Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

Jugendarbeitslosigkeit in Spanien: Wahrheiten und Mythen

Standpunkt Leire Salazar und Luis Garrido Medina


6.11.2013
Laut Eurostat lag die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien 2012 bei 53,2 Prozent. Aber diese Daten und ihre Berechnungsgrundlagen sind irreführend und führen zu einer Überschätzung des Problems, meinen Leire Salazar und Luis Garrido Medina. Problematisch sei vor allem der blockierte Zugang zum Arbeitsmarkt für die 25- bis 39-Jährigen. Deren Möglichkeit, den eigenen Lebensentwurf zu realisieren, sei erheblich eingeschränkt.

Leire SalazarLeire Salazar (© Leire Salazar)
Sowohl in den Medien als auch in der politischen Debatte hat die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Spanien in den letzten Monaten große Aufmerksamkeit erfahren. In diesem Artikel wird gezeigt, dass die Zahlen, die in der Debatte benutzt werden, mit Vorsicht zu genießen sind. Außerdem werden andere neue Entwicklungen im Arbeitsmarkt für junge Menschen vorgestellt, die für das Verständnis der Situation wichtig sind.

Die Arbeitslosigkeit junger Menschen im Alter zwischen 16 und 24 Jahren in Spanien ist verglichen mit anderen Ländern mit ähnlichem Wohlstandsniveau sicherlich ein Sonderfall. Im Verhältnis zur generellen Arbeitslosenquote und im Verhältnis zur Arbeitslosenquote der über 24-Jährigen verlieren die Zahlen allerdings ihre Einzigartigkeit.

Ohne Frage ist die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien sehr hoch, aber auch die generelle Arbeitslosigkeit ist hoch. In allen europäischen Staaten ist der Prozentsatz der arbeitslosen Jugendlichen doppelt so hoch wie der der älteren Bürger. Der Unterschied ist nicht zu vernachlässigen, aber in Ländern mit insgesamt geringer Arbeitslosigkeit in beiden Teilgruppen - wie Norwegen, Österreich, Deutschland oder Niederlande - regt das niemanden auf. In Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit wie beispielsweise Spanien gewinnt das Thema jedoch im Rahmen der Arbeitsmarkt- und der Sozialpolitik eine hohe Aufmerksamkeit. Das wirkliche Problem ist daher die Arbeitslosigkeit insgesamt, nicht speziell die Jugendarbeitslosigkeit.

Luis Garrido MedinaLuis Garrido Medina (© Luis Garrido Medina)
Darüber hinaus sind die meistens herangezogenen Referenzdaten im Hinblick auf die Verankerung der jungen Leute im Arbeitsmarkt irreführend und führen zu einer Überschätzung ihres Arbeitslosenanteils. Die Daten zur Jugendarbeitslosigkeit in Spanien, auf die sich die öffentliche Debatte im Allgemeinen stützt - 53,2 Prozent laut Statistischem Amt der Europäischen Union im Jahr 2012 - beziehen sich auf Personen, die entweder berufstätig sind oder aktiv eine Beschäftigung suchen. Das bedeutet, dass über die Hälfte der jungen Erwerbspersonen keinen Job finden kann. Wenn man aber alle Personen in dieser Altersgruppe in den Blick nimmt und dabei berücksichtigt, dass die meisten von ihnen immer noch in der Ausbildung sind, reduziert sich die Arbeitslosenquote auf 22,7 Prozent. Die niedrigste Altersgruppe zwischen 16 und 19 Jahren im heutigen Spanien ist in Wirklichkeit nicht länger zur Arbeitsbevölkerung zu rechnen. Der Bevölkerungsanteil dieser Gruppe betrug 17,5 Prozent und weniger als 5 Prozent von ihnen waren tatsächlich berufstätig.

Natürlich ist die Tatsache, dass ein Fünftel aller jungen Menschen in Spanien keinen Job finden kann, beunruhigend, aber sie ist dennoch weniger dramatisch als es oft beschrieben wird. Größer ist das Problem für die jungen Erwachsenen. In den Gruppen der 25- bis 34-Jährigen sowie der zwischen 35- und 39-Jährigen ist die Arbeitslosenquote geringfügig höher als bei den Jüngeren. Für diese Altersgruppe ist der blockierte Zugang zum Arbeitsmarkt oder das höhere Risiko, den Job wieder zu verlieren, weitaus problematischer: Die erhebliche Einschränkung der Möglichkeit, das Elternhaus zu verlassen, den eigenen Lebensentwurf zu realisieren und eine Familie zu gründen hat in diesen Altersgruppen weiterreichende Konsequenzen.

Welche Rolle spielt die Bildung in diesem Zusammenhang? Die Bildungsexpansion, die in den letzten 30 Jahren durchgeführt wurde, hat mit Sicherheit zu größerer Chancengleichheit geführt, so dass Kinder jeder sozialen Herkunft in den Genuss einer weiterführenden Bildung kamen. Dies ist eindeutig eine Erfolgsgeschichte. Es sind jedoch drei Aspekte eben dieser Bildungsexpansion, die zu den Problemen junger Berufstätiger auf dem Arbeitsmarkt beigetragen haben: Geschwindigkeit und Größenordnung der Bildungsoffensive und deren Intensität auf universitärer Ebene.

Arbeitslosenquoten nach Bildungsstand und AltersgruppeArbeitslosenquoten nach Bildungsstand und Altersgruppe Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Vor den 1980er-Jahren garantierte ein Hochschulabschluss beruflichen Erfolg - er bereitete auf die Anforderungen als Führungs - oder Fachkraft vor, versprach berufliche Sicherheit sowie ein gutes Gehalt und Karriereaussichten. Andere Bildungsabschlüsse waren ebenfalls eng mit den Anforderungen des Arbeitsmarkts verzahnt und aufeinander entsprechend abgestimmt. In den letzten 20 bis 30 Jahren hat sich das Verhältnis von Berufsabschluss und beruflichem Erfolg jedoch drastisch verändert. Im akademischen Jahr 1976/77 waren lediglich 11 Prozent aller 23-jährigen Frauen an einer Universität eingeschrieben oder verfügten schon über einen Hochschulabschluss. Nur 36 Jahre später, im akademischen Jahr 2012/13, hat sich dieser Anteil fast verfünffacht und beträgt jetzt 53 Prozent. Auch wenn sich die Zahlen für junge Männer nicht genauso drastisch verändert haben, sind sie ein deutlicher Indikator für die Ausweitung der Bildung, die sich seit dem demokratischen Umbruch (1976-1982) vor allem auf der höchsten Ebene vollzogen hat. Wenn man die Zahlen mit der Entwicklung in anderen südeuropäischen Ländern oder gar mit denen von Mitteleuropa und Skandinavien vergleicht, stellt man fest, dass diese Ausweitung der Bildungschancen in Spanien später gekommen ist, aber deutlich schneller vollzogen wurde. Und dies hat die Anzahl der Hochschulabsolventen in Spanien erheblich erhöht.

UnterbeschäftigungUnterbeschäftigung Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Die Zahl der Arbeitsplätze für Hochschulabsolventen ist in dieser Zeit zwar auch gestiegen, aber nicht im selben Maße. Im Jahr 2012 gab es nur für 16 Prozent der Absolventen einen adäquaten Job. Wenn man die kaufmännischen und technischen Berufe hinzunimmt, erhöht sich die Zahl auf 28 Prozent. Diese Lücke zwischen der Zahl der Hochschulabsolventen einerseits und der der entsprechenden Stellenangebote andererseits ist im europäischen Maßstab außergewöhnlich groß. Man kann das als ein Problem von "Über-Ausbildung" oder als ein Problem von Unterbeschäftigung ansehen. Aber Tatsache ist, dass dieses Missverhältnis einen Schlüssel nicht nur zum Verständnis der Jugendarbeitslosigkeit, sondern auch der schwindenden Karrierechancen und der fraglich gewordenen Zukunftsperspektive derjenigen ist, die in Beschäftigung sind. Da gute Jobs selbst dann rar sind, wenn die Wirtschaft floriert, erwerben immer mehr Studierende weitere akademische Titel, weil sie (richtigerweise) annehmen, dass diese zusätzlichen Abschlüsse sie an die Spitze der Schlange derer katapultieren, die für einen Arbeitsplatz anstehen. In Zeiten, in denen die Wirtschaftsleistung wächst, werden andererseits frühe Schulabgänger in (vergleichsweise) gut bezahlten "Anlernjobs", zum Beispiel im Bausektor, aufgenommen. Wenn der wirtschaftliche Wind sich jedoch dreht, wird der Konkurrenzkampf für knapper werdende Jobs in diesem Bereich härter. Die Stellenbesetzungen finden nach dem gleichen Muster weiterhin statt, aber die letzten in der Reihe werden in diesem Wettkampf der Berufsabschlüsse vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Selbst in Zeiten, in denen sich die Wirtschaft wieder erholt, bleibt ein beachtlicher Teil von ihnen dauerhaft ohne Beschäftigung, wie empirische Studien zeigen.

Das generelle Missverhältnis zwischen Qualifikationen und den Anforderungen der angebotenen Arbeitsplätze sind kein spezifisches Merkmal der aktuellen Krise, auch wenn das manchmal behauptet wird. In allen Rezessionszeiten, für die belastbare Zahlen zur Verfügung stehen (1976 - 1985, 1991 - 1994 und 2007 - 2011), gilt das Gleiche: Diejenigen mit den schlechtesten Qualifikationen fallen aus dem Arbeitsmarkt, und auch ein erneuter Aufschwung kann die Situation für sie nicht grundsätzlich verändern.

Arbeitslosigkeit 2012Arbeitslosigkeit 2012 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Bemerkenswert ist, dass dieser Ausschluss vom Arbeitsmarkt auf zunehmend höherer Qualifikationsebene stattfindet. Im Jahr 1985 waren 49 Prozent aller Erwerbspersonen ohne Schulabschluss arbeitslos. In den folgenden Krisen 1994 und 2011 stieg die Zahl auf 59 Prozent beziehungsweise 68 Prozent. Von denen, die immerhin über einen Schulabschluss verfügten, waren 1985 34 Prozent arbeitslos. In den folgenden beiden Krisen lagen die Zahlen bei 45 Prozent bzw. 50 Prozent. Diese Tendenz wiederholt sich entsprechend auf den höheren Bildungsebenen. Es gibt ein klares Muster: In dem Maße, in dem das Ausbildungsniveau der Bevölkerung steigt, werden diejenigen, die die jeweiligen Ansprüche nicht erfüllen, vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Auch wenn man das gelegentlich anders hört: Dieses Muster wiederholt sich für alle Altersgruppen und bleibt über lange Zeit stabil. Den jeweils am geringsten Qualifizierten bleibt der Zugang zum Arbeitsmarkt versperrt.

Universitätsabschlüsse gelten in Spanien als beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit, aber fast die Hälfte der jungen Hochschulabgänger muss mit dem Missverhältnis zwischen ihrer Qualifikation und dem angebotenen Job umgehen. Sie sind oftmals mit zeitlich befristeten Verträgen und schlechten Aufstiegschancen konfrontiert. Auch die Prämie für ihre gute Ausbildung in Form eines hohen Gehalts ist im Verhältnis zu anderen europäischen Staaten spürbar geringer. Im Vergleich zu der sehr viel schwierigeren Situation, in der sich die Arbeitskräfte mit geringerer Qualifikation befinden, lässt sich jedoch sagen, dass die Jagd nach weiteren Bildungsabschlüssen eine rationale Strategie ist, die die Hochschulabsolventen befolgen sollten.


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/

 
Demonstranten in Madrid bei einer Kundgebung gegen die von der Regierung geplanten Sparmaßnahmen.Hintergrund aktuell (23.07.2012)

Krise und Protest in Spanien

Spanien ringt noch immer mit den Folgen der Euro-Krise: Die Arbeitslosigkeit stieg an auf 25 Prozent, die Immobilienpreise sind seit Beginn der Krise um ein Viertel gefallen und den großen Banken des hochverschuldeten Landes fehlen Milliarden. Die Regierung reagiert mit einer strengen Sparpolitik, gegen die in den vergangenen Tagen Hunderttausende demonstrierten. Weiter... 

Lohnstückkosten im verarbeitenden Gewerbe, 1990 - 2009Zahlen und Fakten Europa

Wirtschaft und Finanzen

Europa ist die Region mit dem höchsten Anteil am Welt-Bruttoinlandsprodukt – von den weltweit 25 Staaten mit dem höchsten BIP stammten 2009 zwölf aus Europa. Allein der Warenexport der 27 EU-Staaten lag 2010 bei 1.350 Milliarden Euro, parallel importierte die EU Waren im Wert von 1.500 Milliarden Euro. Weiter... 

SozialleistungenZahlen und Fakten Europa

Armut, Einkommen und sozialer Schutz

In der Europäischen Union ist rund jede sechste Person armutsgefährdet. Ohne die hohen Sozialleistungsausgaben wären allerdings noch sehr viel mehr Menschen von Armut betroffen – das gilt nicht nur für die EU, sondern auch für jeden der 27 Mitgliedstaaten. Weiter...