Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

18.11.2009 | Von:
Prof. Dr. Holm Sundhaussen

Ein Europa mit variablen Grenzen

Standpunkt Holm Sundhaussen

Der geografische Raum der europäischen Geschichte ist kein konstanter, sondern ist vielmehr ständigen Veränderungen unterworfen. Die Frage nach einer europäischen Identität lasse sich deshalb nicht allgemeinverbindlich und zeitlos beantworten. Holm Sundhaussen sieht Europa als Projekt mit variablen Grenzen.

Prof. Dr. Holm SundhaussenProf. Dr. Holm Sundhaussen (© Holm Sundhaussen )
Macht es überhaupt Sinn, über "Europa" zu sprechen, solange nicht klar ist, was gemeint ist? "Europa" ist eine Frage der Definition. Definitionen aber sind Setzungen, die nicht richtig oder falsch sind. Sie können plausibel, in sich widerspruchsfrei und anschlussfähig oder das Gegenteil von alledem sein. Aber sie sind niemals richtig oder falsch.

Seit der Name Europa von einer Gestalt der griechischen Mythologie auf einen Raum übertragen wurde, hat sich das Europaverständnis permanent verändert. Geografen, Dichter, Politiker, Historiker und "normale" Bürgerinnen und Bürger verbinden mit Europa sehr unterschiedliche Vorstellungen. Selbst der geografische Europabegriff und vor allem dessen Abgrenzung nach Osten und Südosten sind nicht unumstritten, auch wenn die große Mehrzahl der Länder, die gewöhnlich zu Europa gezählt werden, davon nicht betroffen ist.

Nach dem Umbruch von 1989 war in vielen postsozialistischen Ländern von einer "Rückkehr nach Europa" die Rede. Was heißt das? Der Begriff Rückkehr impliziert die Vorstellung, dass die Gesellschaften und Staaten vor Implementierung der sozialistischen Systeme zu Europa gehört haben, dann abgetrennt wurden und nach dem Kollaps des Realsozialismus in ihre ("eigentliche") Heimat zurückkehren. Für die Länder und Gesellschaften im Balkanraum - südlich von Save und unterer Donau - war es bereits die zweite "Rückkehr". Schon einmal, nach Gründung und Ausbau der postosmanischen Staaten im Verlauf des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, sind sie "nach Europa zurückgekehrt". Oder wollten nach Europa zurückkehren. Ob sie angekommen sind, ist eine andere Frage. Zuerst waren es der Islam bzw. die "orientalische" Herrschaft der Osmanen, die die Balkanhalbinsel für fast ein halbes Jahrtausend aus der europäischen Geschichte herausfallen ließen, dann der real existierende Sozialismus. Beide seien "uneuropäisch". Da die in Frage stehenden Länder geographisch immer zu Europa gehört hatten, konnten sie sich weder von ihm entfernen noch dorthin zurückkehren.

Der Ort der Rückkehr bezeichnet also nicht einen geographisch abgrenzbaren, sondern einen gedanklichen Raum, der zudem heute nicht mehr das ist, was er zum Zeitpunkt der Trennung war. Dessen ungeachtet berufen sich die Rückkehrer auf eine europäische Familie oder auf ein "gemeinsames Haus". Aber was konstituiert die Gemeinsamkeit? Sind es politische, ökonomische und kulturelle Standards und Wechselbeziehungen, ein gemeinsames (nicht näher definiertes) Wertesystem oder gar der "Universalismus", der von Europa seinen Ausgang nahm und mit diesem gleichgesetzt wird? Oder sind es einfach nur Nähe und Nachbarschaft? Oder eine gemeinsame Geschichte, die in erster Linie durch Kriege und Konflikte gekennzeichnet war und viele "uneuropäische" Merkmale aufwies (man denke stellvertretend an das nationalsozialistische Deutschland)? Obwohl es darauf keine einvernehmliche Antwort gibt, steckt in den Köpfen vieler Familienmitglieder die Vorstellung, dass sie einmal zusammengehörten und sich nach Phasen der Divergenz wieder aufeinander zu bewegen.

Für die Bürgerinnen und Bürger des nichtsozialistischen Nachkriegseuropa, insbesondere der "alten" EU (vor den Osterweiterungen von 2004 und 2007) war Europa das westliche, oft als "abendländisch" etikettierte Europa, wobei vieles unscharf war und bis heute geblieben ist. Unklar ist nach wie vor, ob es europäische Werte gibt, die über das hinausreichen, was in der UN-Charta und anderen weltweiten Abkommen verankert ist? Für die postsozialistischen Gesellschaften, die der EU beigetreten sind oder den Beitritt anstreben, stellt sich die Situation insofern anders dar, als sie in Gestalt der Kopenhagener Beitrittskriterien mit einem normativen Regelwerk konfrontiert wurden bzw. werden, an dessen Aushandlung sie nicht beteiligt waren. Die Frage "Was ist Europa?" oder "Was stiftet europäische Identität?" ist in Teilen der osteuropäischen Gesellschaften daher heftig umstritten. Bewunderung für Europa und Enttäuschung über Europa liegen dicht beieinander. Neben pro-westlichen (pro-europäischen) gibt es anti-westliche (anti-europäische) Strömungen, insbesondere im Balkanraum, in Rumänien, Moldova, der Ukraine, Weißrussland oder Russland. ("Anti-okzidentale" Bewegungen gibt es zwar auch im "alten" Europa, dort sind sie aber seit Ende des Zweiten Weltkriegs weniger stabil und einflussreich.) Pro- und Antiwestler haben inkompatible Vorstellungen von dem, was Europa bzw. was das "wirkliche", das "authentische" Europa ist.

Für die meisten Menschen haben europäische Gemeinsamkeit und europäische Identität etwas mit Geschichte oder Vergangenheit zu tun. Das macht die Sache nicht einfacher. Der polnisch-amerikanische Historiker Oscar Halecki z.B. unterscheidet in seinen Schriften zwischen Europa als geografischem Raum und der europäischen Geschichte. Auch das geografische Europa hat eine Geschichte, diese ist aber nicht identisch mit der "europäischen Geschichte" im Sinne Haleckis. Letztere ist definiert durch die Verbindung von antikem Erbe und Christentum. Hinzu kommen ethnische und staatliche (oft kleinräumige) Vielfalt. Der geografische Raum dieser europäischen Geschichte ist nicht konstant, sondern verlagert sich, expandiert oder schrumpft (mit jeweils neuen Zentren und Peripherien). So ist es möglich, dass Teile des geografischen Europa aus der "europäischen Geschichte" herausfallen bzw. herausgefallen und zurückgekehrt sind (z.B. diejenigen Teile, die zeitweilig von islamischer oder tatarischer Herrschaft geprägt wurden: in Spanien, Sizilien, im Balkanraum oder in Russland). Und es ist ebenso möglich, dass sich das geografische Zentrum dieser Geschichte nach Außereuropa (z.B. nach Nordamerika) verlagert. Halecki machte keinen Unterschied zwischen dem west- und dem ostkirchlichen Europa, obwohl sich im Wirkungsbereich der West- und Ostkirchen sehr unterschiedliche Wert- und Normvorstellungen entwickelt haben, die - was Aufklärung, Säkularisierung, Individualismus oder Spiritualität betrifft - (bislang) nicht miteinander vereinbar sind. Aber darüber wurde in der breiten Öffentlichkeit nicht gesprochen. Und über das zeitweilige Herausfallen von Teilen Europas aus der "europäischen Geschichte" gehen die Meinungen auseinander. Wie gesagt: Definitionen sind nicht richtig oder falsch. Haleckis Vorschlag ist nur einer von vielen und unterstreicht die Vielgestaltigkeit des geografischen Europa. Aber auch die Formel von der "Einheit in der Vielfalt" löst unser Problem nicht, solange nur die Vielfalt, aber nicht die Einheit bestimmt wird.

Die Frage, was Europa ist, lässt sich also nicht allgemeinverbindlich und zeitlos beantworten. Und weil das so ist, erscheint es sinnvoll, Europa nicht als real existierenden Raum, sondern als Prozess und Projekt zu definieren. In der Präambel zur (gescheiterten) "Verfassung für Europa" vom Sommer 2003 wurde nach langen Debatten eine pragmatische Lösung gefunden. Obwohl die "Überlieferungen" und das historische "Erbe" darin angesprochen wurden, standen die modernen Grundprinzipien und ihre Weiterentwicklung im Vordergrund. Ein so verstandenes, offenes und der Zukunft zugewandtes Europa hat seine Wurzeln im geografischen Europa, war bzw. ist aber weder in der Vergangenheit noch heute mit diesem identisch. Das wichtigste und erfolgreichste Element des Prozesses ist die Überwindung früherer Gegensätze zwischen Staaten und Gesellschaften sowie die Bereitschaft, sich auf ein gemeinsames Regelwerk zu verständigen. Die Grenzen des Projekts Europa sind dabei variabel (durchaus im Sinne Haleckis) und müssen von den Teilnehmern ausgehandelt werden. Kurzum: Europa ist ein bewegter - mitunter auch bewegender - Raum.