wettbewerbsfähigkeit zunichte machen.

Auf der anderen Seite hätten der Austritt aus der Währungsunion und eine Abwertung der dann nationalen Währung einige wirtschaftlich negative Effekte, die nicht zu vernachlässigen sind. Es darf nicht vergessen werden, dass eine Abwertung einen dramatischen Anstieg der Preise von Importgütern zur Folge hätte, die nach wie vor den griechischen Markt dominieren. Die Folge wäre eine schnelle Verarmung der griechischen Bevölkerung, die nicht mehr in der Lage wäre, selbst die grundlegenden Dinge zu kaufen.

Diese Entwicklung träfe eine Gesellschaft, in der schon drei Jahre lang die Löhne und Betriebsgewinne verringert wurden und die eine hohe Arbeitslosigkeit (vor zurzeit rund 27 Prozent) aufweist. Bräche nun der Konsum zusammen, würde das große Teile des BIP vernichten, das seit Beginn der Krise sowieso schon um ungefähr 22 Prozent geschrumpft ist. Dies wiederum würde zu einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit führen. Die sozialen Unruhen, die einer solchen Entwicklung folgen würden, sind leicht auszumalen. Gleichzeitig würde die Abwertung der nationalen Währung die Schuldenlast des Staates vervielfachen, wenn man davon ausgeht, dass die Schulden weiterhin in Euro bestehen. Um dann über die Runden zu kommen, wäre ein weitgehender Schuldenschnitt nötig, der Griechenland im Weiteren von jeder Möglichkeit abschneiden würde, Geld von den Finanzmärkten zu erhalten. Außerdem würde ein solcher "haircut" (Haarschnitt) die Beziehungen Griechenlands zu den europäischen Partnern negativ beeinflussen, die nämlich mittlerweile nach der Restrukturierung der griechischen Schulden und dem zweiten Hilfspaket der Eurostaaten den größten Teil der griechischen Schulden in ihren Büchern haben. Unter diesen Umständen bliebe der Regierung wohl nicht viel mehr übrig, als frisches Geld zu drucken. Um keine Inflationsspirale zu riskieren, müsste die Regierung eine solche Politik jedoch sehr stark beschränken. Dies wiederum würde bedeuten, dass die meisten Einschnitte und Sparmaßnahmen beibehalten werden müssten, da Griechenland nach wie vor kein Plus im Primärhaushalt aufweist.

Die genannten Probleme würden noch an Bedeutung gewinnen, wenn man die politischen Folgen eines möglichen "Grexit" bedenkt. Die Entscheidung, die Eurozone zu verlassen, würde mit ziemlicher Sicherheit mit Neuwahlen einhergehen, da jede Regierung für einen so weitgehenden Schritt ein Mandat der Bevölkerung benötigen würde. Allerdings ist das gegenwärtige politische Klima stark aufgeheizt und die Positionen sind sehr polarisiert. Im Zusammenhang mit einer Ausstiegsentscheidung würden diese Spannungen weiter zunehmen. So ist nicht damit zu rechnen, dass die Wahlen einen klaren Sieger hervorbringen würden - und Koalitionsregierungen, das ist bedauerlicherweise bereits klar geworden, funktionieren in Griechenland nicht gut. Die Regierung der Drei-Parteien-Koalition, die 2012 nach zwei Wahlrunden ins Amt kam, hat gerade einmal ein Jahr gehalten. Die neue Zwei-Parteien-Regierung verfügt nur über eine Mehrheit von fünf Sitzen im Parlament. Im Zusammenhang mit sozialen Unruhen, politischer Polarisierung und sich verschärfenden Konflikten sind die Konsequenzen für die politische Stabilität nicht überschaubar.

Das raue soziale und politische Klima, der Verlust der Glaubwürdigkeit, die durch die Währungspolitik der Europäischen Zentralbank gegeben ist, das Fehlen eines verlässlichen und regelnden politischen Rahmens, wie die Rahmenbedingungen der Wirtschaftspolitik der Eurostaaten sie darstellen, und dann eine einseitige Schuldenrestrukturierung würden zu einer Entfremdung Griechenlands von seinen europäischen Partnern und von den Märkten führen. Das Land bliebe schwach und isoliert zurück. Unter diesen Umständen würde Griechenland die tiefgehenden und weitreichenden Reformen, dies es benötigt, wohl kaum bewältigen können.

Griechenland kann sein Problem der geringen Wettbewerbsfähigkeit und daraus folgend seiner schwächelnden Wirtschaft nur lösen, wenn es sein selbstbezogenes und auf Konsum basierendes Wachstumsmodell aufgibt. Die Reform des griechischen Wachstumsmodells ist ein langwieriger Prozess und muss auf dem Boden weitreichender Reformen von Politik und Wirtschaft stehen. Die Verbesserung der Produktivität wird dabei einer der Schwerpunkte solcher Reformen sein. Ein Austritt aus der Währungsunion und eine Abwertung bringen das Land diesem Ziel nicht näher. Die Abwertung der Währung mag kurzfristig Erleichterung im Hinblick auf die preisliche Wettbewerbsfähigkeit bringen, aber sie kann die langfristigen und produktivitätsfördernden Strukturreformen nicht ersetzen, die die griechische Wirtschaft benötigt. Solange solche Reformen nicht durchgeführt worden sind, läge die wahrscheinlichste langfristige Folge eines Verlassens der Eurozone in einer Serie von Abwertungen und einem konstant hohen Inflationsniveau. Das ist eine Situation, die Griechenland in den 1980er-Jahren schon einmal durchlebt hat.

Wie steht es aber um die Annahme, dass die Kosten für die Griechenlandhilfe für die Eurozone zu hoch seien? Ein griechischer Ausstieg aus der Währungsunion, der mit einem einseitigen Schuldenmoratorium einher ginge, hätte Folgen für die öffentlichen Finanzen aller europäischen Staaten, die Griechenland Geld geliehen haben. Dies würde zu einem Zeitpunkt kommen, zu dem die europäische Wirtschaft wieder im Abschwung ist und die meisten europäischen Staaten bemüht sind, ihre Schulden, die im Nachgang der Krise 2007 bis 2009 einen Höchststand erreicht haben, zu senken. Aber die spiegelbildliche Folge einer griechischen Zahlungsunfähigkeit wäre nicht einmal das größte Problem. Die am weitesten reichende Konsequenz wäre das Überspringen der Krise auf andere Länder. Nach drei Jahren Erfahrungen mit dieser Krise muss man über das Ansteckungsrisiko eines "Grexit" nicht mehr lange reden. Immer wieder haben wir erlebt, wie die negative Entwicklung in einem Land zu Turbulenzen auf den Finanzmärkten quer durch Europa und oftmals sogar weltweit geführt hat. Wenn Griechenland in seinem Reformprogramm versagen würde und die Eurozone verließe, würde das Vertrauen, dass andere Länder fähig seien, ihre Probleme zu lösen, ebenfalls zerstört. Es ist nicht nur die Größe der Probleme der Länder an der Peripherie, die die Glaubwürdigkeit ihrer Anstrengungen unterminieren würde. Ein "Grexit" würde die Finanzmärkte davon überzeugen, dass ihr Verdacht, den sie wegen der planlosen, widersprüchlichen und schwachen Reaktion auf die Eurokrise von Anfang an hatten, richtig war: Die europäischen Führungspersönlichkeiten sind nicht bereit, alle Anstrengungen zu unternehmen, um die Eurozone zu retten.

Die Zinsen für Staatsanleihen würden in diesem Fall in die Höhe gehen. Portugal und Irland, deren Programme fast abgeschlossen sind, würden keinen Zugang zum Finanzmarkt erhalten und wären auf neue Kredite der Eurozone angewiesen. Spanien und Italien würden das Problem wesentlich verschärfen. Wenn diese Länder kein Geld von den Finanzmärkten mehr erhielten, könnte dies zum Zusammenbruch der gesamten Eurozone führen, denn was die Euroländer aufwenden müssten, um sie zu stützen, ist weit mehr als die Summe, über die die Stabilisierungsmechanismen der Eurozone verfügen. Falls es dann keine Eurobonds oder einen gemeinsamen Haushalt der Eurozone gäbe, bliebe Spanien und Italien nichts anderes übrig, als entweder einen Teil ihrer Schulden nicht mehr zu bedienen oder die Eurozone zu verlassen und Geld zu drucken. Sowohl das eine als auch das andere würde Schockwellen an die Finanzmärkte aussenden, was zu einem grenzüberschreitenden Anstieg der Zinsen führen würde. Europa und vielleicht sogar die übrige globale Wirtschaft könnten dadurch in eine neue Rezession abrutschen.

Bruttoinlandsprodukt (BIP), 2010.Bruttoinlandsprodukt (BIP), 2010. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Anders ausgedrückt: Die wirkliche Frage lautet nicht, ob die Griechenland-Hilfe die Eurozone überfordern würde. Griechenland ist ein Mitglied der Währungsunion, und es hat sich gezeigt, dass das Land selbst nicht in der Lage ist, die Krise zu meistern. Sollte die Rettung Griechenlands nicht gelingen, wären die Kosten hoch, nicht nur für Griechenland selbst, sondern für die Eurozone insgesamt. Tatsächlich geht es um Folgendes: Ist die Eurozone bereit, den Preis für die Rettung Griechenlands zu zahlen, auch wenn der hoch ausfällt, oder riskiert sie den "Grexit" mit vermutlich deutlich höheren Kosten? Natürlich muss es nicht so kommen, aber die Konsequenzen eines Ausscheidens Griechenlands aus der Währungsunion sind so verheerend, dass man es nicht als mögliche Option akzeptieren sollte - selbst wenn niemand genau weiß, was geschehen würde.

Zusammengefasst: Ich denke, Griechenland sollte in der Eurozone bleiben. Von einem Ausscheiden hat Griechenland wirtschaftlich wenig bis gar nichts zu gewinnen, es könnte im Gegenteil eine schwere wirtschaftliche, soziale und politische Krise auslösen. Darüber hinaus wäre Griechenland nicht der einzige Leidtragende. Ein "Grexit" könnte eine neue europäische und globale Wirtschaftskrise mit möglicherweise weitreichenden negativen Folgen für andere Länder, bis hin zum Zusammenbruch der Eurozone, auslösen.


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