Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

Eine Frage mit vielen Antworten


18.11.2009
Dem Thema "Europa" kann man sich aus den unterschiedlichsten Richtungen nähern. Ein Beispiel dafür sind die sieben Beiträgen, die die Frage "Was ist Europa?" auf unterschiedliche, mitunter kontroverse, Art beantworten und damit zur Diskussion anregen wollen.

Ortakoy Moschee und Bosporus Brücke, die Europa und Asien trennt, in Istanbul am 16. Januar 2004. Die politische Debatte über einen möglichen türkischen EU-Beitritt betrifft den Kern der geografischen und kulturellen Identität der Türkei - ein asiatisches Land mit einem geografischen Standbein in Europa und einer säkularen Republik, deren Bevölkerung von 68 Millionen zu 99 Prozent muslimisch ist.Istanbul: Brücke über den Bosporus. (© AP)

Um es gleich vorwegzunehmen: Wer auf eine eindeutige und unbestreitbare Antwort hofft, wird enttäuscht werden und muss gar nicht weiterlesen. Die einfach klingende Frage "Was ist Europa?" ist tatsächlich schwierig zu beantworten und die Überlegungen fallen je nach Standpunkt der Betrachtenden sehr unterschiedlich aus.

Der vermeintlich einfachste Weg, sich der Antwort zu nähern, ist der über die Geografie. Aber der Beitrag von Hans-Dietrich Schultz zeigt, dass auch die Disziplin, die wir in der Schule "Erdkunde" genannt haben, keine einfache Antwort hat. Europa ist als Kontinent nicht zu definieren, ihm fehlenden die klaren Grenzen. Europa ist, lehrt Schultz uns, eine Setzung. Anders ausgedrückt: Europa ist, was wir für Europa halten.

Auch die Geschichtswissenschaft sät Zweifel, dass es eine eindeutige Fassung des Begriffs "Europa" geben könnte. Holm Sundhaussen greift die Aussage von der "Definition Europa" auf und fährt fort: "Definitionen aber sind Setzungen, die nicht richtig oder falsch sind." Europa identifiziere sich über Gemeinsamkeiten, die mit Geschichte und Vergangenheit zu tun hätten. Das aber mache die Sache nicht leichter, fährt der Historiker fort. Sundhaussens Schlussfolgerung ist, dass Europa nicht ein realexistierender Raum sei, sondern ein "Prozess und Projekt".

Nun sollen solche Relativierungen nicht zu der These führen, über Europa könne man gar nichts sagen. Im Gegenteil: Man wird Europa nur verstehen, wenn man sich intensiv damit beschäftigt und es in seiner Vielschichtigkeit beschreibt. Eine Aussage, die sich eindeutig treffen lässt, ruft aus der Sicht der Religion Maria Jepsen in Erinnerung: "Europa ist seit Jahrhunderten religiös und kulturell vorwiegend christlich geprägt." Allerdings macht die protestantische Bischöfin im Verlauf ihres Textes sehr klar, dass sie mit dieser Aussage nicht andere ausschließen, sondern die Christen in eine besondere Verantwortung nehmen will. Dass sie mit dieser Auffassung nicht allein steht, zeigt die Charta Oecomenica der christlichen Kirchen. Maria Jepsens Fazit: Europa muss Barmherzigkeit sein.

Einen anderen Blick auf unseren Kontinent hat aus der Sicht der Musikwissenschaft Wolfgang Rathert. Er sagt: "Europa ist Musik." Dabei ist klar, dass es nicht "die" europäische Musik gibt, im Gegenteil: Die Musik zeigt Europas Vielfalt. Dennoch hat Europa spezifische Musikformen hervorgebracht, vor allem die Oper. Sicherlich gibt es heute Opernhäuser auf allen Kontinenten, ihren Ursprung hat die Oper jedoch in Europa. Wolfgang Ratherts Schlussfolgerung: "Europa ohne Musik wie auch Musik ohne Europa – beides bleibt unvorstellbar."

Die 30-jährige Europaabgeordnete Franziska Brantner beantwortet die Frage aus der Sicht der Politik, wählt aber einen emotionalen Zugang zu Europa. Zuallererst empfindet sie "das Gefühl von Heimat und jede Menge Hoffnung". Gerade vor dem Hintergrund ihres Aufwachsens in einem Städtchen an der französischen Grenze betont die sie Erleichterungen im grenzüberschreitenden Verkehr und die fortdauernde Bedeutung der Friedenssicherung durch die europäische Integration. Dass sie die tägliche Politik der Europäischen Union keineswegs unkritisch sieht, macht die Parlamentarierin der Grünen in ihrem Beitrag deutlich. Dennoch setzt sie sich für die EU ein – und zieht daraus die Konsequenz, sich zu engagieren und das Europa der Zukunft mitzugestalten.

Auf die Frage, was Europa sei, hat auch die Professorin für Politikwissenschaft Carina Sprungk keine eindeutige Antwort. Aber dass das heutige Europa wesentlich von der Europäischen Union geprägt wird, ist für sie unstrittig. Diese EU sei "als Modell regionaler Integration" weltweit einzigartig und habe für die EU-Bürger wesentliche Lebensbedingungen positiv gestaltet. Da sind zum einen Frieden und Sicherheit zu nennen, zum anderen aber auch die "Wohlfahrt", das heißt, das wirtschaftliche Wohlergehen. Das Projekt Europa ist für Carina Sprungk allerdings noch nicht vollendet, es fehlen mehr Möglichkeiten zur politischen Beteiligung sowie eine europäische Identität.

Der Staatsrechtler Dietmar Herz weist darauf hin, dass Europa aus einer "Dialektik von Abgrenzung und Zusammenführung" entstand – und entsteht. Europa sei eine politische Idee und damit stelle sich die Frage nach den Grenzen Europas nicht im geografischen Sinne. Die Geografie sei vor allem dann nicht hilfreich, "wenn sich Staaten an der europäischen Peripherie, die historisch zum europäischen Kulturraum (der Mittelmeerregion) gehören, zu den politischen Ideen und Werten Europas bekennen". Wenn es um den Beitritt zur Europäischen Union gehe, spiele allerdings auch die Position des jeweiligen Landes im internationalen Gefüge eine Rolle.

Die verschiedenen Beiträge zeigen, dass man sich dem Thema "Europa" sehr unterschiedlich nähern kann. Zahlreiche weitere Standpunkte und Meinungen zu dem Themenkomplex Europa/Europäische Union sind möglich. Europa kontrovers will nicht letzte Wahrheiten verkünden, sondern zur Diskussion anregen.




Literatur



Gerhard BRUNN: Die europäische Einigung von 1945 bis heute, Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2006

Jürgen ELVERT: Die europäische Integration, Darmstadt 2006

Curt GASTEYGER: Europa zwischen Spaltung und Einigung – Darstellung und Dokumentation, Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, überarb. Neuauflage, Bonn 2005

Dietmar HERZ/Christian JETZLSPERGER: Die Europäische Union, 2. überarb. Aufl., München 2008

Geert MAK: In Europa – Eine Reise durch das 20. Jahrhundert, München 2005

Eckart D. STRATENSCHULTE: Europa – (Ein) Überblick, Bundeszentrale für politische Bildung, Zeitbilder, Bonn 2007

Werner WEIDENFELD (Hrsg.): Die Europäische Union, Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2008

Werner WEIDENFELD/Wolfgang WESSELS (Hrsg.): Europa von A bis Z, Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2009-11-01

Guy VERHOFSTADT: Die Vereinigten Staaten von Europa, Eupen 2006

Internet



Dossier Europäische Union der bpb

europa.eu (Server der Europäischen Union mit vielen Informationen in allen Amtssprachen)

europarl.de (Server der Vertretung des Europäischen Parlaments in Deutschland)

auswaertiges-amt.de (Europa-Seite des Auswärtigen Amtes)

cafebabel.de (mehrsprachige kostenlose Internetzeitschrift, die sich speziell an ein jüngeres Publikum richtet)

euractiv.de (unabhängiger kostenloser Informationsdienst über die Entwicklungen in der Europäischen Union)