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Portugal: Schluss mit Fado, Fátima und Fußball

Standpunkt Margarida Bon de Sousa


6.11.2013
Sparpakete und Euro-Krise haben in Portugal ihre Spuren hinterlassen, schreibt Margarida Bon de Sousa. Zwar sinkt die Arbeitslosenquote mittlerweile wieder, aber viele Familien blicken ihrer Meinung nach in eine unsichere Zukunft. Die Mittelschicht sei näher an die Unterschicht gerückt und Tausende gut ausgebildete Menschen hätten das Land verlassen.

Margarida Bon de SousaMargarida Bon de Sousa (© Margarida Bon de Sousa)
Portugal wird nach Irland das zweite Land sein, das nach den Eingriffen der Troika, bestehend aus der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds, an den Kapitalmarkt zurückkehren wird. Vermutlich geschieht dies am Ende des ersten Halbjahres 2014. Aber während die portugiesische Wirtschaft erste Anzeichen einer Erholung zeigt, sind die Portugiesen weit davon entfernt, eine Verbesserung in ihrem Alltag zu spüren, und das trotz des Rettungspakets von 78 Mrd. Euro, das Portugal von der EU und dem Währungsfonds seit 2011 erhalten hat. In den letzten Jahren hat das Land die schlimmste Wirtschaftskrise seit den 1970er-Jahren erlebt. Und das Volk, das sich unter der Diktatur von António de Oliveira Salazar als Flucht aus der harten Realität dem Fado, also dem traurigen volkstümlichen Gesang, dem Wallfahrtsort Fátima als Ausdruck der Religiosität und dem Fußball zugewandt hatte, ist nicht mehr dasselbe.

Die Krise der letzten zwei Jahre stürzte die Gesellschaft in einen Schockzustand, nahe der Apathie und Resignation. Tausende von Familien haben durch die Intervention von Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds viel verloren: ihre Häuser oder Wohnungen, ihre Autos, ihren Job und ihr Einkommen. Im Straßenbild der großen Städte hat sich dieser soziale Absturz aber nicht gespiegelt. Die Straßen füllten sich nicht mit Bettlern und Obdachlosen, wie das noch in den 1980er-Jahren bei den damaligen Eingriffen des Internationalen Währungsfonds der Fall gewesen war. Dieses Mal wurden die Arbeitslosen - eine Million Menschen - von den Familien und der Zivilgesellschaft unterstützt. Dies geschah mal besser und mal schlechter, aber man muss berücksichtigen, dass die meisten der Unterstützer selbst keinerlei staatliche Hilfe erhalten haben. Auch die Unzufriedenheit, der Vertrauensverlust und die Betroffenheit der Menschen wurden nicht stark nach außen getragen, sondern man hat sie eher mit sich selbst ausgemacht oder im Familienkreis zum Ausdruck gebracht. Demonstrationen gewannen wenig Unterstützung und Streiks, die sowieso nur den öffentlichen Sektor und Staatsunternehmen betrafen, verloren an Gewicht.

Für die meisten Ausländer, die in den letzten drei Jahren nach Lissabon gekommen sind, war und ist die Krise daher mehr oder weniger unsichtbar - genau wie der Widerstand der Portugiesen gegen die harten Auflagen der Troika. Die Sparpolitik hat das Image Portugals im Ausland nicht beschädigt. Das Land wird - anders als Griechenland - nach wie vor als friedvoll, freundlich und Gästen zugewandt gesehen. Die schönen Strände und die Sonne ziehen die Besucher nach wie vor an. Der Tourismus ist auch eine der wenigen Oasen, die der Krise getrotzt haben und die zu dem Handelsbilanzüberschuss beitragen, der auch daraus entsteht, dass Portugal seine Exporte gesteigert und diversifiziert hat, während die Importe gleichzeitig durch das Sinken der Binnennachfrage reduziert wurden.

Arbeitslosigkeit 2012Arbeitslosigkeit 2012 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Aber heute zieht sich eine Spur von Armut und Unsicherheit durch das Land, die über Jahre nicht verschwinden wird und die an die Situation nach der demokratischen Revolution im April 1974 erinnert. Die Mittelschicht, die es zu einem gewissen Wohlstand und einem angenehmen Lebensstandard gebracht hatte, sah ihre Perspektiven schon im ersten Jahr der Eingriffe der Troika zusammenbrechen. Die steigende Arbeitslosigkeit, Gehaltskürzungen im öffentlichen und privaten Bereich und drastische Steuererhöhungen im Jahr 2012 wurden in allen Lebensbereichen spürbar. Die Bevölkerung, die es durch leichtfertig vergebene und billige Kredite gewohnt war, über ihre Verhältnisse zu leben, geriet über Nacht in eine schwere Krise. Tausende von Häusern wechselten in den Besitz der Banken, Kinder mussten aus den Privatschulen genommen, das eigene Auto aufgegeben werden. In allen Bereichen, auch in solchen, die man für unantastbar hielt, mussten die Ausgaben gekürzt werden. Einer Studie der Vereinigung für Wirtschaftliche und Soziale Entwicklung (SEATS) zufolge sind im letzten Jahr Einschränkungen der Freizeitaktivitäten vorgenommen worden. 32 Prozent der Befragten gaben in diesem Zusammenhang an, auf Ausgaben für die Freizeit, einschließlich eines Urlaubs außerhalb der eigenen vier Wände, vollständig zu verzichten. Aber auch bei grundlegenden Konsumgütern wie Lebensmitteln, Wasser, Elektrizität und Gas wurde gespart. Dies geschah sogar bei den Gesundheitsausgaben, 22 Prozent der Befragten bekundeten, auf Arztbesuche und Medikamente zu verzichten, wenn sie nicht unbedingt nötig seien. Ein Großteil der Bevölkerung sah darüber hinaus für sich das Risiko, nicht mehr genügend Geld für Lebensmittel und andere wichtige Konsumgüter aufbringen zu können. Fünf Prozenten der Befragten schließlich bekannten, dass sie schon jetzt ihre Haushaltsausgaben und Kreditverpflichtungen nicht mehr decken können. Auf die Frage, ob sie in der Lage wären, im Jahr 2014 eine unvorhergesehene Ausgabe von 1.000 Euro zu tätigen, sagten die meisten Familien, dieses sei für sie sehr schwierig oder zumindest schwierig. Es sind die mit dieser Situation der verschämten Armut vertrauten Suppenküchen und private Wohlfahrtsorganisationen, die die Lücke zwischen der unteren und der mittleren Gesellschaftsschicht verkleinern. Der Rückgang des verfügbaren Haushaltseinkommens geht einher mit der Angst, den Job zu verlieren. In fast einem Viertel der Haushalte gibt es mittlerweile mindestens einen Arbeitslosen. Auch diejenigen, die einen Job haben, spüren die Furcht, ihn zu verlieren, was als die größte von der Sparpolitik ausgehende Bedrohung angesehen wird. Die Arbeitslosenquote ist im dritten Quartal 2013 auf 15,6 Prozent gefallen. Das ist der niedrigste Anteil seit über einem Jahr, genauer gesagt seit dem zweiten Quartal 2012, und auch das erste Mal, dass die Arbeitslosenquote in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen gesunken ist. Aber es gibt jetzt in Portugal nicht nur 32.300 Arbeitslose weniger als vor einem Jahr, die Zahl der Beschäftigten ist gleichzeitig um 102.700 Personen gesunken.

Dieses erstaunliche Phänomen lässt sich durch die Auswanderung aus Portugal erklären. Wir "exportieren" sowohl Beschäftigte als auch Arbeitslose ins Ausland und verringern so die Zahl der Erwerbspersonen im Land. Das erinnert an die massenhafte Auswanderung in Staaten wie Frankreich, die in den 1960er-Jahren zu Zeiten der Diktatur stattfand. Allerdings gibt es einen wichtigen Unterschied: Während damals ganze Familien auswanderten, sind es heute die jungen studierten und qualifizierten Arbeitskräfte, die sich ein neues Leben außerhalb der Staatsgrenzen aufbauen wollen. Dadurch werden die Investitionen Portugals in die Ausbildung und Qualifizierung dieser Menschen entwertet.

Der Staatshaushalt 2014 wird zusätzliche Belastungen für eine Gruppe von Menschen bringen, die für den sozialen Frieden sehr wichtig ist: die Rentner. Diese haben seit 2011 eine wichtige Rolle gespielt, die Haushalte zusammenzuhalten. Das Rentensystem soll privatisiert werden und die ersten Einschnitte werden die Witwenrenten betreffen. Allerdings ist es nicht ausgeschlossen, dass das Verfassungsgericht diese Regelung verwirft, was die Regierung zwingen würde, andere Wege zu beschreiten, um die Ausgaben zu kürzen und so eine weitere Erhöhung der Mehrwertsteuer zu vermeiden.

Die wirtschaftlichen Konsequenzen der Rettungsmaßnahmen haben die Verhältnisse in den Familien auf den Kopf gestellt. Vor 50 Jahren wurden alte Menschen durch ihre Kinder betreut, vor 10 oder 15 Jahren gingen die Senioren ins Altersheim. Heute sind die Großeltern der Fixpunkt des familiären Zusammenhalts. Sie nehmen ihre erwachsenen arbeitslosen Kinder bei sich zu Hause auf und kümmern sich um die Enkel. Dieser Prozess, der die jungen Erwachsenen wieder in eine unnatürliche Abhängigkeit von ihren Eltern bringt und dessen Ende nicht in Sicht ist, traumatisiert die Gesellschaft.

Im zweiten Quartal 2013 ist die Wirtschaft zum ersten Mal seit 2010 wieder gewachsen, aber das Bruttoinlandsprodukt wird dennoch schrumpfen. Die wirtschaftliche Stagnation und die Ausgabenkürzungen in den Bereichen des täglichen Lebens setzt die Portugiesen dem Armutsrisiko aus. Der Prozentsatz derer, die angaben, im letzten Jahr nicht über genug Geld für den Kauf von Lebensmitteln zu verfügen, hat sich seit 2011 verdoppelt und liegt in diesem Jahr bei 20 Prozent. Der Anteil derer, die sagten, dass sie manchmal ihre Wohnung nicht bezahlen konnten, hat sich im selben Zeitraum ebenfalls verdoppelt.

Die Sparpolitik brachte auch Ungereimtheiten an den Tag, die sich über Jahre angestaut hatten. Die Steuerzahler zahlen Autobahnen, die keiner nutzt, die Smogbelastung in den Städten nimmt wegen des Anteils alter Autos zu, Menschen, die keine Arbeit haben, müssen Steuern zahlen, der größte Teil des privaten Haushaltseinkommens geht für Kreditzahlungen an Banken sowie für Ausgaben an den Staat drauf, der sich gleichzeitig aus seinen Verpflichtungen zurückzieht und auch so die Belastungen für die Bürger erhöht. Aber es gibt auch eine positive Seite, nämlich eine gesteigerte soziale Empathie. Der Blick in den Spiegel wird ehrlicher und macht so manche bisherige Lebenslüge deutlich. Die Gesellschaft kommt in eine Phase, die weniger materialistisch ist, und die Chance, wirtschaftlich erfolgreich zu sein, wird abgelöst durch die Freiheit, so zu sein, wie man ist. Dieses Land wird nie wieder das sein, was es einmal war.


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