Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

18.11.2009 | Von:
Prof. Dr. Wolfgang Rathert

Musik ist europäische Vielfalt

Standpunkt Wolfgang Rathert

Europa ohne Musik und Musik ohne Europa – beides ist für Wolfgang Rathert unvorstellbar. Musik zieht sich wie ein roter Faden durch die europäische Geschichte, denn bereits als Zeus die Königstochter Europa entführte, hatte diese Musik mit im Gepäck.

Prof. Dr. Wolfgang RathertProf. Dr. Wolfgang Rathert (© Wolfgang Rathert )
Auf die Frage, was Europa sei, gibt es viele Antworten. Eine lautet: Europa ist Musik - und die Musik zeigt Europas Vielfalt. Stellen wir uns als Gedankenexperiment vor, Europa wäre musikalisch stumm. Wäre die Vorstellung auszuhalten? - Wohl kaum. Und falls doch, welche Musik würden wir besonders schmerzlich vermissen? Die Bewohner der einzelnen Nationen, aber auch die jeweiligen Generationen würden wahrscheinlich sehr unterschiedliche Antworten geben - so unterschiedlich, wie es der kulturellen Vielfalt Europas entspricht. Die Jüngeren würden aber möglicherweise gerade jene Musik vermissen, die in der Regel nicht aus Europa kommt, nämlich die sogenannte Pop- oder "U"-Musik. Sie gilt als Errungenschaft der nordamerikanischen Musik, doch hat sie bei genauerem Hinsehen auch einen ihrer Ursprünge in der europäischen Volksmusik. Die älteren würden wohl an Bach, Beethoven, Chopin, Mozart oder Tschaikowsky denken, vielleicht auch an den großen französischen Barock-Komponisten Marc-Antoine Charpentier, dessen "Te Deum" als Melodie der Eurovisions-Hymne ein Ohrwurm geworden ist. Es würde also etwas Entscheidendes an der europäischen Identität fehlen, wenn es die Musik nicht gäbe! Und blickt man noch weiter zurück, so entdeckt man, dass die Musik sich wie ein roter Faden durch die europäische Geschichte zieht.

Bereits als Zeus die Königstochter Europa entführte, hatte diese Musik mit im Gepäck: nicht nur in klingender Form, sondern bereits in Gestalt eines durchdachten Tonsystems. Dieses sogenannte "vollständige" (teleion) System war ein für die weitere europäische Entwicklung entscheidender Schritt, durch eine Art verbindliches Alphabet Ordnung in die Musik zu bringen. Das Wort "Musik", eigentlich die "Kunst der Musen", bezeichnet die Möglichkeit, aus Schallereignissen Gebilde hervorzubringen, die auf der einen Seite Kommunikation (als Sprache) ermöglichen, auf der anderen Seite aber bestimmte emotionale Zustände (als Klang) auslösen. Durch ihre bis heute nicht restlos erklärbare psychische Wirkung war die Musik zusammen mit dem Tanz das ideale Gefäß der Darstellung religiöser oder magischer Praktiken bis hin zu ekstatischen Zuständen. Dahinter stand der Gedanke einer Einheit der Künste, aus der sich in der italienischen Renaissance die Oper als eine zentrale kulturelle Ausdrucksform der europäischen Gesellschaft entwickelte. In den Augen ihrer Schöpfer sollte die Oper die antike Einheit von Sprache und Musik nachahmen; doch zugleich war die Darstellung subjektiver Stimmungen eine Provokation, da sie sich gegen den strengen Stil der polyphonen katholischen Kirchenmusik richtete, bis dahin der Inbegriff von Musik für geistliche wie weltliche Herrscher in Europa. Und doch wurde die Oper zum Symbol der europäischen Musik, und keine andere Hochkultur hat eine vergleichbar komplexe Form des Ineinandergreifens aller Künste auf Grundlage der Musik hervorgebracht.

Von der für uns heute kaum noch vorstellbaren Einheit von Musik, Sprache und Kult im antiken Griechenland bis zur Entstehung der Oper war es nicht nur chronologisch ein weiter Weg. In faszinierender Weise nahm die Musik eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung der politischen und kulturellen Einheit des christianisierten, abendländischen (West-)Europas ein. Exemplarisch zeigte sich dies in der Entstehung und Ausbreitung des Gregorianischen Chorals, also des einstimmigen und unbegleiteten Gesangs der katholischen Kirche und der christlichen Orden. Das um 600 in Rom unter dem Papst Gregor IV. zusammengestellte Repertoire an Gesängen für Messe und Stundengebete breitete sich parallel zu den Gesängen der Ostkirche in Westeuropa aus: zunächst in Frankreich und Spanien (dort in Verschmelzung mit arabischen und jüdischen Einflüssen), unter Karl dem Großen dann auch in Mitteleuropa. Multiplikatoren waren die Klöster, in denen Bildung tradiert und transportiert wurde. Karl der Große erkannte und nutzte die Macht der Musik konsequent. Zwar galt die Musik im Altertum als Wissenschaft, als Teil des Quadriviums. Aber die durch die Spätantike geprägten Gelehrten der karolingischen Zeit betonten vor allem ihre rhetorische Kraft, ihre repräsentative und funktionale Bedeutung.

Musik wurde dadurch universell: Wissenschaft und Kunst zugleich, wanderte sie von den Klöstern aus sehr schnell quer durch Europa und nahm einen ungeheuren Aufschwung, der erstmals im "Ereignis Notre Dame" kulminierte. Zwischen 1170 und 1250 bildete sich an der Pariser Hauptkirche in Zusammenarbeit von Klerus und Gelehrten, von Musikern und Dichtern ein musikalisches Repertoire mehrstimmiger Musik heraus, das die riesigen, von Licht durchfluteten Architekturen der gotischen Kathedralen akustisch widerspiegelte. Wichtige neue musikalische Formen und Gattungen wurden dadurch angestoßen, so die kunstvolle mittelalterliche Motette, die zur ersten "europäischen", d.h. bilingualen Gattung in der Musik wurde, da ihr simultan gesungene französische und lateinische Texte zugrunde lagen.

Die glanzvolle Musik des mittelalterlichen Zentrums Paris strahlte auf ganz Europa aus und führte dazu, dass Musik ein Prestige-Objekt wurde. So kam es zur Gründung zahlreicher musikalischer Ensembles, als prächtige fürstliche Hofkapellen wie als städtische Turmbläser. Entsprechend differenziert war der Sozialstatus von Musikern: Der einzelne Sänger oder Instrumentalist war in eine strenge Hierarchie eingebunden, der Komponist jedoch konnte zum "Star" werden und sich die Angebote der Herrscherhäuser aussuchen. Die europäische Musiklandschaft des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit ist daher ungeheuer vielfältig, ja international "vernetzt" gewesen! So erlebte einer der größten und immer noch die Musikgeschichte beeinflussenden Komponisten aller Zeiten, der im heutigen Belgien geborene Josquin Desprez (ca. 1450- 1521), den Höhepunkt seiner Karriere am Hof des Herzogs von Ferrara, dem er auch musikalisch ein Denkmal setzte. Messen, Motetten und Chansons der sogenannten franko-flämischen Vokalpolyphonie, die über fünf Generationen hinweg die europäische Kunstmusik dominierte, trugen Beinamen wie L´homme armé ("Der Mann in Waffen") und wiesen damit auf die grenzüberschreitende Fähigkeit der Musik hin - in diesem Fall auf ein französisches Soldatenlied, dessen Hauptmelodie in Messen oder Motetten "einwanderte" und damit in ganz Europa präsent war.

Springen wir in das 18. Jahrhundert, an dessen Ende mit der Französischen Revolution auch der Untergang des "Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation" erfolgte, dem der Aufstieg der modernen Nationalstaaten folgte. Parallel zur bis heute wirksamen institutionellen Organisation des Musiklebens durch Opernhäuser und Orchestergründungen und die finanzielle Förderung der Musik durch den Staat wird im Barock mit dem "gemischten Geschmack" erneut eine übergreifende und identitätsstiftende Idee von Musik greifbar. So spiegeln die Bezeichnungen der einzelnen Sätze der barocken Instrumentalsuite ihre Herkunft oder soziale Funktion aus bzw. im höfischen oder volkstümlichen Tanz: Allemande (Deutschland), Courante (Italien/Frankreich), Sarabande (Spanien) und Gigue (England). Zur Aufgabe der Komponisten wird es, die verschiedenen nationalen und stilistischen Idiome zu einer Einheit zu verschmelzen.

Bach konnte sich über den Zeitgeschmack in Versailles oder London nur durch Notenabschriften informieren, Händel - verkörperte dagegen diese Aufgabe in seiner Biographie: Von seinem Geburtstort Halle an der Saale ging er zum weiteren Studium nach Rom, wo er großartige Oratorien für Kardinäle komponierte, um dann in London als Autor des "Messias" endgültig zu Weltruhm zu gelangen. Bestattet in der Westminster Abbey, wird Händel von den Briten zu Recht als größter englischer Komponist verehrt. Doch er ist zugleich ein europäischer Musiker par excellence, wie nach ihm nur noch Franz Liszt. Durch die Gründung einer Handel & Haydn Society 1809 in Boston verlieh auch die junge amerikanische Nation ihrer Bewunderung von Händels Werk Ausdruck und setzte damit einen "Export" europäischer Musik in die USA in Gang, der ab 1933 durch die erzwungene Emigration nahezu aller bedeutenden europäischen Komponisten in die USA eine ganz andere Bedeutung bekam, bevor es dann im Kalten Krieg zu einem Re-Import populärer Musik kam. Die Hoffnung aber, Musik könne als eine weltumspannende Sprache die tiefgreifenden politischen und ideologischen Konflikte unserer Zeit positiv beeinflussen, bleibt die wichtigste Botschaft der europäischen Musik. Dies mag der tiefere Grund dafür sein, dass der große amerikanische Avantgardist John Cage seiner einzigen, 1984 in Frankfurt uraufgeführten Oper den Namen Europeras gab. Europa ohne Musik wie auch Musik ohne Europa - beides bleibt unvorstellbar.