Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

12.11.2009 | Von:
Prof. Dr. Dietmar Herz

Zugehörigkeit zu Europa muss politisch definiert werden

Standpunkt Dietmar Herz

Es sei eine "negative" Seite Europas, sich durch die Beschwörung eines Gegenbildes abgrenzen zu wollen. Dietmar Herz glaubt nicht, dass Europa kulturell-religiös oder gar geografisch definiert werden kann. Nur politisch-pragmatisch.

Prof. Dr. Dietmar HerzProf. Dr. Dietmar Herz (© Dietmar Herz)

Europa - Die Idee eines "politischen Raums". Vier (vorläufige) Überlegungen



"Viel hat der europäische Genius erfunden und der Welt gegeben; Böses und Gutes, solche Dinge zumeist, die zugleich gut und böse waren. Darunter den Staat; darunter die Nation. (...) Die Gesellschaft, welche aus dem dunklen Zeitalter des Werdens, dem nachrömischen Zeitalter, allmählich sich erhob, war bereits eine in Nationen geteilte; (...) Aber Staaten und Nationen blieben aufeinander bezogen. Es konnte sie nicht alleine geben, gab die eine nur, wenn es die andere gab. Ihr Wetteifern, ihr Miteinander und Gegeneinander hat Europa groß gemacht. Es hat, das ist wahr, als es gar zu arg damit wurde und die rechte Zeit für solches Spiel schon vorüber war, auch zur europäischen Selbstzerstörung geführt. (...) Es haben die einzelnen Nationalismen einander angespornt und nachgeäfft und die gleichen Worte für die gleiche Sache gebraucht. Gerade der blödeste Nationalismus, durch den man Europa zerreißen und leugnen wollte, bewies gegen Europa gar nichts; denn er war eine gesamteuropäische Krankheit."

- Golo Mann, Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts


Europa - das kulturelle, politische und historiographische Verständnis des Kontinents

Europa ist nicht nur ein Kontinent. Die Erzählung von der phönizischen Prinzessin, die von Zeus begehrt und entführt und aus ihrer kleinasiatischen Heimat in ein Land gebracht wurde, dem sie ihren Namen gab, versinnbildlicht die Verbundenheit Europas und Asiens. Der Mythos verweist auf eine (religiös-kulturelle) Gemeinsamkeit. Europa ist daher zuvörderst kein geographischer Begriff.

Europa ist ein politisch-kultureller Raum. Der geographisch-kulturelle Kern dieser ersten Vorstellung von Europa ist der gesamte Mittelmeerraum - Kleinasien, die Levante, Ägypten und Nordafrika einbeziehend. Und dieses Europa - jedenfalls seine mehr als drei Jahrtausende dauernde politische und kulturelle Entwicklung - reicht sogar über diesen geographischen und kulturellen Raum hinaus. Am Beginn des politischen Europas aber stehen das klassische Griechenland, der Hellenismus und das Römische Reich. Die politischen Konzepte dieser kulturellen Entwicklungen definierten "Europa". Sie waren nicht unangefochten: Der Begriff von Europa entsteht in Auseinandersetzung mit den großen kulturellen Entwicklungen an seinen (geographischen) Rändern: Das achämenidische Reich, das alte Israel, die politischen Ordnungen Mesopotamiens, die drei Reiche und Zeitalter Ägyptens, Karthago - alles Ausgangspunkte der europäischen Kultur. Die Genese der politischen Vorstellung "Europa" verlief daher nicht immer friedvoll. Europa entstand (und entsteht) in einer Dialektik von Abgrenzung und Zusammenführung. Daraus entwickelte sich das kulturelle, politische und schließlich das historiographische Verständnis des Kontinents.

Die politische Begründung Europas sind am Anfang die einander durchdringende griechische Oekumene und das Römische Reich. In diesem Raum entstehen die politischen Konzepte, die zur Grundlage europäischen Denkens werden: Die politische Philosophie der Griechen und das römische Recht.

Der Zerfall des Römischen Reichs markiert das Ende dieser politisch-kulturellen Einheit des Mittelmeerraums und zugleich den Bruch zwischen Antike und Mittelalter. Im westlichen und nördlichen Raum des Mittelmeers und in West- und Mitteleuropa entsteht eine neue Vorstellung von Einheit. Diese aber nimmt Bezug auf die Vergangenheit: Die am Ende der Völkerwanderungszeit entstehenden politischen Ordnungen beziehen sich immer wieder auf die Einheitskonzeption des Römischen Reiches - als große Klammer für die unterschiedlichen Ordnungen fungiert nun das Christentum. Auch dieses kommt aus Asien. Das katholische Christentum schließlich verbindet Europa - nach heftigen Auseinandersetzungen und Abgrenzungen mit den Vorstellungen des byzantinischen Christentums und zeitweise wirkmächtigen Häresien.

Gleichzeitig sucht Europa den Bezug zur Vergangenheit. Die europäische Kultur der nachrömischen Zeit ist geprägt von wiederholten Versuchen der Wiederaneignung der griechisch-römischen Welt. Zuerst in der "karolingischen Renaissance", später in der Rezeption griechisch-römischen Denkens, schließlich im Humanismus und der Renaissance. Auch diese Abgrenzung und gleichzeitige Annäherung setzte sich fort. Auch das christliche Europa grenzt sich ab und tauscht sich gleichzeitig kulturell aus. Für Jahrhunderte prägt Europa die Auseinandersetzung mit der arabischen Kultur und dem Islam als der großen Herausforderung der christlichen Welt. Die Kreuzzüge führen zur militärischen Auseinandersetzung mit dem Islam - der erste Versuch diese Expansion rückgängig zu machen. Gleichzeitig verlief die Rezeption der griechischen Philosophen vermittelt durch arabische Denker, Kommentatoren und Übersetzer.

Europa als "Raum der Freiheit" und "Gegenbild"

Europa als politische Idee entwickelte sich in Abgrenzungen zu den politischen Konzepten seiner Umgebung. Für die Griechen war die Welt außerhalb des politisch-kulturellen Raums der poleis das Land der Barbaren. Der sprachlich-kulturellen Abgrenzung entsprach ein unterschiedliches Verständnis von Politik. In den Worten Christian Meiers: "Es spricht jedenfalls vieles dafür, Europa nicht einfach ethnisch, von den Völkern, sondern von dem her zu verstehen, was diese Völker so eigenartig durchdrungen, sie herausgefordert, was ihnen so ungeheure Spielräume eröffnet, was sie (oder wenigstens mehrere von ihnen) zum Beispiel seit dem sechzehnten Jahrhundert dazu befähigt hat, die ganze Welt teils in Besitz zu nehmen, teils in den Ban zu schlagen; solange es dauerte" .

Die Selbstbehauptung Europas als Raum der politischen Freiheit hat freilich seine Gegenseite. Im Rückblick wird die Auseinandersetzung zwischen Griechen und Persern als der Beginn einer Geschichte ständiger Abwehr interpretiert. Schon immer, so behaupteten nun Deuter und Chronisten sei Europa - und seine Kultur der Freiheit - von "asiatischen" Völkern bedroht worden: den Persern und Parthern in der Antike, den Hunnen in der Völkerwanderungszeit, den Arabern und Mongolen im Mittelalter, schließlich den Türken in der frühen Neuzeit. Besonders augenfällig wird diese Vorstellung, betrachtet man die Haltung der Europäer zu den in Asien und Europa lebenden Türken. Das Osmanische Reich galt in der frühen Neuzeit als das Land, das außerhalb der christlichen Staatenwelt stand. So urteilt noch Johann Gottfried Herder in seinen Ideen zur Geschichte der Menschheit Ende des achtzehnten Jahrhunderts: "Die Türken, ein Volk aus Turkistan, ist trotz seines mehr als dreihundertjährigen Aufenthalts in Europa diesem Weltteil noch immer fremde (...) Ihr Reich ist ein großes Gefängnis für alle Europäer, die darin leben; es wird untergehen, wenn seine Zeit kommt. Denn was sollen Fremdlinge, die noch nach Jahrtausenden asiatische Barbaren sein wollen, was sollen sie in Europa?"

Dies ist die "negative" Seite Europas - eine Abgrenzung, die Identität (wie rudimentär auch immer) durch die Beschwörung eines Gegenbildes schaffen will. Bis heute eine der auffälligsten Fehlentwicklungen der Integration. Immer wieder kommt es zu Versuchen, Europa dadurch zu definieren, dass man sagt, was es nicht ist, nicht sein kann oder nicht sein soll.