Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

9.4.2014 | Von:
Rubina Berardo

Sackgasse der nationalstaatlichen Nostalgie

Standpunkt Rubina Berardo

Mit dem Schritt zurück zum starken Nationalstaat wird in vielen europäischen Ländern geliebäugelt. Dabei dominieren kulturelle und ökonomische Vorurteile und Schwarz-Weiß-Malerei die Debatte, beobachtet Rubina Berardo. Sie plädiert für eine tiefere europäische Integration statt eine nationale Rückbesinnung.

Rubina BerardoRubina Berardo (© Eva-Maria Steger Photography)
Im Zuge der Eurokrise und der bevorstehenden Europawahl 2014 verstärken sich innerhalb Europas organisierte Stimmen, die bei der Bevölkerung ökonomische und kulturelle Zukunftsängste schüren. Diese europafeindlichen Gruppierungen und Parteien setzen auf eine fiktive Sicherheit für die Zukunft, indem sie die Wiederherstellung gesellschaftlicher Homogenität für ihr jeweiliges Land fordern. Durch gezielte Einheitsforderungen soll der Nationalstaat auf seinen unterschiedlichsten Ebenen gestärkt werden. Die gefühlte Unsicherheit gegenüber gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Abläufen bildet den perfekten Nährboden für die Fiktion eines einst besseren weil homogenen Nationalstaates. Propagiert wird eine Vorstellung, die dem Bürger die Option offenlassen möchte, in ein wieder überschaubares und verständliches Gesellschaftsgefüge zurückkehren zu können, das die ganzen Veränderungen der vergangen 25 Jahre ignoriert. Diese gefährliche, weil populistische Nostalgie äußert sich dann in "Euro-Exit" Lösungen, temporären oder langfristigen Aufhebungen des Schengener Abkommens oder selbst in der Wiedereinführung von Zollbarrieren, um die nationale Industrie zu schützen.

Diejenigen, die Integrationsschritte rückgängig machen möchten, vergessen, dass nicht nur Europas Rahmenbedingungen im Wandel sind, sondern auch die der globalisierten Welt. Es ist dadurch unmöglich, das Gestern in die heutige Zeit zu bringen, da das fortgeschrittene Tempo der Globalisierung ein "ceteris paribus" Prinzip (konstante Bedingungen) in der europäischen Gleichung nicht ermöglicht. Zerstört man das Bausteinsystem der europäischen Integration, würde das Übrigbleibende trotzdem nicht dem der Vergangenheit ähneln, sondern eine neue Landschaft schaffen, mit erheblichen negativen Konsequenzen für die politische und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Europas. Damit würde die Utopie von Gestern in Wirklichkeit eine Verschanzung der einzelnen Mitgliedstaaten der EU auslösen.

Bereits im Jahr 2005 beschrieb der US-amerikanische Journalist Thomas L. Friedman in seinem Buch "Die Welt ist flach" [1]: Das Ende des Kalten Krieges bereite zusammen mit den bahnbrechenden technologischen Entwicklungen im Informations- und Telekommunikationssektor ein "level playing field" (ein Spielfeld mit für alle Spieler geltenden gleichen Regeln) für Individuen und Unternehmen auf der ganzen Welt und ermögliche so, einen erheblichen Entwicklungsvorsprung in den Bereichen Produktion, Handel und Wissen. Dies wirke sich nicht nur auf die Art und Weise aus, wie Unternehmen funktionieren, sondern beschränke den traditionellen Spielraum des Nationalstaates, welcher im globalen Kontext immer weniger Einfluss ausüben könne.

Staaten, die gezielt die Sicht der "flachen" Welt ausblenden wollen, werden, so Friedman, von der starken Globalisierungswelle überrannt. Friedman argumentiert, dass die traditionellen Nationalstaaten lernen müssten, wie sie vernetzt mit neuen Gemeinschaften, Unternehmen und Bewegungen de facto neue Paradigmen schaffen. Es sind zunehmend Netzwerke, die eine bestimmende Rolle in dieser flachen Welt spielen, entgegengesetzt zu den traditionellen Handlungsmodellen und Hierarchien.

Eine Rückbesinnung zum Nationalstaat hat seine Wurzeln in innereuropäischen kulturellen Vorurteilen. Was noch vor zehn Jahren als nationale Eigentümeleien eingestuft wurde, gerät heute zu einer Brutstätte von kulturellen Verurteilungen. Diese Stereotypen werden verbreitet, als handele es sich um das Schwarz-Weiß-Muster der Fabel von Aesop, "Die Grille und die Ameise". Kritiker klagen die "südeuropäische" Grille an, selbst für ihren Schaden verantwortlich zu sein, nach dem Motto "wer sich den ganzen Sommer über auf dem Feld amüsiert hat", kann nicht auf die sparsame und fleißige Ameise aus Nordeuropa zählen, und mit Unterstützung im harten Winter rechnen.

Die angebliche Nord-Süd-Spaltung in gute und schlechte Mitgliedstaaten, unterstreicht eine exzessive Vereinfachung der europäischen Realität. Die schon real existierende Vernetzung der innereuropäischen Beziehungen widerspricht klar dieser von Euroskeptikern propagierten Einteilung. Diese Vernetzung ist nicht nur Teil des politisch korrekten Diskurses in Europa, sondern schon fest verankerter Bestandteil des alltäglichen Lebens der europäischen Bevölkerung. Über 14 Millionen EU-Bürger leben und arbeiten bereits langfristig in einem anderen Mitgliedstaat. Die Personenfreizügigkeit ist zur unaufgebbaren Freiheit der EU geworden [2]. Durch binationale Eheschließungen wächst auch eine stärkere Sensibilisierung für Europa und eine Verinnerlichung einer europäischen Identität [3].

In einer immer stärker vernetzten Welt, entkräften sich zwangsläufig nationale Stereotypen. Ein Beispiel aus der Realwirtschaft: Eines der wichtigsten Zugpferde der portugiesischen Exportwirtschaft ist das 1995 in Betrieb genommene VW-Werk Autoeuropa im Einzugsgebiet von Lissabon. Es lohnt sich, einige Erfolgszahlen dieses Automobilwerks mit denen anderer VW-Werke weltweit zu vergleichen. Hätten Integrationskritiker Recht mit ihrer Einteilung in "fleißige" Nord-, "faule" Süd-Länder, dann müsste VW-Portugal unter dem Durchschnitt liegen. Es ist aber das Gegenteil der Fall: Arbeiter des VW-Autowerks in Portugal liegen mit einer jährlichen Anwesenheits-Quote von 98,6% [4] auf Platz 1 der weltweiten Rangliste des VW-Konzerns in diesem Indikator.

Ein weiteres aufschlussreiches Beispiel findet man in der Entwicklung des portugiesischen Unternehmens Jerónimo Martins, das als Verteiler im Lebensmittelsektor tätig ist. Es wird in einem jüngst erschienenen Beitrag in der Zeitschrift "The Economist" [5] geschildert, wie dieses Unternehmen aus einem kleinen peripheren Land den Sprung in die globalisierte Wirtschaft geschafft hat. Seit 1995 ist Jerónimo Martins durch die Lebensmittelkette Biedronka mit 243 Discountläden in Polen tätig, wo es 14 Prozent des polnischen Marktes repräsentiert. Durch diese internationale Handelsstrategie, gleicht Jerónimo Martins seinen Rückgang der Geschäfte in Portugal aus. Jetzt stehen neue Märkte, wie Kolumbien, in der Unternehmensplanung. "The Economist" schlussfolgert: "Die Portugiesen entdecken neue Welten seit Jahrhunderten. Jerónimo Martins wird keine Ausnahme sein."

Beide genannten Beispiele unterstreichen, wie Unternehmen die günstigen Impulse der schnelleren, globalisierten und vernetzten Welt zu ihrem Vorteil wenden. In der Regel reagiert die Politik langsamer auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen, oder sie streut gar Sand in das zeitgemäße Globalisierungsgetriebe.

Mit Blick auf die Europawahl 2014, die auf Pluralität und Toleranz ausgerichtet ist, müssen die verantwortlichen demokratischen Entscheidungsträger in Politik und Zivilgesellschaft auf einen wachsenden Diskurs der Integrationskritiker vorbereitet sein.

Der Hauptkatalysator für diese Euroskepsis ist die Nostalgie um Europas schwindende Bedeutung in vielen Bereichen. Nach der Prämisse, dass das Ganze mehr ist als seine Einzelteile, kann Europa sowohl auf nationaler wie internationaler Ebene nur dann effizienter und demokratisch überzeugender wirken und handeln, wenn der Integrationsprozess über seine kommerzielle und wirtschaftliche Reduktion hinauswächst und der europäischen Pluralität eine freiheitlich-soziale Gestalt verleiht.

Fußnoten

1.
Friedman, T.L. (2005), The World is Flat A Brief History of the Twenty-first Century, Farrar, Straus and Giroux (Portugiesische Fassung: FRIEDMAN, T.L. (2010), O Mundo é Plano – Uma história breve do século XXI, Lisboa: Editora Actual)
2.
EU-Kommission, "Europäische Kommission hält an der Personenfreizügigkeit fest", MEMO/14/9 15/01/2014, abrufbar unter http://europa.eu/rapid/press-release_MEMO-14-9_de.htm
3.
Gaspar, S. & HARO, F. (2011) "Reflections and paradoxes around European identity and European mobility", Revista Migrações, Nummer 8, Lisboa: ACIDI, s.. 9-26, abrufbar unter http://www.oi.acidi.gov.pt/docs/Revista_8/Migracoes_8web9a26.pdf
4.
Volkswagen Autoeuropa Lda. (Oktober 2013), "Relatório de Sustentabilidade 2012".
5.
Economist, The (2014), “A Portuguese explorer: The successes of a globe-trotting grocer from a struggling small country”, abrufbar unter http://www.economist.com/news/business/21597924-successes-globe-trotting-grocer-struggling-small-country-portuguese-explorer
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Autor: Rubina Berardo für bpb.de
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