Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

18.11.2009 | Von:
Prof. Dr. Dr. Hans-Dietrich Schultz

Europa: (k)ein geografischer Kontinent?

Standpunkt Hans-Dietrich Schultz

Generationen von Fachleuten versuchten erfolglos die "wahren geografischen Grenzen" des Kontinents Europa zu finden. In der modernen Geografie ist man sich jedoch einig darüber, dass solche Abgrenzungen keine natürlichen Gegebenheiten sondern Konstruktionen sind. Die Frage nach der geografischen Reichweite Europas ist daher eine politische.

Prof. Dr. Dr. Hans-Dietrich SchultzProf. Dr. Dr. Hans-Dietrich Schultz (© Hans-Dietrich Schultz )
Noch immer lernen Schüler und Schülerinnen, dass schon der einfache Blick auf die Karte zeige, dass die Kontinente wirklich da seien und durch die Verteilung von Land und Wasser auch klare Grenzen besäßen, Ausnahme Europa. Hier sei nur im Norden, Westen und Süden die Grenze durch das Meer eindeutig gezogen, im Osten, auf dem Lande, sei es dagegen viel schwieriger, natürliche Marken zu finden. Meist geben heute die Schulbücher das Uralgebirge, den Ural-Fluss, manchmal an seiner Stelle auch den Fluss Emba als Grenze an, außerdem das Ostufer des Kaspischen Meeres und die Manytschniederung bis zum Asowschen Meer.

Doch was die Karte ihrem Betrachter zeigt, kann sie ihm nur zeigen, weil seine Wahrnehmung entsprechend dressiert wurde. Nähme er das Kriterium der Land-Meer-Grenze ernst, müsste jede Insel, wie klein auch immer, ein eigener Minikontinent sein; und selbst wenn man den Kontinentalschelf für die Grenzziehung noch hinzunähme, blieben genügend Inseln und Inselchen für ein eigenes Kontinentdasein übrig. Dagegen fiele Europa als Kontinent aus; es wäre nur noch eine große Halbinsel Asiens, sein Endland im Westen wie Indien im Süden, und wurde daher schon im 19. Jahrhundert gelegentlich mit ihm zu "Eurasien" zusammengezogen. Selbst Afrika hängt über die Sinai-Halbinsel mit Asien zusammen und müsste, streng genommen, mit Asien und Europa zu "Eurafrasien" vereint werden, wenn es nicht das Zugeständnis gäbe, dass diese kleine Verbindungsstelle unschädlich für seinen Kontinentstatus sei.

An der Illusion, dass es Europa und die anderen Kontinente wirklich gibt, waren die Vertreter der älteren länderkundlichen Geografie freilich nicht unschuldig. Jeder Erdteil war für sie ein großes Naturgebiet, wobei sie annahmen, dass die Eigenart eines physischen Raumes sich in der Eigenart seiner Kultur spiegelte, egal, ob es sich nur um eine kleinere oder größere Landschaft oder gar einen ganzen Kontinent handelte. Als Europas Spezifika und zugleich Vorzüge galten u. a. seine Lage inmitten der anderen Kontinente, die Feingliedrigkeit seiner Küsten mit ihren zahlreichen Halbinseln und Nebenmeeren, seine reiche innere Kammerung und nicht zuletzt das gemäßigte Klima. Damit war Europas Status als eigenständiger gemäßigter Erdteil unter den anderen extremeren Landmassen gerettet, auch wenn er im Osten nicht von Meer umspült wurde. Mehr noch: Europa galt in der Geografie infolge seiner qualitativen Eigenschaften als von der Natur dazu bestimmt, Träger und Förderer der menschlichen Entwicklung zu sein. So bekam der europäische Kolonialismus den Anstrich einer geografisch begründeten Notwendigkeit.

Kritik am Kontinentstatus Europas gab es seit dem 19. Jahrhundert, aber ohne nachhaltige Wirkung. Es sei, spottete ein Geograf, unter die Kontinente geraten wie Pilatus in das Credo, und ein anderer mokierte sich auf einem Fachkongress darüber, dass sich die Besucher an den klassischen Nahtstellen der Erdteile von dem erhebenden wie falschen Gefühl ergreifen lassen würden, jenseits von Gibraltar, Bosporus und Ural seien Land und Leute nicht mehr europäisch, sondern afrikanisch oder asiatisch. Es half nichts: Generationen von Fachleuten plagten sich damit ab, endlich die "wahre Grenze" Europas zu finden - und konnten sich nicht einigen. Ja, selbst die Kriterien der Grenzziehung blieben immer umstritten. Sollten nur rein physische Merkmale gelten, oder durfte es auch ein Mix von physischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eigenschaften sein?

So schwankte die Ostgrenze Europas zwischen dem 25. und 100. Breitengrad ö. L. hin und her, je nachdem, ob man Russland dabeihaben wollte oder nicht, ob Land und Leute bereits als europäisch galten oder ob Europa schon jenseits des polnischen Bug zu "verdämmern" schien. In einer der engsten Versionen reichte seine Ostgrenze nur bis zu einer Linie, die vom Weißen Meer zur Donaumündung führte und das "abendländische" Europa vom asiatischen "Russosibirien" trennte; andere Geografen ließen es bis über den Jenissej gehen. Aber auch für die Süd- und Südostgrenze wurden weit auseinander liegende Varianten angeboten, darunter immer auch solche, die Bosporus und Dardanellen, ertrunkene frühere Flusstäler, locker übersprangen. Im Extremfall wurden große Teile Nordafrikas und Vorderasiens bis hin zum Pamirgebirge zu einem "Groß-Europa" gerechnet, das auch politischgeografisch einen Machtblock bilden sollte. Afghanistan war bei dieser Raumkonstruktion ein europäisches Randland, die Arabische Halbinsel ebenso und das Mittelmeer ein europäisches Binnenmeer mit Auslass zum Atlantik.

Trennte das Mittelmeer hingegen Kontinente, dann standen die Geografen hier wie auch anderswo vor der leidigen Inselfrage. Wohin mit ihnen, mit den Kleinen und Großen Sporaden, mit den Azoren, Jan Mayen, Spitzbergen, der Bäreninsel oder Island? Intensiv suchte man nach Anhaltspunkten, um die Illusion einer natürlichen Gliederung aufrecht zu erhalten. Wo gab es untermeerische Gebirgsrücken und Meerestiefen, die verbanden oder trennten? Wo existierte eine Meeresfauna, die hier anders war als dort? Wo bildeten die Inseln Reihen und Gruppen, die als Brücken fungieren mochten? Das erscheint uns heute absurd, doch sind es aktuelle Geografieschulbücher auf ihre Weise nicht minder, wie sich gut an der Zuordnung der Insel Zypern zeigen lässt. Seitdem der griechische Teil in der EU ist, wird sie neu platziert und zum geografischen Kontinent Europa gerechnet, die Türkei aber "ist" Asien, obwohl Anatolien zum größten Teil viel weiter westlich liegt. Würde man hingegen die geltende Konvention der Grenzen Europas zugrunde legen, würde Zypern der erste asiatische Staat in der EU sein. Eine ähnliche Situation gab es früher schon einmal. Solange Rhodos und einige weitere Inseln im Ägäischen Meer noch osmanisch waren, gingen sie an Asien, kaum waren sie griechisch, gehörten sie zu Europa.

Für die moderne wissenschaftliche Geografie ist dagegen klar, was sich in der Schulgeografie noch nicht allgemein durchgesetzt hat: Räume sind nicht, Räume werden gemacht. Auch die "natürlichen Räume" sind nicht einfach von der Natur gegeben, selbst wenn sie einem aus der Karte direkt ins Auge zu springen scheinen. Nur weil die üblichen Kontinente in der Schule von Generation zu Generation weitergereicht wurden und werden, konnten sie sich den Anschein der Ewigkeit erwerben und sind heute kanonisiert. Tatsächlich aber sind alle Abgrenzungen von Räumen zweckgebunden, und es gibt somit ebenso viele Räume, wie es Zwecke gibt. Solche Raumgebilde sind weder richtig noch falsch, sondern brauchbar oder unbrauchbar.

Wenn heute manche Politiker die Türkei aus der EU mit dem Argument heraushalten wollen, dass sie nicht zum geografischen Europa gehöre, wie man im Geografieunterricht gelernt habe, so liegen sie gleich doppelt falsch. Zum einen gab es im 19. und 20. Jahrhundert immer geografische Europakonstrukte, die auch das Gebiet der Türkei einschlossen, zum anderen ist für die Beantwortung der Frage nach der EU-Zugehörigkeit der Geograf gar nicht zuständig; denn die Frage nach der geografischen Reichweite Europas ist keine geografische Frage, sondern eine politische, die auch mit politischen Argumenten entschieden werden muss. Schon jetzt gehören Räume, die nicht Teil des konventionellen Europas sind, zur EU. Seine Westgrenze liegt in der Karibik. Sie wird markiert von einer kleinen "Insel über dem Winde": St. Martin. Ihr französischer Teil "ist" Europa, so wie es weitere französische Territorien "d´outre mer" sind. Schon jeder Euroschein ist der Beweis.