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6.11.2013 | Von:
Pauls Raudseps

Lettland und die Eurozone: Auf der Suche nach Stabilität

Standpunkt Pauls Raudseps

Ist es für ein Land derzeit überhaupt erstrebenswert, in die Eurozone aufgenommen zu werden? Ja, für Lettland sei der Beitritt zur Eurozone sinnvoll, sagt Paul Raudseps. Eine Entscheidung dagegen würde das Land in die Peripherie Europas verbannen. Auch wenn mit der Landeswährung Lats eines der nationalen Symbole aufgegeben werde, sei der Euro von den Letten schon jetzt als ein Garant für Stabilität akzeptiert.

Pauls RaudsepsPauls Raudseps (© Pauls Raudseps)
Seit dem Beginn der griechischen Schuldenkrise Anfang 2010 wurde häufig diskutiert, ob ein Land die Eurozone verlassen oder aus ihr herausgedrängt werden sollte. Am 1. Januar 2014 wird nun die Zahl der Länder, deren Währung der Euro ist, allerdings nicht kleiner, sondern größer. An diesem Tag wird Lettland das 18. EU-Land, das seine nationale Währung - den Lats - zugunsten der gemeinsamen EU-Währung aufgibt.Verständlicherweise ruft diese Entscheidung eine Reihe von Reaktionen hervor, die von Kopfschütteln über Erstaunen bis hin zur Ironie reichen. Aber trotz der wohlbekannten und viel diskutierten Schwierigkeiten einiger Euroländer hat Lettland sehr gute Gründe für diesen Schritt.

Es liegt im starken Interesse jedes kleinen Landes, den Wechselkurs seiner Währung an den einer größeren Währung zu binden. Für eine kleine Volkswirtschaft ist es schlicht zu gefährlich, den Wechselkurs den Unwägbarkeiten des Marktes und möglicher Spekulationsattacken auszusetzen. Der Markt für Dollar oder Euro hingegen ist groß und ihr Wechselkurs ist relativ stabil, da er in erster Linie auf den wirtschaftlichen Grunddaten der Währungsgebiete beruht. Trotz aller Turbulenzen, die die Eurozone in den letzten Jahren erschüttert haben, und trotz einiger Schwankungen entspricht das Austauschverhältnis des Euro zum US-Dollar heute ziemlich genau dem am Anfang der Krise 2009. Im Gegensatz hierzu können die Wechselkurse kleiner Wirtschaftsgebiete starken Veränderungen und panischen Reaktionen ausgesetzt sein. Daher ist es nicht weiter erstaunlich, dass nicht nur Lettland, sondern auch die baltischen Nachbarstaaten Estland und Litauen unmittelbar nach dem Erlangen ihrer Unabhängigkeit und der Einführung einer eigenen Währung beschlossen, diese an andere Währungen zu koppeln. Mit ihrem Beitritt zur Europäischen Union im Jahr 2004 stellten alle drei ein festes Austauschverhältnis zum Euro her und bekundeten darüber hinaus, dass sie ihn als Währung so schnell wie möglich übernehmen wollten.

Selbst dieser Schritt hat jedoch nicht ausgereicht, um die Finanzmärkte endgültig von der Stabilität des Wechselkurses zu überzeugen. So hatte Lettland trotz klarer und wiederholter Zusagen, das Verhältnis des Lats zum Euro stabil zu halten, zwei Angriffe auf seine Währung auszuhalten, und zwar 2007 und 2009. Beide waren nicht heftig genug, um das Land zur Abwertung zu zwingen, aber sie haben das Vertrauen in die Währung erschüttert und große Unsicherheit erzeugt. Das war schlecht für Wirtschaft und Investitionen und hat die Entwicklung des Landes in Mitleidenschaft gezogen. Diese Erfahrung hat sich ins Gedächtnis der lettischen Wirtschaftspolitiker eingebrannt. Den Beitritt zur Eurozone sehen sie als besten Weg, eine durch Abwertungsangst erzeugte Instabilität für immer hinter sich zu lassen.

Öffentlicher Schuldenstand, 1997 - 2012Öffentlicher Schuldenstand, 1997 - 2012 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Als Lettlands Immobilienblase im Jahr 2008 platzte und das Land gezwungen war, den Internationalen Währungsfonds und die Europäische Kommission um Hilfe zu bitten, wurde aus dem Wunsch, der Eurozone beizutreten, eine unabdingbare Notwendigkeit. Da die wirtschaftliche und finanzielle Lage so miserabel war, konnte nur die Mitgliedschaft in der Eurozone eine verlässliche Garantie dafür bieten, dass der Wert der Währung erhalten bleibt. Von daher war der Beitritt zur Währungsunion das klar benannte Fernziel und der mit den internationalen Geldgebern vereinbarte Ausweg Lettlands aus der Krise. Dabei darf nicht übersehen werden, dass der Euro auch von den anderen beiden baltischen Staaten als Rettungsanker gesehen wird. Estland ist bereits 2011 dem Euroraum beigetreten, Litauen plant diesen Schritt für 2015.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung und angesichts der seit 2008 häufig wiederholten Erklärungen der lettischen Regierung, dass sie den Eurobeitritt schnellstmöglich anstrebe, ist es nicht erstaunlich, dass Lettland seine Bewerbung um die Mitgliedschaft im Euroraum abgab, sobald die Maastricht-Kriterien im Jahr 2012 erfüllt waren. Jedes andere Verhalten hätte genau wieder die Unsicherheit und Instabilität erzeugt, die das Land verhindern wollte. Die führenden Wirtschaftsverbände Lettlands unterstützen den Beitritt zur Eurozone nachdrücklich, unter anderem weil die Wirtschaft so Transaktionskosten für Umtausch sparen und Währungsrisiken vermeiden kann. Ein wesentlicher Teil der Anleihen, der großen Kauftransaktionen sowie der Export- und Importgeschäfte werden bereits heute in Euro in Rechnung gestellt und gebucht. Dabei geht es um viel Geld, die lettische Nationalbank hat errechnet, dass lokale Banken und Währungshändler durch das Geldwechseln innerhalb von fünf Jahren einen Gewinn von 600 Millionen Euro erzielt haben. Die lettische Exportwirtschaft geht darüber hinaus davon aus, dass die Mitgliedschaft in der Eurozone einen positiven psychologischen Effekt auf die Partner in anderen Ländern hat. In Asien hat keiner je vom Lats gehört, den Euro kennt jeder.

Einige fragen sich allerdings, ob diese Politik angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten von Ländern wie Griechenland, Portugal, Irland oder Spanien noch sinnvoll sei. Schließlich sind deren Probleme nach allgemeiner Auffassung durch die niedrigen Zinsen, die durch die Mitgliedschaft in der Eurozone jahrelang ermöglicht wurden, verschlimmert worden. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass Lettland die gleichen Schwierigkeiten hatte, ohne Mitglied der Eurozone zu sein. Außerdem hat das Land überzeugend seine Fähigkeit bewiesen, die Schwierigkeiten zu bewältigen, ohne den festen Wechselkurs aufzugeben. Nach dem weltweit schlimmsten Wirtschaftseinbruch in den Jahren 2008 und 2009 wächst die lettische Wirtschaftsleistung in den letzten beiden Jahren schneller als jede andere in der EU. Auch die Arbeitslosenquote ist deutlich gefallen, auch wenn sie noch nicht wieder den Stand vor der Krise erreicht hat. Darüber hinaus haben alle noch die Jahre der Spekulationsblase in so frischer Erinnerung, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass die Banken oder die Kreditnehmer denselben äußerst schmerzhaften Fehler ein zweites Mal in so kurzer Zeit machen. Viele Führungskräfte in Lettland gehen davon aus, dass die Eurozone auf längere Sicht das wirkliche Entscheidungszentrum der Europäischen Union werden wird. Die Entscheidung, draußen zu bleiben, würde das Land in die Peripherie des europäischen Projekts verbannen. Dadurch wird die Mitgliedschaft in der Eurozone zu einem wichtigen strategischen Ziel. Die Bedeutung desselben ist wegen Lettlands geopolitischer Lage umso größer. Der Nachbar Russland macht ja keinen Hehl daraus, dass er bemüht ist, seinen Einfluss auf die Länder des ehemaligen Sowjetimperiums zu vergrößern. Die maximale Integration in westliche Organisationen ist daher eine der Hauptstrategien Lettlands, um sich vor den geopolitischen Ansprüchen des Kremls zu schützen. So hört man in Lettland gelegentlich - vielleicht etwas übertrieben -, die wirkliche Wahl bestünde nicht zwischen Euro und Lats, sondern zwischen Euro und Rubel.

Trotz all dieser Argumente für einen Beitritt zur Eurozone bleibt die Mehrheit der Bevölkerung weiterhin skeptisch, wie Meinungsumfragen zeigen. Den pragmatischen wirtschaftlichen Argumenten steht eine große emotionale Bindung an den Lats gegenüber, den die Menschen stark mit der nationalen Identität verbinden. Die Wiedereinführung des Lats war eines der deutlichsten Zeichen der Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit Anfang der 1990er-Jahre. Trotz gelegentlich aufwallender Angst vor Abwertungen ist der Lats für die Menschen eine Erfolgsgeschichte - obwohl viele praktisch denkende Menschen heute bereits den Euro zur stabilen Wertaufbewahrung nutzen. Ungefähr 80 Prozent aller privaten Anleihen sind in Euro, Grundstücke und andere große Wertgegenstände wechseln gegen Euro den Besitzer - und immer, wenn es Abwertungsgerüchte gibt, eilen die Menschen zur Bank, um ihre Lats in Euro zu tauschen. Zweifellos wird der Widerspruch zwischen den Herzen und den Köpfen der Menschen nicht schnell aufzulösen sein. Nichtsdestotrotz zeigen die Meinungsumfragen eine steigende Zustimmung für die Euromitgliedschaft, und vermutlich wird dieser Trend anhalten. Für Lettland ist der Beitritt zur Währungsunion eine rationale strategische Wahl und diese Einsicht wird sich gegen andere Überlegungen durchsetzen.

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